Filmfest München: „Lo and Behold“, „Made in France“ & „Die letzte Sau“

Über zahlreiche Filme aus dem diesjährigen Programm des Filmfest München habe ich schon gebloggt, ein paar wollen aber noch abgearbeitet werden. Da wäre zum Beispiel Werner Herzogs Dokumentation „Lo and Behold, Reveries of the Connected World“. Die deutsche Regie-Legende versucht darin, einem Phänomen auf den Grund zu gehen, von dem Herzog selbst recht wenig versteht: moderne Computertechnologie, insbesondere das Internet. Unterteilt in zehn Segmente widmet er sich unter anderem der Entstehung des Internet, künstlicher Intelligenz, der Frage wie man ein Internet auf dem Mars möglich machen wird oder auch Menschen, die sich entschlossen haben, abseits der Zivilisation in einem nahezu strahlungsfreien Gebiet zu leben.
LO_AND_BEHOLD+ROBOT_700Eine kurze Umfrage des in den Film einführenden Moderators vor der Vorstellung ergab, dass sich die Mehrheit der Zuschauer als unerfahren im Umgang mit Computern und Internet bezeichnen würden. Herzogs Film trug leider nicht viel dazu bei, diesen meist älteren Kinobesuchern die Angst vor der Technologie zu nehmen – ganz im Gegenteil. Werner Herzog schlägt sich in „Lo and Behold“ auf die Seite der Ängstlichen und Unsicheren, die sich mit Technik kaum auskennen und dürfte auch beim gleichermaßen unerfahrenen Zuschauer Ängste vor der Technik hervorrufen. Zwar kommen durchaus auch ein paar positive Aspekte des technologischen Fortschritts zur Sprache, insgesamt überwiegt aber die Darstellung der Nachteile und Gefahren. Zudem bleibt der Film – jedenfalls für auf dem Gebiet bewandertere Zuschauer – zu oberflächlich und dringt in kaum eines der zehn Themengebiete tiefer ein. Herzog erweist sich als großer Zweifler, der den Zukunftsszenarien seiner Interviepartner (darunter z.B. Elon Musk) kaum Positives abgewinnen kann. Bestes Beispiel dafür ist der Schluss des Films: Da erzählt ein Forscher, dass irgendwann in der Zukunft direkter zwischenmenschlicher Kontakt möglicherweise kaum noch nötig oder gewünscht sein wird, weil künstliche Lebensformen dann vielleicht als mit biologischen gleichgesetzt betrachtet werden. Er fügt hinzu, dass man sich das heute kaum vorstellen kann, was im Fall von Werner Herzog definitiv zutrifft. Der kommentiert dieses Szenario nämlich dadurch, dass er den Film anschließend mit einer Einstellung beendet, in der man ein paar vor der Zivilisation Geflüchtete in besagtem strahlungsarmen Gebiet gemeinsam musizieren sieht. Die Botschaft scheint klar: diese zwischenmenschliche Nähe werden Maschinen niemals ersetzen können. Schade, dass Herzog sich hier als so engstirnig erweist und nicht offener an das Thema herangeht. Er hätte damit etwas in den Köpfen seines Publikums bewegen können, statt nur festgefahrene Vorurteile und Ängste zu zementieren.

MadeInFrance02_700Ein weiterer höchst aktueller Film ist „Made in France“. Der französische Thriller von Nicolas Boukhrief handelt von einem Journalisten, der undercover in einer islamistischen Terrorzelle recherchiert. Gedreht 2014, wurde der französische Kinostart nach den Anschlägen in Paris im Januar und November 2015 mehrmals verschoben; inzwischen ist der Film in Frankreich für den Heimkinomarkt erschienen und soll auch in Deutschland nur auf DVD oder über Streamingportale veröffentlicht werden (teilweise wird er auch unter dem Titel „Inside the Cell“ vertrieben). Der Film ist durchgehend spannend inszeniert und die Darsteller spielen äußerst überzeugend. Dennoch wird man nach dem Filmende etwas ratlos im Kinosessel zurückgelassen. Zwar hat man soeben nervenzerreißende 90 Minuten erlebt, doch der Erkenntnisgewinn bleibt gering. „Made in France“ nimmt sich nicht die Zeit, das Glaubenssystem und die Weltsicht der Terroristen detalliert zu betrachten und bleibt damit ein konventioneller, wenn auch gut gemachter und unterhaltsamer Thriller. Aber wie soll man Terror auch verstehen?

Ein dritter Film mit Bezug zur aktuellen Gesellschaftslage ist „Die letzte Sau“ von Aron Lehmann. In seinem dritten Kinospielfilm nach „Kohlhaas“ und „Highway to Hellas“ erzählt der Regisseur die Geschichte des schwäbischen Bauern Huber (Golo Euler), der nach der Pleite seines Hofes und einigen weiteren Schicksalsschlägen frustriert das Handtuch wirft und sich auf einen Roadtrip quer durch Deutschland begibt. Im Beiwagen seines Mopeds mit dabei: die titelgebende letzte Sau, das einzige Überbleibsel seines Bauernhofes. Auf dem Weg durchs Land begegnet Huber einigen anderen schrägen Gestalten, die alle auf die eine oder andere Weise Opfer von Wirtschaft und Politik geworden sind. Da ist zum Beispiel ein ehemaliger Investmentbanker, der auf den Rat seines Psychotherapeuten hin zum Imker umgesattelt hat, aber immer noch einen unbändigen Hass auf die gnadenlose Ellbogengesellschaft der Finanzwelt in sich trägt. Überzeugt, dass es im Land nicht so weitergehen kann, zettelt Huber unterwegs unbeabsichtigt eine Revolution an.
drei-freunde_dieletztesau01_700Trotz der Verwurzelung der Geschichte in Deutschland und des schwäbischen Dialekts seiner Hauptfigur erzäglt „Die letzte Sau“ im Grunde eine universelle Geschichte. Denn die Folgen von Wirtschaftswachstum, Konkurrenzdenken, Leistungsoptimierung und Globalisierung betreffen nicht nur Bauernhöfe (und andere Unternehmen) in Deutschland. Die Art und Weise, wie Lehmann hier seine Zuschauer auf einige der negativen Folgen der Massentierhaltung aufmerksam macht, gefällt mir. Vielleicht braucht es einen solchen, sowohl sehr lustigen als auch immer wieder tragischen Film, um mehr Leute für dieses Thema zu sensibilisieren. Ich würde mich zwar nicht vollkommen hinter die Botschaft des Films stellen, wonach das Ursprüngliche und Traditionelle dem Modernen stets vorzuziehen ist. Aber die Entfremdung des Menschen von der Natur und die Folgen immer größeren, gedankenlosen Konsums sind wichtige Themen, die man im Kino selten auf so unterhaltsame Weise geschildert bekommt. „Die letzte Sau“ kommt im Oktober regulär in die Kinos.

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Filmfest München: „Oscuro Animal“, „Ein deutsches Leben“, „La Ciénaga“ & „Días Extraños“

OscuroAnimal-02_700Das 34. Filmfest München ist inzwischen vorbei, aber ich will noch über ein paar weitere Filme bloggen, die ich gesehen habe. Der ungewöhnlichste davon war wohl „Oscuro Animal“ von Felipe Guerrero. In getrennten Handlungssträngen kämpfen sich darin drei Frauen durch den Dschungel Kolumbiens, auf der Flucht vor dem Bürgerkrieg. Der Film kommt vollkommen ohne Dialoge aus, was es nicht immer leicht macht, hier der Handlung zu folgen. Am Anfang kam mir das noch sehr seltsam und schwierig vor, doch irgendwann habe ich begonnen, einfach die fantastisch schönen Bilder zu genießen und mich von ihnen treiben zu lassen. „Oscuro Animal“ muss man definitiv im Kino sehen, nicht nur weil der Film auf die große Leinwand gehört, sondern auch weil man sich zuhause doch zu leicht dazu verleiten lässt, nebenbei andere Dinge zu tun. Dieser Film aber lebt davon, dass man zu- und hinschaut. Er versetzt einen dabei gelegentlich in einen entspannenden, fast meditativen Zustand, bringt einen aber auch immer wieder mit sehr harten und brutalen Szenen aus der Ruhe. Anders, aber gut!

A_German_Life+05_700Anders, aber sehr, sehr gut ist auch „Ein deutsches Leben“. Für die Dokumentation haben vier Regisseure Brunhilde Pomsel interviewt, die als Sekretärin für Joseph Goebbels gearbeitet hat. Die zum Zeitpunkt der Filmaufnahmen 103-jährige Dame erzählt im Film ihre Lebenserinnerungen bis zum Ende des zweiten Weltkriegs. Es geht also nicht nur um ihre Arbeit im „Reichsministerium für Volksaufklärung und Propaganda“, sondern beispielsweise auch um die Vorkriegszeit und um Schuldfragen. Die Einblicke aus erster Hand, die man dabei erhält, sind immer wieder faszinierend. Die Interviewaufnahmen Pomsels, bei denen man stets nur ihr Gesicht in Nahaufnahme und schwarz-weiß sieht, werden immer wieder durch zeitgenössische Aufnahmen unterbrochen, z.B. Reden von Goebbels oder amerikanische und deutsche Propagandafilme. Das ist mitunter sehr schwer anzusehen, in Kombination mit Pomsels Worten macht es einem aber nochmals die Realität des Holocausts bewusst und regt dazu an, Fragen zu stellen. „Ein deutsches Leben“ ist ein sehr gelungener und wichtiger Film geworden. Bei der Premiere (in einem dafür viel zu kleinen und sehr heißen Kinosaal!) war die nun 105-jährige Protagonistin selbst anwesend und überraschte alle Zuschauer mit ihrem Witz, ihrer Schlagfertigkeit und ihrer immer noch ungebrochenen Geistesstärke. Ein sehr bewegender Film über eine bemerkenswerte, beeindruckende Frau. („Ein deutsches Leben“ wird noch dieses Jahr seinen regulären Kinostart in Deutschland haben und später auch im Fernsehen gezeigt werden.)

Ein ebenfalls sehr bewegender Film wurde am Abend desselben Tages gezeigt: „La Ciénaga – Entre El Mar Y La Tierra“ („Between Land and Sea“). Allerdings war der Film nur für die meisten anderen Kinobesucher bewegend; ein Großteil der Zuschauer saß nämlich nach dem Filmende mit Tränen in den Augen da, während ich „La Ciénaga“ ziemlich platt und rührselig fand. In einem Pfahlhüttendorf an der kolumbianischen Küste lebt der 28-jährige Alberto (Manolo Cruz) gemeinsam mit seiner Mutter (Vicky Hernandez). Alberto leidet seit seiner Kindheit an einer unheilbaren Nervenkrankheit, die ihn nahezu bewegungslos gemacht hat. Aber Alberto hat einen ganz besonderen Wunsch: er möchte einmal aufs Meer hinausfahren.
LaCienaga-02_700„La Ciénaga“ ist beim Filmfestival in Sundance vom Publikum zum besten Film gewählt worden, was ich mir nur dadurch erklären kann, dass es sich hier um auf den kleinsten gemeinsamen Nenner gebrachtes Wohlfühlkino handelt. Die Auszeichnung der beiden Hauptdarsteller als beste Schauspieler auf demselben Festival kann ich da schon eher nachvollziehen. Manolo Cruz, der Alberto spielt und auch Regie geführt hat, hat eindeutig viel Recherche betrieben, um den Nervenkranken überzeugend darzustellen. Trotzdem habe ich hier aber zu keinem Zeitpunkt wirklich mitfühlen können, dazu erschien mir der Film von Anfang an zu kalkuliert und zu sehr auf große Gefühle aus zu sein. Auch hätte ich gerne mehr über die Lebensart der in dem Pfahlhüttendorf lebenden Fischer erfahren, doch der Film bleibt die ganze Zeit über bei Alberto, seiner Mutter und seiner besten Freundin. Das Ergebnis ist ein rührseliges Kammerspiel vor schöner Kulisse, mit einer nicht überaschenden, aber trotzdem für mich nicht nachvollziehbaren Entwicklung am Ende. Kann man sich anschauen, man verpasst aber nichts, wenn man es nicht tut.

DIAS+EXTRANOS+1_700Interessanter fand ich da schon „Días Extraños“ („Strange Days“) von Juan Sebastián Quebrada. Der in schwarz-weiß gefilmte Film zeigt den Alltag eines jungen kolumbianischen Paares in Buenos Aires. Luna und Juan haben kaum Geld, schlagen sich aber irgendwie durch. Sie streiten sich, haben Sex, gehen feiern. Viel mehr passiert eine ganze Weile nicht und trotzdem fand ich den Film da schon interessant, vor allem aufgrund der überzeugenden Darsteller, die das alles so lebensecht wirken lassen. Später aber lernen die beiden eine junge Frau kennen und nehmen sie mit zu sich in die Wohnung. Luna verabreicht ihr ein starkes Beruhigungsmittel und am nächsten Morgen wacht die Frau nackt zwischen Luna und Juan auf, bevor sie fluchtartig die Wohnung verlässt. Was genau in der Nacht zuvor geschehen ist, wird nicht explizit erwähnt und der Vorstellung des Zuschauers überlassen. Doch später kehrt die junge Frau zurück, um einen Racheakt zu vollziehen. „Días Extraños“ bleibt zwar in gewisser Weise Stückwerk, weil hier vieles unausgesprochen bleibt und der Konflikt zwischen den Figuren nicht aufgelöst wird. Dennoch hat mich der Film fasziniert. Er war sehr gut gespielt, schön anzuschauen und regt einen vor allem zum Nachdenken an. Ein starkes Stück Kino, wenn es auch wie gesagt etwas unvollendet wirkt und das Ende dann doch etwas mehr Erklärung nötig gehabt hätte.

Mindestens ein weiterer Blogpost über die Filmfest-Filme folgt noch! 🙂

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Filmfest München: „Puppet Syndrome“, „Niemand kennt die Persian Cats“ & „El Olivo“

Das Filmfest München neigt sich dem Ende zu und wie jedes Jahr habe ich zwar viele, viele Filme gesehen, aber auch viele andere links liegen lassen, obwohl ich sie gerne gesehen hätte. Mehr als drei oder vier Filme am Tag anzuschauen, ist wirklich nicht empfehlenswert und man muss ja auch noch irgendwann schlafen und über die Filme schreiben… Meine ausführliche Besprechung des fantastischen Eröffnungsfilms „Toni Erdmann“, der am 14.7. regulär in den Kinos startet, könnt ihr hier lesen.

PuppetSyndrome-Szenenfoto5_700In der Reihe „Spotlight“ lief dieses Jahr u.a. die russische Literaturverfilmung „Puppet Syndrome“ („Sindrom Petrushki“) nach dem Roman von Dina Rubina. Sie erzählt die Geschichte des seit seiner Kindheit vom Puppentheater faszinierten Petya (Evgeniy Mironov) und seiner Liebe zu Lisa (Chulpan Khamatova). Petya erschafft eine lebensecht wirkence Puppe nach Lisas Abbild, was natürlich für Probleme sorgt. Ehrlich gesagt habe ich keine Lust, den Inhalt ausführlicher zusammenzufassen, weil mir der Film nicht besonders gefallen hat. Die Geschichte war zwar äußerst schön gefilmt und mit der einer Literaturverfilmung gebührenden rührenden, orchestralen Musik versehen, lief aber größtenteils überraschungsfrei ab. Noch dazu war mir der Hauptdarsteller leider nicht besonders sympathisch und ironischerweise war es gerade sein Gesicht, das hier besonders maskenhaft wirkte. Zudem konnte ich nicht nachvollziehen, warum Lisa im Lauf des Films in ein psychiatrisches Krankenhaus eingewiesen wurde, obwohl  doch Petya hier eindeutig der „Verrücktere“ von beiden war. Aber vielleicht wirkt das auch nur von außen betrachtet so. Der Film war jedenfalls ganz nett, wird mir aber nicht besonders in Erinnerung bleiben.

NiemandKenntDiePersianCats-Still01_700Einen positiveren Eindruck hat „Niemand kennt die Persian Cats“ („Kasi az gorbehaye irani khabar nadareh“) bei mir hinterlassen. Nachdem mich „Schildkröten können fliegen“ sehr beeindruckt hatte, beschloss ich mir einen weiteren Film aus der dem iranischen Regisseur Bahman Ghobadi gewidmeten Retrospektive anzuschauen. Während er sich in „Schildkröten können fliegen“ den Kindern eines Flüchtlingslagers gewidmet hatte, taucht Ghobadi hier ganz in die Underground-Musikszene von Teheran ein. Die Grenzen zwischen Dokumentar- und Spielfilm verschwimmen dabei, da die Darsteller dieser Szene tatsächlich angehören und von Ghobadi angwiesen wurden, für den Film einfach ihren Alltag nachzuspielen. Die Handlung dreht sich um ein Musikerpaar, das eine Band gründen und sich nach England absetzen will. Doch das ist angesichts der politischen Situation im Iran alles andere als leicht und so sind die beiden nicht nur auf der Suche nach weiteren Bandmitgliedern, sondern müssen sich auch falsche Pässe besorgen.
Nach „Mali Blues“ war dies mein zweiter Filmfest-Film, der die Situation von Künstlern in einem Land zeigt, in dem die Freiheit von Kunst und Musik unterdrückt wird. Das ist für uns im Deutschland von 2016 nahezu unvorstellbar, aber leider in zahlreichen Ländern Realität und kann auch als mahnendes Beispiel dienen, es nicht auch hierzulande wieder so weit kommen zu lassen. Ghobai erweist sich hier abermals als äußerst präziser Beobachter und lässt seine Zuschauer ganz in die im Film portraitierte Welt abtauchen. „Niemand kennt die Persian Cats“ zeigt eine Seite des Irans, die man als westlicher Medienkonsument nur sehr selten zu Gesicht bekommt. Genau wie „Schildkröten können fliegen“ und einige weitere Filme von Ghobdi ist der Film übrigens auf DVD erhältlich.

Olivo-09616-joseharo_700Zurück nach Europa ging es für mich schließlich mit „El Olivo – Der Olivenbaum“. In dieser spanisch-deutschen Produktion fährt die junge Alma (Anna Castillo) gemeinsam mit zwei Helfern von Spanien nach Düsseldorf, um dort einen 2000 Jahre alten Olivenbaum zurückzuholen, der einst im Olivenhain ihres Großvaters gestanden hat. Der Baum steht mittlerweile im Innenhof der Zentrale eines großen Energiekonzerns, doch Alma, die zahlreiche Kindheitserinnerungen mit dem Baum verbindet, möchte ihn für sich und ihren Großvater zurückholen. Im Festivalprogramm wird „El Olivo“ als „Feel-Good-Drama“ beschrieben, was es ziemlich gut trifft. Hier ist von Anfang an klar, wer die „Guten“ und die „Bösen“ sind; man fiebert mit Alma mit und entwickelt Verachtung für die Anzugträger in Düsseldorf, die den Baum natürlich nicht hergeben wollen. Mir persönlich war die Geschichte etwas zu leer und vorhersehbar, doch die Hauptdarstellerin war äußerst charmant und der Film hatte sowohl Herz als auch Witz. Dass die Geschichte zudem durchaus eine hohe Symbolkraft in sich trägt, wurde mir erst hinterher beim Nachdenken über den Film klar. In einer Zeit, in der Europa auseinanderzufallen droht, ist ein solcher europäischer Feel-Good-Movie vielleicht gar nicht so verkehrt. Allerdings kann man das Beharren der jungen Spanierin auf die Rückkehr „ihres“ Baumes in die Heimat auch als Abschotten gegenüber Eingriffen aus dem Ausland lesen. Auf jeden Fall ist „El Olivo“ ein Film, der zum Nachdenken über solche Dinge anregt, und das ist auf keinen Fall verkehrt.

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Filmfest Müchen: „The Open“

Der letzte Film, der am Sonntag auf meinem Programm stand, war „The Open“ von Mark Lahore. Eines gleich vorweg: Mir hat der Film überhaupt nicht gefallen, es gab jedoch zahlreiche Kinobesucher, die ihn äußerst gelungen fanden und dem Regisseur im Anschluss an die Vorstellung interessiert Fragen stellten. „The Open“ spielt in einer Welt, die anscheinend in Kriegen untergegangen ist. Davon erfahren wir nur nebenbei aus den Gesprächen der Protagonisten, denn von der Eröffnungsszene abgesehen spielt der Film ausschließlich in den schottischen Highlands. Dort sollen der Soldat Ralph (James Northcote) und Stephanié (Maia Levasseur-Costil) unter der Anleitung des Trainers André (Pierre Benoist) gegeneinander Tennis spielen. Und zwar ein ganzes Turnier. Und das auch noch ohne Bälle.
TheOpen-15_700Das hört sich vollkommen absurd an, und das ist es auch. Dabei ist mir die dem Film zugrunde liegende Botschaft durchaus klar: Sport ist besser als Krieg. André ist von der Idee der Tennismatches so sehr besessen, weil sich die Schrecken, die er und seine beiden Schützlinge durchlebt haben müssen, nur überwinden und verarbeiten lassen, indem sie alle sich einer neuen Tätigkeit zuwenden. „The Open“ findet in einer dystopischen Welt statt, in der der Sport für die drei Protagonisten (die übrigens die einzigen Personen im Film sind) die einzige Möglichkeit darstellt, nicht den Verstand zu verlieren. Das Problem, das ich mit dem Film hatte, war vor allem seine Länge. Denn diese Handlungsidee hätte sicher einen sehr guten 30- bis 60-minütigen Kurzfilm abgegeben, einen 103 Minuten langen Spielfilm trägt sie aber nicht. Immer wieder sieht man die gleichen Bilder: Ralph und Stephanié beim Trainieren, Ralph und Stephanié beim Tennisspielen und André, wie er sie antreibt. Wenn man nicht gerade ein großer Tennisfanatiker ist, wirkt das sehr schnell ermüdend. Den Darstellern ist dabei aber überhaupt kein Vorwurf zu machen, denn alle drei spielen ihre Rollen mit äußerster Hingabe und zum Teil körperlicher Verausgabung. Die immer wieder eingeblendeten Ortsnamen, die einen darüber informieren, dass die Strände und Wiesen, auf denen sich das alles abspielt, nach berühmten Tennisspielern benannt sind, wirken dabei wie ein überflüssiges Gimmick und tragen nichts zur Geschichte bei. Natürlich ist die schottische Landschaft wunderschön, doch auch daran hat man sich recht schnell satt gesehen und bekommt halt keinerlei visuelle Ablenkung geboten. Der Film wurde mit einem äußerst geringen Budget von 120.000 Euro (!) und einer Minimalcrew gedreht. Insofern ist es schon eine beachtliche Leistung, was Lahore und sein Team da auf die Beine gestellt haben. Dennoch konnte ich beim Verlassen des Kinosaals nur den Kopf schütteln. Da halfen auch all die schönen Erklärungen hinterher nichts, dass zwischen Tennis und Kino doch so einige Gemeinsamkeiten bestehen, weil das Gegenüberstehen der Gegner beim Tennis doch viel von den Duellen im Western habe oder weil sowohl Kino als auch Tennis Action innerhalb eines klar abgegrenzten Rechtecks bieten. Nein, gut fand ich „The Open“ wirklich nicht, wenn auch die Idee interessant ist und die Leidenschaft der Beteiligten bewundernswert.
Die beiden Vorstellungen des Films auf dem Filmfest sind bereits vorbei.

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Filmfest München: „Slash“ & „You Carry Me“

Filmfest München, Tag 3:Stills+for+press+5_700 Mein erster Film am Sonntag war „Slash“ von Clay Liford. Das größte Hobby des 15-jährigen Neil (Michael Johnston) ist das Schreiben von Slash Fiction, also von fiktiven erotischen (meist homosexuellen) Geschichten mit bestehenden Charakteren aus der Popkultur. Gandalf mit Dumbledore, Kirk mit Spock, Yoda mit Dobby – der Fantasie sind hier keine Grenzen gesetzt. Als Neils Schulkameraden von seinem Hobby erfahren, machen sie sich über ihn lustig. Nur die ein Jahr ältere Julia (Hannah Marks) hat vollstes Verständnis, schließlich ist sie selbst eine erfahrende Schreiberin von Slash Fiction. In einem Internetforum lernt Neil den über 20 Jahre älteren Denis (Michael Ian Black) kennen, der ihn auf eine Convention einlädt, wo Neil aus seinen Werken vorlesen soll. Dumm nur, dass dort ein Mindestalter von 18 Jahren Voraussetzung ist. Nichtsdestotrotz machen sich Neil und Julia gemeinsam auf den Weg.
Regisseur und Drehbuchautor Clay Liford ist zwar selbst kein Autor von Slash Fiction, hat aber viele langjährige Verbindungen zur Fankultur und weiß also, wovon er hier erzählt. Dementsprechend nähert er sich dem Thema stets mit Respekt und ohne den Inhalt oder die Autoren von Slash Fiction ins Lächerliche ziehen zu wollen. Wie auch „Closet Monster“ ist „Slash“ ein weiterer Coming of Age-Film, der unter anderem das Klarkommen mit der eigenen Sexualität behandelt. Zwar ist „Slash“ längst nicht so handwerklich kunstvoll, verspielt und kreativ gemacht wie „Closet Monster“, doch die Charaktere sind gut geschrieben, die Dialoge teils wirklich witzig und allgemein merkt man dem Film an, dass der Regisseur hier mit Leidenschaft bei der Sache war. Ich kann also eine klare Empfehlung für den Film abgeben – auch an diejenigen, die mit Slash Fiction nichts am Hut haben (so wie ich). „Slash“ wird noch einmal auf dem Filmfest gezeigt (am 30.06. um 17:30 Uhr im Rio 2).

Als nächstes stand der kroatische Film „You Carry Me“ („Ti Mene Nosis“) auf meinem Programm. Über 165 Minuten hinweg erzählt darin die Regisseurin Ivona Juka drei verschiedene, aber thematisch ähnliche Geschichten. Verbunden sind die drei Teile dieses filmischen Triptychons durch eine Soap Opera, an deren Entstehung Protagonisten aus allen drei Handlungssträngen mitwirken. In allen drei Strängen stehen Frauen bzw. Mädchen im Mittelpunkt, was mir allerdings tatsächlich erst nach der Vorstellung klar wurde, als die Regisseurin ein wenig über ihren Film sprach. Ich hatte die etwa 12-jährige Dora nämlich den ganzen Film über für einen Jungen gehalten! Wahrscheinlich kann man es als eine Stärke der Geschichte auslegen, wenn eine seiner Rollen sowohl mit einem männlichen wie weiblichen Protagonisten funktioniert.
YouCarryMe-Ives+and+Ivan+breakfast_700„You Carry Me“ ist schauspielerisch extrem stark, war mir persönlich aber eindeutig zu lang. Klar, drei ist eine schöne Zahl, aber diese drei Geschichten in einem einzigen Film unterzubringen war dennoch etwas zuviel des Guten. Meiner Meinung nach wäre weniger hier mehr gewesen. Das gilt auch für die kurzen Traumsequenzen, die ein paar Mal vorkommen und auf einem Traum basieren, den die Regisseurin tatsächlich hatte. Diese Sequenzen bringen keinerlei Mehrwert, wirken in ihrer Metapher viel zu platt und stellen einen Stilbruch zum Rest des Films dar. Insgesamt hat „You Carry Me“ bei mir also einen zwiespältigen Eindruck hinterlassen. Die beiden Vorstellungen des Films sind bereits vorbei.

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Filmfest München: „Schildkröten können fliegen“ & „Mali Blues“

Nachdem ich an meinem zweiten Filmfest-Tag „Bamberski“ und „Oleg Y Las Raras Artes“ angeschaut hatte, stand abends ein Film aus der dem iranischen Regisseur Bahman Ghobadi gewidmeten Retrospektive auf meinem Programm (zwischendurch war ich noch beim Publikumsgespräch mit Stephen Dunn, dem Regisseur von „Closet Monster“ und habe deswegen „Volt“ verpasst, den ich eigentlich anschauen wollte). Das Kino war fast ausverkauft und die Zuschauer – unter ihnen auch Oscargewinnerin Ellen Burstyn – wurden von Ghobadi persönlich begrüßt. Der Film, „Schildkröten können fliegen“ (2004), spielt in einem Flüchtlingslager an der irakisch-türkischen Grenze kurz vor Beginn des Krieges 2003. Im Mittelpunkt des Films stehen die Kinder im Lager und die Geschichte wird ganz aus ihrer Perspektive erzählt. Ihr Anführer heißt „Satellite“, weil er sich als einziger im Lager mit TV-Antennen, Satellitenschüsseln und dergleichen auskennt. Die sind wichtig, um Nachrichten über die bevorstehende US-Inavsion zu erhalten.
SchildkroetenKoennenFliegen-szn02_700„Schildkröten können fliegen“ ist ein wunderbarer Film mit bemerkenswerten Schauspielleistungen seiner jungen Darsteller. So sehr ich natürlich auch das Hollywoodkino liebe ist es dennoch immer wieder erfrischend und in diesem Fall geradzu augenöffnend, Filme aus Regionen der Erde zu sehen, über die man im Mainstream-Kino und in den Medien allgemein wenig erfährt. Denn den Irak kennt man als Europäer aus dieser Perspektive in der Regel wirklich noch nicht. Außerdem war es nach „Oleg Y Las Raras Artes“ gleich der zweite Film, der mir verdeutlicht hat, wie wichtig es ist, die Welt um sich herum immer wieder aus den Augen eines Kindes zu sehen. Die Bedeutung der Kinder für die Zukunft unseres Planeten betonte Ghobadi abermals, als er nach der Vorstellung Fragen des Publikums beantwortete. Er fügte zudem hinzu, dass er weiter Filme in seiner Heimatregion drehen werde, weil er Land und Leute dort eben am besten kenne und viel darüber zu sagen habe. Eine richtige Entscheidung!

02_MALI+BLUES+-%c2%ae+Konrad+Waldmann_700Nach dem Irak ging es für mich als nächstes weiter nach Mali. Der deutsche Regisseur Lutz Gregor hat dort mit „Mali Blues“ eine Dokumentation über die Musikszene des Landes gedreht. Musiker wie die Sängerin Fatoumata Diawara leisten dort mit der Kraft ihrer Musik auf friedliche Weise Widerstand gegen die Besetzung eines Teils des Landes durch radikale Islamisten. Obwohl Musik zum Teil verboten ist, versuchen Diawara und ihre Mitstreiter, durch die politischen Texte ihrer Lieder die Bevölkerung für geselleschaftlich und politisch relevante Themen zu interessieren – meistens mit Erfolg. Filmisch hat mich diese Dokumentation zwar nicht ganz überzeugt, aber der Einblick in ein für mich fremdes Land und die Probleme, mit denen die Künstler dort zu kämpfen haben, war hochinteressant. Diawara, die zusammen mit Lutz Gregor im Kino anwesend war, ist eine beeindruckende Persönlichkeit, deren Talent und Mut ich sehr bewundere. Weiterhin  für mich spätestens mit diesem Film ein roter Faden erkennbar, der sich durch viele der Filme in meinem persönlichen Filmfest-Programm zieht: Der Einsatz von Kunst (Film, Musik,…) im Kampf für das Gute – sei es für Frieden und Freiheit von Unterdrückung oder für die Akzeptanz der eigenen Sexualität.
„Mali Blues“ wird noch einmal auf dem Filmfest gezeigt: am 2.7. um 19:30 im City 3. Der Film bekommt dieses Jahr aber auch noch einen deutschlandweiten Kinostart und wird danach auch auf DVD veröffentlicht (vielleicht sogar mit beiliegender Soundtrack-CD, wie einer der Produzenten verriet). Im Anschluss an die Premiere des Films spielte Fatoumata Diawara übrigens im Kinosaal noch ein Lied (bei dieser Vorstellung war ich leider nicht anwesend):

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Filmfest München: „Oleg Y Las Raras Artes“

Nach „Bamberski“ ging es vorgestern an meinem zweiten Tag auf dem Filmfest München mit einem sehr eigenwilligen Film weiter: „Oleg Y Las Raras Artes“ („Oleg and the Rare Arts“) des venezolanischen Regisseurs Andrés Duque. Dieser portraitiert darin den russischen Klaviervirtuosen Oleg Nikolaevitch Karavaychuk. Natürlich filmt er ihn am Klavier, mindestens genauso eindrucksvoll sind jedoch die Szenen, in denen der 88-jährige Karavaychuk in langen Einstellungen über das Leben, die Kunst, Poesie und vieles mehr philosophiert. Diese Einstellungen sind zum Teil fünf Minuten lang (oder auch deutlich länger) und waren nicht Teil des ursprünglichen Plans von Duque. Für seine Filmportraits nimmt er sich jedes Mal bis zu zwei Jahre lang Zeit, um die entsprechende Person gut kennen zu lernen und dann anschließend über einen Zeitraum von nur etwa acht Tagen zu filmen. Im Fall von Karavaychuk hat sich dabei herausgestellt, dass ein „herkömmlich“ geschnittener Film dem Pianisten nicht gerecht werden würde. Die Erzählungen des gebrechlichen, aber geistig und am Klavier äußerst lebendigen Russen wären ihrer vollen Kraft beraubt worden, wenn sie durch Schnitte unterbrochen worden wären.
Oleg+y+Las+Raras+Artes+17_700Der Film ist also – genau wie Karavaychuk – äußerst eigenwillig und in gewisser Weise kompromisslos geworden. Das hat auch zur Folge, dass man abseits der poetischen und philosophischen Ausschweifungen Karavaychuks nichts über ihn erfährt. Wer also erwartet, eine normale Dokumentation zu sehen zu bekommen, in der unter anderem biographische Daten herunter gebetet werden, der wird enttäuscht werden. Der Film übermittelt wenig Fakten, kommt dafür aber dem Menschen und Künstler Karavaychuk umso näher, was angesichts der Tatsache überraschend ist, dass dieser eigentlich keine Menschen mag, wie der Regisseur nach der Vorstellung berichtet. Den Respekt und das Vertrauen des Künstlers habe er sich unter anderem dadurch erworben, dass er sich in dessen Gegenwart kindlicher zu verhalten begann. Karavaychuk ist im Film immer wieder anzumerken, dass er an die Kunst ebenfalls mit einer kindlichen Begeisterung und Naivität herangeht und dass Technik seiner Ansicht nach längst nicht alles ist. (Er erklärt unter anderem: „Am Konservatorium bringen sie einem nur bei, schnell zu spielen.“) Er war von Duques Verhalten und dessen Offenheit ihm gegenüber beeindruckt und ließ sich schließlich davon überzeugen, dieses äußerst persönliche Filmportrait von sich anfertigen zu lassen. Leider ist er am 13. Juni 2016 verstorben, doch den Film konnte er noch sehen und hat ihn Duque zufolge sehr gemocht. (Die beiden Vorstellungen des Films auf dem Filmfest sind leider schon vorbei.)

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Filmfest München: „Bamberski – Der Fall Kalinka“

Mein zweiter Tag auf dem Filmfest München begann gestern damit, dass ich mit einer Freundin in die Pressevorführung von „Bamberski – Der Fall Kalinka“ („Au Nom De Ma Fille“, Regie: Vincent Garenq) ging. Eigentlich wollte ich einen anderen Film anschauen, doch das hätte wegen eines anschließenden Terminkonflikts nicht geklappt. Also habe ich mir diese in der „Spotlight“-Reihe gezeigte Verfilmung eines wahren Falles angeschaut, in der ein Vater (Daniel Auteuil) fast 30 Jahre lang mit der deutschen und französischen Justiz zu kämpfen hat, weil er den Vergewaltiger und Mörder seiner 14-jährigen Tochter zur Rechenschaft ziehen will. Dieser wird von Sebastion Koch gespielt, der ebenso wie Auteuil hier erwartungsgemäß eine sehr gute Schauspielleistug abliefert. Bamberski-0743_700Der Film ist dicht und spannend erzählt, bietet aber für so „filmisch abgestumpfte“ Personen wie mich absolut nichts Neues oder Aufregendes und bleibt so zumindest strukturell langweilig. Denn er kommt in Aufbau und Handlung äußerst vorhersehbar daher und gelegentlich wirkt die ständige Wiederholung der gefühlt alle zehn Minuten erscheinenden Einblendungen „X Jahre später“ etwas ermüdend. Natürlich erlegt einem die Verfilmung einer wahren Geschichte gewisse Grenzen auf, wenn man sich an die Fakten halten wollen. Insofern waren die Filmemacher hier in ein Korsett gezwängt, das vielleicht verhindert hat, dass aus „Bamberski“ ein nicht nur solide gemachter und spannender Film, sondern eben wirklich großes Kino geworden ist.
Der Film wird zweimal auf dem Filmfest gezeigt: Am 30.06. um 20 Uhr und am 1.7. um 22:30 (jeweils im Carl-Orff-Saal im Gasteig).

Mehr zu den Filmen, die ich gestern gesehen habe, gibt es dann im nächsten Blogpost. Jetzt muss ich schon wieder ins Kino…

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Filmfest München: „Le Convoi“, „The Shell Collector“ & „Closet Monster“

CONVOI_BOB4_360604_700Nachdem ich vorgestern zunächst „Die Habenichtse“ angeschaut und mich dann zu Filmtonart begeben habe, um mir erklären zu lassen, wie der Krieg der Sterne klingt, ging es anschließend wieder ins Kino. „Le Convoi“ stand auf dem Programm, ein französischer Actionthriller von Frédéric Schoendoerffer. Der Film folgt einer Gruppe von Kriminellen, deren Aufgabe es ist, 1400 Kilogramm Cannabis von Spanien nach Paris zu transportieren. Die meisten Szenen finden dementsprechend auf der Autobahn statt, was den Film zu einem „Road Movie“ im wörtlichen Sinne werden lässt. Ständig ist hier etwas in Bewegung und die Protagonisten stehen pausenlos unter großer Anspannung. „Le Convoi“ ist äußerst spannend, schnell, gekonnt in Szene gesetzt (Schoendoerffer hat u.a. bei Luc Besson gelernt), gut gespielt und vor allem zum Ende hin richtig actionreich. Trotzdem war das ganz einfach nicht so meine Art Film. Wer aber auf rasende Autos und all die anderen genannten Merkmale steht, dem ist der Film uneingeschränkt zu empfehlen. Er wird noch zweimal auf dem Filmfest gezeigt: Am 28.6. um 15 Uhr und am 2.7. um 22:30 (jeweils im City 1).

Das Kontrastprogramm zu diesem ungewöhnlich adrenalinreichen und rasanten Festivalbeitrag bildete dann mein nächster Film: „The Shell Collector“ von Yoshifumi Tsubota. Ein blinder, alter Mann lebt einsam in einer Hütte direkt am Strand und verbringt seine Zeit vor allem mit dem Sammeln von Muscheln. Eines Tages entdeckt er eine Frau, die vom Meer angeschwemmt worden zu sein scheint. Als sie wenig später von einer seltenen, fleischfressenen Muschel gestochen und dadurch von ihren Lähmungserscheinungen geheilt wird, wird das Leben des Mannes noch weiter auf den Kopf gestellt. „The Shell Collector“ hat mich äußerst zwiespältig zurückgelassen. Einerseits mag ich es sehr, wenn Filme nicht alles erklären und die Details und Hintergründe der Welt, in der sie spielen, der Vorstellungskraft des Zuschauers überlassen. TheShellCollector_1DX_2892_700Das tut der Film sehr erfolgreich. Andererseits hat er mich sonst in keiner Weise überzeugt. Die anscheinend für viele andere Zuschauer betörend schönen Bilder haben mich nicht überwältigt und weil ich mich zu keinem Zeitpunkt so richtig in die Geschichte hineingezogen gefühlt habe, war mir der Film gelegentlich zu langatmig. Dabei sind die Hintergründe, die hier wie gesagt nur angedeutet werden, äußerst interessant: Basierend auf einer Kurzgeschichte des US-Autors Anthony Doerr erzählt der Film nämlich eine Science-Fiction-Geschichte, in der die Welt anscheinend von einer Seuche heimgesucht worden ist, die Lähmungen verursacht. Weil die Handlung aber zu keinem Zeitpunkt den Strand verlässt, muss man sich diese Details aus den wenigen Informationen erschließen, die einem der Film gibt. Die Umweltzerstörung wird als eine mögliche Ursache der Krankheit angesprochen und der Regisseur erzählt nach der Vorstellung, dass das Unglück von Fukushima ihn zum Film inspiriert habe. In Ansätzen ist „The Shell Collector“ also wirklich interessant, in der Umsetzung fand ich ihn jedoch weniger gelungen (die Traumsequenzen haben bei mir jedes Mal Kopfschmerzen ausgelöst). Der Film wird noch einmal gezeigt: am 2.7. um 9:30 Uhr (City2).

Wirklich richtig gut, um nicht zu sagen geradezu fantastisch wurde es dafür zum ersten Mal am Abend dieses ersten Tages. Der junge kanadische Regisseur Stephen Dunn, der vor einigen Jahren mit einem seiner Kurzfilme auf dem Münchner Film School Fest zu Gast war, ist nun mit seinem ersten langen Spielfilm wieder in München. „Closet Monster“ ist ein Film, den ich nur ungerne einer Kategorie bzw. einem Genre zuordne. Also zähle ich einfach mal alle Labels auf, die mir dazu einfallen: Der Film ist eine Coming of Age-Story, es geht um Sexualität, genauer gesagt um Homosexualität. Der Film ist ein Drama, aber mit sehr viel Humor und einigen surrealen Elementen. Ach ja, Horror-Elemente kommen auch vor, aber ein Horrorfilm ist „Closet Monster“ nun wirklich nicht! Eine der großen Stärken dieses Films liegt darin, dass sich Stephen Dunn wirklich gar nicht um Genregrenzen schert, sondern die zahlreichen verschiedenen Stilelemente nutzt, um das Innenleben seiner Hauptfigur sicht- und fühlbar zu machen. Bei dieser handelt es sich um Oscar (Connor Jessup), der als Teenager bei seinem Vater lebt, nachdem sich die Eltern schon vor Jahren haben scheiden lassen. Er jobbt in einem Baumarkt, wo er den etwa gleichaltrigen Wilder kennen lernt. Dies stürzt ihn in ein emotionales Chaos, denn die Gefühle, die er für Wilder entwickelt, sind weit mehr als nur freundschaftlicher Natur. Und so beginnt für Oscar eine äußerst turbulente und verwirrende Zeit, in der ihm unter anderem die imaginären Gespräche mit seinem Hamster (Stimme: Isabella Rossellini!) Halt geben.
closet_monster_3_700Das klingt in dieser Zusammenfassung jetzt vielleicht ein wenig sonderbar, aber was Stephen Dunn und seine Darsteller aus dieser Geschichte gemacht haben ist schlicht phänomenal. Das liegt sicher nicht zuletzt daran, dass die Geschichte für Dunn eine äußerst persönliche ist und zahlreiche Elemente aufweist, die auf eigenen Erlebnissen und Erinnerungen beruhen. Der Film strotzt nur so vor kreativen Einfällen und Storyideen und läuft erfrischenderweise mehrmals den Erwartungen der abgebrühten Festivalbesucher zuwider, sodass er immer wieder überraschen kann und sich erfolgreich zahlreichen Klischees widersetzt. An „Closet Monster“ stimmt einfach alles, angefangen beim grandiosen Schauspiel vor allem des Hauptdarstellers bis hin zum wirklich außergewöhnlichen Sounddesign des Films. Gäbe es ein Soundtrackalbum zum Film, ich hätte es nach dem Kinobesuch sofort gekauft; der Film verwendet eine Kombination aus bestehenden Songs mit einem effektiven Elektrosoundtrack, in den immer wieder metallische Klänge eingewoben sind (was einen ganz besonderen Bezug zur Handlung und zur wichtigsten Szene des Films hat). „Closet Monster“ ist ein zutiefst persönlicher und berührender Film über die Auseinandersetzung und
das Klarkommenmit mit der eigenen Sexualität. Stephen Dunn hat auf dem Filmfest bereits ein wenig von seinem nächsten Film erzählt und nach diesem beeindruckenden Debüt werde ich seine Karriere auf jeden Fall weiter verfolgen. Vielleicht läuft sein nächster Film in ein paar Jahren ja auch beim Filmfest München. Die beiden Vorstellungen von „Closet Monster“ sind leider schon vorbei, doch der Film wird voraussichtlich im Herbst deutschlandweit ins Kino kommen.

Copyright Bilder: Filmfest München

Filmtonart: Wie klingt der Krieg der Sterne?

Nachdem ich von meinem ersten Film auf dem diesjährigen Filmfest München nicht gerade begeistert gewesen war, war dafür bei meinem nächsten Programmpunkt Begeisterung vorprogrammiert: Raus aus dem Kino und unter die gnadenlos vom Himmel brennende Sonne ging es für mich nun zu „Filmtonart“, einem eintägigen, jedes Jahr zeitgleich mit dem Filmfest stattfindenden „Forum für Musik und Ton“. Die dort stattfindenden Vorträge und Diskussionsrunden beschäftigen sich alle mit (Film-)Musik, ich war aber nur für ein Panel gekommen: „Star Wars – Wie klingt der Krieg der Sterne?“. Eine Stunde lang diskutierten dort  Prof. Karim Sebastian Elias (Komponist und Professor an der HFF in Potsdam-Babelsberg), Dr. Vasco Hexel (Komponist und Professor am Royal College of Music in London) und Jun. Prof. Dr. Peter Moormann (Musikwissenschaftler und Juniorprofessor an der Universität zu Köln) unter der Moderation von Gregor Wossilus (Onlineredakteur bei kinokino) über die weltbekannte Musik, die John Williams für die „Star Wars“-Saga geschrieben hat.

Zugegeben, für mich als langjährigen Fan von „Star Wars“, John Williams und Filmmusik im Allgemeinen hielt sich der Erkenntnisgewinn dabei in Grenzen. Die „Star Wars Suite“ wurde als eine der meistgespielten und bedeutendsten Kompositionen des 20. Jahrhunderts gewürdigt und neben John Williams wurde auch George Lucas häufig gelobt. Der Regisseur habe es nämlich verstanden, der Musik in den Filmen Raum zu geben, John Williams immer wieder große Momente zu erlauben und sei generell ein sehr intelligenter Filmemacher. John Williams wiederum wurde als „Fährtenleger“ bezeichnet, dessen musikalische Themen und Motive Bezüge zu vergangenen wie zukünftigen Momenten in der „Star Wars“-Saga herstellen und so dem Zuschauer Orientierung bieten und das Verständnis der Geschichte (auch auf emotionaler Ebene) erleichtern. Dies wurde an vier kurzen Filmausschnitten erläutert, die die eindrucksvolle Kraft der Musik schon allein dadurch demonstrierten, dass sie bei mir alle für Gänsehaut sorgten. Wenn man Luke Skywalker auf Tatooine sehnsuchtsvoll in den Sonnenuntergang blicken sieht und dazu das berühmte „Force Theme“ erklingt, dann braucht es nun mal keine Dialoge um zu verdeutlichen, was Luke in diesem Moment fühlt.
An dieses erste Beispiel anschließend wurde die Schlussszene aus „Das Erwachen der Macht“ gezeigt (etwa drei oder vier der anwesenden Zuschauer hatten den Film tatsächlich noch nicht gesehen!), in der sich Rey und Luke gegenüberstehen. Dieses Mal ist es Rey, auf deren Gesicht sich Sehnsucht zeigt. Wieder erklingt das gleiche Thema, wird nun aber anders – nach oben – fortgeführt, sodass beim Zuschauer eine Erwartungshaltung und Spannung erzeugt wird, ganz wie es beim offenen Ende des Films angemessen ist. Dieses Arbeiten mit musikalischen Motiven wurde in der Gegenüberstellung zweier weiterer Szenen verdeutlicht: Das Einfrieren von Han Solo in „Das Imperium schlägt zurück“ – wohl meine absolute Lieblingsszene der gesamten Saga und auch musikalisch einer meiner Favouriten – und eine Szene, in der sich Han und Leia in „Das Erwachen der Macht“ über ihren Sohn unterhalten. In der Diskussion über diese Szenen wurde unter anderem verdeutlicht, dass John Williams die einmal als charakterisierende Motive eingeführten Melodien fast nie verändert, sie aber in den Harmonien und der Instrumentierung immer wieder neu variiert. Dadurch ergibt sich jedes Mal eine andere, die Szene unterstützende Atmosphäre.

All das war wie gesagt für mich nicht neu, aber interessant war das Panel trotzdem. Natürlich kann man in einer einzigen Stunde nicht im Detail die Musik der bislang sieben Filme diskutieren – dafür würde wahrscheinlich ein ganzes Semester nicht ausreichen. Interessant fand ich das Panel dennoch, zumal die vier Teilnehmer ganz klar selbst Fans von „Star Wars“ und der Musik von John Williams waren. Allen, die sich ebenfalls für Musik der „Star Wars“-Filme interessieren und sich weiter damit beschäftigen wollen, lege ich den amerikanischen Podcast „Star Wars Oxygen“ dringend ans Herz. Darin werden die Soundtracks der Filme im Detail auseinandergenommen und John Williams‘ Arbeit mit der Leitmotivtechnik für ein Laienpublikum verständlich erklärt. Über diesen Podcast habe ich hier bereits gebloggt.
Leider bin ich nun gar nicht mehr zu den anderen Filmen gekommen, die ich gestern gesehen habe. Ich muss gleich wieder ins Kino, aber sobald ich wieder eine kurze Pause vom Filmfest habe, wird hier weitergebloggt!