Alanis Morissettes Debütalbum „Jagged Little Pill“ feiert aktuell sein 20-jähriges Jubiläum (und wurde dazu als Jubiläumsausgabe neu aufgelegt, mit bislang unveröffentlichten Demos und wahlweise auch als Collector’s Edition mit Live-CD und der Acoustic-Version des Albums von vor zehn Jahren). Das ist für mich Grund genug, in dieser Reihe einen Song der Kanadierin vorzustellen.
„Simple Together“ erschien 2002 auf der Bonus-CD der Live-DVD „Feast On Scraps“. Die CD enthält acht Songs, die während der Arbeiten an Alanis‘ drittem Studioalbum „Under Rug Swept“ entstanden sind, es aber nicht auf’s Album geschafft haben. Schlechter als die Tracks auf dem eigentlichen Album sind sie allerdings nicht und die „Feast On Scraps“-CD kann fast schon als eigenes Album betrachtet werden.
Obwohl sie mit aggressiven Rocksongs wie „You Oughta Know“ bekannt wurde, hat Alanis Morissette im Lauf ihrer Karriere immer wieder wunderschöne Balladen geschrieben. „Thank U“ dürfte die bekannteste sein, aber „Simple Together“ ist mein Favorit, dicht gefolgt übrigens von „Not As We“ (2008). Auf den Text des Stücks habe ich bislang gar nicht genau geachtet, aber der YouTube Kommentar unter diesem Live-Video, dass es sich dabei um einen der „best sad love songs ever“ handelt, hat mich neugierig gemacht und ich werde in Zukunft etwas besser darauf achten, worüber Alanis hier genau singt.
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Mehr als sieben Songs, Teil 6: Sam Smith – Writing’s on the Wall
Der heutige Beitrag zu meiner Reihe „Mehr als sieben Songs“ ist alles andere als ein Geheimtipp. Sam Smiths Bond-Song „Writing’s on the Wall“ wurde letzten Freitag veröffentlicht und natürlich haben sich sowohl die Fans als auch die Presse sofort gierig auf das Lied gestürzt – und es gnadenlos verrissen. Ich habe noch nicht einen einzigen durchweg positiven Kommentar über das Lied gelesen. Das verwundert mich umso mehr, weil ich „Writing’s on the Wall“ wirklich fantastisch finde. Ich würde sogar jetzt schon so weit gehen und behaupten, dass das Lied mein Lieblings-Bond-Song ist. Ja, ich mag es wirklich noch lieber als „Live and Let Die“, „Goldfinger“ und „The World Is Not Enough“, meine anderen Favoriten. Ein besonders großer Fan von Adeles „Skyfall“ war ich übrigens noch nie; das Lied ist mir zu eintönig und spannungsarm. Von der Emotionalität und Verletzlichkeit, die in Sam Smiths Gesang zum Ausdruck kommt, kann ich hingegen gar nicht genug kriegen. Mit meiner Meinung stehe ich anscheinend ziemlich alleine da – selbst in diesem im Großen und Ganzen positiven Artikel über das Lied wird Sam Smith dafür kritisiert, den Filmtitel „Spectre“ nicht im Text untergebracht zu haben, dabei ist das doch vollkommen egal. Ich habe den Eindruck, der Autor traut sich einfach nicht, „Writing’s on the Wall“ uneingeschränkt zu loben.
Warum stößt der Song auf so große Ablehnung? Viele Hörer stören sich an Smiths hohem Gesang bzw. wohl eher daran dass dieser – gerade für einen Bond-Song – nicht „männlich“ genug sei. Verletzlichkeit schön und gut, aber James Bond muss für die meisten ein harter Kerl sein und nichts weiter. Dabei ist doch gerade Daniel Craigs James Bond so sehr von seinen inneren Dämonen und Selbstzweifeln getrieben, wie dies vorher fast nie der Fall war. Noch dazu sind Frauen und Männer gleichermaßen komplexe Wesen, die sich nicht nur durch einige ihnen fest zugeschriebene Wesenszüge auszeichnen. Verletzlichkeit kann also gar nicht „unmännlich“ sein, sie entspricht eben nur nicht dem Bild, das viele von James Bond haben. Vielleicht wird „Spectre“ daran ja etwas ändern.
Ich weiß über den Inhalt des Films noch fast nichts, aber ich mache mir hier mal den Spaß, den Text von „Writing’s on the Wall“ ein wenig zu analysieren. Enthält er Hinweise darauf, was uns in „Spectre“ erwartet? Und singt Sam Smith hier überhaupt von bzw. aus der Perspektive von James Bond, muss man die zum Ausdruck gebrachte Verletzlichkeit also Bond zuschreiben?
I’ve been here before
But always hit the floor
I’ve spent a lifetime running
And I always get away
But with you I’m feeling something
That makes me want to stay
Natürlich liegt es nahe, dass diese erste Strophe aus Bonds Perspektive geschrieben ist. Sam Smith ist selbst männlich und schildert hier etwas in der ersten Person – bei einem Bond-Song ordnet man die Worte also als erstes James Bond zu. Ist es also Bond, der sein Leben lang auf der Flucht war? Hat er nun jemanden kennen gelernt, für den er sein bisheriges Leben aufgeben will? Falls ja, dann legen die ersten beiden Zeilen nahe, dass er schon mehrmals an diesem Punkt war. Geht es ihm also mit jeder Frau so? Dann wären diese Worte ja nur leere Versprechungen, die er schon oft gemacht, aber bisher nie gehalten hat. Oder richten sich die Worte vielleicht gar nicht an eines der „Bond Girls“, sondern an den von Christoph Walz gespielten Franz Oberhauser, Bonds Gegenspieler? Nicht besonders wahrscheinlich, aber zumindest hätten die letzten beiden Zeilen dann eine ganz andere Bedeutung. Naheliegender ist da schon, dass die Worte aus der Sicht einer der beiden Frauen geschrieben sind. „With you I’m feeling something that makes me want to stay“ hätte dann dieselbe Bedeutung wie in den meisten Bond-Filmen vorher.
I’m prepared for this
I never shoot to miss
But I feel like a storm is coming
If I’m gonna make it through the day
Then there’s no more use in running
This is something I gotta face
Betrachtet man die zweite Strophe als aus Bonds Perspektive geschrieben, dann beschreibt die zweite Zeile sein gewohntes, selbstsicheres Ich. Aber angesichts der Unsicherheit und der Bedrohung, die diese ersten beiden Strophen sonst zum Ausdruck bringen, wirkt es nicht so, als sei er wirklich noch so selbstsicher. Er versucht vielmehr verzweifelt, diesen Eindruck aufrecht zu erhalten – auch sich selbst gegenüber. „I’m prepared for this“, heißt es zwar, doch die Zeilen drei bis sechs erwecken den Eindruck einer Bedrohung, die sich Bonds Kontrolle entzieht. Er hat gar keine andere Wahl als sich ihr zu stellen.
Interessant ist der Gegensatz zwischen den letzten Zeilen der ersten beiden Strophen: In der ersten Strophe will jemand (bei jemandem) bleiben; in der zweiten wird jemandem klar, dass er sich einer (wohl unangenehmen) Sache stellen muss. Das lässt den Schluss zu, dass die beiden Strophen entweder aus der Perspektive zweier verschiedener Personen geschrieben sind (dann wäre es nicht durchgehend James Bond, der hier spricht) oder dass sie sich an verschiedene Personen richten bzw. auf verschiedene Angelegenheiten beziehen. Demzufolge möchte Bond bei jemandem bleiben, muss sich gleichzeitig aber auch etwas oder jemandem stellen. In diesem Zusammenhang machen die nächsten beiden Zeilen Sinn:
If I risk it all
Could you break my fall?
Mögliche Übersetzung: Wenn ich mich dieser Sache (aus Strophe 2) stelle, wirst du (=in Strophe 1 angesprochene Person) dann für mich da sein?
How do I live? How do I breathe?
When your’re not here I’m suffocating
I want to feel love run through my blood
Tell me is this where I give it all up?
For you I risk it all
Cause the writing’s on the wall
Der Refrain verändert die Bedeutung der beiden vorangegangenen Zeilen ein wenig. Hier heißt es nun nämlich „For you I risk it all“, die Liebesbeziehung und das große Wagnis stehen also in enger Verbindung. Bond muss alles riskieren, um seine Lieb(st)e zu retten. (Man könnte natürlich auch weiterhin spekulieren, ob einzelne Zeilen anderen Figuren als James Bond zugeordnet werden müssen, aber ich gehe ab jetzt davon aus, dass das ganze Lied aus Bonds Perspektive geschrieben ist.) Hier ist auch der Hinweis enthalten, dass es um Liebe geht und textlich wie gesanglich gibt sich Sam Smith hier am verletzlichsten. Ohne dich kann ich nicht leben, so lassen sich die ersten drei Zeilen zusammenfassen. Bereits in „Casino Royale“ war James Bond „richtig“ verliebt und seine Gefühle für Vesper Lynd waren seine große Schwäche. Wird er in „Spectre“ in eine ähnliche Situation geraten? Aber was muss er für die Liebe aufgeben? Und vor allem: was genau bedeutet der Hinweis „the writing’s on the wall“? Zeichnen sich damit Entwicklungen ab, die sich nicht unter Bonds Kontrolle befinden? Oder will er sich damit nur einreden, keine andere Wahl zu haben?
A million shards of glass
That haunt me from my past
As the stars begin to gather
And the lights begin to fade
When all hope begins to shatter
Know that I won’t be afraid
Die erste Zeile ist wohl nicht wörtlich gemeint, sondern bezieht sich (zusammen mit der zweiten) auf Ereignisse in Bonds Vergangenheit, die ihn in diesem Film heimsuchen werden (darauf weist bereits die offizielle Inhaltsangabe hin). Noch mehr als in „Skyfall“ scheint also in „Spectre“ Bonds persönliche Vergangenheit eine Rolle zu spielen, höchstwahrscheinlich in Form einer Person, die plötzlich wieder auftaucht. Ob die dritte und vierte Zeile mehr als nur einen metaphorischen Bezug zur Filmhandlung haben, wird sich zeigen. Zusammen mit dem Rest der Strophe verstärken sie den Eindruck, den der Text insgesamt macht: Hier ist jemand entschlossen, sich trotz all seiner Verzweiflung nicht unterkriegen zu lassen. Dieser jemand – also nach meiner Annahme Bond – weiß, dass er sich einer Sache stellen muss, die wohl durch eine mit seiner eigenene Vergangenheit in Verbindung stehenden Person ausgelöst worden ist. Immer wieder folgt im Lied die Bestärkung, nicht zurückzuweichen („I won’t be afraid“, „there’s no more use in running“, „I have to risk it all“).
Nach meiner Interpretation sind hier also drei Personen wichtig: James Bond, aus dessen Sicht das Lied geschrieben ist. Eine Frau (entweder Madeleine Swann oder Lucia Sciarra), an die vor allem der Refrain gerichtet ist, der bis auf seine letzte Zeile wie ein klassisches Liebeslied klingt. Und dann ist da noch eine dritte Person, die als Auslöser der schrecklichen Ereignisse dient, welche Bond und sein Liebesglück bedrohen. Allerdings muss es sich dabei nicht zwangsweise um Franz Oberhauser handeln, denn soweit ich weiß handelt es sich bei der von Léa Seydoux gespielten Madeleine Swann auch um eine Figur mit Verbindungen zu Bonds Vergangenheit.
Wie im Lied immer wieder die Worte „The writing’s on the wall“ wiederholt werden, klingt es fast, als wolle sich hier jemand selbst einreden, dass die Dinge nun unausweichlich ihren Lauf nehmen. Wird Bond also die richtige Entscheidung treffen? Wir werden es im November im Kino erfahren.
Star Wars: Aftermath und seine Verbindungen zu Episode VII
Dieser Text enthält Spoiler zu „Star Wars: Aftermath“ und möglicherweise auch ein paar kleine Spoiler zu „The Force Awakens“.
Nur noch 88 Tage bis zum Kinostart von „Star Wars: The Force Awakens“! Ich bin seit zwanzig Jahren nicht nur großer „Star Wars“-Fan, sondern auch begeisterter Leser der vielen „Star Wars“-Romane. Mit Chuck Wenigs „Aftermath“ ist Anfang September nun der erste Roman aus der neuen Einheitskontinuität erschienen, der nach „Rückkehr der Jedi-Ritter“ spielt. Ich habe das Buch gelesen und fand es eher durchschnittlich. (Luke, Han und Leia kommen darin übrigens nicht vor – abgesehen von einer Ausnahmen, siehe unten unter Punkt 4. Die Hauptrollen spielen ganz neue Charaktere; bekannte Filmfiguren, die Nebenrollen im Buch haben, sind Wedge Antilles und Admiral Ackbar.)
Doch auch wenn die Handlung nicht besonders spannend und nicht alle Figuren interessant sind, gab es eine Sache, die mich und zahlreiche andere Leser von Anfang an interessiert hat: Welche Hinweise liefert uns das Buch auf den Zustand der Galaxis nach dem Tod Darth Vaders und des Imperators? Ist das Imperium besiegt? Ist es der Rebellenallianz gelungen, die Republik neu zu gründen? Und im Zusammenhang mit all diesen Fragen am wichtigsten: Kann man aus all dem irgendwelche Schlüsse im Hinblick auf Episode VII ableiten?
Ganz besonders mit der letzten Frage möchte ich mich nun beschäftigen. Leider bin ich erst während des Lesens auf die Idee gekommen, mir alle Stellen im Buch zu markieren, die möglicherweise kleine Hinweise auf den kommenden Film geben. Meine erste Anmerkung befindet sich auf S. 167 (von 366). Ich werde im Folgenden die wichtigsten dieser angemerkten Stellen besprechen. Anmerken muss ich noch, dass ich noch größtenteils spoilerfrei bin, was die Handlung von „The Force Awakens“ betrifft. Ich weiß fast nur das, was offiziell (in den Teasern, auf Promofots und in diversen Zeitschriftenberichten und Pressemeldungen) bekannt gegeben wurde. Los geht’s!
- Piraten!?
Auf S.166-168 befindet sich eine der vielen im Buch verstreuten „Inderludes“. Diese schildern jeweils sehr kurze, von der Haupthandlung unabhängige Szenen, die sich an unterschiedlichsten Orten der Galaxis abspielen und uns mehr über deren aktuellen politischen und gesellschaftlichen Zustand verraten sollen. Neben dem sehr, ich nenne es mal „eigenwilligen“ Schreibstil des Autors gehören diese Interludes sicherlich zu den umstrittensten Punkten des Buches. Ich persönlich habe sie viel mehr genossen, als ich das vorher gedacht hätte. Aufgrund ihrer Kürze empfand ich sie nie als störend.
In der angesprochenen Stelle geht es darum, dass nach der Niederlage des Imperiums in vielen Teilen der Galaxis keine Ordnung mehr herrscht. Eine Figur namens Geekska Dotalo berichtet über ihren Heimatplaneten Moradir: „The New Republic came. They … they destroyed an Imperial base. Now the Imperials are gone. The Empire was cruel. But at least there was order! We had food and water. Things worked. Now the rebels have gone. And the gangs have come. The pirates.“
Diese Stelle habe ich mir nur aufgrund eines einzigen Wortes markiert: „pirates“ Ich weiß über Episode VII wie gesagt noch nicht viel, aber ein paar Mal habe ich im Zusammenhang mit dem Film schon von Piraten bzw. einer Piratenfestung gelesen. Mehr will ich dazu gar nicht schreiben, aber es würde mich nicht überraschen, wenn auch die im Film vorkommenden Piraten (oder wie auch immer sie dann bezeichnet werden) die Schwäche des Imperiums ausgenutzt haben, um zum Beispiel die Kontrolle über einen Planeten erlangen.
Auf S. 240 befindet sich in diesem Zusammenhang ein weiterer Hinweis. Über den abgelegenen Planeten Akiva, den zentralen Ort der Handlung von „Aftermath“, heißt es dort: „The Imperials have long toyed with planets like this one. Though never formally occupying them, they imposed tariffs and taxes on law-abiding establishments while letting the black markets and criminal syndicates go about their business as long as they tithed back to the Empire.“
Hier deutet sich an, dass die Kontrolle des Imperiums gerade so weit reichte, wie es der Herrschaft des Imperators dienlich war. Unter der auf Angst beruhenden Ordnung, die das Imperium über die Galaxis brachte, konnten dennoch Verbrecherorganisationen florieren, von denen einige nach dem Sieg der Rebellenallianz bei Endor offen um die Herrschaft der von ihnen kontrollierten Gebiete kämpften. - Darth Plagueis!!
Etwas spekulativer, aber auch interessanter wird es bei meiner nächsten angemerkten Stelle. Auf S. 179 erzählt eine Figur: „Did you know that Sith Lords could sometimes drain the Force energy from their captives? Siphoning life from them and using it to strengthen their connection to the dark side? Extending their own lives, as well, so that they coud live for centuries beyond their intended expiration?“
Obwohl ich keine Spoilerberichte lese und nur wenige Gerüchte über die Filmhandlung mitbekommen habe, bin ich an einem Gerücht einfach nicht vorbeigekommen, weil es sich ganz einfach schon besonders lange und hartnäckig hält: Darth Plagueis spielt in irgendeiner Form eine Rolle im Film. Zur Erinnerung: Darth Plagueis wurde in Episode III erwähnt und war der Meister von Darth Sidious. Dieser erzählt Anakin Skywalker, Darth Plagueis habe die Fähigkeiten besessen, Leben zu erzeugen sowie Lebewesen vor dem Tod zu bewahren. Zwar wurde Plagueis schließlich von seinem Schüler (also von Sidious/Palpatine, wie der Film zumindest stark andeutet) getötet – doch was, wenn er trotzdem einen Weg gefunden hatte, sein Leben zu verlängern?
Die Hartnäckigkeit des Gerüchts spricht meiner Meinung nach dafür, dass einiges an Wahrheit dahinter steckt. Die oben zitierte Stelle aus „Aftermath“ erscheint mir wie ein Wink mit dem Zaunpfahl und deutet ebenfalls darauf hin, dass wir – wenn noch nicht direkt in Episode VII, dann vielleicht später in der neuen Filmtrilogie – einen alten Sith Lord sehen werden. Mir hat an „Aftermath“ gut gefallen, dass es Elemente aus allen „Star Wars“-Filmen aufgegriffen hat, auch aus den Prequels. Zwar wird im Marketing für Episode VII mit aller Kraft der Eindruck vermittelt, der Film kehre zurück zum „Look“ und zum „Feeling“ der Original-Trilogie, doch es würde mich nicht überraschen und ich würde es sogar begrüßen, wenn der Film die Fäden der beiden bisherigen Trilogien zusammen führt, indem auch Elemente, Planeten oder eben Figuren aus den Prequels eine Rolle spielen.
Auf der San Diego Comic Con wurde Drehbuchautor Lawrence Kasdan direkt gefragt, ob Darth Plagueis im Film erwähnt werde. Seine Antwort war interessant, er versuchte nämlich mit Humor auszuweichen und beantwortete so die Frage gar nicht. J.J. Abrams hakte an dieser Stelle ein und gab ein klares nein zur Antwort. Das muss aber längst nicht bedeuten, dass Plagueis im Film keine Rolle spielt, schließlich kann er zum Beispiel unter einem anderen Namen agieren (Supreme Leader Snoke…?). Zudem ist Abrams ja bekannt dafür, auch mal frech zu lügen, wenn er nicht will, dass Storywendungen und Details seiner Projekte zu früh ans Licht kommen (Stichwort: Khan). Meine Begeisterung über Darth Plagueis (und die vieler anderer Fans) rührt übrigens daher, dass James Luceno einen hervorragenden Roman über ihn und seine Beziehung zu Palpatine geschrieben hat. Das Buch gehört inzwischen natürlich ins alte „Legends“-Universum, d.h. die Handlung zählt nicht mehr zum offiziellen Kanon. Doch Darth Plagueis selbst existiert im „Star Wars“-Universum nach wie vor, er wird ja in einem der Filme erwähnt. Vielleicht spielt der Titel „The Force Awakens“ ja auf sein Wiedererwachen an oder darauf, dass durch sein Einwirken irgendetwas wieder erweckt wird. - Darth Vaders Lichtschwert…?
Auf den Seiten 227-229 befindet sich eine weitere kurze „Interlude“. Darin wird beschrieben, wie eine junge Frau und zwei verhüllte Gestalten einem Händler ein Lichtschwert abkaufen, bei dem es sich angeblich um Darth Vaders Lichtschwert handelt. Als der Händler die Käufer nach ihrer Identität fragt, antwortet die Frau „We are adherents. Acolytes of the Beyond.“ Diese Antwort ist natürlich nicht besonders aussagekräftig, aber möglicherweise gehören die drei ja derselben Gruppierung an wie der von Adam Driver gespielte Kylo Ren – den „Knights of Ren“?
Der zweite Teaser hat mit der auf einem Sockel ausgestellten, halb geschmolzenen Maske Darth Vaders bereits angedeutet, dass Kylo Ren ein Sammler von Artefakten ist, die mit der dunklen Seite (und vielleicht speziell mit Darth Vader) in Verbindung stehen. Also liegt der Gedanke nahe, dass die junge Frau und ihre mysteriösen Begleiter in seinem Auftrag unterwegs sind. Darauf angesprochen, was sie mit dem Lichtschwert vorhat, antwortet die Frau allerdings, sie wolle es zerstören, damit es im Tod zu seinem Meister zurückkehren könne. Andererseits glaube ich gar nicht, dass es sich bei dem Lichtschwert tatsächlich um Vaders Lichtschwert handelt, schließlich müsste das ja Luke an sich genommen haben? Oder nicht? Wie auch immer, die Szene lädt jedenfalls zum Spekulieren ein. - Han und Chewie!
Auf S. 245 beginnt eine weitere, mit sechs Seiten relativ lange „Interlude“ – und es dürfte die mit Abstand interessanteste sein, denn hier treffen wir Han Solo und Chewbacca an Bord des Millennium Falcon! „Aftermath“ spielt relativ kurz nach „Rückkehr der Jedi-Ritter“, man kann hier also keine Einsichten dahingehend ableiten, wie ihr Leben zur Zeit von Episode VII aussehen wird. Folgende Punkte sind allerdings von Interesse:
Han und Chewie sind im Auftrag der Neuen Republik (ja, es gibt eine!) kreuz und quer durch die Galaxis unterwegs. Han vermisst zwar Luke, Leia und Lando, fühlt sich aber auch an alte Zeiten erinnert. Seine und Chewies Mission besteht darin, unter falscher Identität Konakt zu verschiedenen Verbrecherorganisationen aufzunehmen, um mehr über die Versorgungswege des Imperiums herauszufinden. Das Imperium – und das ist in Zusammenhang mit Punkt 1 interessant – versucht nämlich in letzter Zeit anscheinend, wieder mehr Kontrolle über diese Kartelle zu erlangen bzw. Abkommen mit ihnen zu schließen, nachdem es von vielen seiner bisherigen, offiziellen Versorgunugswege abgeschnitten worden ist. Han und Chewie sollen also mehr darüber herausfinden, mit welchen Organisationen das Imperium nun zusammenarbeitet.
Weiterhin erfahren wir, dass sich Kashyyyk, der Heimatplanet der Wookiees, immer noch unter der Kontrolle des Imperiums befindet. Bei Chewbacca handelt es sich um einen der wenigen befreiten Wookiees; die meisten anderen sind immer noch Sklaven des Imperiums. In der Szene, die in „Aftermath“ geschildert wird, werden Han und Chewie von Imra, einer alten Freundin Hans kontaktiert. (Vielleicht werden wir sie ja 2018 im Han Solo-Prequelfilm sehen? Oder kommt sie schon in einem der neuen Comics vor? Ich lese leider so gut wie nie „Star Wars“-Comics.) Imra informiert Han darüber, dass das Imperium momentan die meisten seiner Schiffe von Kashyyyk abgezogen hat und deshalb gerade eine einmalige Gelegenheit besteht, den Planeten (oder zumindest einige seiner Einwohner) zu befreien. Nach einem kurzen Zögern und einem flehenden Blick von Chewbacca beschließt Han, seine Mission für die Neue Republik sausen zu lassen und möglichst viele seiner alten Schmugglerfreunde und einige Wookiee-Flüchtlinge zusammen zu trommeln und sich ohne die Unterstützung der Rebublik auf den Weg nach Kashyyyk zu machen.
Ob das gut gehen kann? Jedenfalls ist Han hier noch im Besitz des Millennium Falcon, die Szene liefert also keine Hinweise darauf, wie es in Episode VII zu seinem jetzt schon legendären Satz „Chewie, we’re home.“ kommt. (Neue Hinweise dazu werden wir wohl im November bekommen, wenn „Star Wars Battlefront“ erscheint, in dem die Schlacht von Jakku behandelt wird.) - Jakku
Und wo ich gerade von Jakku spreche: Eine weitere „Interlude“ (S. 348-352) spielt auf dem Planeten, der auch in „The Force Awakens“ eine wichtige Rolle spielen wird (die Wüstenszenen in den Teasern spielen auf Jakku). Wir werden Zeuge, wie ein erst vor kurzem auf dem Planeten eingetroffener Mann namens Corwin Ballast eine Cantina betritt und sich dort ein wenig mit dem Barkeeper unterhält. Dieser erzählt ihm, dass es auf Jakku Minen gibt, in denen verschiedene Metalle gewonnen werden. Auch Gasvorkommen gibt es auf dem Planeten. Weiterhin finden auf Jakku Rennen („Wheel Races“) statt und es gibt anscheinend so etwas wie einen Mönchsorden. Ob irgendetwas davon im Hinblick auf Episode VII relevant sein wird?
Jakku ist jedenfalls ein Planet, den man so ähnlich beschreiben könnte wie Tatooine: nicht nur voller Wüstensand, sondern auch sehr, sehr abgelegen und alles andere als attraktiv für Besucher. Doch gerade Jakkus Bedeutungslosigkeit ist der Grund für Corwin Ballasts Anwesenheit dort: Nachdem seine ganze Familie in einem Kampf zwischen dem Imperium und den Rebellen ihr Leben verloren hat, wollte er nun an einen Ort flüchten, der so unbedeutend ist, dass ihn bestimmt niemand angreifen wird. Der Barkeeper pflichtet ihm bei, dass er diesen Ort mit Jakku gefunden hat. Doch der informierte „Star Wars“-Fan weiß es besser, schließlich wissen wir bereits, dass wenige Jahre nach „Rückkehr der Jedi-Ritter“ bei Jakku eine große Schlacht zwischen dem Imperium und der Neuen Republik stattfinden wird. Der abgestürzte Sternenzerstörer, den wir im zweiten Teaser zu Episode VII sehen, ist ein Überbleibsel dieser Schlacht.
Die geschilderte Szene mag mit dem kommenden Film direkt nicht besonders viel zu tun haben. Da sie aber auf einem Planeten spielt, der einer der Haupthandlungsorte des Films sein wird, wollte ich sie hier aber nicht unerwähnt lassen.
Natürlich erfährt man in „Aftermath“ auch einige allgemeine Informationen über den Zustand der weit, weit entfernten Galaxis nach dem Tod des Imperators. Eine zentrale Thematik des Buches ist die Feststellung, dass das Imperium zwar eine Niederlage davon getragen hat, der Krieg deshalb aber noch lange nicht vorbei ist. Das wird schon ganz zu Beginn des Romans deutlich, wo wir Zeuge derselben Szene werden, die seit 1997 am Ende von „Rückkehr der Jedi-Ritter“ zu sehen ist: Auf Coruscant reißt eine Gruppe von Rebellenysmpathisanten eine Statue des Imperators nieder. In „Aftermath“ erfahren wir nun, wie es nach den paar Sekunden, die im Film zu sehen waren, weitergeht: Imperiale Truppen eröffnen das Feuer auf die Menge!
Wie nebenbei erfahren wir auch, dass die Rebellen-Anführerin Mon Mothma nun die Kanzlerin der Neuen Republik ist, deren Regierungssitz sich zumindest vorerst nicht auf Coruscant, sondern auf Chandrila befindet. Und auch wenn ich das Buch im Großen und Ganzen eher durchschnittlich und den Schreibstil gewöhnungsbedürftig fand, hat mich das Ende dann doch neugierig auf eine Fortsetzung gemacht. Ganz zum Schluss wird nämlich ein imperialer Admiral eingeführt. Sein Name wird nicht genannt und sein Aussehen ebenfalls nicht beschrieben, doch sein Verhalten und sein letzter Satz „I have thinking to do“ schreien geradezu „Thrawn“. Natürlich könnte das auch eine absichtlich gelegte falsche Fährte sein; ich persönlich glaube eher an eine an Thrawn angelehnte Figur als daran, dass man Thrawn selbst ins „Star Wars“-Universum zurückbringt.
Weitere Verbindungen zwischen „Aftermath“ und dem übrigen „Star Wars“-Universum werden hier aufgelistet.
Mehr als sieben Songs, Teil 5: Darren Hayes – How to Build a Time Machine
Nach David Bowie und Paul McCartney widme ich mich dieses Mal erneut einem meiner Lieblingskünstler: Darren Hayes, den ich 2013 hier im Blog einmal den „größten lebenden, männlichen Popstar“ genannt habe. Berühmt wurde er in den 90er Jahren als die (singende) Hälfte des australischen Pop-Duos Savage Garden, dessen Hits wie „Truly Madly Deeply“, „To The Moon and Back“ oder „I Knew I Loved You“ auch heute noch weltweit im Radio gespielt werden. Savage Garden veröffentlichten nur zwei Alben, bevor sich das Duo auflöste und Darren Hayes eine Karriere als Solokünstler startete. Als er 2002 sein erstes Soloalbum „Spin“ veröffentlichte, dachte ich mir „Hmm, ganz nett und ein paar schöne Balladen, aber insgesamt versucht da jemand ziemlich verzweifelt, wie Michael Jackson zu klingen“.
Dann aber folgte 2004 die zweite Soloplatte – und erst da wurde Darren Hayes für mich richtig interessant und ich wurde zum Fan. Auf „The Tension and the Spark“ entfernte er sich musikalisch vom radiofreundlichen Popsound der Savage Garden-Alben und des ersten Solowerks. Seine Musik klang nun elektronischer und nicht alle Songs gingen sofort ins Ohr. Auch thematisch wurde es düsterer; ein Großteil der Lieder auf dem Album handelt von Depression und Selbstzweifeln (in dieser Hinsicht kaum zu überbieten ist „Unlovable“). Von der Kritik wurde das Album gelobt, kommerziell ging es nun aber steil bergab. Doch Darren Hayes hatte sich längst damit abgefunden, dass die enormen Verkaufszahlen und der weltweite Erfolg der Savage Garden-Jahre nie wieder zu erreichen sein würden. Trotzdem finde ich es schade, dass seine Alben von da an in Deutschland teilweise gar nicht mehr offiziell veröffentlich wurden – bzw. erst einige Zeit nach der Veröffentlichung in Großbritannien und Australien – und dass sich die Promotionaktivitäten seiner Plattenfirma zumeist auch auf diese Länder beschränkte. So sehr ich mir auch wünschte (und ihn auf Facebook anflehte), Darren Hayes kam einfach nicht auf Tour nach Deutschland.
Schon das düstere zweite Soloalbum war schwer zu vermarkten gewesen, 2007 legte Hayes mit „This Delicate Thing We’ve Made“ schließlich ein Doppel-Konzeptalbum vor, das sich zum großen Teil mit dem Thema „Zeitreisen“ beschäftigt. Der Song „How to Build a Time Machine“ bildet dabei den narrativen Kern des Albums. Er behandelt die verführerische Idee, zurück an frühere Stationen des eigenen Lebens zu reisen, um das jüngere Selbst von der inzwischen gewonnenen Erfahrung profitieren zu lassen – das ist zumindest meine Interpretation. Das Lied ist fast sechs Minuten lang und ignoriert die für Popsongs geltenden Konventionen zwar nicht völlig, ist mit seinen Tempowechseln aber dennoch nicht radiotauglich und ist ein Beispiel dafür, wie Hayes auf dem Album mit unterschiedlichen Stilrichtungen experimentiert. Gleichzeitig ist das Lied wie erwähnt in ein erzählerisches Konzept eingebettet; es folgt direkt auf das Stück „Waking the Monster“, in dem der Bau einer Zeitmaschine beschrieben wird. Ich persönlich habe die beiden Lieder stets als eine Einheit betrachtet.
Angesichts der vielen tollen Lieder von Darren Hayes war es gar nicht so einfach, hier eine Auswahl zu treffen („Step Into the Light“ mag ich eigentlich noch lieber). Sein viertes (und bislang letztes) Album „Secret Codes and Battleships“ ist tatsächlich mindestens genau so fantastisch ausgefallen wie die beiden Alben davor. (Und wer bis jetzt nur die Savage Garden-Songs kennt und die Solowerke von Darren Hayes entdecken möchte, dem würde ich dieses Album auch zum Einstieg empfehlen. Darauf ist der Sänger nämlich zu eingängigen Popsongs ohne viele Experimente zurückgekehrt.)
Ebenfalls empfehlen möchte ich DVD „This Delicate Film We’ve Made“, die animierte Musikvideos zu einigen Titeln aus „This Delicate Thing We’ve Made“ enthält. Schließlich möchte ich noch auf Darren Hayes aktuelles Projekt verweisen: Nachdem er seine Musikkarriere momentan unterbrochen hat, um in Los Angeles die Kunst des Improvisationstheaters zu erlernen, steht zurzeit zwar kein neues Album in Aussicht; dafür ist Darren Hayes aber seit Februar Co-Host des Comedy-Podcast „The He Said He Said Show“, der wirklich lustig ist. Trotzdem hoffe ich natürlich, dass er irgendwann ins Studio zurückkehrt, um ein weiteres Album aufzunehmen (vielleicht macht er das ja, wenn er sein Ziel erreicht hat, einmal in einem „Star Wars“-Film mitzuspielen).
Mehr als sieben Songs, Teil 4: Tori Amos – Carnival
Heute gibt es einen Song, zu dem ich nicht so viel schreiben kann, wie über die Lieder von Paul McCartney oder David Bowie. Denn mit Tori Amos habe ich mich ganz einfach noch nicht genug beschäftigt. „Carnival“ ist das erste Lied von ihr, das ich kennen gelernt habe, und auch immer noch mein Lieblingslied von ihr. Eine kurze Wikipedia-Recherche hat eben ergeben, dass es sich dabei um die englischsprachige Fassung des Titels „Manhã de Carnaval“ (komponiert von Luiz Bonfá, getextet von Antônio Maria) handelt. Veröffentlicht wurde die Version von Tori Amos anscheinend nur auf dem Soundtrackalbum zu „Mission: Impossible 2“. Auch ich kenne den Song daher.
Auf den Text von „Carnival“ habe ich bisher noch nie genau geachtet, aber die Atmosphäre, die das Stück erzeugt, sorgt bei mir jedes Mal für Gänsehaut. Als ich etwa 18 Jahre alt war, bekam ich von einer Freundin, die großer Tori Amos-Fan war, ein paar ihrer Alben, ähm, geschenkt. Über die Jahre habe ich mir seitdem ein paar weitere Alben von Tori Amos gekauft und/oder angehört; gefallen haben mir eigentlich alle, aber keines ihrer Lieder hat mich bislang so fasziniert wie „Carnival“.
„Carnival“ war – zusammen mit den CDs, die ich damals von einer Freundin bekam – mein Einstieg in die Welt von Tori Amos. Besonders gut kenne ich mich dort zwar immer noch nicht aus, aber umso mehr habe ich noch zu entdecken und mir auch vorgenommen, mal wieder ein paar von Tori Amos-Alben bewusst und am Stück anzuhören. Allen Lesern, die sich ebenfalls näher mit ihrer Musik beschäftigen wollen, kann ich die vor ein paar Monaten veröffentlichten Deluxe Editions ihrer beiden Klassiker „Little Earthquakes“ und „Under The Pink“ empfehlen.
Hier könnt ihr euch „Carnival“ anhören.
Mehr als sieben Songs, Teil 3: David Bowie – If I’m Dreaming My Life
Michael Jackson, Paul McCartney, David Bowie – das sind im musikalischen Bereich meine drei Lieblingskünstler. Paul McCartney war letzte Woche an der Reihe und Michael Jackson folgt ganz sicher auch noch irgendwann. Diese Woche aber widme ich mich David Bowie, den ich als letzten der drei für mich entdeckt habe.
Im Herbst 1999 trat Bowie mit seinem neuen Song „Thursday’s Child“ bei „Wetten, dass…?“ auf (ich habe mir den Auftritt eben nocheinmal angesehen und erschreckt festgestellt, dass es sich um eine Playback-Version handelt). Meiner Mutter gefiel das Lied so gut, dass sie sich das neue Bowie-Album „Hours…“ zum Geburtstag wünschte und es auch geschenkt bekam. Allerdings war ich es dann, der sich immer wieder in das Album vertiefte. Und was für ein Album das war! In Fan-Abstiummungen über das beste Bowie-Album landet es immer wieder auf den hinteren Plätzen und kommerziell war es ebenfalls nicht besonders erfolgreich, aber mir hat es nicht nur die Tür in Bowies Welt geöffnet, sondern auch vor Augen geführt, wie komplex und tiefgründig Pop- und Rockmusik sein kann.
Alles an „Hours…“ hat mich damals fasziniert: Bowies hypnotische, mir zuvor fast unbekannte Stimme. Die Songtexte, die so viel komplexer waren als bei all der Musik, die im Radio lief. Das faszinierende Artwork des Albums. Immer wieder habe ich beim Anhören des Albums (aber nicht nur dann) das Booklet durchgeblättert, wo nicht nur die Texte in Handschrift-Optik abgedruckt waren, sondern auch viele Fotos von Bowie, dessen Look damals (mal wieder) einen radikalen Bruch mit den Outfits und Frisuren der Jahre davor darstellte. Die orangen Stachelhaare der „Earthling“-Zeit gehörten der Vergangenheit an, dafür trug Bowie seine Haare nun lang und ungefärbt. Von „Earthling“ oder selbst von „Ziggy Stardust“ hatte ich damals noch gar keine Ahnung, aber trotzdem fühlte ich mich auf fast hypnotische Weise zu Bowie und den Liedern auf „Hours…“ hingezogen. Ich war gerade 18 Jahre alt geworden und mir fehlte es an Orientierung, um es einmal harmlos auszudrücken. Schon immer hatte ich einen Hang zur Melancholie und zum Träumen. All dies können also Gründe sein, warum die größtenteils ruhigen und nachdenklichen Songs auf dem Album eine so anziehende Wirkung auf mich hatten. (Auch in dieser Hinsicht war das Album für Bowie eine Wende; es wurde oft als eine Rückkehr zu seinen musikalischen Anfängen beschrieben. Auf dem Albumcover blickt der „neue“ langhaarige Bowie auf sein jüngeres und scheinbar totes Alter Ego herab.)
„Hours…“ machte mir auch zum ersten Mal bewusst, wie komplex und bedeutungsvoll Songtexte sein können – und schließlich auch, dass man nicht unbedingt in der gleichen Situation wie der Autor sein muss, um sich von diesen Worten berührt zu fühlen und einen eigenen Bezug zu ihnen herstellen zu können. Ich erinnere mich, einmal gelesen zu haben, der damals 53-jährige Bowie habe sich auf „Hours…“ erstmals vermehrt mit dem eigenen Altern auseinandergesetzt. Das mag stimmen oder nicht, in mir hat er mit den Liedern aber auf jeden Fall einen Nerv getroffen, auch wenn ich mir übers Altern damals bestimmt noch keine Gedanken gemacht habe. In diesem Zusammenhang muss ich noch unbedingt das geniale Musikvideo zu „Thursday’s Child“ erwähnen, das allein daraus besteht, dass eben jener alternde Bowie im Spiegel sein jüngeres Ich studiert.
Warum schreibe ich hier also so viel über „Thursday’s Child“, obwohl es der Überschrift zufolge doch um einen anderen Song aus dem Album geht? Ganz einfach: Ich mag nun mal alle Songs auf dem Album sehr, sehr gerne (allerdings sind die ersten fünf Titel besser als die zweite Hälfte des Albums). „Thursdays’s Child“ ist neben „Life On Mars?“ mein Bowie-Lieblingssong. Und genau weil die Wahl dieses Songs also so nahe lag, habe ich mich für einen anderen entschieden. „If I’m Dreaming My Life“ ist mit einer Länge von sieben Minuten das längste Lied auf dem Album und sicherlich auch dasjenige, zu dessen Text ich den engsten Bezug habe. Schließlich habe ich mindestens seit der Zeit, in der ich David Bowie für mich entdeckt habe, regelmäßig das Gefühl, mein Leben lediglich zu träumen. „If I’m dreaming all my life away…“, heißt es im Song. Text, Melodie und stimmliche Darbietung passen hier perfekt zueinander. Das Lied hat einen rockigen, fast getrieben wirkenden Teil und könnte nach viereinhalb Minuten zu Ende sein, doch genau da beginnt der schönste Teil. Wie ein Mantra wiederholt Bowie (diese Stimme!) immer wieder die Worte „Dreaming My Life“ – ein Klagegesang, der verbunden mit den „ooohhs“ des Background-Gesangs eine meditative Wirkung erzeugt.
Tja, was soll ich noch schreiben? Das Album hat mich offenbar zur richtigen Zeit in meinem Leben erreicht und so entscheidend prägen können. Noch heute gehört es zu meinen absoluten Lieblingsalben, ich kann die Texte fast alle fehlerfrei mitsingen. Ein paar Monate nachdem ich Bowie für mich entdeckt hatte, beschloss ich übrigens, sein Werk weiter zu erforschen und kaufte sein 1995er Album „Outside“. Ich weiß noch, wie enttäuscht ich nach dem ersten Anhören damals war – nicht nur, weil sich einfach nicht das gleiche Gefühl wie bei „Hours…“ einstellen wollte, sondern sogar, weil ich die Musik einfach seltsam und befremdlich fand. Das sollte Bowie sein, der Bowie, den ich gerade erst für mich entdeckt hatte und der mich auf „Hours…“ so faszinierte? Ja und nein. Es war natürlich ebenfalls Bowie, aber eine der ersten Entdeckungen, die man macht, wenn beginnt sich durch seine Diskografie zu hören, ist die, dass Bowie immer anders ist. Erst wenn man sich dann länger mit ihm beschäftigt hat, merkt man irgendwann, dass all seine Alben trotz ihrer Unterschiedlichkeit dennoch den gewissen, unbeschreiblichen Bowie-Funken haben. Inzwischen mag ich fast alles von Bowie und kenne die meisten seiner Alben. Viele davon habe ich noch gar nicht ausführlich erforscht, da gibt es also noch viel für mich zu entdecken.
Hier gibt es die Album-Version von „If I’m Dreaming My Life“ zum Anhören und hier eine tolle Live-Version.
Mehr als sieben Songs, Teil 2: Paul McCartney – Scared
Da Michael Jackson mein Lieblingskünstler ist, müsste ich heute – an seinem Geburtstag – eigentlich einen Jackson-Song posten. Es wird in dieser neuen Rubrik sicherlich auch noch einige davon geben, aber ich habe mich ganz einfach noch für keine(n) entschieden.
Nachdem der erste der mehr als sieben Songs letzte Woche eine Beatles-Coverversion war, gibt es heute erneut ein Lied von einem der Beatles. Paul McCartney gehört zu meinen Lieblingssängern. Die Liebe zu den Beatles wurde mir gewissermaßen in die Wiege gelegt, da mein Vater schon lange vor meiner Geburt großer Beatles-Fan war. Als ich mich als Teenager aktiv für Musik zu interessieren begann, gehörte die CD-Sammlung meiner Eltern (mit den Schallplatten beschäftigte ich mich leider weniger) zu einer meiner wichtigsten Quellen, und da waren nun mal viele Werke der Beatles bzw. Ex-Beatles darunter. Das erste McCartney-Album, das ich bei seiner Veröffentlichung bewusst wahrgenommen habe, war 1997 „Flaming Pie“. Es ist noch heute mein Lieblingsalbum von „Macca“, den ich auch zweimal live im Konzert erleben durfte.
Vor knapp zwei Jahren erschien McCartneys bislang letztes Studioalbum „New“, das ich ebenfalls für eines seiner besten halte. Er arbeitete dafür mit vier verschiedenen Musikproduzenten zusammen, sodass die Lieder sich abwechslungsreich voneinander abheben. Doch das vielleicht beste Stück auf dem Album hat er einfach versteckt! „Scared“ befindet sich als Verlängerung des letzten Songs als so genannter „hidden track“ auf dem Album und ist nicht in der Titelliste aufgeführt.
Dass dieses Stück so versteckt wurde und von McCartney auch noch nie bei Konzerten gesungen wurde, ist eine Schande. Es zeigt nämlich wie kaum ein anderer Song auf dem Album (außer vielleicht dem ähnlich minimalistischen und persönlichen „Early Days“), dass McCartney als Songwriter oft dann am besten ist, wenn er sich von Bombast und zuviel Komplexität fernhält und elementare menschliche Emotionen in eine ganz einfache musikalische Form gießt. Insofern steht „Scared“ für mich auf einer Stufe mit „Yesterday“, mit dem es nicht nur die einfache Instrumentierung gemeinsam hat; beide Lieder haben auch jeweils einen elementaren menschlichen Gefühlszustand zum Thema. „Yesterday“ handelt von dem Schmerz, nachdem einen der Partner verlassen hat; „Scared“ handelt von der Angst oder Schwierigkeit, einer anderen Person seine tiefen Gefühle für sie mitzuteilen. Weil McCartney es in vielen seiner besten Stücke schafft, menschliches Gefühlsleben musikalisch und textlich mit wenigen Mitteln, aber doch treffsicher auszudrücken, berühren seine Lieder so viele Menschen. Den Kitsch, der ihm oftmals vorgeworfen wurde, vermeidet er bei „Scared“ erfolgreich.
Das Lied wurde von Giles Martin, dem Sohn des Beatles-Produzenten George Martin, produziert. Es hat nicht einmal einen Refrain, nur drei Strophen und eine Überleitung zwischen den letzten beiden davon. Das hier ist die erste Strophe:
I’m scared to say I love you
Afraid to let you know
That the simplest of words won’t come out of my mouth
Though I’m dying to let them go
Trying to let you know
Ich erinnere mich, dass Paul McCartney in einem Interview zur Zeit der Albumveröffentlichung erzählt hat, es sei ihm in der Beziehung zu seiner späteren Ehefrau Nancy Shevell anfangs schwer gefallen, ihr gegenüber seine Gefühle für sie auszudrücken. Diese Beobachtung habe er später in dem Lied festgehalten. Nun, wenn man für die Frau, die man liebt solche Lieder schreiben kann, dann macht es sicherlich nichts, wenn man im Beziehungsalltag nicht immer die richtigen (und manchmal gar keine) Worte findet…
Mehr als sieben Songs, Teil 1: Anthony Stewart Head – We Can Work It Out
Auf Facebook bin ich vor ein paar Tagen für die „7 Tage – 7 Songs“-Challenge nominiert worden. In sieben Tagen soll ich sieben Lieder teilen, die ich mag. Unmöglich. Nachdem ich mir lange den Kopf darüber zerbrochen habe, auf welche sieben Songs ich mich beschränken soll, bin ich zu dem Ergebnis gekommen, dass das gar nicht geht. Nur sieben Lieder!?
Stattdessen habe ich aus der Herausforderung nun eine neue Blogkategorie gemacht. Logischerweise heißt sie „Mehr als sieben Songs“. In unregelmäßigen Abständen werde ich hier ab jetzt Lieder vorstellen, die ich gerne mag, die mir etwas bedeuten und/oder zu denen ich etwas zu erzählen habe.
Den Anfang macht die Lennon/McCartney-Komposition „We Can Work It Out“ in dieser wunderschönen Cover-Version von Anthony Stewart Head. Ein Lied zu covern ist stets eine schwierige Sache. Oftmals verkommt eine Coverversion zur bloßen Kopie oder zum billigen Abklatsch, der dem Original nichts Eigenes hinzuzufügen hat und als überflüssig erscheint (Beispiel: „I Love Rock’n’Roll“ von Britney Spears). In anderen Fällen wiederum versuchen Künstler, bewusst einen ganz anderen Weg einzuschlagen als der Interpret des Originals. Das kann ebenfalls nach hinten losgehen, bei der Version von „We Can Work It Out“, die ich hier ausgesucht habe, hat es sich meiner Meinung nach jedoch gelohnt.
Anthony Stewart Head dürfte den meisten durch seine Rolle als Rupert Giles in Joss Whedons Serie „Buffy the Vampire Slayer“ bekannt sein. Neben seiner Schauspielkarriere war er jedoch immer wieder auch als Sänger und Musiker aktiv. 2002 veröffentlichte er zusammen mit George Sarah das Album „Music for Elevators“, auf das ich damals aufmerksam geworden bin, weil meine beste Freundin ein großer Fan von „Buffy“ und Anthony Stewart Head ist. Über die Jahre habe ich das Album seitdem immer wieder gehört und die Lieder daraus befinden sich in vielen Playlists, die meinen Alltag begleiten. Es gibt noch einige andere tolle Stücke auf dem Album, aber „We Can Work It Out“ (die einzige Coverversion) finde ich besonders faszinierend. Durch sein langsames Tempo und seine im Vergleich zum Original zunächst befremdlich erscheinende Instrumentierung erzeugt das Stück eine ganz andere Atmosphäre als die Beatles-Version.
Diese Atmosphäre und der Klang des ganzen Albums dürften zu einem guten Teil auf den Komponisten und Musiker George Sarah zurückzuführen sein, der das Album gemeinsam mit Head komponiert und produziert hat. Heads zweites Album „Staring at the Sun“, das letztes Jahr erschienen ist, hört sich jedenfalls weit konventioneller und einfallsloser an als „Music For Elevators“, bei dem man unter anderem aufgrund von Heads Stimme manchmal fast den Eindruck hat, einer Bowie-Platte zu lauschen.
Diese Fassung von „We Can Work It Out“ hebt sich zusätzlich dadurch vom Original ab, dass sie als Duett zwischen Head und einer weiblichen Sängerin angelegt ist (YouTube zufolge handelt es sich dabei um Holly Palmer, während Wikipedia behauptet, die Stimme gehöre der aus „Buffy“ bekannten Schauspielerin Amber Benson). Das Hin und Her zwischen Mann und Frau unterstreicht die Geschichte eines sich streitenden Paares, die das Lied erzählt und trägt dazu bei, diese Fassung des Songs zu einer der besten Cover-Versionen zu machen, die ich kenne.
20 Jahre „HIStory“
Der deutschen Wikipedia-Seite zufolge erschien Michael Jacksons „HIStory“-Album heute vor 20 Jahren, am 14. Juni 1995. Da ich das Erscheinen dieses Albums als den Beginn meines Fanseins markiere, bin ich also bereits seit 20 Jahren Michael Jackson-Fan! Lasst mich noch ein bisschen weiter in der Zeit zurück gehen. Ich wurde im November 1981 geboren. Bereits einige Zeit vor der Veröffentlichung von „HIStory“, als ich zwölf oder dreizehn Jahre alt war, begann ich meine Leidenschaft für Michael Jackson zu entdecken. Meine Eltern hatten zu dieser Zeit zwei seiner Alben als CDs im Regal stehen: „Thriller“, das man einfach haben musste und das mein Vater wohl gekauft hatte, sobald ein CD-Player bei uns in der Wohnung stand, und das 1991 veröffentlichte „Dangerous“, das er wohl deshalb gekauft hatte, weil es bei seinem Erscheinen – wie die meisten MJ-Alben – aufwändig beworben wurde. Ich erinnere mich, dass meine Eltern mir einmal erzählten, sie hätten die Premiere eines Musikvideos von Michael Jackson im Fernsehen gesehen; vielleicht handelte es sich dabei um „Black Or White“, die erste Singleauskopplung aus „Dangerous“ und vielleicht war das der Auslöser, der zum Kauf des Albums geführt hatte. Musikvideos, gerade die von Michael Jackson, waren damals ja noch eine große Sache. Für uns umso mehr, wir hatten nämlich bis zu unserem Umzug 1996 kein Kabelfernsehen, was bedeutete, dass wir MTV und VIVA nicht empfangen und damit auch fast keine Musikvideos sehen konnten. Ich erinnere mich auch daran, dass mein Vater einmal nach Hause kam und vollkommen beeindruckt davon erzählte, er habe bei einem Freund das Video zu Meat Loafs „I’d Do Anything For Love“ (Regie: Michael Bay!) gesehen. Natürlich hatte er danach gleich das dazugehörige Album gekauft (das ich wie die beiden Jackson-Alben irgendwann quasi beschlagnahmte und in meinen eigenen CD-Ständer stellte – ich habe die drei CDs noch heute). Jedenfalls überspielte ich mir „Thriller“ und „Dangerous“ auf Kassette, um die Alben mit meinem Walkman hören zu können, den ich glaube ich zum zwölften Geburtstag geschenkt bekommen hatte. Dabei handelte es sich nicht um einen „echten“ Walkman, also nicht um ein Sony-Gerät, aber man konnte mit ihm auch Radio hören, was zumindest in dieser Kombination etwas Besonderes war. Ich kann mich nicht erinnern, die beiden Alben schon damals besonders häufig gehört zu haben oder bereits eine bewusste Vorliebe für Michael Jackson entwickelt zu haben, aber sie müssen sich irgendwie in mein Unterbewusstsein eingebrannt haben.
Im Juni 1995 erschien also Michael Jacksons neues Album „HIStory“. Über Michael Jackson wusste ich zu diesem Zeitpunkt noch nicht besonders viel. Ich war 13 Jahre alt, interessierte mich erst seit etwa einem Jahr aktiv für Musik und konnte wie erwähnt zuhause kein MTV gucken. An einem Samstag im Juni schlug mein Vater vor, zum TV Markt 2000 zu fahren, um Michael Jacksons neues Album zu kaufen. Der TV Markt 2000 war ein großer Elektronikmarkt in einer der umliegenden Gemeinden und genau wie Media Markt oder Saturn (damals noch Saturn Hansa) in unserer Familie ein beliebtes Wochenendausflugsziel. In meiner Erinnerung handelte es sich bei diesem Samstag um den Erscheinungstag von „HIStory“, vielleicht war das Album aber auch bereits einige Tage auf dem Markt (der 14.06.1995 war jedenfalls ein Mittwoch). Mein Vater und ich fuhren also in den Elektronikmarkt, kauften dort die Doppel-CD und füllten im Geschäft auch noch jeder eine Teilnahmekarte für ein Gewinnspiel aus. Als wir wieder zuhause waren, klingelte das Telefon und es meldete sich ein Mitarbeiter des Marktes. Mein Vater und ich hatten bei dem Gewinnspiel den ersten und zweiten Preis gewonnen: er eine Stereoanlage, ich einen Videorekorder! Wir konnten die Gewinne sofort abholen, mussten uns aber beeilen, da damals die Geschäfte an Samstagen noch um 13 oder 14 Uhr schlossen. Doch wir kamen noch rechtzeitig, um unsere Gewinne in Empfang zu nehmen, düsten wieder zurück nach Hause und tauschten dort unsere Gewinne: Da ich mir sowieso eine Stereoanlage gewünscht hatte, bekam ich die Anlage und mein Vater den Videorekorder. Tja, und der Rest ist HIStory… Ich hatte die Stereoanlage über neun Jahre lang in meinem Besitz und hörte dort vor allem sämtliche Jackson-Alben rauf und runter. Mit „HIStory“ nahm meine Jackson-Leidenschaft so richtig Fahrt auf. Ein paar Wochen später kaufte ich mir „Off The Wall“ und „Bad“ und hatte damit erst einmal die wichtigsten, damals erschienen MJ-Alben beisammen.
Seitdem sind 20 Jahre vergangen. Michael Jackson hat nach „HIStory“ mit „Invincible“ noch ein weiteres volles Studioalbum veröffentlicht, aus dem wegen seiner Streitigkeiten mit Sony Musik jedoch kaum Musikvideos, Hitsingles und Performances hervorgegangen sind. Ich bin froh, 1995 zum Fan geworden zu sein und so wenigstens noch ein paar Jahre lang miterlebt zu haben, wie aufregend es war, auf eine neue Single oder ein neues Musikvideo zu warten bzw. diese ganz unvorbereitet zu entdecken. Denn damals – das Internet war bei mir noch nicht richtig angekommen – wusste ich oft gar nicht, dass etwa eine neue Single bevorstand. Ich weiß noch, wie ich einige Tage vor MJ’s Auftritt bei „Wetten dass…?“ die „Earth Song“-Maxi-CD zufällig im Geschäft entdeckte. Auf der Hülle prangte ein Aufkleber mit dem Hinweis „Der Song aus Wetten, dass…?“, allerdings lag der Auftritt in Thomas Gottschalks Sendung noch einige Tage in der Zukunft. Erst durch diese Entdeckung erfuhr ich überhaupt von der Singleauskopplung. Auch dass es von manchen Maxi-CDs verschiedene Versionen gab, entdeckte man oft nur durch das geduldige Durchsuchen der CD-Abteilungen in den Geschäften. Als ich 1998 im Frankreich-Urlaub in einem Laden, der gebrauchte CDs verkaufte, französische, in Pappschubern steckende Versionen von „You Are Not Alone“, „Earth Song“ und „They Don’t Care About Us“ ergatterte, war ich überrascht und überglücklich.
Gestern jährte sich Michael Jacksons Freispruch von den falschen Anschuldigungen wegen Kindesmissbrauchs zum zehten Mal. Der australische MJ-Podcast „The MJCast“ hat dazu ein zweistündiges Interview mit Jacksons Anwalt Tom Mesereau geführt, das – wie alle Episoden des Podcasts – sehr hörenswert und informativ ist. Die 15 neuen Lieder auf der zweiten Disc von „HIStory“ beschäftigen sich bekanntlich zu einem großen Teil mit den Anschuldigungen von 1993, als Michael Jackson zum ersten Mal dem Vorwurf des Kindesmissbrauchs ausgesetzt wurde. In „Scream“ setzen sich Michael und seine Schwester Janet gegen die Schmutzkampagnen der Medien zur Wehr, in „D.S.“ geht Michael persönlich mit Bezirkstaatsanwalt Tom Sneddon ins Gericht (dem Booklet zufolge steht „D.S.“ für „Dom Sheldon“, Michael singt aber hörbar „Tom Sneddon“) und in „Tabloid Junkie“ beklagt er sich über den Teufelkreis aus falschen Sensationsmeldungen und der Jagd nach immer höheren Auflagen und Einschaltquoten und fordert die Medienkonsumten auf, sich diesem Kreislauf schlicht zu verweigern: „To buy it is to feed it.“ (Lange Zeit dachte ich als Jugendlicher, der Song handele von MJ’s Tablettensucht, weil ich das in einer Zeitschrift gelesen hatte. Der Redakteur hatte das Lied wohl nicht genau angehört und nicht gewusst, dass „tabloid“ eine Bezeichnung für die Boulevardpresse ist.) Bei all den Aggressionen, die in vielen Liedern spürbar sind, finde ich es bezeichnend, dass Jackson das Album mit einer positiven Note enden ließ: mit seiner Version eines seiner Lieblingslieder, Charlie Chaplins „Smile“. „He starts the record with a scream, but ends it with a smile“, schreibt Brad Sundberg, der lange im Studio mit Jackson zusammen gearbeitet hat.
Der volle Titel des Albums lautet „HIStory – Past, Present and Future, Book I“. Ein „Book II“ ist nie erschienen, obwohl Michael nach den Jahren 2003 bis 2005 wohl Grund genug gehabt hätte, ein weiteres, sehr persönliches Album aufzunehmen. Während des Prozesses 2005 schrieb er zwar Songs, in denen er sich mit den Erfahrungen dieser Zeit auseinandersetzte, aber bekanntlich wurde zu seinen Lebzeiten keines der Lieder, an denen er nach „Invincible“ arbeitete, vollendet und veröffentlicht. „HIStory“ wurde 1995 beworben, als handele es sich um einen Kinoblockbuster. Michael drehte einen Kurzfilm, mit dem auf die Album-Veröffentlichung aufmerksam gemacht werden sollte und der soweit ich weiß auch im Kino zu sehen war (wer sich für die Interpretation dieses als „HIStory Teaser“ bekannten Werks interessiert, dem empfehle ich die drei sehr ausführlichen Blogposts auf dem „Dancing With The Elephant“-Blog). In mehreren europäischen Großstädten ließ Sony Music Statuen die vom Albumcover bekannten Michael Jackson aufstellen, unter anderem in London, wo eine davon auf der Themse schwamm. Michael Jackson gab zur Albumveröffentlichung eines seiner seltenen Interviews. Gemeinsam mit seiner damaligen Frau Lisa Marie Presley stellte er sich live im Fernsehen den Fragen von Diane Sawyer, die sich natürlich wie die meisten Journalisten kaum für die neue Musik interessierte, sondern Fragen stellte wie die, ob Michael und Lisa wirklich Sex miteinander hätten… (Auch zu diesem Interview gibt es eine sehr interessante Analyse.) Im September legte Michael einen spektakulären, 15-minütigen Auftritt bei den MTV Video Music Awards hin, der zu seinen besten Auftritten zählt: Wenn ich schon bei spektakulären Auftritten bin, darf ich natürlich auch Michaels Performance bei „Wetten, dass…?“ nicht vergessen, wo er die Halle zunächst mit „Dangerous“ und dann mit „Earth Song“ zum Beben brachte. Dieser Auftritt brachte ihm auch endlich seine erste Nummer 1-Single in Deutschland ein – „Earth Song“ blieb sechs Wochen auf dem Spitzenplatz. Auch die nächste Singleauskopplung „They Don’t Care About Us“ schaffte es hierzulande ganz nach oben in die Charts. Rückblickend hätte ich mir gerne noch weitere Singleauskopplungen aus „HIStory“ gewünscht. Insgesamt wurden sechs Titel als Singles ausgekoppelt (wenn man von den nicht käuflich erwerbbaren Promo-Singles einmal absieht), einer davon („HIStory“) jedoch nur als Remixversion und ohne richtig neues Musikvideo. Bemerkenswert ist die (für damalige Verhältnisse nicht ungewöhnliche) lange Lebensdauer des Albums. Durch die erst im September 1996 gestartete und über ein Jahr dauernde HIStory Tour und die zwischenzeitliche Veröffentlichung des Remixalbums „Blood On The Dance Floor – HIStory in the Mix“ wurde das Album über zwei Jahre lang aktiv beworben. Mit „Smile“ war zumindest eine weitere Singleauskopplung 1997 noch geplant gewesen, die jedoch wieder zurück gezogen wurde. Die wenigen bereits produzierten Promo-CDs sind heute ein begehrtes Sammlerstück (ich besitze leider keine). Besonders schade finde ich es, dass „2 Bad“ nicht als Single veröffentlicht wurde. Es ist eines der drei Lieder, die im knapp 40-minütigen Film „Ghosts“ vorkommen, der ursprünglich sogar als Musikvideo ganz allein für diesen Song geplant war. Es handelt sich dabei übrigens nicht um eine Fortsetzung von „Bad“, auch wenn das Wortspiel im Titel dies andeutet. Stattdessen setzt sich Michael hier ein weiteres Mal gegen all die Anschuldigungen zur Wehr, denen er ausgesetzt war.
Vor kurzem habe ich mir „HIStory“ wieder einmal angehört. Ich höre eigentlich so gut wie jeden Tag Musik von Michael Jackson, aber eben meistens auf dem iPod oder dem Laptop und in zufälliger Reihenfolge. Schon lange habe ich kein ganzes Album mehr am Stück gehört, so wie ich das früher oft getan habe. Genau das habe ich aber neulich getan: Die CD in den Player geschoben, mir gute Kopfhörer aufgesetzt und das Album vom ersten bis zum letzten Song durchgehört. In gewisser Weise war es, als hörte ich das Album zum ersten Mal. So viele Details gehen beim Anhören von mp3s auf dem Laptop oder mit kleinen iPod-Ohrstöpseln verloren und gerade Michael Jacksons Musik ist ja bekannt dafür, dass sie in teils jahrelanger Studioarbeit mit viel Liebe zum Detail aufgenommen und produziert worden ist. Ich habe so viele Dinge in den Liedern entdeckt, die ich schon lange nicht mehr – oder manchmal sogar noch nie – gehört habe.

Die deutsche Erstveröffentlichung des „HIStory“-Albums (für eine größere Ansicht auf das Bild klicken).
A propos Details, von „HIStory“ existieren – wie von allen Jackson-Alben – verschiedene Versionen, die sich nicht nur äußerlich unterscheiden, sondern zum Teil auch inhaltlich. Wer das Album 1995 in Deutschland gekauft hat, der wird vielleicht genau wie ich eine Version der auf 500.000 Exemplare limitierten Erstauflage besitzen, die mit einem Aufkleber versehen war (siehe Foto). Die „persönliche Botschaft“ an seine deutschen Fans befindet sich als 16. Track auf der ersten CD. Neben Deutschland bekamen auch Frankreich und Holland eine eigene Botschaft von Michael. Außer dem Booklet lag der Erstauflage noch ein Flyer bei, mit dem man T-Shirts und anderes offizielles Merchandise bestellen konnte. (Übrigens besitze ich das Album, das mein Vater damals 1995 gekauft hat, schon seit einigen Jahren nicht mehr. Durch den jahrelangen fast täglichen Gebrauch ist irgendwann die Hülle kaputt gegangen, sodass ich das Album irgendwann leider weggeschmissen und mir bei Ebay ein anderes Exemplar der Erstauflage besorgt habe.) Neben diesen äußeren Besonderheiten bietet die Erstauflage des Albums auch ein paar inhaltliche: „They Don’t Care About Us“ liegt hier noch in der usprünglichen Version, bei der die Worte „jew“ und „kike“ noch nicht durch Geräusche unhörbar gemacht worden waren. (Für die Singleversion des Songs wurde zusätzlich der erste Refrain des Songs verändert. In der Albumversion singt Michael ihn alleine, in der Singleversion zusammen mit dem Chor, genau wie auch im späteren Verlauf des Songs.) Ein weiterer Unterschied betrifft den Titelsong des Albums: Auf der ursprünglichen Fassung beginnt das Lied mit einem Auszug der Orchesterfassung von Mussorgskys „Bilder einer Ausstellung“, der später durch ein anderes, ähnlich klingendes Stück ersetzt wurde (den Grund dafür kenne ich nicht). „Come Together“ liegt auf „HIStory“ leider nur in einer gekürzten Version vor (dabei hätten doch noch zwei Minuten mehr auf die CD gepasst). Die ursprüngliche, fast fünfeinhalb Minuten lange Fassung des Liedes wurde 1992 auf der Maxi-CD zu „Remember The Time“ veröffentlicht. Dass Michael den Song 1995 auf das Album packte, obwohl er ihn zuvor bereits veröffentlicht hatte, finde ich sehr interessant. Auch „You Are Not Alone“ ist auf „HIStory“ nicht in voller Länge zu hören, zumindest ist die 2004 auf der „Ultimate Collection“ veröffentlichte Fassung des Songs tatsächlich um etwa 15 Sekunden länger (es wird später ausgeblendet).
„HIStory“ ist fast überall nur als Doppelalbum erschienen. Zwar wurde 2001 die erste CD des Albums als separates Greatest Hits-Album unter dem Titel „Greatest Hits – HIStory Volume I“ in den Handel gebracht, die zweite Disc – also das eigentlich neue Album – erschien jedoch nie als einzelne CD. Das dachte ich zumindest bis vor ein paar Jahren, als ich im Internet auf eine spezielle, in Italien veröffentlichte „HIStory“-Version stieß. Dabei handelt es sich um eine Einzel-CD, die nur aus der zweiten Disc besteht – diese ist allerdings nicht gold, wie die ursprünglichen „HIStory“-CDs, sondern in normalem „CD-Silber“ gehalten. Ich bin ja eigentlich niemand, der jede einzelne mal irgendwo auf der Welt veröffentlichte Fassung eines Albums sammelt, aber diese Version musste ich mir dann doch kaufen.
Mit „HIStory“ bin ich also zum Michael Jackson-Fan geworden. Mein Lieblingsalbum ist „Dangerous“, aber jetzt – nachdem ich mir „HIStory“ wieder einmal ganz angehört habe – ist mir erneut bewusst geworden, was für ein Meisterwerk auch dieses Album ist. Als es 1995 erschien, taten die Medien das Album fast ausnahmslos als Musik eines paranoiden und größenwahnsinnigen Spinners ab, der seine besten Zeiten hinter sich hatte. Dass Michael Jackson sich durchaus künstlerisch weiter entwickelt hatte und auf „HIStory“ einige seiner besten Lieder („Earth Song“, „Stranger In Moscow“) veröffentlichte, wollten oder konnten damals die Wenigsten sehen. Neben der geradezu unverstellbar detailverliebten Produktion der Songs ist auch die Zusammenstellung der Lieder bemerkenswert. Wütende Aufschreie gegen die Medien („Scream“, „Tabloid Junkie“) stehen neben einem Protestsong, der sich für die Rechte der Armen und Benachteiligten einsetzt („They Don’t Care About Us“). Ein intimer Blick in Jacksons manchmal so einsame Seele („Stranger In Moscow“), eine sämtliche Konventionen der Popmusik sprengende Hymne für den Planeten („Earth Song“) und sogar eine klassisch instrumentierte Ballade über Kindesmisshandlung (!) („Little Susie“) finden sich ebenfalls auf dem Album. Dann gibt es noch einen Sprechgesang gegen Gier und Korruption („Money“), einen simplen und aggressiven Rocksong, in dem Michael seine Wut über Tom Sneddon herausschreit („D.S.“), ein funkiges R&B-Stück, mit dem Michael Tom Sneddon, Evan Chandler & Co. quasi die Zunge raustreckt („This Time Around“), eine ganz konventionelle Liebesballade („You Are Not Alone“), eine sehr gelungene Beatles-Coverversion („Come Together“), einen weiteren intimen Blick in Michaels Seelenleben und sein wohl persönlichstes Lied („Childhood“), eine aggressive Funk/R&B-Tanznummer („2 Bad“) und ein mit Zitaten angereichertes, in den Strophen zackig-trotziges und im Refrain euphorisch-hymnisches Stück, das sich wie der Albumtitel sowohl auf Michael Jackson persönlich als auch auf den Zustand der Welt im Allgemeinen beziehen lässt („HIStory“). Zum versöhnlichen Abschluss dann Michaels grandiose Version von „Smile“.
„HIStory“ ist sicherlich Michael Jacksons vielseitigstes Album. Er wechselt darauf zwischen so vielen Genres und Stilen hin und her, dass der Begriff „Popalbum“ fast schon nicht mehr auszureichen scheint. Wenn man dem Album eines vorwerfen kann, dann dass es uneinheitlich ist. Im Gegensatz zu „Dangerous“, das sich trotz auch dort vorhandener Genrewechsel wie aus einem Guss anhört, ist „HIStory“ eine Zusammenstellung höchst unterschiedlicher Stücke, die auf den ersten Blick nicht immer zusammenpassen wollen. Michael hätte sich dafür entscheiden können, erst einmal nur ein Album voller aggressiver, funkiger Songs herauszubringen. Doch er dachte jenseits von Genregrenzen, Musik war für ihn Musik und ein guter Song ein guter Song. Zudem waren ihm viele Lieder auf „HIStory“ sicherlich wegen ihrer Botschaft sehr wichtig. Der fehlende musikalische rote Faden ist sicherlich auch der Tatsache geschuldet, dass er hier noch mehr als bei „Dangerous“ mit mehreren unterschiedlichen Produzenten arbeitete. Erstmals produzierte er allerdings auch einige Titel ganz alleine (z.B. „Stranger In Moscow“, „Little Susie“, „They Don’t Care About Us“). „HIStory“ ist wahrlich ein monumentales Album, ein in seinem Umfang extrem ehrgeiziges Werk, aber auch eines, das Michael Jackson auf dem Höhepunkt seines musikalischen Schaffens zeigt und intime Blicke in seine Sicht auf die Welt – nicht nur auf seine Welt – ermöglicht. Leider hat der Michael Jackson Estate das Jubiläum des Albums vollkommen ignoriert. Wir warten also erst einmal auf den 25. Jahrestag des Albums – vielleicht erwartet uns ja dann die Jubiläumsedition mit Demoversionen, unveröffentlichten Stücken und Hintergrundmaterial (allerdings bezweifliche ich das). Bis dahin höre ich einfach das Original-Album wieder und wieder an – es gibt darin noch so vieles zu entdecken.
Susan Fast: Dangerous (Buchrezension)
Ich habe bereits mehrmals über Michael Jackson geschrieben (z.B. hier und hier) und nun ist es mal wieder an der Zeit. Im letzten Jahr ist ein fantastisches neues Buch erschienen, das ich hier besprechen will. Jackson musste anscheinend leider wirklich erst sterben, bevor sich die akademische Welt ernsthaft mit ihm zu beschäftigen begann. Inzwischen gibt es tatsächlich so etwas wie die „Michael Jackson Studies“ und es erscheinen immer mehr wissenschaftliche Aufsätze und Sachbücher über Jackson, seine Kunst, sein Leben und den Einfluss, den er auf die Welt hatte und hat. Weil Mainstream-Künstler ihre Kunst meistens nun mal kaum zu erklären pflegen und weil es sich eben um Mainstream-/Popkultur handelt, wird ihnen oft jegliche künstlerische Tiefe abgesprochen und in ihrem Werk nur oberflächliches Entertainment gesehen. Dass es George Lucas dabei ähnlich geht wie Michael Jackson, dazu habe ich zumindest schon begonnen zu schreiben; interessanterweise scheint auch die ernste wissenschaftliche Beschäftigung mit George Lucas‘ Werk allmählich Fahrt aufzunehmen, nun da er seine Firma verkauft und sich von „Star Wars“ distanziert hat (diesen wirklich phänomenalen Artikel über die Erzählstruktur der sechs „Star Wars“-Filme kann ich jedem Interessierten wirklich nur empfehlen; ich werde vielleicht auch darüber mal bloggen). Einer der wenigen Künstler, denen es anders zu gehen scheint, ist Joss Whedon – die „Buffy Studies“ haben sich längst als wissenschaftliches Feld innerhalb der Cultural Studies etabliert.
Aber zurück zu Michael Jackson. Eines der ersten Bücher, die sein Werk in den Vordergrund stellten und einer ernsthaften Analyse unterzogen, war vor ein paar Jahren Joseph Vogels „Man in the Music“. Darin wurden Jacksons Alben und Lieder besprochen. Susan Fast, Professorin für Cultural Studies an der kanadischen McMaster Universität, hat nun ein Buch vorgelegt, in dem es nur um ein einziges Album von Michael Jackson geht, noch dazu um sein (wie ich finde) bestes: „Dangerous“. Streng genommen handelt es sich um ein kleinformatiges Büchlein mit nur 150 Seiten; die Länge war leider durch den Rahmen der „33 1/3“-Serie vorgegeben, als deren 100. Band das Buch erschienen ist. Jeder Band dieser Serie bespricht ein Musikalbum und unter 100 Büchern darf natürlich auch eines über den King of Pop nicht fehlen. Doch nicht „Thriller“ oder „Off The Wall“ wurden dafür ausgewählt, sondern eben „Dangerous“, bei dessen Veröffentlichung Jacksons Musik von den Kritikern längst als bedeutungsloser Kommerz abgetan wurde.
Susan Fast sieht das anders und bezeichnet „Dangerous“ als Michael Jacksons „coming of age album“, das weit mehr biete als „shiny, happy pop music“. Inhaltlich handle es sich sehr wohl um ein äußerst komplexes Werk, schreibt sie in der Einleitung: „[Dangerous is] about losing oneself to desire, about the state of the world, systematic racism, loneliness, the search for redemption and community.“ Sie bezeichnet das Album als Konzeptalbum, das aus mehreren Gruppen von jeweils thematisch zusammengehörigen Liedern besteht. Jedes der folgenden Kapitel behandelt eine dieser Gruppen.
Im ersten Kapitel, „Noise“, beschäftigt sie sich unter anderem mit dem Aspekt, dass Jackson beginnend mit „Dangerous“ auf seinen Alben verstärkt nicht-musikalische Geräusche verwendete (tatsächlich beginnt das Album mit einem davon, dem Bersten von Glas). Die ersten beiden Lieder, „Jam“ und „Why You Wanna Trip On Me“ seien politische Songs, wenn ihre politische Botschaft auch nicht so klar und direkt sei, wie beispielsweise im Hip-Hop. Als erstes Lied des Albums stehe „Jam“ programmatisch für eine von dessen wichtigsten Botschaften: Ganz egal wie schlimm der Zustand der Welt auch sein mag, er ist niemals zu schlimm, um kreativ zu sein. Weiter schreibt Fast: „Jamming can be taken as a metaphor in this context for coming together to create anything in a positive way.“ In diesem Kontext ließen sich auch alle folgenden Songs auf dem Album lesen. Nicht zum letzten Mal verweist die Autorin hier auch darauf, dass Jackson sich seiner schwarzen Wurzeln sehr wohl bewusst gewesen sei und keineswegs versucht habe, sie zu leugnen (wie ihm ebenfalls oft vorgeworfen wurde). Der Einsatz seiner Stimme bei „Jam“ sei nur eines von vielen Beispielen dafür auf „Dangerous“ und der Song „a full-on tribute to James Brown“.
Das zweite Kapitel, „Desire“, behandelt die nächsten vier Lieder und beginnt mit Fasts Festsellung, dass Jackson für viele seiner Fans zwar ein Sexsymbol gewesen sei (und immer noch ist), aber die Medien 1991, dem Jahr der Veröffentlichung von „Dangerous“, längst ein anderes Bild von Jackson zeichneten, demzufolge er ein Freak sei, der sein Gesicht zerstört habe und dessen teilweise stark sexualisierte Darstellungen auf der Bühne und in seinen Kurzfilmen unglaubwürdig oder lächerlich seien. Der Grund dafür, wie Fast herausarbeitet, sei der gewesen, dass Jackson zu dieser Zeit selbst als „dangerous“ wahrgenommen wurde, ganz einfach, weil er soziale Normen überschritt und sich außerhalb konventioneller sozialer Kategorien positioniert hatte: „[A] huge part of his politics is not only that he transgressed social norms, but that his transgressions cannot be easily read.“ Während man Avantgarde-Künstler für derartige Grenzüberschreitungen feiern würde, führten sie bei Jackson nur zu Unverständnis und Abwehrreaktionen. Er war ein schwarzer Mann, der irgendwann weiß aussah. Sein Gesicht und sein Körper wiesen 1991 sowohl typisch männliche als auch typisch weibliche äußere Erkennungsmerkmale auf. Zu den Personen, die er als seine Familie und Freunde bezeichnete, gehörten unter anderem Kinder, eine alternde Hollywood-Diva, ja sogar Tiere. Man könnte die Liste noch viel weiter fortsetzen. Ihm seine Sexualität abzusprechen, diente nur dem Ziel, überhaupt irgendwie mit ihm umgehen zu können:
„[D]enying [his sexual energy] and his masculinity […] works to contain his complex gendered and sexualized self and to police the boundaries of what can be considered desirable, sexy, and masculine. It erases the beautiful conundrum. But it also makes him safer.“
Im dritten Kapitel namens „Utopia“ kommt Susan Fast zum formellen wie thematischen Mittelpunkt des Albums, den Liedern „Heal The World“ und „Black Or White“. Gleichzeitig handelt es sich dabei auch um einen Wendepunkt, wie sie schreibt, denn zu den ersten sechs „noisy“ Liedern, die von den Problemen dieser Welt und „desires of the flesh and heart“ handeln, stellt „Heal The World“ einen starken Kontrast dar, klanglich wie inhaltlich. Jackson betonte oft, dass er mit seinen Liedern und Auftritten den Menschen eine Flucht aus dem Alltag bieten wollte und wurde leider genau dafür häufig kritisiert. Tatsächlich ist aber genau dies eine wichtige Funktion von Kunst, wie Fast darlegt:
„[Moments of relief] are not about abdicating responsibility […], but about creating in both body and mind the space to imagine different or possible worlds. Escaping might mean feeling a different way, changing your body chemistry, momentarily stepping into love, euphoria, bliss, empathy, a strong sense of community – or anger, fear, hurt.“
Die Tracks 9 bis 12 des Albums werden in Kapitel vier, „Soul“, besprochen. Fast bezeichnet sie als „the heart and sould of the record“ und versucht unter anderem zu ergründen, warum Jackson dabei gleich drei Lieder über Verzweiflung und Einsamkeit direkt hintereinander platzierte. Auch geht sie erneut darauf ein, wie er sich in „Will You Be There“ und „Keep The Faith“ erneut ganz deutlich schwarzen Traditionen zuwendet.
Es folgt schließlich noch eine „Coda“, die sich mit den letzten beiden Songs auf dem Album beschäftigt. Nach der traurigen Ballade „Gone Too Soon“, die stilistisch erneut vollkommen anders ist als alles vorhergehende, kommt das Album mit seinem Titelsong „Dangerous“ zum Abschluss und kehrt gleichzeitig zu seinem Anfang zurück, nämlich zum von Teddy Riley produzierten „noise“ der ersten Stücke. „Dangerous is a monumental album.“, fasst Fast abschließend zusammen. Damit hat sie recht und es ist erfreulich, dass gerade dieses Album als erstes für eine ausführliche Betrachtung in Buchform ausgewählt worden ist. Neben den hier erwähnten Themen arbeitet Fast noch weitere heraus und bezieht zudem auch einige der Musikvideos und Auftritte Jacksons in ihre Analyse mit ein. Ebenso anaylisiert sie das von Mark Ryden gezeichnete Cover des Albums.
Das Buch ist von der ersten bis zur letzten Seite hoch interessant und dicht mit Informationen und Analyseergebnissen vollgepackt. Leider ist es allerdings, wie eingangs erwähnt, etwas kurz geraten. Einige der Songs fallen bei der Analyse unter den Tisch: „She Drives Me Wild“, „Can’t Let Her Get Away“ und „Gone Too Soon“ wird kaum Aufmerksamkeit geschenkt. Auch die Musikvideos finden leider nicht alle Berücksichtigung (die Kurzfilme zu „Who Is It“ und „Give In To Me“ finde sie nicht besonders interessant, schreibt Fast und analysiert sie deswegen nicht). Von diesen Auslassungen abgesehen ist das Buch aber hervorragend gelungen; jeder Fan, der sich für eine ernsthafte Analyse von Jacksons Werk interessiert (und der englischen Sprache mächtig ist) wird es in kürzester Zeit verschlungen haben. Ich habe es jedenfalls schon zweimal gelesen und hoffe, dass es nicht die letzte Veröffentlichung der Autorin zum Thema Michael Jackson bleiben wird.
Im sehr lesenswerten Blog „Dancing with the elephant“ gibt es ein Gespräch mit Susan Fast über ihr Buch zum Nachlesen. Eine deutsche Übersetzung dieses Gesprächs gibt es im Blog „all4Michael“, wo offenbar auch die Kapitel des Buches nach und nach ins Deutsche übersetzt werden. Zuletzt noch der Hinweis auf einen neuen Podcast: „The MJCast“ wird sich regelmäßig mit Themen rund um den King of Pop beschäftigen. Bislang habe ich nur die einleitende „Episode 000“ gehört, hoffe aber auf einen unterhaltsamen, lehrreichen und spannenden Podcast.



