Filmfest Müchen: „The Open“

Der letzte Film, der am Sonntag auf meinem Programm stand, war „The Open“ von Mark Lahore. Eines gleich vorweg: Mir hat der Film überhaupt nicht gefallen, es gab jedoch zahlreiche Kinobesucher, die ihn äußerst gelungen fanden und dem Regisseur im Anschluss an die Vorstellung interessiert Fragen stellten. „The Open“ spielt in einer Welt, die anscheinend in Kriegen untergegangen ist. Davon erfahren wir nur nebenbei aus den Gesprächen der Protagonisten, denn von der Eröffnungsszene abgesehen spielt der Film ausschließlich in den schottischen Highlands. Dort sollen der Soldat Ralph (James Northcote) und Stephanié (Maia Levasseur-Costil) unter der Anleitung des Trainers André (Pierre Benoist) gegeneinander Tennis spielen. Und zwar ein ganzes Turnier. Und das auch noch ohne Bälle.
TheOpen-15_700Das hört sich vollkommen absurd an, und das ist es auch. Dabei ist mir die dem Film zugrunde liegende Botschaft durchaus klar: Sport ist besser als Krieg. André ist von der Idee der Tennismatches so sehr besessen, weil sich die Schrecken, die er und seine beiden Schützlinge durchlebt haben müssen, nur überwinden und verarbeiten lassen, indem sie alle sich einer neuen Tätigkeit zuwenden. „The Open“ findet in einer dystopischen Welt statt, in der der Sport für die drei Protagonisten (die übrigens die einzigen Personen im Film sind) die einzige Möglichkeit darstellt, nicht den Verstand zu verlieren. Das Problem, das ich mit dem Film hatte, war vor allem seine Länge. Denn diese Handlungsidee hätte sicher einen sehr guten 30- bis 60-minütigen Kurzfilm abgegeben, einen 103 Minuten langen Spielfilm trägt sie aber nicht. Immer wieder sieht man die gleichen Bilder: Ralph und Stephanié beim Trainieren, Ralph und Stephanié beim Tennisspielen und André, wie er sie antreibt. Wenn man nicht gerade ein großer Tennisfanatiker ist, wirkt das sehr schnell ermüdend. Den Darstellern ist dabei aber überhaupt kein Vorwurf zu machen, denn alle drei spielen ihre Rollen mit äußerster Hingabe und zum Teil körperlicher Verausgabung. Die immer wieder eingeblendeten Ortsnamen, die einen darüber informieren, dass die Strände und Wiesen, auf denen sich das alles abspielt, nach berühmten Tennisspielern benannt sind, wirken dabei wie ein überflüssiges Gimmick und tragen nichts zur Geschichte bei. Natürlich ist die schottische Landschaft wunderschön, doch auch daran hat man sich recht schnell satt gesehen und bekommt halt keinerlei visuelle Ablenkung geboten. Der Film wurde mit einem äußerst geringen Budget von 120.000 Euro (!) und einer Minimalcrew gedreht. Insofern ist es schon eine beachtliche Leistung, was Lahore und sein Team da auf die Beine gestellt haben. Dennoch konnte ich beim Verlassen des Kinosaals nur den Kopf schütteln. Da halfen auch all die schönen Erklärungen hinterher nichts, dass zwischen Tennis und Kino doch so einige Gemeinsamkeiten bestehen, weil das Gegenüberstehen der Gegner beim Tennis doch viel von den Duellen im Western habe oder weil sowohl Kino als auch Tennis Action innerhalb eines klar abgegrenzten Rechtecks bieten. Nein, gut fand ich „The Open“ wirklich nicht, wenn auch die Idee interessant ist und die Leidenschaft der Beteiligten bewundernswert.
Die beiden Vorstellungen des Films auf dem Filmfest sind bereits vorbei.

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Filmfest München: „Slash“ & „You Carry Me“

Filmfest München, Tag 3:Stills+for+press+5_700 Mein erster Film am Sonntag war „Slash“ von Clay Liford. Das größte Hobby des 15-jährigen Neil (Michael Johnston) ist das Schreiben von Slash Fiction, also von fiktiven erotischen (meist homosexuellen) Geschichten mit bestehenden Charakteren aus der Popkultur. Gandalf mit Dumbledore, Kirk mit Spock, Yoda mit Dobby – der Fantasie sind hier keine Grenzen gesetzt. Als Neils Schulkameraden von seinem Hobby erfahren, machen sie sich über ihn lustig. Nur die ein Jahr ältere Julia (Hannah Marks) hat vollstes Verständnis, schließlich ist sie selbst eine erfahrende Schreiberin von Slash Fiction. In einem Internetforum lernt Neil den über 20 Jahre älteren Denis (Michael Ian Black) kennen, der ihn auf eine Convention einlädt, wo Neil aus seinen Werken vorlesen soll. Dumm nur, dass dort ein Mindestalter von 18 Jahren Voraussetzung ist. Nichtsdestotrotz machen sich Neil und Julia gemeinsam auf den Weg.
Regisseur und Drehbuchautor Clay Liford ist zwar selbst kein Autor von Slash Fiction, hat aber viele langjährige Verbindungen zur Fankultur und weiß also, wovon er hier erzählt. Dementsprechend nähert er sich dem Thema stets mit Respekt und ohne den Inhalt oder die Autoren von Slash Fiction ins Lächerliche ziehen zu wollen. Wie auch „Closet Monster“ ist „Slash“ ein weiterer Coming of Age-Film, der unter anderem das Klarkommen mit der eigenen Sexualität behandelt. Zwar ist „Slash“ längst nicht so handwerklich kunstvoll, verspielt und kreativ gemacht wie „Closet Monster“, doch die Charaktere sind gut geschrieben, die Dialoge teils wirklich witzig und allgemein merkt man dem Film an, dass der Regisseur hier mit Leidenschaft bei der Sache war. Ich kann also eine klare Empfehlung für den Film abgeben – auch an diejenigen, die mit Slash Fiction nichts am Hut haben (so wie ich). „Slash“ wird noch einmal auf dem Filmfest gezeigt (am 30.06. um 17:30 Uhr im Rio 2).

Als nächstes stand der kroatische Film „You Carry Me“ („Ti Mene Nosis“) auf meinem Programm. Über 165 Minuten hinweg erzählt darin die Regisseurin Ivona Juka drei verschiedene, aber thematisch ähnliche Geschichten. Verbunden sind die drei Teile dieses filmischen Triptychons durch eine Soap Opera, an deren Entstehung Protagonisten aus allen drei Handlungssträngen mitwirken. In allen drei Strängen stehen Frauen bzw. Mädchen im Mittelpunkt, was mir allerdings tatsächlich erst nach der Vorstellung klar wurde, als die Regisseurin ein wenig über ihren Film sprach. Ich hatte die etwa 12-jährige Dora nämlich den ganzen Film über für einen Jungen gehalten! Wahrscheinlich kann man es als eine Stärke der Geschichte auslegen, wenn eine seiner Rollen sowohl mit einem männlichen wie weiblichen Protagonisten funktioniert.
YouCarryMe-Ives+and+Ivan+breakfast_700„You Carry Me“ ist schauspielerisch extrem stark, war mir persönlich aber eindeutig zu lang. Klar, drei ist eine schöne Zahl, aber diese drei Geschichten in einem einzigen Film unterzubringen war dennoch etwas zuviel des Guten. Meiner Meinung nach wäre weniger hier mehr gewesen. Das gilt auch für die kurzen Traumsequenzen, die ein paar Mal vorkommen und auf einem Traum basieren, den die Regisseurin tatsächlich hatte. Diese Sequenzen bringen keinerlei Mehrwert, wirken in ihrer Metapher viel zu platt und stellen einen Stilbruch zum Rest des Films dar. Insgesamt hat „You Carry Me“ bei mir also einen zwiespältigen Eindruck hinterlassen. Die beiden Vorstellungen des Films sind bereits vorbei.

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Filmfest München: „Schildkröten können fliegen“ & „Mali Blues“

Nachdem ich an meinem zweiten Filmfest-Tag „Bamberski“ und „Oleg Y Las Raras Artes“ angeschaut hatte, stand abends ein Film aus der dem iranischen Regisseur Bahman Ghobadi gewidmeten Retrospektive auf meinem Programm (zwischendurch war ich noch beim Publikumsgespräch mit Stephen Dunn, dem Regisseur von „Closet Monster“ und habe deswegen „Volt“ verpasst, den ich eigentlich anschauen wollte). Das Kino war fast ausverkauft und die Zuschauer – unter ihnen auch Oscargewinnerin Ellen Burstyn – wurden von Ghobadi persönlich begrüßt. Der Film, „Schildkröten können fliegen“ (2004), spielt in einem Flüchtlingslager an der irakisch-türkischen Grenze kurz vor Beginn des Krieges 2003. Im Mittelpunkt des Films stehen die Kinder im Lager und die Geschichte wird ganz aus ihrer Perspektive erzählt. Ihr Anführer heißt „Satellite“, weil er sich als einziger im Lager mit TV-Antennen, Satellitenschüsseln und dergleichen auskennt. Die sind wichtig, um Nachrichten über die bevorstehende US-Inavsion zu erhalten.
SchildkroetenKoennenFliegen-szn02_700„Schildkröten können fliegen“ ist ein wunderbarer Film mit bemerkenswerten Schauspielleistungen seiner jungen Darsteller. So sehr ich natürlich auch das Hollywoodkino liebe ist es dennoch immer wieder erfrischend und in diesem Fall geradzu augenöffnend, Filme aus Regionen der Erde zu sehen, über die man im Mainstream-Kino und in den Medien allgemein wenig erfährt. Denn den Irak kennt man als Europäer aus dieser Perspektive in der Regel wirklich noch nicht. Außerdem war es nach „Oleg Y Las Raras Artes“ gleich der zweite Film, der mir verdeutlicht hat, wie wichtig es ist, die Welt um sich herum immer wieder aus den Augen eines Kindes zu sehen. Die Bedeutung der Kinder für die Zukunft unseres Planeten betonte Ghobadi abermals, als er nach der Vorstellung Fragen des Publikums beantwortete. Er fügte zudem hinzu, dass er weiter Filme in seiner Heimatregion drehen werde, weil er Land und Leute dort eben am besten kenne und viel darüber zu sagen habe. Eine richtige Entscheidung!

02_MALI+BLUES+-%c2%ae+Konrad+Waldmann_700Nach dem Irak ging es für mich als nächstes weiter nach Mali. Der deutsche Regisseur Lutz Gregor hat dort mit „Mali Blues“ eine Dokumentation über die Musikszene des Landes gedreht. Musiker wie die Sängerin Fatoumata Diawara leisten dort mit der Kraft ihrer Musik auf friedliche Weise Widerstand gegen die Besetzung eines Teils des Landes durch radikale Islamisten. Obwohl Musik zum Teil verboten ist, versuchen Diawara und ihre Mitstreiter, durch die politischen Texte ihrer Lieder die Bevölkerung für geselleschaftlich und politisch relevante Themen zu interessieren – meistens mit Erfolg. Filmisch hat mich diese Dokumentation zwar nicht ganz überzeugt, aber der Einblick in ein für mich fremdes Land und die Probleme, mit denen die Künstler dort zu kämpfen haben, war hochinteressant. Diawara, die zusammen mit Lutz Gregor im Kino anwesend war, ist eine beeindruckende Persönlichkeit, deren Talent und Mut ich sehr bewundere. Weiterhin  für mich spätestens mit diesem Film ein roter Faden erkennbar, der sich durch viele der Filme in meinem persönlichen Filmfest-Programm zieht: Der Einsatz von Kunst (Film, Musik,…) im Kampf für das Gute – sei es für Frieden und Freiheit von Unterdrückung oder für die Akzeptanz der eigenen Sexualität.
„Mali Blues“ wird noch einmal auf dem Filmfest gezeigt: am 2.7. um 19:30 im City 3. Der Film bekommt dieses Jahr aber auch noch einen deutschlandweiten Kinostart und wird danach auch auf DVD veröffentlicht (vielleicht sogar mit beiliegender Soundtrack-CD, wie einer der Produzenten verriet). Im Anschluss an die Premiere des Films spielte Fatoumata Diawara übrigens im Kinosaal noch ein Lied (bei dieser Vorstellung war ich leider nicht anwesend):

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Filmfest München: „Oleg Y Las Raras Artes“

Nach „Bamberski“ ging es vorgestern an meinem zweiten Tag auf dem Filmfest München mit einem sehr eigenwilligen Film weiter: „Oleg Y Las Raras Artes“ („Oleg and the Rare Arts“) des venezolanischen Regisseurs Andrés Duque. Dieser portraitiert darin den russischen Klaviervirtuosen Oleg Nikolaevitch Karavaychuk. Natürlich filmt er ihn am Klavier, mindestens genauso eindrucksvoll sind jedoch die Szenen, in denen der 88-jährige Karavaychuk in langen Einstellungen über das Leben, die Kunst, Poesie und vieles mehr philosophiert. Diese Einstellungen sind zum Teil fünf Minuten lang (oder auch deutlich länger) und waren nicht Teil des ursprünglichen Plans von Duque. Für seine Filmportraits nimmt er sich jedes Mal bis zu zwei Jahre lang Zeit, um die entsprechende Person gut kennen zu lernen und dann anschließend über einen Zeitraum von nur etwa acht Tagen zu filmen. Im Fall von Karavaychuk hat sich dabei herausgestellt, dass ein „herkömmlich“ geschnittener Film dem Pianisten nicht gerecht werden würde. Die Erzählungen des gebrechlichen, aber geistig und am Klavier äußerst lebendigen Russen wären ihrer vollen Kraft beraubt worden, wenn sie durch Schnitte unterbrochen worden wären.
Oleg+y+Las+Raras+Artes+17_700Der Film ist also – genau wie Karavaychuk – äußerst eigenwillig und in gewisser Weise kompromisslos geworden. Das hat auch zur Folge, dass man abseits der poetischen und philosophischen Ausschweifungen Karavaychuks nichts über ihn erfährt. Wer also erwartet, eine normale Dokumentation zu sehen zu bekommen, in der unter anderem biographische Daten herunter gebetet werden, der wird enttäuscht werden. Der Film übermittelt wenig Fakten, kommt dafür aber dem Menschen und Künstler Karavaychuk umso näher, was angesichts der Tatsache überraschend ist, dass dieser eigentlich keine Menschen mag, wie der Regisseur nach der Vorstellung berichtet. Den Respekt und das Vertrauen des Künstlers habe er sich unter anderem dadurch erworben, dass er sich in dessen Gegenwart kindlicher zu verhalten begann. Karavaychuk ist im Film immer wieder anzumerken, dass er an die Kunst ebenfalls mit einer kindlichen Begeisterung und Naivität herangeht und dass Technik seiner Ansicht nach längst nicht alles ist. (Er erklärt unter anderem: „Am Konservatorium bringen sie einem nur bei, schnell zu spielen.“) Er war von Duques Verhalten und dessen Offenheit ihm gegenüber beeindruckt und ließ sich schließlich davon überzeugen, dieses äußerst persönliche Filmportrait von sich anfertigen zu lassen. Leider ist er am 13. Juni 2016 verstorben, doch den Film konnte er noch sehen und hat ihn Duque zufolge sehr gemocht. (Die beiden Vorstellungen des Films auf dem Filmfest sind leider schon vorbei.)

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Filmfest München: „Bamberski – Der Fall Kalinka“

Mein zweiter Tag auf dem Filmfest München begann gestern damit, dass ich mit einer Freundin in die Pressevorführung von „Bamberski – Der Fall Kalinka“ („Au Nom De Ma Fille“, Regie: Vincent Garenq) ging. Eigentlich wollte ich einen anderen Film anschauen, doch das hätte wegen eines anschließenden Terminkonflikts nicht geklappt. Also habe ich mir diese in der „Spotlight“-Reihe gezeigte Verfilmung eines wahren Falles angeschaut, in der ein Vater (Daniel Auteuil) fast 30 Jahre lang mit der deutschen und französischen Justiz zu kämpfen hat, weil er den Vergewaltiger und Mörder seiner 14-jährigen Tochter zur Rechenschaft ziehen will. Dieser wird von Sebastion Koch gespielt, der ebenso wie Auteuil hier erwartungsgemäß eine sehr gute Schauspielleistug abliefert. Bamberski-0743_700Der Film ist dicht und spannend erzählt, bietet aber für so „filmisch abgestumpfte“ Personen wie mich absolut nichts Neues oder Aufregendes und bleibt so zumindest strukturell langweilig. Denn er kommt in Aufbau und Handlung äußerst vorhersehbar daher und gelegentlich wirkt die ständige Wiederholung der gefühlt alle zehn Minuten erscheinenden Einblendungen „X Jahre später“ etwas ermüdend. Natürlich erlegt einem die Verfilmung einer wahren Geschichte gewisse Grenzen auf, wenn man sich an die Fakten halten wollen. Insofern waren die Filmemacher hier in ein Korsett gezwängt, das vielleicht verhindert hat, dass aus „Bamberski“ ein nicht nur solide gemachter und spannender Film, sondern eben wirklich großes Kino geworden ist.
Der Film wird zweimal auf dem Filmfest gezeigt: Am 30.06. um 20 Uhr und am 1.7. um 22:30 (jeweils im Carl-Orff-Saal im Gasteig).

Mehr zu den Filmen, die ich gestern gesehen habe, gibt es dann im nächsten Blogpost. Jetzt muss ich schon wieder ins Kino…

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Filmfest München: „Le Convoi“, „The Shell Collector“ & „Closet Monster“

CONVOI_BOB4_360604_700Nachdem ich vorgestern zunächst „Die Habenichtse“ angeschaut und mich dann zu Filmtonart begeben habe, um mir erklären zu lassen, wie der Krieg der Sterne klingt, ging es anschließend wieder ins Kino. „Le Convoi“ stand auf dem Programm, ein französischer Actionthriller von Frédéric Schoendoerffer. Der Film folgt einer Gruppe von Kriminellen, deren Aufgabe es ist, 1400 Kilogramm Cannabis von Spanien nach Paris zu transportieren. Die meisten Szenen finden dementsprechend auf der Autobahn statt, was den Film zu einem „Road Movie“ im wörtlichen Sinne werden lässt. Ständig ist hier etwas in Bewegung und die Protagonisten stehen pausenlos unter großer Anspannung. „Le Convoi“ ist äußerst spannend, schnell, gekonnt in Szene gesetzt (Schoendoerffer hat u.a. bei Luc Besson gelernt), gut gespielt und vor allem zum Ende hin richtig actionreich. Trotzdem war das ganz einfach nicht so meine Art Film. Wer aber auf rasende Autos und all die anderen genannten Merkmale steht, dem ist der Film uneingeschränkt zu empfehlen. Er wird noch zweimal auf dem Filmfest gezeigt: Am 28.6. um 15 Uhr und am 2.7. um 22:30 (jeweils im City 1).

Das Kontrastprogramm zu diesem ungewöhnlich adrenalinreichen und rasanten Festivalbeitrag bildete dann mein nächster Film: „The Shell Collector“ von Yoshifumi Tsubota. Ein blinder, alter Mann lebt einsam in einer Hütte direkt am Strand und verbringt seine Zeit vor allem mit dem Sammeln von Muscheln. Eines Tages entdeckt er eine Frau, die vom Meer angeschwemmt worden zu sein scheint. Als sie wenig später von einer seltenen, fleischfressenen Muschel gestochen und dadurch von ihren Lähmungserscheinungen geheilt wird, wird das Leben des Mannes noch weiter auf den Kopf gestellt. „The Shell Collector“ hat mich äußerst zwiespältig zurückgelassen. Einerseits mag ich es sehr, wenn Filme nicht alles erklären und die Details und Hintergründe der Welt, in der sie spielen, der Vorstellungskraft des Zuschauers überlassen. TheShellCollector_1DX_2892_700Das tut der Film sehr erfolgreich. Andererseits hat er mich sonst in keiner Weise überzeugt. Die anscheinend für viele andere Zuschauer betörend schönen Bilder haben mich nicht überwältigt und weil ich mich zu keinem Zeitpunkt so richtig in die Geschichte hineingezogen gefühlt habe, war mir der Film gelegentlich zu langatmig. Dabei sind die Hintergründe, die hier wie gesagt nur angedeutet werden, äußerst interessant: Basierend auf einer Kurzgeschichte des US-Autors Anthony Doerr erzählt der Film nämlich eine Science-Fiction-Geschichte, in der die Welt anscheinend von einer Seuche heimgesucht worden ist, die Lähmungen verursacht. Weil die Handlung aber zu keinem Zeitpunkt den Strand verlässt, muss man sich diese Details aus den wenigen Informationen erschließen, die einem der Film gibt. Die Umweltzerstörung wird als eine mögliche Ursache der Krankheit angesprochen und der Regisseur erzählt nach der Vorstellung, dass das Unglück von Fukushima ihn zum Film inspiriert habe. In Ansätzen ist „The Shell Collector“ also wirklich interessant, in der Umsetzung fand ich ihn jedoch weniger gelungen (die Traumsequenzen haben bei mir jedes Mal Kopfschmerzen ausgelöst). Der Film wird noch einmal gezeigt: am 2.7. um 9:30 Uhr (City2).

Wirklich richtig gut, um nicht zu sagen geradezu fantastisch wurde es dafür zum ersten Mal am Abend dieses ersten Tages. Der junge kanadische Regisseur Stephen Dunn, der vor einigen Jahren mit einem seiner Kurzfilme auf dem Münchner Film School Fest zu Gast war, ist nun mit seinem ersten langen Spielfilm wieder in München. „Closet Monster“ ist ein Film, den ich nur ungerne einer Kategorie bzw. einem Genre zuordne. Also zähle ich einfach mal alle Labels auf, die mir dazu einfallen: Der Film ist eine Coming of Age-Story, es geht um Sexualität, genauer gesagt um Homosexualität. Der Film ist ein Drama, aber mit sehr viel Humor und einigen surrealen Elementen. Ach ja, Horror-Elemente kommen auch vor, aber ein Horrorfilm ist „Closet Monster“ nun wirklich nicht! Eine der großen Stärken dieses Films liegt darin, dass sich Stephen Dunn wirklich gar nicht um Genregrenzen schert, sondern die zahlreichen verschiedenen Stilelemente nutzt, um das Innenleben seiner Hauptfigur sicht- und fühlbar zu machen. Bei dieser handelt es sich um Oscar (Connor Jessup), der als Teenager bei seinem Vater lebt, nachdem sich die Eltern schon vor Jahren haben scheiden lassen. Er jobbt in einem Baumarkt, wo er den etwa gleichaltrigen Wilder kennen lernt. Dies stürzt ihn in ein emotionales Chaos, denn die Gefühle, die er für Wilder entwickelt, sind weit mehr als nur freundschaftlicher Natur. Und so beginnt für Oscar eine äußerst turbulente und verwirrende Zeit, in der ihm unter anderem die imaginären Gespräche mit seinem Hamster (Stimme: Isabella Rossellini!) Halt geben.
closet_monster_3_700Das klingt in dieser Zusammenfassung jetzt vielleicht ein wenig sonderbar, aber was Stephen Dunn und seine Darsteller aus dieser Geschichte gemacht haben ist schlicht phänomenal. Das liegt sicher nicht zuletzt daran, dass die Geschichte für Dunn eine äußerst persönliche ist und zahlreiche Elemente aufweist, die auf eigenen Erlebnissen und Erinnerungen beruhen. Der Film strotzt nur so vor kreativen Einfällen und Storyideen und läuft erfrischenderweise mehrmals den Erwartungen der abgebrühten Festivalbesucher zuwider, sodass er immer wieder überraschen kann und sich erfolgreich zahlreichen Klischees widersetzt. An „Closet Monster“ stimmt einfach alles, angefangen beim grandiosen Schauspiel vor allem des Hauptdarstellers bis hin zum wirklich außergewöhnlichen Sounddesign des Films. Gäbe es ein Soundtrackalbum zum Film, ich hätte es nach dem Kinobesuch sofort gekauft; der Film verwendet eine Kombination aus bestehenden Songs mit einem effektiven Elektrosoundtrack, in den immer wieder metallische Klänge eingewoben sind (was einen ganz besonderen Bezug zur Handlung und zur wichtigsten Szene des Films hat). „Closet Monster“ ist ein zutiefst persönlicher und berührender Film über die Auseinandersetzung und
das Klarkommenmit mit der eigenen Sexualität. Stephen Dunn hat auf dem Filmfest bereits ein wenig von seinem nächsten Film erzählt und nach diesem beeindruckenden Debüt werde ich seine Karriere auf jeden Fall weiter verfolgen. Vielleicht läuft sein nächster Film in ein paar Jahren ja auch beim Filmfest München. Die beiden Vorstellungen von „Closet Monster“ sind leider schon vorbei, doch der Film wird voraussichtlich im Herbst deutschlandweit ins Kino kommen.

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Filmtonart: Wie klingt der Krieg der Sterne?

Nachdem ich von meinem ersten Film auf dem diesjährigen Filmfest München nicht gerade begeistert gewesen war, war dafür bei meinem nächsten Programmpunkt Begeisterung vorprogrammiert: Raus aus dem Kino und unter die gnadenlos vom Himmel brennende Sonne ging es für mich nun zu „Filmtonart“, einem eintägigen, jedes Jahr zeitgleich mit dem Filmfest stattfindenden „Forum für Musik und Ton“. Die dort stattfindenden Vorträge und Diskussionsrunden beschäftigen sich alle mit (Film-)Musik, ich war aber nur für ein Panel gekommen: „Star Wars – Wie klingt der Krieg der Sterne?“. Eine Stunde lang diskutierten dort  Prof. Karim Sebastian Elias (Komponist und Professor an der HFF in Potsdam-Babelsberg), Dr. Vasco Hexel (Komponist und Professor am Royal College of Music in London) und Jun. Prof. Dr. Peter Moormann (Musikwissenschaftler und Juniorprofessor an der Universität zu Köln) unter der Moderation von Gregor Wossilus (Onlineredakteur bei kinokino) über die weltbekannte Musik, die John Williams für die „Star Wars“-Saga geschrieben hat.

Zugegeben, für mich als langjährigen Fan von „Star Wars“, John Williams und Filmmusik im Allgemeinen hielt sich der Erkenntnisgewinn dabei in Grenzen. Die „Star Wars Suite“ wurde als eine der meistgespielten und bedeutendsten Kompositionen des 20. Jahrhunderts gewürdigt und neben John Williams wurde auch George Lucas häufig gelobt. Der Regisseur habe es nämlich verstanden, der Musik in den Filmen Raum zu geben, John Williams immer wieder große Momente zu erlauben und sei generell ein sehr intelligenter Filmemacher. John Williams wiederum wurde als „Fährtenleger“ bezeichnet, dessen musikalische Themen und Motive Bezüge zu vergangenen wie zukünftigen Momenten in der „Star Wars“-Saga herstellen und so dem Zuschauer Orientierung bieten und das Verständnis der Geschichte (auch auf emotionaler Ebene) erleichtern. Dies wurde an vier kurzen Filmausschnitten erläutert, die die eindrucksvolle Kraft der Musik schon allein dadurch demonstrierten, dass sie bei mir alle für Gänsehaut sorgten. Wenn man Luke Skywalker auf Tatooine sehnsuchtsvoll in den Sonnenuntergang blicken sieht und dazu das berühmte „Force Theme“ erklingt, dann braucht es nun mal keine Dialoge um zu verdeutlichen, was Luke in diesem Moment fühlt.
An dieses erste Beispiel anschließend wurde die Schlussszene aus „Das Erwachen der Macht“ gezeigt (etwa drei oder vier der anwesenden Zuschauer hatten den Film tatsächlich noch nicht gesehen!), in der sich Rey und Luke gegenüberstehen. Dieses Mal ist es Rey, auf deren Gesicht sich Sehnsucht zeigt. Wieder erklingt das gleiche Thema, wird nun aber anders – nach oben – fortgeführt, sodass beim Zuschauer eine Erwartungshaltung und Spannung erzeugt wird, ganz wie es beim offenen Ende des Films angemessen ist. Dieses Arbeiten mit musikalischen Motiven wurde in der Gegenüberstellung zweier weiterer Szenen verdeutlicht: Das Einfrieren von Han Solo in „Das Imperium schlägt zurück“ – wohl meine absolute Lieblingsszene der gesamten Saga und auch musikalisch einer meiner Favouriten – und eine Szene, in der sich Han und Leia in „Das Erwachen der Macht“ über ihren Sohn unterhalten. In der Diskussion über diese Szenen wurde unter anderem verdeutlicht, dass John Williams die einmal als charakterisierende Motive eingeführten Melodien fast nie verändert, sie aber in den Harmonien und der Instrumentierung immer wieder neu variiert. Dadurch ergibt sich jedes Mal eine andere, die Szene unterstützende Atmosphäre.

All das war wie gesagt für mich nicht neu, aber interessant war das Panel trotzdem. Natürlich kann man in einer einzigen Stunde nicht im Detail die Musik der bislang sieben Filme diskutieren – dafür würde wahrscheinlich ein ganzes Semester nicht ausreichen. Interessant fand ich das Panel dennoch, zumal die vier Teilnehmer ganz klar selbst Fans von „Star Wars“ und der Musik von John Williams waren. Allen, die sich ebenfalls für Musik der „Star Wars“-Filme interessieren und sich weiter damit beschäftigen wollen, lege ich den amerikanischen Podcast „Star Wars Oxygen“ dringend ans Herz. Darin werden die Soundtracks der Filme im Detail auseinandergenommen und John Williams‘ Arbeit mit der Leitmotivtechnik für ein Laienpublikum verständlich erklärt. Über diesen Podcast habe ich hier bereits gebloggt.
Leider bin ich nun gar nicht mehr zu den anderen Filmen gekommen, die ich gestern gesehen habe. Ich muss gleich wieder ins Kino, aber sobald ich wieder eine kurze Pause vom Filmfest habe, wird hier weitergebloggt!

Filmfest München: „Die Habenichtse“

poster2016_jpg_dlGestern Abend ist das 34. Filmfest München feierlich eröffnet worden und passend dazu präsentiert sich das Wetter hier zumindest gestern und heute ebenfalls feierlich. Bei über 30 Grad und brennender Sonne flüchtet man sich doch gerne in den einen oder anderen kühlen Kinosaal. Das habe auch ich heute mehrmals getan und zwischendurch auch noch ein Panel beim Filmtonart-Event besucht. Ich muss gleich schon wieder ins Kino, will hier aber schnell meine Eindrücke vom Beginn des ersten Festivaltages schildern.

Mit dem Anblick von Baugerüsten und Holzverschlägen vor den City-Kinos, die als einer der zentralen Festspielorte dienen, ging der Tag wenig glamourös los. Im Kino angekommen hieß es dann wie jedes Jahr, mit anderen Akkreditierten Schlange zu stehen, um Tickets für den Sonntag zu ergattern. Weil es immer knapper und knapper wurde (der Beginn der Pressevorführung von „Die Habenichtse“ nahte), wurden die Anwesenden – mich eingeschlossen – immer nervöser. Ich hatte jedoch Glück und verpasste nur ein paar Minuten vom Anfang des Films. Rückblickend muss ich aber sagen, dass ich ihn auch ganz hätte verpassen können. Bei „Die Habenichtse“ (Regie: Florian Hoffmeister) handelt es sich um die Verfilmung eines Romans von Katharina Hacker, der eine Liebesgeschichte vor dem Hintergrund des 11. September 2001 erzählt. Weil Jakobs alte Liebe Isabelle (Julia Jentsch) an diesem Tag in Berlin sein wird, bietet ihm sein Freund Hans an, ihn bei einem geschäftlichen Termin in New York zu vertreten. Als Hans dann bei den Anschlägen aufs World Trade Center ums Leben kommt, fühlt Jakob sich schuldig und auch die wieder aufflammende Beziehung mit Isabelle funktioniert nicht wirklich.
Gleiches kann man auch über den Film sagen. DieHabenichtse-05_700Die Schwarzweißoptik soll wohl den Ernst der Geschichte betonen, ist jedoch längst nicht die einzige fragwürdige Entscheidung, die bei der Entstehung von „Die Habenichtse“ gefällt wurde. Die Dialoge sind zum großen Teil furchtbar unglaubwürdig, das Schauspiel bisweilen lustlos oder zumindest nicht nachvollziehbar und die Handlung schlingert, nachdem die Ausgangssituation etabliert worden ist, einfach irgendwie dahin, ohne dass einen das Ganze besonders berührt. Möglicherweise wollten die Beteiligten hier davon erzählen, dass Menschen gerade in (Liebes-)Beziehungsdingen miteinander zu wenig über ihr emotionales Innenleben sprechen und sich daraus zahlreiche Probleme ergeben. Diesbezüglich ergeben sich auch immer wieder im Film interessante Stellen, was einen aber aufgrund der erwähnten Mängel schon bald nicht mehr interessiert. Durch die seltsame Kühle, die der Look des Films und das Schauspiel der Darsteller ausstrahlen, fühlt man sich als Zuschauer fortwährend auf seltsame Weise vom Geschehen distanziert. Vieles ist hier zu gestelzt und künstlich, um wirklich lebensecht wirken zu können.
Der Auftakt hat mich also enttäuscht, aber immerhin kann es von hier an hoffentlich nur noch besser werden (wurde es auch, aber noch nicht allzu viel – Stand: 24.06., 20:35). Falls sich trotzdem jemand für „Die Habenichtse“ interessiert, der Film wird morgen Abend in Anwesenheit der Darsteller seine Premiere feiern (Arri, 20:00) und danach noch zwei weitere Male gezeigt: am 26.6 um 22:00 (HFF Audimax) und am 2.7. um 14:30 (Arri).

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Maleficent

Es ist schon wieder Zeit für eine Kurzkritik gleich nach dem Filmende. Gerade eben habe ich nämlich „Maleficent“ angeschaut, die Disney-Realverfilmung von „Dornröschen“, die ein bisschen auf dem Märchen basiert und ein bisschen auf dem Zeichentrickklassiker. Was für ein grauenhaft schlechter Film! „Maleficent“ ist so schlecht, dass er stellenweise schon wieder lustig ist und bietet kaum überzeugende Qualitäten, außer dass er sich vielleicht für Trinkspiele eignet. (Zum Beispiel könnte man immer ein Stamperl leeren, wenn Angelina Jolies Wangenknochen prominent ins Bild gerückt werden.)

Falls jetzt jemand denkt, dass ich einfach keine Märchenfilme mag oder mit Disney-Magie nichts anfangen kann – das stimmt nicht. Ich bin nicht nur mit Disneytrickfilmen groß geworden (auch wenn „Dornröschen“ etwas vor meiner Zeit war), sondern fand zum Beispiel gerade die Realverfilmung von „Cinderella“ im letzten Jahr äußerst gelungen. (Meine Kritik dazu könnt ihr hier nachlesen.) Aber „Cinderella“ hatte auch das, was bei „Maleficent“ eindeutig fehlt: einen fähigen Regisseur (Kenneth Branagh), der im Umgang mit Schauspielern erfahren ist. Robert Stromberg hat dagegen bei „Maleficent“ zum ersten Mal Regie geführt. Zuvor hat er zwar schon zwei Oscars für die Ausstattung von „Alice im Wunderland“ und „Avatar“ gewonnen und im Effektebereich gearbeitet, aber all das merkt man „Maleficent“ leider an. Der Film sieht technisch perfekt aus (wenn das auch alles meist reichlich künstlich wirkt), aber die Darsteller scheinen alle in ihren jeweils eigenen Filmen zu spielen. Eine führende Hand, die die Schauspieler lenkt, fehlt hier klar.

Einmal stand mir sogar regelrecht der Mund offen: als der König (Sharlto Copley) Maleficent anfleht, seine Tochter zu verschonen, ist davon nämlich überhaupt nichts zu erkennen. Witzigerweise sagt er sogar, dass er sie anfleht; zu spüren ist das aber nicht, sondern es wirkt vielmehr vollkommen gleichgültig, emotionslos und unüberzeugend. So ein schlechtes Schauspiel habe ich schon lange nicht mehr gesehen! Selbst Elle Fanning, an der ich stets die Natürlichkeit bewundert habe, die sie in all ihre anderen Rollen legt, wirkt in „Maleficent“ meistens künstlich oder übertrieben. Und Angelina Jolie scheint wohl irgendetwas davon abgehalten zu haben, die böse Fee auch tatsächlich wie einen klassischen Disney-Bösewicht zu spielen. Wirklich böse oder bedrohlich wirkte sie zu keinem Zeitpunkt und auch die emotionale Tiefe, um die der Film sich so angestrengt bemüht hat, war bei ihr so gut wie nicht vorhanden. Tiefe habe ich höchstens in Jolies Gesicht entdeckt, bei dem die schon erwähnten Wangenknochen hier durch Makeup (und CGI?) besonders hervorgehoben wurden und die in der 3D-Fassung des Films bestimmt besonders bestechen. 😉 

Die Geschichte des Films wirkt ziemlich konstruiert und damit genauso künstlich wie die CGI-Optik. Drehbuchautorin Linda Woolverton (die u.a. auch die beiden „Alice“-Filme geschrieben und an „Der König der Löwen“ mitgewirkt hat) bemüht sich, die bekannte Dornröschen-Geschichte quasi von der anderen Seite zu zeigen und die böse Fee zur Sympathieträgerin zu machen. Das gelingt zumindest ansatzweise, wird aber durch die verloren durch den Film stapfenden Schauspieler und zum Ende hin auch noch durch einen seltsam überhasteten Spannungsbogen zunichte gemacht. Spätestens da wird dann auch klar, dass man sich die Geschichte lieber noch einmal genau durch den Kopf hätte gehen lassen sollen; irgendwie ergibt das zum Schluss nämlich dramaturgisch kaum mehr Sinn und das Ausgangsmaterial wird so sehr verändert, dass man auch gleich eine komplett neue Geschichte um die Maleficent-Figur hätte erfinden können.

Alles in allem bin ich also wirklich schockiert darüber, wie schlecht „Maleficent“ ist. Leider ist der Film zum erfolgreichsten in Angelina Jolies Karriere geworden und es wird natürlich schon an einer Fortsetzung gearbeitet. Mit „Die Schöne und das Biest“ erwartet uns 2017 aber zunächst die Realverfilmung eines anderen Disney-Klassikers. Da dort mit Bill Condon ein erfahrener Regisseur hinter der Kamera steht, der zudem mit zwei „Twilight“-Filmen bereits Fantasy-Erfahrung gesammelt hat, darf man hoffentlich auf ein weit besseres Ergebnis hoffen als bei „Maleficent“.

Kurzkritik: Boy 7

Eben habe ich „Boy 7“ angeschaut, der letzten Sommer im Kino lief. Ich habe mich schon lange nicht mehr direkt nach dem Anschauen eines Films an den Laptop gesetzt und gebloggt. Weil mir der Film noch im Kopf herumspukt, ist jetzt aber ein guter Zeitpunkt, um das mal wieder zu tun.

„Boy 7“ ist so etwas wie die deutsche Antwort auf all die Teenie-Dystopien wie „Die Tribute von Panem“ oder „Maze Runner“, die uns in den letzten Jahren aus Hollywood erreichen. Wenn ich das eben bei meiner kurzen Recherche richtig herausbekommen habe, dann handelt es sich um die Verfilmung eines niederländischen Romans, der etwa zeitgleich auch in den Niederlanden verfilmt wurde. (Verzeiht mir, falls die Infos nicht völlig korrekt sind – ich will die Kurzkritik ja möglichst schnell schreiben. 😉 )

Ein Teenager (David Kross) kommt in einer U-Bahnstation zu sich, ohne sich an seinen Namen erinnern zu können oder daran, wie er dort hingekommen ist. Er stellt schnell fest, dass er polizeilich gesucht wird, kann sich aber der Festnahme entziehen und beginnt anhand der Gegenstände, die er bei sich trägt, seinen Weg zurück zu verfolgen und seine Erinnerung wieder zu erlangen. Mehr will ich hier gar nicht verraten, da ein Großteil der Spannung des Films daher kommt, dass man als Zuschauer genau wie der Hauptcharakter mitten ins Geschehen geworfen wird. Nach und nach setzt sich die von da an zum Großteil in Rückblenden erzählte Geschichte wie ein Puzzle zusammen und meine Vergleiche oben deuten ja bereits an, in welche Richtung sich das Ganze entwickelt. Der Film spielt allerdings im Gegensatz zur Romanvorlage nicht in der Zukunft.

Die Erzählweise des Films ist seine größte Stärke, denn durch das Erzählen auf zwei Zeitebenen wird nicht nur immer wieder Spannung aufgebaut, sondern es gibt auch den einen oder anderen interessanten Aha-Moment. Überhaupt ist der Film gut geschrieben und einge der fiesen Nebenfiguren sind wirklich hassenswert. Besonders in Erinnerung geblieben ist mir Jens Harzer als Isaak, der seiner Figur eine zusätzliche skurille Note verleiht, indem er ständig einen Kamm bei sich trägt, um sich damit immer wieder die Haare zu seiner strengen Bösewichtsfrisur nach hinten zu kämmen. Okay, der Kamm wurde – wie einige andere Gegenstände und Ideen auch – zwar aus einem bestimmten Grund ins Drehbuch geschrieben, funktioniert aber zum Glück gleichzeitig auch als Charaktermoment und war für mich der größte Lacher des Films (zugegeben: der einzige, aber der Film will auch gar nicht lusitg sein). Auch Emilia Schüle kann in ihrer Rolle als Mitstreiterin der Hauptfigur überzeugen.

Selbiges kann man von David Kross allerdings nicht behaupten, der mich hier wieder einmal enttäuscht hat. In allen Filmen, in denen ich ihn gesehen habe, wirkt sein Schauspiel oberflächlich, hölzern und flach. Es stellt damit in „Boy 7“ den größten Schwachpunkt dar. Mit einem fähigeren Hauptdarsteller hätte man diesen guten Film sicher noch packender machen können. Mein zweiter großer Kritikpunkt sind die auffallend vielen schiefen Kameraeinstellungen. Ich weiß nicht, warum sich Regisseur Özgür Yildirim dazu entschieden hat, das Geschehen immer wieder aus der Schräge und seine Figuren aus seltsamen Winkeln zu filmen. Vielleicht wollte er seinen Film dadurch hip und cool wirken lassen und/oder glaubt, auf diese Weise ein jugendliches Publikum besser anzusprechen. Die oben genannten amerikanischen Filme kommen allerdings ohne solche Kamer-Mätzchen aus und auch „Boy 7“ hätte sie gar nicht nötig. Ganz im Gegenteil, immer wieder haben mich die schiefen Bilder aus dem Geschehen herausgerissen, was wirklich schade ist, denn „Boy 7“ ist ein im Großen und Ganzen sehr gut gemachter und spannend erzählter Film. Er beweist, dass auch in Deutschland Genrekino möglich ist.

Jetzt ist aber Schluss, schließlich soll das hier nur eine Kurzkritik sein. 😉
(Und ich muss jetzt schauen, ob ich irgendwo die Verfilmung aus den Niederlanden auftreiben kann. Die interessiert mich nun nämlich auch.)