Mehr als sieben Songs, Teil 1: Anthony Stewart Head – We Can Work It Out

Auf Facebook bin ich vor ein paar Tagen für die „7 Tage – 7 Songs“-Challenge nominiert worden. In sieben Tagen soll ich sieben Lieder teilen, die ich mag. Unmöglich. Nachdem ich mir lange den Kopf darüber zerbrochen habe, auf welche sieben Songs ich mich beschränken soll, bin ich zu dem Ergebnis gekommen, dass das gar nicht geht. Nur sieben Lieder!?
Stattdessen habe ich aus der Herausforderung nun eine neue Blogkategorie gemacht. Logischerweise heißt sie „Mehr als sieben Songs“. In unregelmäßigen Abständen werde ich hier ab jetzt Lieder vorstellen, die ich gerne mag, die mir etwas bedeuten und/oder zu denen ich etwas zu erzählen habe.

Den Anfang macht die Lennon/McCartney-Komposition „We Can Work It Out“ in dieser wunderschönen Cover-Version von Anthony Stewart Head. Ein Lied zu covern ist stets eine schwierige Sache. Oftmals verkommt eine Coverversion zur bloßen Kopie oder zum billigen Abklatsch, der dem Original nichts Eigenes hinzuzufügen hat und als überflüssig erscheint (Beispiel: „I Love Rock’n’Roll“ von Britney Spears). In anderen Fällen wiederum versuchen Künstler, bewusst einen ganz anderen Weg einzuschlagen als der Interpret des Originals. Das kann ebenfalls nach hinten losgehen, bei der Version von „We Can Work It Out“, die ich hier ausgesucht habe, hat es sich meiner Meinung nach jedoch gelohnt.

Anthony Stewart Head dürfte den meisten durch seine Rolle als Rupert Giles in Joss Whedons Serie „Buffy the Vampire Slayer“ bekannt sein. Neben seiner Schauspielkarriere war er jedoch immer wieder auch als Sänger und Musiker aktiv. 2002 veröffentlichte er zusammen mit George Sarah das Album „Music for Elevators“, auf das ich damals aufmerksam geworden bin, weil meine beste Freundin ein großer Fan von „Buffy“ und Anthony Stewart Head ist. Über die Jahre habe ich das Album seitdem immer wieder gehört und die Lieder daraus befinden sich in vielen Playlists, die meinen Alltag begleiten. Es gibt noch einige andere tolle Stücke auf dem Album, aber „We Can Work It Out“ (die einzige Coverversion) finde ich besonders faszinierend. Durch sein langsames Tempo und seine im Vergleich zum Original zunächst befremdlich erscheinende Instrumentierung erzeugt das Stück eine ganz andere Atmosphäre als die Beatles-Version.

Diese Atmosphäre und der Klang des ganzen Albums dürften zu einem guten Teil auf den Komponisten und Musiker George Sarah zurückzuführen sein, der das Album gemeinsam mit Head komponiert und produziert hat. Heads zweites Album „Staring at the Sun“, das letztes Jahr erschienen ist, hört sich jedenfalls weit konventioneller und einfallsloser an als „Music For Elevators“, bei dem man unter anderem aufgrund von Heads Stimme manchmal fast den Eindruck hat, einer Bowie-Platte zu lauschen.

Diese Fassung von „We Can Work It Out“ hebt sich zusätzlich dadurch vom Original ab, dass sie als Duett zwischen Head und einer weiblichen Sängerin angelegt ist (YouTube zufolge handelt es sich dabei um Holly Palmer, während Wikipedia behauptet, die Stimme gehöre der aus „Buffy“ bekannten Schauspielerin Amber Benson). Das Hin und Her zwischen Mann und Frau unterstreicht die Geschichte eines sich streitenden Paares, die das Lied erzählt und trägt dazu bei, diese Fassung des Songs zu einer der besten Cover-Versionen zu machen, die ich kenne.

Echte Wüste und praktische Effekte

Das Making Of-Video zum neuen „Star Wars“-Film, das Anfang Juli auf der San Diego Comic Con gezeigt wurde, hat inzwischen wohl jeder gesehen. Ich poste es hier trotzdem noch einmal:

Mir ist in letzter Zeit aufgefallen, dass die Werbekampagnen zu immer mehr Filmen (und Serien) den Einsatz „echter“, praktischer Effekte betonen, sowie die Tatsache, dass auch wirklich an „echten“ Drehorten gedreht wurde und nicht vor einem Green Screen bzw. in Studiokulissen. Diese Beobachtung wollte ich hier einfach mal festhalten. Neben „Star Wars“ fällt mir zum einen der neue „Mission: Impossible“-Film ein, bei dem die Macher nicht müde werden zu betonen, Tom Cruise habe alle Stunts selbst ausgeführt und sich wirklich außen an einem startenden Flugzeug festgehalten. Zum anderen muss ich an die neue Netflix-Serie „Sense8“ denken, die an zahlreichen Drehorten auf der ganzen Welt gedreht wurde und sogar eine Szene enthält, die in einem normalen Passagierflugzeug während des Fluges gedreht wurde. Auch hier werden diese Fakten in den veröffentlichten Interviews und Videos stets betont (seit kurzem ist auf Netflix ein 25-minütiges Making of zur Serie zu sehen).

Dabei spielt es meist keine Rolle, inwieweit es sich dabei tatsächlich um Fakten handelt, solange beim Publikum nur das Gefühl ankommt, dass die Filmemacher sich wirklich die Mühe machen, alles „in echt“ zu filmen. Denn die einstmals so hoch gelobten CGI-Effekte haben inzwischen keinen guten Ruf mehr.

Im Fall von „The Force Awakens“ funktioniert diese Taktik ganz wunderbar. Die ganze Fan-Welt ist vollkommen aus dem Häuschen, wenn in einem Video hinter J.J. Abrams ein als Alien verkleideter Schauspieler vorbeiläuft oder wenn auf den veröffentlichten Behind-the-scenes-Fotos „echte“ Kulissen und kein Green Screen zu sehen sind. Natürlich ist das Ganze vor allem Marketinggerede, denn schon für die „Star Wars“ Prequels wurden zahlreiche Masken, Puppen, Modelle und Kulissen hergestellt sowie an realen Drehorten (auch damals u.a. schon in der „echten“ Wüste) gefilmt. Damals hat man sich allerdings dazu entschieden, den Einsatz der CGI-Effekte in den Vordergrund zu stellen. Schaut man sich die diversen Making of-Dokumentationen zu den Episoden I bis III an, so lassen sich jedoch auch dort zahlreiche Beispiele für „praktische“ Effekte finden. Dies wird in diesem Video-Mashup deutlich, in dem das Making of-Material zu Episode VII mit solchem aus den Prequels verknüpft wird. Die Entstehung der Prequels lässt sich also auch ganz anders – mit der Betonung praktischer Effekte – erzählen:

Dass der Ruf computergenierter Spezialeffekte zu Unrecht so schlecht ist, zeigt wiederum dieses Video:

Im Fall von Riesenrobotern oder Dinosauriern ist natürlich offensichtlich, dass man es mit einem CGI-Modell zu tun hat, tatsächlich gibt es aber auch viele Fälle, in denen Computereffekte „unsichtbar“ eingesetzt werden. Ich denke da zum Beispiel an Robert Zemeckis „Cast Away“. Dort wurden die Möglichkeiten der Bildmanipulation durch Computer dazu genutzt hat, um das real gefilmte Bild nach den Wünschen des Regisseurs umzugestalten und zum Beispiel Felsbrocken zu entfernen. Auch David Fincher nutzt CGI auf kreative, nicht immer sichtbare Weise, wie im Video verdeutlicht wird. Und auch der für seinen harten Realismus gelobte „Mad Max: Fury Road“ kommt natürlich nicht ohne Computereffekte aus.

Natürlich dienen die Making of-Videos zu „Star Wars“, in denen stets die praktischen Effekte hervorgehoben werden, vor allem Marketingzwecken – ein gutes Gefühl geben sie einem aber dennoch. Und damit erfüllen sie wiederum genau ihren Zweck.

Noch 125 Tage bis zum 17. Dezember! 🙂

Ein paar Gedanken zu „The Dark Knight Rises“

Vor kurzem habe ich – verteilt auf zwei Abende – mal wieder den dritten Teil von Christopher Nolans „Dark Knight“-Trilogie angeschaut. Ich weiß gar nicht so genau warum, denn so sehr mag ich den Film eigentlich gar nicht. Wie für einige andere Nolan-Filme auch empfinde ich für den Film eine Art Hassliebe. Jedenfalls wollte ich die Gelegenheit nutzen, um hier ein paar Gedanken zu „The Dark Knight Rises“ aufzuschreiben.

Ich habe den Film nun zum dritten oder vierten Mal gesehen, aber viel mehr als bisher ist mir dieses Mal eines seiner zentralen Themen aufgefallen: „The Dark Knight Rises“ ist ein Film über Terrorismus und über die immer größer werdende Kluft zwischen Armen und Reichen. Das ist sicherlich keine bahnbrechende Erkenntnis, schließlich war schon beim Kinostart vor drei Jahren in vielen Besprechungen die Rede vom „Film zur Wirtschaftskrise“, mir ist dieser Punkt aber wie gesagt dieses Mal verstärkt aufgefallen. Phasenweise hatte ich das Gefühl, gar keinen Batman-Film mehr zu sehen, vor allem im Mittelteil als sich Bruce Wayne (Christian Bale) in Gefangenschaft befindet und Bane (Tom Hardy) Gotham City unter seine Kontrolle gerissen hat. Da hatte ich auch das Gefühl, Nolan sei an Batman inzwischen gar nicht mehr interessiert gewesen und hätte viel lieber einen Film über die Wirtschaftskrise, Terrorismus und Revolution gemacht. Dass er schließlich Batman wieder ins Spiel bringen muss, wirkt fast wie eine unliebsame Pflichtübung. Bane scheint für Nolan weitaus interessanter zu sein und er hat ja im Mittelteil auch ein paar imposante Szenen, die dann in seiner Ansprache an die Bürger Gothams gipfeln: „We take Gotham from the corrupt! The rich! The oppressors of generations who have kept you down with myths of opportunity. And we give it back to you… the people.“

Da weiß man dann einen Moment lang nicht mehr, ob man zu Bane oder zu Batman halten soll bzw. warum denn die beiden nicht auf einer Seite kämpfen? Ist nicht auch Batman der Held der Unterdrückten, Armen, Namenlosen? Der Held des Volkes? Natürlich erklärt Bane nicht, wie das denn funktionieren soll, dass er die Stadt an „das Volk“ zurückgibt. Gotham ist verwüstet, die Stadtbewohner leiden und Bane, der sich als Freiheitskämpfer stilisiert, hat die Stadt unter Kontrolle. Letztendlich sind seine Ansprachen sowieso egal, denn wie wir erfahren möchte er das Werk seines Vaters Ra’s al Ghul vollenden und Gotham – das wohl stellvertretend für die westliche, kapitalistische Zivilisation steht – komplett auslöschen. Bane wirkt so sehr wie ein „konventioneller“, ganz gewöhnlicher Terrorist (und weniger wie der Bösewicht einer Comicverfilmung), dass dem Film über weite Strecken das Comichafte völlig abgeht (zumal ja auch Batman lange Zeit abwesend ist).

Und genau das ist das Problem, das ich mit „The Dark Knight“ und „The Dark Knight Rises“ (und dem einen oder anderen weiteren Film von Christopher Nolan) habe: Nolan legt so viel Wert darauf, dass alles realistisch, rational und durchdacht ist, dass das letztlich zu Lasten der Geschichte und des Spaßes geht. Bei „Batman Begins“ habe ich diesen Ansatz noch geliebt, weil es darin ja darum ging, der Batman-Figur einen realistischen psychologischen Unterbau zu verschaffen (und zudem hat man nach dem katastrophalen „Batman & Robin“ wohl einen solchen düsteren, realistischen Film gebraucht). Dass nebenbei auch noch erklärt wurde, woher die ganzen technischen Spielzeuge kommen und wie sie funktionieren, war ein netter Bonus. Aber ich hätte mir gewünscht, dass im Lauf der Trilogie das Fantastische wieder Einzug in Batmans Welt hält. Stattdessen hat Nolan es mit der Rationalität aber noch weiter getrieben. Da werden dann solche Dinge wie die Notwendigkeit von Banes Atemmaske erklärt, was ihn aber auch nicht zu einer interessanteren Figur macht. Ich persönlich finde Bane wahnsinnig langweilig. Warum gerade er so eine große Gefahr für Batman ist, während das die früheren Bösewichte nicht waren, ist nicht genau nachvollziehbar und höchstens mit Batmans/Bruce Waynes nachlassenden Fähigkeiten zu begründen.

Ich erinnere mich, ein Interview mit Nolan gelesen zu haben, in dem er stolz erzählt hat, er und sein Team hätten sogar einen Weg gefunden, Selian Kyles Katzenohren funktional zu rechtfertigen (als hochgeklapptes Nachtsichtgerät) – dabei ist so etwas in einer Comicverfilmung doch wirklich nicht von Bedeutung. Batmans Kostüm hat schließlich auch Fledermausohren, die keinen praktischen Zweck erfüllen. Insgesamt hat sich Nolan im Lauf der Trilogie meiner Meinung nach so sehr in solchen Details verrannt, dass er ganz vergessen hat, dass „Batman“ in erster Linie immer noch ein Comicfilm ist. Realismus schön und gut, aber doch bitte nicht zu Lasten des Spaßes.

Sehr loben muss ich an „The Dark Knight Rises“ allerdings, dass der Film im Gegensatz zu den meisten anderen großen Actionfilmen nicht auf einen Shodown hinausläuft, in dem alles einfach nur noch größer, lauter und kaputter sein muss als beim letzten Mal. Hier bleibt der Film nah an den Charakteren und ihren Geschichten, so dass man nicht wie zum Beispiel bei „Man of Steel“ oder den letzten „Transformers“-Filmen desinteressiert mit leeren Augen auf die Leinwand glotzt.

Mein Fazit: Was in „Batman Begins“ vielversprechend begann und mir dort noch gefiel, wurde in den Fortsetzungen immer mehr zum Selbstzweck. Nolan hat zwar technisch perfekte Filme mit einigen beeindruckenden Szenen abgeliefert, aber das Comicartige immer mehr zur Seite gedrängt. In meinem persönlichen „Kopfkanon“ stellt „Batman Begins“ jedenfalls das Prequel zu den beiden Tim Burton-Filmen dar; der Christian Bale-Batman wird irgendwann zum Michael Keaton-Batman. Die beiden „Dark Knight“-Filme schaue ich mir zwar ab und zu auch gerne an, aber ich kann sie nicht völlig genießen, weil ich mich dabei jedes Mal über einige Dinge ärgere.

Babylon 5 – Episode 1.12 „By Any Means Necessary“

J. Michael Straczynskis neue Serie „Sense8“ ist inzwischen auf Netflix zu sehen und ich werde natürlich auch dazu einen Blogpost schreiben (es dauert allerdings noch eine Weile, bis ich dazu komme). Bei „Babylon 5“ bin ich nun bei der zwölften Folge der ersten Staffel angekommen. Bei der nächsten Episode handelt es sich dann um eine meiner Lieblingsfolgen und auch um die Folge, die der ganzen ersten Staffel ihren Titel gibt („Signs and Portents“). Danach werde ich von der Reihenfolge auf den DVDs abweichen und mich an die von J. Michael Straczynski vorgeschlagene Reihenfolge halten. Darauf werde ich aber im nächsten Blogpost noch einmal genauer hinweisen. Jetzt widme ich mich erst einmal der aktuellen Folge:

Episode 1.12 „By Any Means Necessary“ („Mit allen Mitteln…“)

Drehbuch: Kathryn M. Drennan, Regie: Jim Johnston
Erstausstrahlung: 11.05.1994 (USA), 22.10.1995 (Deutschland)

Die Handlung dieser Episode dreht sich um eine Angelegenheit, die man 1994 nicht unbedingt in einer Science-Fiction-Serie erwartet hätte: Die Arbeitsbedingungen der Dockarbeiter auf Babylon 5 und den (illegalen) Streik, in den sie treten, nachdem einer von ihnen bei einem Unfall ums Leben gekommen ist und die Erdregierung danach  immer noch nicht zu Zugeständnissen bereits ist.
Die Folge beginnt mit dem ganz alltäglichen Chaos, mit dem sich Susan Ivanova (Claudia Christian) konfrontiert sieht. Zu ihren Aufgaben gehört es, ankommende Schiffe über Funk in die Andockbuchten zu lotsen. Als sich der Captain des Narn-Frachters Tal’Quith nicht an Ivanovas Anweisungen hält, kommt es zu einem tragischen Unfall, bei dem nicht nur ein Teil des Schiffes explodiert, sondern auch ein Dockarbeiter getötet wird. Dabei bekommen wir nicht nur Ivanova zu sehen, die den Schiffsverkehr aus der Kommandozentrale regelt, sondern werfen auch einen Blick in die Andockbuchten, wo unter den Arbeitern rege Geschäftigkeit und schließlich Chaos herrschen. Genau dies unterscheidet die Episode von zahlreichen anderen Science Fiction-Serien, in denen häufig nur Offiziere, Wissenschaftler und Diplomaten im Mittelpunkt stehen (und es wird in der fünften Staffel eine weitere Folge geben, die aus der Sicht zweier einfacher Arbeiter auf der Station erzählt wird).

Der getötete Arbeiter war der Bruder des leitenden Dockarbeiters Eduardo Delvientos (José Rey), entsprechend groß ist Delvientos‘ Wut. Neeoma Connally (Kate Boyer), die Sprecherin der Dockarbeiter, macht Sinclair klar, dass sich die Arbeitsbedingungen der Dockarbeiter ändern müssen. Zu lange schon arbeiten sie für geringen Lohn, machen zu viele Überstunden und sind zudem auch noch schlecht ausgerüstet. Alle bisherigen Versprechungen der Erdregierung, daran etwas zu ändern, sind ohne Konsequenzen geblieben. Sinclair ist sich dieser Probleme bewusst. Schon lange versucht er, den Senat von einer Erhöhung des Budgets für Babylon 5 zu überzeugen. Dass er dabei keinen Erfolg hatte, zeigt wieder einmal, dass die vor etwa eineinhalb Jahren unter so großen Hoffnungen in Betrieb genommene Raumstation auf der Erde längst nicht mehr wirklich wichtig genommen wird. Babylon 5 ist weit weg von der Erde, wo man zudem andere, viel wichtigere Probleme hat. In einem Gespräch mit Senator Hidoshi (Aki Aleong) macht Sinclair diesem die Dringlichkeit der Situation klar, muss jedoch erneut hören, dass der Senat das Budget für Babylon 5 vorerst nicht erhöhen wird.

Da es den Dockarbeitern vertraglich verboten ist, zu streiken, melden sich die meisten von ihnen krank. Sicherheitschef Michael Garibaldi konfrontiert Connally damit und sagt ihr ohne Umschweife, dass es sich dabei um einen illegalen Streik und eine seiner Meinung nach sehr dumme Idee handelt. Connally hatte sich von Garibaldi eigentlich mehr Verständnis erhofft, da sie in ihm einen „blue-collar worker“ sieht, also ebenfalls einen Angehörigen der Arbeiterklasse.
Auch Sinclair ist von der Entwicklung natürlich nicht begeistert. Falls die Dockarbeiter nicht zurück an die Arbeit gehen, droht die Durchsetzung des „Rush Act“, eines Gesetzes, das die Beendigung des Streiks mit allen Mitteln erlaubt. Connally hält dies für unwahrscheinlich, doch Sinclair warnt sie: „Don’t be so sure about this. Things are changing on Earth, and not all for the best.“ Was er ganau damit meint, darüber können wir nur spekulieren. (Wie so oft handelt es sich dabei um eine Entwicklung, die vor allem im Rückblick klar wird. Fürs erste sollte der „Babylon 5“-Zuschauer Sinclairs Worte einfach mal im Hinterkopf behalten.) Connally bleibt jedenfalls hart und fordert für ihre Arbeiter eine angemessene Bezahlung, bessere Ausrüstung und mehr Arbeitskräfte. Bevor diese Bedingungen erfüllt werden, kehren ihre Leute nicht an die Arbeit zurück.

Um eine Beendigung des Streiks zu erreichen, schickt der Senat einen Schlichter auf die Station. Orin Zento (John Snyder) scheint allerdings entweder ein sehr merkwürdiges Verständnis der Bezeichnung „Schlichter“ zu haben oder aber er wurde vom Senat nicht dazu bevollmächtigt, irgendwelche Zugeständnisse zu machen. Er wiederholt im Gespräch mit den Arbeitern jedenfalls nur das ewige Mantra, die Zeiten seien schlecht und es müsse gespart werden. Dass das Militätbudget der Station erhöht worden ist, erklärt er damit, dass Babylon 5 nun mal eine militärische Einrichtung sei, die essentiell zur Verteidigung der Erde essentiell ist. Warum eine weit von der Erde entfernte Raumstation so wichtig für die Verteidigung der Erde sein soll, verrät er allerdings nicht.
Auch wie sich der Senat von Zento irgendeine Entschärfung der Situation erhofft hat, bleibt angesichts von dessen Verhalten ein Rätsel. Es tritt dann auch genau das Gegenteil ein: die Arbeiter treten nun offiziell in einen illegalen Streik. Als Zento auch danach zu keinerlei Zugeständnissen bereit ist, setzt der Senat den Rush Act durch – und falls es das war, was Zento und der Senat von Anfang an wollten, dann haben sie nicht mit Sinclairs Einfallsreichtum gerechnet. Der bekommt nämlich von Senator Hidoshi die klare Anweisung, nun so mit der Lage umzugehen, wie er es für richtig hält. Er überrascht alle Anwesenden, als er vor die Arbeiter tritt und eine Lösung für das Problem vorschlägt, die erst durch die ihm durch den Rush Act eingeräumten Vollmachten möglich geworden ist und die wohl niemand vorhergesehen hat. Er verwendet einfach 1,3 Millionen Credits des erhöhten Militärbudgets, um neue Ausrüstung anzuschaffen und neue Arbeitskräfte einzustellen. Zento ist fassungslos, Connally und ihre Arbeiter sind überglücklich. Von Zento darauf angesprochen, dass diese Handlung wirklich nicht im Sinne des Rush Acts sei, erwidert Sinclair: „You should never hand someone a gun unless you’re sure where they’ll point it. Your mistake.“ Doch Zento spricht seinerseits eine Warnung an Sinclair aus: „You know damn well you twisted the intent of that order and you won’t get away with it!“ Und selbst Hidoshi, der Sinclair zwar zu seinem Einfall gratuliert, stellt fest: „This time you’ve won.“ Doch was ist beim nächsten Mal? Sinclair habe Zento in Verlegenheit gebracht und sich damit auch dessen mächtige Freunde zu Feinden gemacht, sagt Hidoshi. „You are not the most popular person in government circles right now.“
Fürs erste hat Sinclair jedoch gewonnen und darf sich endlich über ein paar Stunden Schlaf freuen. Im Lauf der Episode wirkt er immer müder, macht sich irgendwann nicht einmal mehr die Mühe, die Jacke seiner Uniform zu schließen und ist auch erkennbar unrasiert. Schön, dass man auf solche Details geachtet hat. Überhaupt liefert Michael O’Hare als Sinclair hier eine seiner besseren Leistungen ab.

Nicht nur der Streik der Dockarbeiter beansprucht in dieser Folge Sinclairs Aufmerksamkeit. Als wäre das nicht genug, streiten sich auch noch G’Kar und Londo – um eine Blume. Wie wir im Laufe der Episode erfahren, ist G’Kar ein Anhänger G’Quans und muss als solcher einmal im Jahr ein bestimmtes Ritual durchführen, für das er eine G’Quan Eth – eine ganz besonders seltene Blume von seiner Heimatwelt – braucht. Bei der Beschädigung des Narn-Frachters zu Beginn der Episode wird die von ihm bestellte Blume leider vernichtet. G’Kars Bemühungen um einem Ersatz bringen schnell zutage, dass es auf Babylon 5 momentan noch eine weitere G’Quan Eth gibt – und die befindet sich im Besitz von Londo Mollari. G’Kar durchsucht persönlich (und erfolglos) Londos Quartier, sehr zu Londos Belustigung, der G’Kar weiter ärgert, indem er ihm mitteilt er wolle die Pflanze als Rauschmittel verwenden. Londo macht ihm allerdings auch ein Angebot: für 50.000 Credits ist er bereits, die Blume zu verkaufen. Wütend stürmt G’Kar aus Londos Quartier.
Als er sich kurz darauf doch entscheidet, die horrende Summe zu bezahlen, ist Londo plötzlich nicht mehr zu einem Verkauf bereit. „Consider this a small, a very tiny portion of revenge for what you did to our colony on Ragesh 3 and to my nephew“, sagt er zu G’Kar, auf die Ereignisse der ersten Folge anspielend.
G’Kar ist außer sich vor Wut. Als er sich wieder beruhigt hat, bittet er in seiner Verzweiflung Sinclair um Hilfe, der inmitten des Dockarbeiterstreiks eigentlich gar keine Zeit hat. Dennoch nimmt sich Sinclair der Sache an und appeliert in einem persönlichen Gespräch an Londo, dieser möge die Blume G’Kar überlassen. Doch Londo macht keinen Hehl aus seiner Verachtung und seinem Hass auf G’Kar und die Narn im Allgemeinen. Ihm geht es hier wirklich nur um Rache und darum, G’Kar zu schaden.

G’Kar wiederum beauftragt Na’Toth, eine wertvolle Gottesstatue aus dem Centauri-Kulturzentrum auf der Station zu stehlen. Als Londo und G’Kar, sich gegenseitig wüst beschimpfend, in die Kommandozentrale kommen, lässt Sinclair sie von Ivanova zusammen mit einer ebenfalls nervenden Reporterin (die wir bereits aus „Infection“ kennen) hinauswerfen. Letztendlich gibt Londo die Blume im Austausch gegen die Statue zwar her, aber für das Ritual ist es inzwischen zu spät. Doch genau wie mit seiner Auflösung des Streiks der Dockarbeiter überrascht Sinclair auch dieses Mal mit seinem Vorschlag. Das Licht des Sonnenaufgangs auf G’Kars Heimatwelt, bei dem das Ritual durchgeführt werden muss, erreicht Babylon 5 erst einige Zeit später. Der Zeitpunkt für das Ritual sei also noch nicht verstrichen. G’Kar zeigt sich von dieser Einsicht Sinclairs beeindruckt. „Commander, you are a far more spiriutal man than I gave you credit for“, sagt er zu ihm. Am Ende der Episode kann G’Kar die religiöse Zeremonie also doch noch durchführen.
Einmal mehr stellt „Babylon 5“ mit diesem Handlungsstrang das Thema Religion in den Vordergrund. In „The Parliament of Dreams“ hatten wir religiöse Zeremonien der Centauri und der Minbari erleben dürfen, hier wird nun der Glaube der Narn thematisiert. Dabei erfahren wir, dass die Narn keineswegs alle derselben Religion angehören. G’Kar ist ein Anhänger G’Quans und Na’Toth erwähnt, ihr Vater sei ein Anhänger G’Lans (während sie selbst nicht religiös sei). Wie fast immer behandelt „Babylon 5“ das Thema mit großem Respekt und genau wie in „Believers“ kommt es zum Schluss zu einer überraschenden Wendung, dieses Mal zum Positiven. Sinclairs Charakter wird durch beide Handlungsstränge dieser Episode erweitert. Es wird klar, dass er zu kreativen Lösungen fähig ist und sich von scheinbar ausweglosen Situationen nicht entmutigen lässt, sondern einen klaren Kopf behält. Dass ihm seine Bereitschaft, damit andere Leute zu verärgern, in Zukunft noch Ärger einbringen wird, wird in der Episode bereitis angedeutet. Auch G’Kar, der in den ersten Folgen der Serie noch als zweidimensionaler Bösewicht erschien, darf hier nach „Mind War“ einmal mehr auch eine andere, spirituelle Seite zeigen. Die Sympathie der Zuschauer im Konflikt zwischen Londo und G’Kar ist hier klar auf G’Kars Seite.

Bester Londo/G’Kar-Moment und zugleich Highlight der Episode: Londos Geste und sein „Huu huuu!“ in Richtung G’Kar hinter den sich gerade vor Londo schließenden Aufzugtüren, als G’Kar erfährt, dass Londo im Besitz einer G’Quan Eth ist.

Folgende (weitere) wichtige Informationen, die für den weiteren Verlauf der Serie wichtig oder einfach nur interessant sind, erhalten wir in dieser ersten Episode:

  • Garibaldi entstammt einer Familie der Arbeiterklasse. Das können wir nicht nur den Aussagen von Ms. Connally entnehmen, sondern auch seiner Bemerkung, seine Großmutter sei Polizistin in Boston gewesen.
  • G’Kars Aussage, Sinclair sein ein viel spirituellerer Mensch, als er bisher gedacht habe, sollte man einfach mal im Hinterkopf behalten…
  • Ich habe es oben schon angesprochen: Sinclairs Entscheidung wird für ihn noch Konsequenzen haben. Ich verrate hier noch nicht welche, aber es sollte klar geworden sein, dass Sinclair zwar der Commander der Station, als solcher aber auf Babylon 5 nicht allmächtig ist. Er muss sich seinen Vorgesetzten und dem Senat gegenüber verantworten. Seine Entscheidung ist zwar legal, aber da sie nicht im Sinne des Rush Act war, dürfte er damit ein paar wichtige Leute auf der Erde verärgert haben.

Sonstige Fragen:

  • Welche Konsequenzen wird Sinclairs Handeln für ihn haben? Wer sind die mächtigen Freunde von Orin Zento und was können bzw. werden sie tun, um es Sinclair heimzuzahlen?
  • Es gibt ein Centauri-Kulturzentrum auf Babylon 5? Davon hört man in der Serie nie wieder, ebenso wenig von anderen Kulturzentren.

Interessante „Hinter den Kulissen“-Fakten:

  • Kathryn M. Drennan, die das Drehbuch zu dieser Episode geschrieben hat, war damals mit J. Michael Straczynski verheiratet. Um den Vorwurf der Vetternwirtschaft gar nicht erst aufkommen zu lassen, wollte er sie zunächst überhaupt kein Drehbuch zur Serie beisteuern lassen. Schließlich ließ er sich doch dazu überreden, bestand aber darauf, dass er ihr keine Storyidee zuteilte, sondern sie ihre eigene Idee entwickeln musste und dass das Drehbuch zudem sämtliche prüfenden Stationen zu durchlaufen hatte, wie alle anderen Drehbücher auch. Hätte nur eine der Personen, die das Drehbuch dabei lasen (und nicht wussten, dass es von JMS‘ Frau stammte), einen Einwand dagegen gehabt, dann wäre das Drehbuch nicht in Produktion gegangen, schrieb JMS damals in dem Internetforum, in dem er sich mit seinen Fans austauschte.
  • Regisseur Jim Johnston hat einen Cameoauftritt in der Folge. Er ist derjenige unter den Dockarbeitern, der „I say we strike!“ brüllt. Auch zahlreiche weitere Crewmitglieder sind als Statisten unter den Dockarbeitern zu sehen.
  • John Snyder, der hier Orin Zento spielt, war bereits in „Soul Hunter“ als der zweite Seelenjäger zu sehen.
  • Der „Rush Act“ wurde nach Rush Limbaugh benannt, einem konservativen Talkshow-Gastgeber in den USA.

Zitate:

G’Kar: „What do you believe in?“
Na’Toth: „Myself, ambassador.“
G’Kar: „Too easy an answer. We all believe in something greater than ourselves. Even if it’s just the blind forces of chance.“
Na’Toth: „Chance favours the warrior.“

Londo: „This isn’t about money, Commander, or spiritual beliefs. G’Kar is only worried about losing face. The Narns, eh. The’re a barbaric people. They’re all pagans, still worshipping their sun. No, I would rather burn the plant than give it to him.“

Sinclair (zu Orin Zento): „You should never hand someone a gun unless you’re sure where they’ll point it.“

Sinclair (zu Londo und G’Kar): „Gentlemen, I’ve been up for almost two days with no sleep. This makes me a very cranky man.“
Londo: „Yes, we’ve noticed. Have you considered meditation?“

Neeoma Connally: „My dad used to say there are no happily ever afters, just new battles.“

 

Die nächste Folge in meinem „Babylon 5“ Rewatch:
1.13 „Signs and Portents“

20 Jahre „HIStory“

Der deutschen Wikipedia-Seite zufolge erschien Michael Jacksons „HIStory“-Album heute vor 20 Jahren, am 14. Juni 1995. Da ich das Erscheinen dieses Albums als den Beginn meines Fanseins markiere, bin ich also bereits seit 20 Jahren Michael Jackson-Fan! Lasst mich noch ein bisschen weiter in der Zeit zurück gehen. Ich wurde im November 1981 geboren. Bereits einige Zeit vor der Veröffentlichung von „HIStory“, als ich zwölf oder dreizehn Jahre alt war, begann ich meine Leidenschaft für Michael Jackson zu entdecken. Meine Eltern hatten zu dieser Zeit zwei seiner Alben als CDs im Regal stehen: „Thriller“, das man einfach haben musste und das mein Vater wohl gekauft hatte, sobald ein CD-Player bei uns in der Wohnung stand, und das 1991 veröffentlichte „Dangerous“, das er wohl deshalb gekauft hatte, weil es bei seinem Erscheinen – wie die meisten MJ-Alben – aufwändig beworben wurde. Ich erinnere mich, dass meine Eltern mir einmal erzählten, sie hätten die Premiere eines Musikvideos von Michael Jackson im Fernsehen gesehen; vielleicht handelte es sich dabei um „Black Or White“, die erste Singleauskopplung aus „Dangerous“ und vielleicht war das der Auslöser, der zum Kauf des Albums geführt hatte. Musikvideos, gerade die von Michael Jackson, waren damals ja noch eine große Sache. Für uns umso mehr, wir hatten nämlich bis zu unserem Umzug 1996 kein Kabelfernsehen, was bedeutete, dass wir MTV und VIVA nicht empfangen und damit auch fast keine Musikvideos sehen konnten. Ich erinnere mich auch daran, dass mein Vater einmal nach Hause kam und vollkommen beeindruckt davon erzählte, er habe bei einem Freund das Video zu Meat Loafs „I’d Do Anything For Love“ (Regie: Michael Bay!) gesehen. Natürlich hatte er danach gleich das dazugehörige Album gekauft (das ich wie die beiden Jackson-Alben irgendwann quasi beschlagnahmte und in meinen eigenen CD-Ständer stellte – ich habe die drei CDs noch heute). Jedenfalls überspielte ich mir „Thriller“ und „Dangerous“ auf Kassette, um die Alben mit meinem Walkman hören zu können, den ich glaube ich zum zwölften Geburtstag geschenkt bekommen hatte. Dabei handelte es sich nicht um einen „echten“ Walkman, also nicht um ein Sony-Gerät, aber man konnte mit ihm auch Radio hören, was zumindest in dieser Kombination etwas Besonderes war. Ich kann mich nicht erinnern, die beiden Alben schon damals besonders häufig gehört zu haben oder bereits eine bewusste Vorliebe für Michael Jackson entwickelt zu haben, aber sie müssen sich irgendwie in mein Unterbewusstsein eingebrannt haben.

Im Juni 1995 erschien also Michael Jacksons neues Album „HIStory“. Über Michael Jackson wusste ich zu diesem Zeitpunkt noch nicht besonders viel. Ich war 13 Jahre alt, interessierte mich erst seit etwa einem Jahr aktiv für Musik und konnte wie erwähnt zuhause kein MTV gucken. An einem Samstag im Juni schlug mein Vater vor, zum TV Markt 2000 zu fahren, um Michael Jacksons neues Album zu kaufen. Der TV Markt 2000 war ein großer Elektronikmarkt in einer der umliegenden Gemeinden und genau wie Media Markt oder Saturn (damals noch Saturn Hansa) in unserer Familie ein beliebtes Wochenendausflugsziel. In meiner Erinnerung handelte es sich bei diesem Samstag um den Erscheinungstag von „HIStory“, vielleicht war das Album aber auch bereits einige Tage auf dem Markt (der 14.06.1995 war jedenfalls ein Mittwoch). Mein Vater und ich fuhren also in den Elektronikmarkt, kauften dort die Doppel-CD und füllten im Geschäft auch noch jeder eine Teilnahmekarte für ein Gewinnspiel aus. Als wir wieder zuhause waren, klingelte das Telefon und es meldete sich ein Mitarbeiter des Marktes. Mein Vater und ich hatten bei dem Gewinnspiel den ersten und zweiten Preis gewonnen: er eine Stereoanlage, ich einen Videorekorder! Wir konnten die Gewinne sofort abholen, mussten uns aber beeilen, da damals die Geschäfte an Samstagen noch um 13 oder 14 Uhr schlossen. Doch wir kamen noch rechtzeitig, um unsere Gewinne in Empfang zu nehmen, düsten wieder zurück nach Hause und tauschten dort unsere Gewinne: Da ich mir sowieso eine Stereoanlage gewünscht hatte, bekam ich die Anlage und mein Vater den Videorekorder. Tja, und der Rest ist HIStory… Ich hatte die Stereoanlage über neun Jahre lang in meinem Besitz und hörte dort vor allem sämtliche Jackson-Alben rauf und runter. Mit „HIStory“ nahm meine Jackson-Leidenschaft so richtig Fahrt auf. Ein paar Wochen später kaufte ich mir „Off The Wall“ und „Bad“ und hatte damit erst einmal die wichtigsten, damals erschienen MJ-Alben beisammen.

die deutsche

Die deutsche „Earth Song“ Maxi-CD.

Seitdem sind 20 Jahre vergangen. Michael Jackson hat nach „HIStory“ mit „Invincible“ noch ein weiteres volles Studioalbum veröffentlicht, aus dem wegen seiner Streitigkeiten mit Sony Musik jedoch kaum Musikvideos, Hitsingles und Performances hervorgegangen sind. Ich bin froh, 1995 zum Fan geworden zu sein und so wenigstens noch ein paar Jahre lang miterlebt zu haben, wie aufregend es war, auf eine neue Single oder ein neues Musikvideo zu warten bzw. diese ganz unvorbereitet zu entdecken. Denn damals – das Internet war bei mir noch nicht richtig angekommen – wusste ich oft gar nicht, dass etwa eine neue Single bevorstand. Ich weiß noch, wie ich einige Tage vor MJ’s Auftritt bei „Wetten dass…?“ die „Earth Song“-Maxi-CD zufällig im Geschäft entdeckte. Auf der Hülle prangte ein Aufkleber mit dem Hinweis „Der Song aus Wetten, dass…?“, allerdings lag der Auftritt in Thomas Gottschalks Sendung noch einige Tage in der Zukunft. Erst durch diese Entdeckung erfuhr ich überhaupt von der Singleauskopplung. Auch dass es von manchen Maxi-CDs verschiedene Versionen gab, entdeckte man oft nur durch das geduldige Durchsuchen der CD-Abteilungen in den Geschäften. Als ich 1998 im Frankreich-Urlaub in einem Laden, der gebrauchte CDs verkaufte, französische, in Pappschubern steckende Versionen von „You Are Not Alone“, „Earth Song“ und „They Don’t Care About Us“ ergatterte, war ich überrascht und überglücklich.

drei französische Singles

Drei französische Singles.

Gestern jährte sich Michael Jacksons Freispruch von den falschen Anschuldigungen wegen Kindesmissbrauchs zum zehten Mal. Der australische MJ-Podcast „The MJCast“ hat dazu ein zweistündiges Interview mit Jacksons Anwalt Tom Mesereau geführt, das – wie alle Episoden des Podcasts – sehr hörenswert und informativ ist. Die 15 neuen Lieder auf der zweiten Disc von „HIStory“ beschäftigen sich bekanntlich zu einem großen Teil mit den Anschuldigungen von 1993, als Michael Jackson zum ersten Mal dem Vorwurf des Kindesmissbrauchs ausgesetzt wurde. In „Scream“ setzen sich Michael und seine Schwester Janet gegen die Schmutzkampagnen der Medien zur Wehr, in „D.S.“ geht Michael persönlich mit Bezirkstaatsanwalt Tom Sneddon ins Gericht (dem Booklet zufolge steht „D.S.“ für „Dom Sheldon“, Michael singt aber hörbar „Tom Sneddon“) und in „Tabloid Junkie“ beklagt er sich über den Teufelkreis aus falschen Sensationsmeldungen und der Jagd nach immer höheren Auflagen und Einschaltquoten und fordert die Medienkonsumten auf, sich diesem Kreislauf schlicht zu verweigern: „To buy it is to feed it.“ (Lange Zeit dachte ich als Jugendlicher, der Song handele von MJ’s Tablettensucht, weil ich das in einer Zeitschrift gelesen hatte. Der Redakteur hatte das Lied wohl nicht genau angehört und nicht gewusst, dass „tabloid“ eine Bezeichnung für die Boulevardpresse ist.) Bei all den Aggressionen, die in vielen Liedern spürbar sind, finde ich es bezeichnend, dass Jackson das Album mit einer positiven Note enden ließ: mit seiner Version eines seiner Lieblingslieder, Charlie Chaplins „Smile“. „He starts the record with a scream, but ends it with a smile“, schreibt Brad Sundberg, der lange im Studio mit Jackson zusammen gearbeitet hat.

Der volle Titel des Albums lautet „HIStory – Past, Present and Future, Book I“. Ein „Book II“ ist nie erschienen, obwohl Michael nach den Jahren 2003 bis 2005 wohl Grund genug gehabt hätte, ein weiteres, sehr persönliches Album aufzunehmen. Während des Prozesses 2005 schrieb er zwar Songs, in denen er sich mit den Erfahrungen dieser Zeit auseinandersetzte, aber bekanntlich wurde zu seinen Lebzeiten keines der Lieder, an denen er nach „Invincible“ arbeitete, vollendet und veröffentlicht. „HIStory“ wurde 1995 beworben, als handele es sich um einen Kinoblockbuster. Michael drehte einen Kurzfilm, mit dem auf die Album-Veröffentlichung aufmerksam gemacht werden sollte und der soweit ich weiß auch im Kino zu sehen war (wer sich für die Interpretation dieses als „HIStory Teaser“ bekannten Werks interessiert, dem empfehle ich die drei sehr ausführlichen Blogposts auf dem „Dancing With The Elephant“-Blog). In mehreren europäischen Großstädten ließ Sony Music Statuen die vom Albumcover bekannten Michael Jackson aufstellen, unter anderem in London, wo eine davon auf der Themse schwamm. Michael Jackson gab zur Albumveröffentlichung eines seiner seltenen Interviews. Gemeinsam mit seiner damaligen Frau Lisa Marie Presley stellte er sich live im Fernsehen den Fragen von Diane Sawyer, die sich natürlich wie die meisten Journalisten kaum für die neue Musik interessierte, sondern Fragen stellte wie die, ob Michael und Lisa wirklich Sex miteinander hätten… (Auch zu diesem Interview gibt es eine sehr interessante Analyse.) Im September legte Michael einen spektakulären, 15-minütigen Auftritt bei den MTV Video Music Awards hin, der zu seinen besten Auftritten zählt: Wenn ich schon bei spektakulären Auftritten bin, darf ich natürlich auch Michaels Performance bei „Wetten, dass…?“ nicht vergessen, wo er die Halle zunächst mit „Dangerous“ und dann mit „Earth Song“ zum Beben brachte. Dieser Auftritt brachte ihm auch endlich seine erste Nummer 1-Single in Deutschland ein – „Earth Song“ blieb sechs Wochen auf dem Spitzenplatz. Auch die nächste Singleauskopplung „They Don’t Care About Us“ schaffte es hierzulande ganz nach oben in die Charts. Rückblickend hätte ich mir gerne noch weitere Singleauskopplungen aus „HIStory“ gewünscht. Insgesamt wurden sechs Titel als Singles ausgekoppelt (wenn man von den nicht käuflich erwerbbaren Promo-Singles einmal absieht), einer davon („HIStory“) jedoch nur als Remixversion und ohne richtig neues Musikvideo. Bemerkenswert ist die (für damalige Verhältnisse nicht ungewöhnliche) lange Lebensdauer des Albums. Durch die erst im September 1996 gestartete und über ein Jahr dauernde HIStory Tour und die zwischenzeitliche Veröffentlichung des Remixalbums „Blood On The Dance Floor – HIStory in the Mix“ wurde das Album über zwei Jahre lang aktiv beworben. Mit „Smile“ war zumindest eine weitere Singleauskopplung 1997 noch geplant gewesen, die jedoch wieder zurück gezogen wurde. Die wenigen bereits produzierten Promo-CDs sind heute ein begehrtes Sammlerstück (ich besitze leider keine). Besonders schade finde ich es, dass „2 Bad“ nicht als Single veröffentlicht wurde. Es ist eines der drei Lieder, die im knapp 40-minütigen Film „Ghosts“ vorkommen, der ursprünglich sogar als Musikvideo ganz allein für diesen Song geplant war. Es handelt sich dabei übrigens nicht um eine Fortsetzung von „Bad“, auch wenn das Wortspiel im Titel dies andeutet. Stattdessen setzt sich Michael hier ein weiteres Mal gegen all die Anschuldigungen zur Wehr, denen er ausgesetzt war.

Vor kurzem habe ich mir „HIStory“ wieder einmal angehört. Ich höre eigentlich so gut wie jeden Tag Musik von Michael Jackson, aber eben meistens auf dem iPod oder dem Laptop und in zufälliger Reihenfolge. Schon lange habe ich kein ganzes Album mehr am Stück gehört, so wie ich das früher oft getan habe. Genau das habe ich aber neulich getan: Die CD in den Player geschoben, mir gute Kopfhörer aufgesetzt und das Album vom ersten bis zum letzten Song durchgehört. In gewisser Weise war es, als hörte ich das Album zum ersten Mal. So viele Details gehen beim Anhören von mp3s auf dem Laptop oder mit kleinen iPod-Ohrstöpseln verloren und gerade Michael Jacksons Musik ist ja bekannt dafür, dass sie in teils jahrelanger Studioarbeit mit viel Liebe zum Detail aufgenommen und produziert worden ist. Ich habe so viele Dinge in den Liedern entdeckt, die ich schon lange nicht mehr – oder manchmal sogar noch nie – gehört habe.

die deutsche Erstveröffentlichung des

Die deutsche Erstveröffentlichung des „HIStory“-Albums (für eine größere Ansicht auf das Bild klicken).

A propos Details, von „HIStory“ existieren – wie von allen Jackson-Alben – verschiedene Versionen, die sich nicht nur äußerlich unterscheiden, sondern zum Teil auch inhaltlich. Wer das Album 1995 in Deutschland gekauft hat, der wird vielleicht genau wie ich eine Version der auf 500.000 Exemplare limitierten Erstauflage besitzen, die mit einem Aufkleber versehen war (siehe Foto). Die „persönliche Botschaft“ an seine deutschen Fans befindet sich als 16. Track auf der ersten CD. Neben Deutschland bekamen auch Frankreich und Holland eine eigene Botschaft von Michael. Außer dem Booklet lag der Erstauflage noch ein Flyer bei, mit dem man T-Shirts und anderes offizielles Merchandise bestellen konnte. (Übrigens besitze ich das Album, das mein Vater damals 1995 gekauft hat, schon seit einigen Jahren nicht mehr. Durch den jahrelangen fast täglichen Gebrauch ist irgendwann die Hülle kaputt gegangen, sodass ich das Album irgendwann leider weggeschmissen und mir bei Ebay ein anderes Exemplar der Erstauflage besorgt habe.) Neben diesen äußeren Besonderheiten bietet die Erstauflage des Albums auch ein paar inhaltliche: „They Don’t Care About Us“ liegt hier noch in der usprünglichen Version, bei der die Worte „jew“ und „kike“ noch nicht durch Geräusche unhörbar gemacht worden waren. (Für die Singleversion des Songs wurde zusätzlich der erste Refrain des Songs verändert. In der Albumversion singt Michael ihn alleine, in der Singleversion zusammen mit dem Chor, genau wie auch im späteren Verlauf des Songs.) Ein weiterer Unterschied betrifft den Titelsong des Albums: Auf der ursprünglichen Fassung beginnt das Lied mit einem Auszug der Orchesterfassung von Mussorgskys „Bilder einer Ausstellung“, der später durch ein anderes, ähnlich klingendes Stück ersetzt wurde (den Grund dafür kenne ich nicht). „Come Together“ liegt auf „HIStory“ leider nur in einer gekürzten Version vor (dabei hätten doch noch zwei Minuten mehr auf die CD gepasst). Die ursprüngliche, fast fünfeinhalb Minuten lange Fassung des Liedes wurde 1992 auf der Maxi-CD zu „Remember The Time“ veröffentlicht. Dass Michael den Song 1995 auf das Album packte, obwohl er ihn zuvor bereits veröffentlicht hatte, finde ich sehr interessant. Auch „You Are Not Alone“ ist auf „HIStory“ nicht in voller Länge zu hören, zumindest ist die 2004 auf der „Ultimate Collection“ veröffentlichte Fassung des Songs tatsächlich um etwa 15 Sekunden länger (es wird später ausgeblendet).

die beiden Discs des

Die beiden Discs des „HIStory“-Albums als Einzel-CD-Ausgaben.

„HIStory“ ist fast überall nur als Doppelalbum erschienen. Zwar wurde 2001 die erste CD des Albums als separates Greatest Hits-Album unter dem Titel „Greatest Hits – HIStory Volume I“ in den Handel gebracht, die zweite Disc – also das eigentlich neue Album – erschien jedoch nie als einzelne CD. Das dachte ich zumindest bis vor ein paar Jahren, als ich im Internet auf eine spezielle, in Italien veröffentlichte „HIStory“-Version stieß. Dabei handelt es sich um eine Einzel-CD, die nur aus der zweiten Disc besteht – diese ist allerdings nicht gold, wie die ursprünglichen „HIStory“-CDs, sondern in normalem „CD-Silber“ gehalten. Ich bin ja eigentlich niemand, der jede einzelne mal irgendwo auf der Welt veröffentlichte Fassung eines Albums sammelt, aber diese Version musste ich mir dann doch kaufen.

die italienische Single-Disc-Version von

Die italienische Single-Disc-Version von „HIStory“ mit silberner CD.

Mit „HIStory“ bin ich also zum Michael Jackson-Fan geworden. Mein Lieblingsalbum ist „Dangerous“, aber jetzt – nachdem ich mir „HIStory“ wieder einmal ganz angehört habe – ist mir erneut bewusst geworden, was für ein Meisterwerk auch dieses Album ist. Als es 1995 erschien, taten die Medien das Album fast ausnahmslos als Musik eines paranoiden und größenwahnsinnigen Spinners ab, der seine besten Zeiten hinter sich hatte. Dass Michael Jackson sich durchaus künstlerisch weiter entwickelt hatte und auf „HIStory“ einige seiner besten Lieder („Earth Song“, „Stranger In Moscow“) veröffentlichte, wollten oder konnten damals die Wenigsten sehen. Neben der geradezu unverstellbar detailverliebten Produktion der Songs ist auch die Zusammenstellung der Lieder bemerkenswert. Wütende Aufschreie gegen die Medien („Scream“, „Tabloid Junkie“) stehen neben einem Protestsong, der sich für die Rechte der Armen und Benachteiligten einsetzt („They Don’t Care About Us“). Ein intimer Blick in Jacksons manchmal so einsame Seele („Stranger In Moscow“), eine sämtliche Konventionen der Popmusik sprengende Hymne für den Planeten („Earth Song“) und sogar eine klassisch instrumentierte Ballade über Kindesmisshandlung (!) („Little Susie“) finden sich ebenfalls auf dem Album. Dann gibt es noch einen Sprechgesang gegen Gier und Korruption („Money“), einen simplen und aggressiven Rocksong, in dem Michael seine Wut über Tom Sneddon herausschreit („D.S.“), ein funkiges R&B-Stück, mit dem Michael Tom Sneddon, Evan Chandler & Co. quasi die Zunge raustreckt („This Time Around“), eine ganz konventionelle Liebesballade („You Are Not Alone“), eine sehr gelungene Beatles-Coverversion („Come Together“), einen weiteren intimen Blick in Michaels Seelenleben und sein wohl persönlichstes Lied („Childhood“), eine aggressive Funk/R&B-Tanznummer („2 Bad“) und ein mit Zitaten angereichertes, in den Strophen zackig-trotziges und im Refrain euphorisch-hymnisches Stück, das sich wie der Albumtitel sowohl auf Michael Jackson persönlich als auch auf den Zustand der Welt im Allgemeinen beziehen lässt („HIStory“). Zum versöhnlichen Abschluss dann Michaels grandiose Version von „Smile“.

„HIStory“ ist sicherlich Michael Jacksons vielseitigstes Album. Er wechselt darauf zwischen so vielen Genres und Stilen hin und her, dass der Begriff „Popalbum“ fast schon nicht mehr auszureichen scheint. Wenn man dem Album eines vorwerfen kann, dann dass es uneinheitlich ist. Im Gegensatz zu „Dangerous“, das sich trotz auch dort vorhandener Genrewechsel wie aus einem Guss anhört, ist „HIStory“ eine Zusammenstellung höchst unterschiedlicher Stücke, die auf den ersten Blick nicht immer zusammenpassen wollen. Michael hätte sich dafür entscheiden können, erst einmal nur ein Album voller aggressiver, funkiger Songs herauszubringen. Doch er dachte jenseits von Genregrenzen, Musik war für ihn Musik und ein guter Song ein guter Song. Zudem waren ihm viele Lieder auf „HIStory“ sicherlich wegen ihrer Botschaft sehr wichtig. Der fehlende musikalische rote Faden ist sicherlich auch der Tatsache geschuldet, dass er hier noch mehr als bei „Dangerous“ mit mehreren unterschiedlichen Produzenten arbeitete. Erstmals produzierte er allerdings auch einige Titel ganz alleine (z.B. „Stranger In Moscow“, „Little Susie“, „They Don’t Care About Us“). „HIStory“ ist wahrlich ein monumentales Album, ein in seinem Umfang extrem ehrgeiziges Werk, aber auch eines, das Michael Jackson auf dem Höhepunkt seines musikalischen Schaffens zeigt und intime Blicke in seine Sicht auf die Welt – nicht nur auf seine Welt – ermöglicht. Leider hat der Michael Jackson Estate das Jubiläum des Albums vollkommen ignoriert. Wir warten also erst einmal auf den 25. Jahrestag des Albums – vielleicht erwartet uns ja dann die Jubiläumsedition mit Demoversionen, unveröffentlichten Stücken und Hintergrundmaterial (allerdings bezweifliche ich das). Bis dahin höre ich einfach das Original-Album wieder und wieder an – es gibt darin noch so vieles zu entdecken.

Babylon 5 – Episode 1.11 “Survivors”

Es dauert nicht mehr lange, bis die erste Staffel von „Sense8“, der neuen Serie von „Babylon 5“-Schöpfer J. Michael Straczynski (JMS) auf Netflix zu sehen sein wird. Inzwischen wurden mehrere Trailer zu „Sense8“ veröffentlicht, zum Beispiel dieser hier:

Nun aber hurtig weiter zur nächsten „Babylon 5“-Folge (mit der wir immerhin die Hälfte der ersten Staffel hinter uns haben):

Episode 1.11 “Survivors” (“Ein Wiedersehen mit Folgen”)

Drehbuch: Marc Scott Zicree, Regie: Jim Johnston
Erstausstrahlung: 04.05.1994 (USA), 15.10.1995 (Deutschland)

„Survivors“ ist eine interessante Episode. Statt wie üblich eine Haupt- und eine oder mehrere Nebenhandlungen finden wie hier nur eine Haupthandlung vor. Im Mittelpunkt steht Sicherheitschef Michael Garibaldy (Jerry Doyle). Seine problematische Vergangenheit und sein alles andere als geradliniger Lebenslauf wurden in der Serie bereits mehrmals angedeutet. Seinen Posten auf Babylon 5 hat er allein seiner Freundschaft mit Sinclair zu verdanken, der weiß, dass er sich auf Garibaldi verlassen kann.
Aus einer Nachrichtensendung des Senders ISN (Interstellar News Network) erfahren wir, dass Luis Santiago, der Präsident der Erdallianz, zu einem offiziellen Besuch auf Babylon 5 erwartet wird. Selbstverständlich macht ein solcher Besuch hohe Sicherheitsvorkehrungen nötig. Lianna Kemmer (Elaine Thomas), die Chefin des Sicherheitsstabs des Präsidenten, trifft einige Zeit vor dem Präsidenten auf Babylon 5 ein, um die Sicherheitsvorkehrungen zu überprüfen. Dass es kurz zuvor eine Explosion in einer der Cobrabuchten (der Startbuchten für die Star Furies) gegeben hat, bei der ein Arbeiter schwer verletzt wurde, ist für Kemmer Grund genug, eine gründliche Untersuchung durchzuführen. Doch schon bei ihrer ersten Begegnung mit Sinclair und Garibaldi wird klar, dass Kemmer keine besonders kompromissbereite Person ist. Sie fordert, die Untersuchung alleine zu leiten und will nicht mit Garibaldi zusammen arbeiten.
Zudem wird klar, dass Garibaldi und Kemmer sich bereits kennen. Garibaldi erzählt Sinclair, er habe vor 17 Jahren einen Job auf Europa (einem von Jupiters Monden) gehabt. Dort war unter seinen Kollegen Korruption an der Tagesordnung und er versuchte verzweifelt, Recht und Ordnung aufrecht zu erhalten. Weil ihm dies jedoch nicht gelang und er die sich verschlimmernden Zustände um ihn herum mit ansehen musste, griff er zur Flasche und begann stark zu trinken. Schließlich lernte er Frank Kemmer, Liannas Vater kennen und verbrachte viel Zeit mit dessen Familie, was einen guten Einfluss auf ihn hatte. „With all the madness, it kept me sane and sober for a while“, erzählt er. Als aber Frank Kemmer, für dessen Sicherheit Garibaldi verantwortlich war, bei einem Attentat ums Leben kam und Franks Familie Garbibaldi die Schuld daran gab, fing er wieder zu trinken an. All dies schildert er Sinclair bei einem Gespräch an der Bar, wo er jedoch nur Wasser bestellt.

Lianna Kemmer befragt den verletzten Arbeiter danach, wer die Bombe in der Cobrabucht gelegt hat. Dieser kann gerade noch „Garibaldi“ sagen, bevor er stirbt. Daraufhin verlangt Kemmer Garibaldis sofortige Suspendierung und übernimmt seinen Posten als Sicherheitschef. In typischer TV-Manier sind hier zwei Geschichten miteinander verbunden: Die Beschuldigung Garibaldis, der nun seine Unschuld beweisen muss und seine Beziehung zu Lianna, die den Anlass bietet, mehr über Garibaldi zu erfahren. Das wirkt klischeehaft – und ist es auch, weil man es so ähnlich schon Dutzende Male im Fernsehen gesehen hat – ist aber vor allem aufgrund Jerry Doyles Schauspiel trotzdem glaubwürdig und spannend.
Garibaldi versichert Kemmer, er habe damals auf Europa keineswegs nur sich selbst retten wollen und trage keine Schuld am Tod ihres Vaters. Doch Lianna wirft ihm vor „You just got drunk and ran, like you always do.“ Als schließlich in Garibaldis Quartier Indizien gefunden werden, die auf seine Beteiligung an der Explosion hindeuten, flüchtet er. Einmal mehr kommt es zu einer Auseinandersetzung zwischen Kemmer und Sinclair, der auf Garibaldis Seite steht und sich nicht sagen lassen will, wie er seine Arbeit zu machen hat. „This is my station and it’s time you realise that“, schleudert er Kemmer entgegen. Um Kemmer die Arbeit zu erschweren und Garibaldi zu schützen, befiehlt Ivanova eine umfangreiche Überprüfung der Kommunikationskanäle, die dadurch für Stunden blockiert werden.

Weil in seinem Quartier eine beträchtliche Summe Centauri-Dukaten gefunden wurde, sucht Garibaldi als erstes Londo auf. Londo streitet jegliche Beteiligung ab und schiebt die Schuld natürlich G’Kar in die Schuhe. Er ist bereit, Garibaldi zu helfen und ausnahmsweise ist es hier einmal Garibaldi, der sich Geld von Londo leiht. Die bereits etablierte Freundschaft zwischen Garibaldi und Londo wird hier einmal mehr deutlich und Londo bringt es auf den Punkt, als er über die Gemeinsamkeiten zwischen ihnen beiden spricht (s. Zitate).
Auch G’Kar, den Garibaldi als nächstes aufsucht, bestreitet seine Schuld. Er bietet ihm jedoch an, ihn ins von den Narn kontrollierte Gebiet in Sicherheit zu bringen. Doch Garibaldi lehnt es ab, als Spion für die Narn zu arbeiten und ist entsetzt, dass G’Kar von ihm verlangt, seine eigene Welt zu verraten. Sowohl im Casino bei Londo als auch in G’Kars Quartier bekommt Garibaldi weitere Gelegenheiten, einen Drink zu nehmen. Er bleibt jedoch standhaft und lehnt jedes Mal ab.

Nach einem kurzen Besuch bei N’Grath, der Garibaldi nicht helfen will, wird Garibaldi von einem Dieb, den er zu Beginn der Episode verwarnt hatte und zwei Drazi angegriffen. Sinclairs persönliches Eingreifen rettet ihn, doch als Sinclair ihm seine Hilfe anbietet, haut Garibaldi erneut ab. Er will seine Unschuld allein beweisen – aber warum? Sinclair ist sein engster Freund und Garibaldi sollte eigentlich wissen, dass er ihm vertrauen kann. Vielleicht liegt es in Garibaldis persönlichen Erfahrungen begründet, dass er glaubt, sich im schlimmsten Fall nur auf sich selbst verlassen zu können.
Leider führt ihn dies an den tiefsten Punkt der Episode. Er sucht eine herunter gekommene Bar auf, in der er schließlich doch wieder einen Drink nimmt. Natürlich bleibt es nicht nur bei einem einzigen Drink und schon bald ist Garibaldi sturzbetrunken. Nachdem ihn einer der anderen Gäste verraten hat, haben Kemmer und ihre Leute bei Garibaldis Festnahme leichtes Spiel. „Drunk again, Uncle Mike?“, fragt Lianna ihn verächtlich als sie ihn festnehmen lässt.

Das Raumschiff des Präsidenten hat unterdessen Babylon 5 erreicht. Kemmer verhört Garibaldi, um endlich zu erfahren, wer hinter der Explosion steckt und ob weitere Gefahr für den Präsidenten besteht. Da Garibaldi nichts damit zu tun hat, kommt Kemmer natürlich nicht weiter. Sinclair hat unterdessen Garibaldis Stellvertreter Lou Welch (David L. Crowley) beauftragt, das Quartier des bei der Explosion verletzten und inzwischen verstorbenen Arbeiters zu durchsuchen. Welch ist fündig geworden: Neben Materialien, die auf eine Verbindung zur Homeguard hindeuten, findet er auch einige Vibrationsdetonatoren. Einen davon hatte der Arbeiter wohl in der Cobrabucht angebracht. Statt erst bei der Ankunft des Präsidenten zu explodieren, war der Detonator jedoch schon früher losgegangen.
Garibaldi äußert den Verdacht , Kemmers Assistent Cutter (Tom Donaldson) habe ihm die falschen Beweise untergejubelt und kann Kemmer schließlich überzeugen, die Cobrabuchten einer letzten Überprüfung zu unterziehen, bevor der Präsident die Station betritt. In die Enge getrieben zeigt Cutter dort sein wahres Gesicht. Er betäubt Kemmer und prügelt sich mit Garibaldi, der im letzten Moment Kontakt zu Ivanova aufnehmen und so den Start des neuen Kampfgeschwaders verhindern kann, durch den eine Explosion ausgelöst worden wäre.
Nachdem die Krise überstanden und Garibaldis Unschuld bewiesen ist, gibt Sinclair ihm seine PPG (Phased Plasma Gun) und sein Comlink zurück. Zudem spricht Garibaldi ein letztes Mal mit Lianna, bevor sie die Station wieder verlässt. Die Dialoge der Episode finde ich überwiegend gelungen, doch Garibaldis Worte in dieser Szene stellen leider eine Ausnahme dar: „17 years ago we both died inside, but somehow we survived. For better or worse, that’s all we can do. Survive and maybe one day forget how much it can hurt to be human.“ Also wirklich, wer spricht denn bitte so?

„Survivors“ ist eine solide Episode, die besser ist als ich sie in Erinnerung hatte. Wie die meisten Episoden der ersten Staffel dient sie vor allem dazu, die Charaktere – in diesem Fall in erster Linie Garibaldi – zu etablieren und erzählt eine in sich abgeschlossene Handlung. Dennoch wird hier auch vieles etabliert, das für die zukünftige Handlung der Serie von Bedeutung ist. Neben Garibaldis Alkoholismus ist dies vor allem die Tatsache, dass der amtierende Päsident der Erdallianz den Zielen von Babylon 5 wohl gesonnen ist. Santiago ruft in seiner Ansprache auf der Station alle außerirdischen Regierungen dazu auf, eng mit der Erde zusammen zu arbeiten und kündigt liberalere Einwanderungsgesetze und Handelsbestimmungen an (was wir aus den ISN-Berichten am Anfang und am Ende der Episode erfahren). Diese Position sorgt jedoch für Kontroversen auf der Erde, da zahlreiche Gruppen nicht einer Meinung mit Santiago sind, darunter die militante und fremdenfeindliche Homeguard, der die Attentäter angehören. Santiago hat also Feinde, die nicht vor einem Attentat auf ihn zurück schrecken – auch das ist eine Tatsache, die man sich merken sollte.

Highlight der Episode: Ivanovas Umgang mit Major Kemmer (s. Zitate).

Weitere interessante Punkte: 

  • Am Anfang und am Ender der Folge erhaschen wir jeweils einen kurzen Blick auf die Earth Force One, das Schiff des Präsidenten.
  • Zu Beginn der Episode sieht man Garibaldi und Ivanova durch einen der Bereiche der Station gehen, in dem eine geringere Schwerkraft herrscht. Da die Schwerkraft auf Babylon 5 durch Rotation erzeugt wird, muss es sich dabei um einen Bereich nahe der zentralen Achse der Station handeln. Den Durchsagen zufolge soll man sich dort stets an den entlang der Wege aufgestellten Geländer festhalten.
  • Im Gespräch zwischen Londo und Garibaldi wird wieder einmal Ragesh 3 erwähnt, jene Kolonie, um die sich die Centauri und Narn schon lange streiten.
  • Als Garibaldi das Casino aufsucht, um Londo zu treffen, sehen wir auf einem Tisch zwei holografische Ritter gegeneinander kämpfen – wieder eines der recht seltenen Beispiele für Holo-Technologie in Babylon 5.
  • Babylon 5 erhält in dieser Episode ein weiteres Geschwader an Kampfjägern („Star Furies“). Zusätzlich zu den Alpha-, Delta- und Gamma-Staffeln verfügt die Station damit auch über eine Zeta-Staffel.

Interessante “Hinter den Kulissen”-Fakten: 

  • Der ursprüngliche Titel des Drehbuchs von Marc Scott Zicree lautete „Knife in the Shadows“.
  • JMS war beim Erscheinen der Episode sehr stolz auf die damals für TV-Verhältnisse revolutionären CGI-Effekte. Zu Beginn der Episode sehen wir einen composite shot, als Garibaldi und Ivanova in dem Shuttle stehen, das die zentrale Achse der Station entlang fährt. Die Aussicht durch das Fenster des Shuttles ist komplett computergeneriert. In der Szene, in der Lianna am Ende der Folge in ihr Schiff steigt, ist bis auf die Schauspielerin und einen Teil der Leiter das gesamte Bild am Computer erzeugt.
  • JMS ist mit Alkoholismus gut vertraut: „I come from a family with alcoholism going back at least four generations […]. I am, in fact, the first male Straczynski in my branch of this particular stunted tree NOT to have this problem. I have had far, far, far more experience with this area than I care to recite…and from that perspective, I have no problem with Garibaldi’s portrayal.“ (zitiert aus  „Asked & Answered Part 4“, S. 1552f)
  • Jerry Doyle, der Michael Garibaldi spielt, hat eine wichtige Gemeinsamkeit mit seiner Figur: Sein Lebenslauf ist ebenso wie der Garibaldis alles andere als geradlinig. Bevor er Schauspieler wurde, arbeitete er unter anderem als Jetpilot und später an der Wall Street. Um zum Vorsprechen für eine Rolle bei „Babylon 5“ eingeladen zu werden, schrieb er einen größtenteils fiktiven Lebenslauf. Obwohl er dabei aufflog – oder vielleicht gerade deswegen – gab JMS ihm die Rolle als Garibaldi.
  • General Netter wurde nach dem ausführenden Produzenten der Serie, Douglas Netter benannt.

Zitate:

Kemmer: „I demand you open a channel to Earth at once.“
Ivanova:
„I’m a Lieutenant Commander in Earth Force, Major. I do not take demands. If you have a request, I’ll consider it.“
Kemmer:
„Very well, then. I request that you open a channel to Earthdome.“
Ivanova:
„Request denied. Have a nice day.“

Londo (über die Göttin Ilaros): „Goddess of luck, patron of gamblers. She and I have had a long and rather dubious relationship.“

Londo zu Garibaldi: „We are alike, you and I. We are both, as you say, the odd man out. I have been in your place. I can feel how you are pinned. And it would give me some small pleasure to know that things can work out, even for us.“

G’Kar zu Garibaldi: „The universe is run by the complex interweaving of three elements: Energy, matter, and enlightened self-interest. Unless you comprehend that fact and soon, you will be cornered and caged. They will destroy you.“

G’Kar: „You have made many enemies.“
Garibaldi: „Call it a lifestyle.“

Garibaldi: „I blew it, Jeff. Just like I did on Europa, on Mars Colony, Orion 4, just like I always do. When things get too rough, I crawl right back into the damn bottle. What really scares me is how much I’ve enjoyed it.“
Sinclair: „But you crawled back out again and did the job. That’s what’s counts.“
Garibaldi: „Yeah. I got lucky. But what happens next time?“

 

Die nächste Folge in meinem „Babylon 5“ Rewatch:
1.12 „By Any Means Necessary“

DOK.fest München 2015 – Noch drei Filme :-)

Heute ist der letzte Tag des 30. DOK.fest München. Ich habe es zwar gestern und heute nicht mehr ins Kino geschafft, möchte aber noch einmal über ein paar Filme bloggen, die ich auf dem DOK.fest gesehen habe.

Elephant's Dream

Copyright: DOK.fest München / Elephant’s Dream

Zunächst ist da „Elephant’s Dream“, sicherlich einer der am besten aussehendsten Filme des Festivals. Der Belgier Kristof Bilsen, der hier den Alltag in Kinshasa, der Hauptstadt des Kongo portaitiert, bringt wunderschön komponierte Einstellungen auf die Leinwand. Sein Film zeigt die andere Seite des Kongo, an die man nicht zuerst denkt, wenn man den Namen dieses Landes liest. Man sieht also in „Elephant’s Dream“ keine Soldaten und Gewehre, keine Unruhen oder bürgerkriegsähnliche Zustände. Ganz im Gegenteil ist dies sogar ein äußerst ruhiger Film. Das liegt zum einen an seinem Inhalt, denn die hier in den Mittelpunkt gerückten Personen haben gemeinsam, dass sie alle nicht besonders viel zu tun haben. Die Postbeamtin sitzt den ganzen Tag über hinter einer Glasscheibe an ihrem Schalter; selten bringt jemand einen Brief zu ihr. Der Bahnhofswärter sitzt neben den Gleisen, nur selten fährt mal ein Zug vorbei. Was genau hier die Hintergründe sind, warum also diese Menschen anscheinend zwar Berufe, aber trotzdem nichts zu tun haben, das erfährt man entweder nicht oder ich habe es in meiner Konzentration auf die schönen Bilder nicht mitbekommen. Und diese Bilder sind der zweite Grund, warum der Film so ruhig ist. Statt Handkamera setzt Bilsen auf Stativaufnahmen, statt vieler Schnitte auf lange Einstellungen.

Diese Inszenierungsweise gibt dem Film und seinen Zuschauern immer wieder die Gelegenheit, inne zu halten um zu staunen oder auch um sich zu wundern. Sie macht aber auch deutlich, dass die Grenzen zwischen Dokumentation und Spielfilm fließend sind. Bilsen geht im Publikumsgespräch nach der Vorführung darauf ein, wie wichtig ihm die Ästhetik des Films war und dass die Einstellungen und Perspektiven, mit denen er seine Motive in Szene setzt, ganz bewusst gewählt sind (zudem erwähnt er, dass er auch das Sounddesign ganz bewusst gestaltet hat). Das ist natürlich bei anderen Dokumentationen auch der Fall, aber hier spielt sich die Inszenierungsweise eben sehr in den Vordergrund. Das ist an sich nichts Negatives und ich habe den Film auch sehr genossen. Allzu viel über den Kongo habe ich hier aber nicht erfahren.

Das Golddorf

Copright: DOK.fest München / Das Golddorf

Auch Regisseurin Carolin Genreith reißt in „Das Golddorf“ ein interessantes, ja brisantes Thema zumindest an: Asylbewerber in Deutschland. Der Ansatz, den sie gewählt hat ist eigentlich äußerst geschickt. Sie schildert den Alltag einiger Asylbewerber, die in einem Gasthaus im idyllischen Bergen im Chiemgau untergebracht sind und versucht, vor allem das Aufeinandertreffen von Einwohnern und Einwanderern in den Blick zu nehmen. Das gelingt auch immer wieder recht gut und ist dann am ergiebigsten und interessantesten, wenn die traditionsbewussten bayerischen Bürger aus der Perspektive der Neuankömmlinge gezeigt werden, die noch nicht einmal die deutsche Sprache beherrschen. Dann gelingt es Genreith, ihren und den Blick der Zuschauer so weit zu „ver-andern“, dass einem heimische Bräuche und Selbstverständlichkeiten mit einem Mal eben nicht mehr selbstverständlich erscheinen, sondern hinterfragt werden. Das geschieht wie gesagt meistens durch die Beobachtungen der aus Afghanistan, dem Senegal oder aus anderen fernen Ländern eingewanderten Asylanten. Ein paar Mal hakt Genreith jedoch auch selbst nach, beispielsweise als sie eine junge Frau filmt, die sich auf ein Treffen des örtlichen Trachtenvereins vorbereitet. Die Frau erklärt, sie müsse sich die Haare in einer ganz bestimmten Weise flechten und nach oben stecken, eben weil dies die anderen Frauen auch alle täten und alle Frauen im Trachtenverein die gleiche Frisur haben müssten. Genreith stellt ihr mehrmals die Frage, was geschehen würde, wenn eine Frau mit einer anderen Frisur zum Treffen auftaucht und bekommt schließlich zur Antwort: Das würde sich wohl keine trauen. Ich persönlich hätte an dieser Stelle noch weiter gefragt und wissen wollen, was denn in der Vorstellung der jungen Frau in einem solchen Fall wohl schlimmes passieren würde. Vielleicht hätte ich sogar versucht, sie zu überreden, mit einer „falschen“ Frisur zum Trachtenverein zu gehen und das filmen zu dürfen. Aber auch die Aussage der jungen Frau allein finde ich schon hoch interessant. Schade nur, dass Genreith nicht auch an anderen Stellen im Film so nachgehakt hat.

Anders als es die Thematik viellelicht vermuten lässt, ist „Das Golddorf“ ein erstaunlich konfliktarmer Film. Natürlich haben die Asylbewerber alle ihre Schwierigkeiten – von Heimweh über Sorgen um die in Lebensgefahr zurück gelassene Familie bis hin zu bürokratischen Schwierigkeiten. Aber wäre dieser Film ein Spielfilm, würde man ihm wohl einen zu flachen dramaturgischen Bogen und einen Mangel an Konflikten vorwerfen. Denn von Auseinandersetzungen zwischen den Dorfbewohnern und den Asylbewerbern oder gar von rassistisch motivierten Angriffen fehlt hier jede Spur. Wenn es keine gab, so ist das um so besser und es ist ja auch schön zu erfahren, dass ein solches Zusammenleben nicht immer vor allem von Konflikten geprägt sein muss. Vielleicht haben ja gerade die Dreharbeiten Genreiths dazu beigetragen, solche Konflikte abzubauen, weil sich die gefilmten und interviewten Einwohner so noch mehr mit ihren Gedanken und Gefühlen über die Neuankömmlinge auseinander setzen mussten. Wie auch immer, es ist schön, in den Begegnungen zwischen den Kulturen so viel Positives gezeigt zu bekommen. Dass dieses Zusammenleben dauerhaft so friedlich und fast problemlos abläuft wie hier dargestellt, glaube ich aber leider nicht.

Das dunkle Gen

Copyright: DOK.fest München / Das dunkle Gen

Auch „Das dunkle Gen“ behandelt ein aktuelles und wichtiges Thema: Depression. Wie auch bei „Ce qu’il reste de la folie“ und „Nicht alles schlucken“ handelt es sich hierbei um einen der Filme, die psychische Krankheiten, deren Konsequenzen und den Umgang mit ihnen zum Inhalt haben. Die Filmemacher Miriam Jakobs und Gerhard Schick begleiten in „Das dunkle Gen“ den selbst an Depression erkrankten Protagonsten Frank S. bei seinen Versuchen, den möglicherweise genetischen Ursachen der Depression auf den Grund zu gehen. Nun habe ich mir von dem Film keine endgültige Antwort auf die Frage erwartet, ob es denn ein „dunkles Gen“ gebe, wo genau im menschlichen Erbgut also die Anlagen zur Depression liegen. Ich war dann aber doch überrascht davon, wie sehr der Film zwischen verschiedenen (nicht immer interessanten) Gedanken hin und her schlingert. Frank S., der selbst Arzt ist und dessen Interessen vor allem im naturwissenschaftlichen Bereich liegen, unterhält sich im Lauf des Films mit einer Molekulargenetikerin, einem Bildhauer, einer Komponistin und mehreren weiteren Wissenschaftlern. Der Zusammenhang wird hier nicht immer ganz klar und liegt wohl einzig in den Interessen des Protagonisten begründet. Und so ist „Das dunkle Gen“ auch kein Film, der Antworten liefert, sondern eher einer, der einen an Depression erkrankten Menschen auf seiner Reise der Genesung begleitet. Dabei ist manches interessant, manches weniger und mit Depression hat der Film mit zunehmendem Verlauf immer weniger zu tun. Dies spiegelt vielleicht die zunehmende Genesung von Frank S. wieder, macht den Film allerdings auch für den am Thema Depression interessierten Zuschauer zunehmend unbefriedigend. Auffallend ist, dass die beiden großen deutschen Festivalbeiträge zur Thematik – „Das dunkle Gen“ und „Nicht alles schlucken“ – die Psychotherapie weitgehend ausblenden und sich auf andere Aspekte im Zusammenhang mit psychischen Krankheiten konzentrieren. („Das dunkle Gen“ startet am 11.06. regulär in den deutschen Kinos und auch „Nicht alles schlucken“ wird im Rahmen einer großen Kinotour noch in weiteren Kinos in ganz Deutschland zu sehen sein.)

DOK.fest München – Filme aus China

Das DOK.fest in München läuft noch bis zum Sonntag und ich werde zumindest heute und morgen noch ein paar Filme sehen. Auch in den letzten Tagen war ich fast jeden Tag auf dem Festival und habe zufälligerweise – ohne einen bewussten Schwerpunkt zu setzen – drei Filme aus der Reihe „DOK.guest“, die dieses Jahr dem Gastland China gewidmet ist, gesehen.

Little People Big Dreams

Copyright: DOK.fest München / Little People Big Dreams

Der erste davon war „Little People Big Dreams“. Darin geht es um einen Vergnügungsparkt namens „Dwarves Empire“, in dem kleinwüchsige Menschen wie in einem Zoo von Touristen bestaunt werden können. In China gebe es in etwa so viele körperlich behinderte Menschen, wie die Bundesrepublik Deutschland Einwohner hat, erklärt vor Filmbeginn eine Mitarbeiterin des DOK.fest. Einige von ihnen haben im Dwarves Empire Arbeit und leben unter ihresgleichen. Tagsüber liefern sie den Parkbesuchern eine lustige Show ab, Märchenkostüme und einstudierte Choreographien inklusive. Sie werden begafft, fotografiert und bekommen Fragen gestellt, die einem bei anderen Menschen gar nicht einfallen würden. Der Park bietet ihnen ein Zuhause und ein geregeltes Einkommen. Doch das ist natürlich nur die eine Seite. Die andere ist, dass hier Menschen zu Attraktionen eines Vergnügunsparks degradiert werden.

„Little People Big Dreams“ ist ein hoch interessanter Film, dem es gelingt, einen differenzierten Blick auf ein befremdlich erscheinendes Phänomen zu werfen. Der Film begleitet mehrere der kleinwüchsigen Angestellten des Parks über einen längeren Zeitraum, ohne dabei jedoch eine Wertung abzugegeben. Dabei zeigt sich, dass das „Dwarves Empire“ für seine Mitarbeiter Fluch oder Segen – oder auch beides zugleich – sein kann. Einige von ihnen fühlen sich darin zumindest eine Zeit lang durchaus wohl, weil sie unter ihresgleichen sind und sich wenigstens in ihrer Freizeit keine Sorgen über Ausgrenzung und Diskriminierung machen zu müssen. Doch das tägliche zur Schau stellen ihres Andersseins wird für einige zur seelischen Belastung und sie versuchen, aus dem Gewerbe auszusteigen – nicht immer mit Erfolg. Der Film zeichnet von ihnen allen ein Bild als Menschen mit gewöhnlichen menschlichen Sorgen und Sehnsüchten. Er reduziert sie nicht allein auf ihre Kleinwüchsigkeit, wodurch hier differenzierte Portraits der einzelnen Personen und damit ein interessanter Einblick in ein zugleich abstoßendes wie faszinierendes Phänomen entstehen. (Übrigens gab es bis in die 1970er Jahre auch in Deutschland eine „Liliputaner-Stadt“, in der kleinwüchsige Menschen bestaunt werden konnten. Im Süddeutsche Zeitung Magazin ist darüber 2013 ein interessanter Artikel erschienen.)

The Last Moose in Aoluguya

Copyright: DOK.fest München / The Last Moose in Aoluguya

Um eine weitere chinesische Randgruppe geht es in „The Last Moose in Aoluguya“. Die Minderheit der Rentier-Ewenken lebt im Nordosten Chinas. Eigentlich handelt es sich um einen Nomadenstamm, der jedoch von der Regierung in feste Camps umgesiedelt wurde. Damit jedoch hat man ihnen einen Großteil ihrer kulturellen Identität genommen: Die Jagd und die Rentierzucht. So jedenfalls steht es in der Inhaltsbeschreibung des Films auf der DOK.fest-Website. Der Film von Gu Tao gibt seinen Zuschauern leider kaum Informationen über diese Ausgangssituation. Man versteht durchaus schnell, dass hier etwas nicht stimmt. Der im Film portraitierte Weijia ist die meiste Zeit über betrunken und erst als seine Mutter ihm per Internetanzeige eine Freundin verschafft, beginnt er aus dem Kreislauf aus Trinken und Nichtstun auszubrechen. Ich hätte von dem Film allerdings mehr gehabt, wenn er nicht nur aus unkommentierten Aufnahmen bestanden hätte. Ein paar einleitende Worte oder ein erklärendes Voice Over hier und da hätten dem Zuschauer die nötigen Informationen liefern können, um das Gesehene einzuordnen. Der bei der Vorführung anwesenede Kameramann erledigte das für die anwesenden Zuschauer, doch der Film selbst bleibt ein wenig bruchstückhaft, wenn man mit der Materie nicht vertraut ist (und wer ist das schon?).

„The Last Moose in Aoluguya“ ist der dritte Teil einer Trilogie, für die der Regisseur über acht Jahre lang bei den Ewenki gelebt und gefilmt hat. Ohne Zweifel handelt es sich bei dem Film um eine herausragende Leistung, man muss allerdings einiges an Geduld und Konzentration aufbringen, um hier bei der Sache zu bleiben. Hoch interessant fand ich übrigens die Anmerkungen der Produzentin im an die Vorführung anschließenden Publikumsgespräch. Darin erläuterte sie, dass der Film auf einem Festival in China hätte gezeigt werden sollen, die Vorführung aber kurzfristig verboten wurde, weil die im Film an der Regierung geübte Kritik wohl nicht erwünscht war. Daraufhin strich man die Vorführungszeiten des Films im Programmheft des Festivals einfach durch. Die Festivalbesucher wurden auf diese Weise trotz des Verbots auf den Film aufmerksam gemacht. Für alle Interessierten wurden „private Vorstellungen“ organisiert, d.h. Vorführungen vor weniger als 50 Zuschauern, die nicht offiziell angemeldet werden müssen. Auf diese Weise konnte der Film also doch gezeigt und das Verbot umgangen werden.

The Iron Ministry

Copyright: DOK.fest München / The Iron Ministry

Bei „The Iron Ministry“, den ich gestern gesehen habe, handelt es sich zweifellos um einen der Höhepunkte des diesjährigen DOK.fest. Der Film von John Paul Sniadecki zeigt eine Zugfahrt durch China. Genau genommen wurde hier von 2011 bis 2013 in verschiedenen Zügen gefilmt, doch das spielt keine große Rolle. Die Kamera fängt den ganzen Film über des Geschehen im Inneren eines Zuges ein. Das bedeutet: Viele Menschen auf vergleichsweise engem Raum, die sich für mehrere Stunden nicht aus dem Weg gehen können. Den ganzen Film über hört man im Hintergrund das Rattern des Zuges, viel interessanter sind aber natürlich die Interaktionen zwischen den Fahrgästen, die man hier belauschen kann. Sie vertreiben sich die Zeit mit Essen, Schlafen und Unterhaltungen. Das klingt banal, ist aber hoch interessant (zumindest für mich als studierten Soziologen). Denn wie nebenbei erfährt man aus den Gesprächen so einiges über das moderne China. Ein junger Mann sagt, im Mittleren Osten könne es drunter und drüber gehen, China bleibe aber doch immer stabil. Ein anderer dagegen überlegt sich, aus China auszuwandern, wenn sich im Land nichts ändert.

In diesem Fall fand ich es überhaupt nicht störend, dass die Aufnahmen vollkommen unkommentiert gezeigt wurden. Im Gegenteil, das machte das Erlebnis nur noch unmittelbarer. Man fühlt sich tatsächlich mittendrin, als ein weiterer Fahrgast auf der Reise durch China. Einmal versucht der Kameramann, in ein anderes Abteil des Zuges vorzudringen, woran er jedoch gehindert wird. „Hier dürfen Sie nicht filmen. Machen Sie die Kamea aus.“, heißt es (und da musste ich an „Snowpiercer“ denken, jenen anderen Film, in dem anhand des Mikrokosmos Eisenbahn eine ganze Gesellschaft nachgezeichnet wird). „The Iron Ministry“ erzählt allein durch die aufgenommenen Gespräche und Situationen eine ganze Menge über das heutige China und ist hoch spannendes Kino.

Alle drei Filme werden jeweils noch einmal auf dem DOK.fest gezeigt:
„Little People Big Dreams“ am Freitag, 15.05. um 20:00 Uhr im Rio 1, „The Last Moose in Aoluguya“ am Samstag, 16.05. um 20:00 Uhr im Museum Fünf Kontinente und „The Iron Ministry“ am Samstag, 16.05. um 20:00 Uhr im Filmmuseum. Weitere Informationen gibt es auf der Website des DOK.fest.

Mehr vom DOK.fest München

Seit meinem letzten Blogpost zum DOK.fest sind schon wieder ein paar Tage vergangen und ich habe inzwischen einige weitere Filme gesehen. Ich fange gleich mal mit dem Film an, der mich bislang am meisten beeindruckt hat: „Dreamcatcher“ war der erste Film, für den ich sofort beim Verlassen des Kinos meine Eintrittskarte in die bereit gestellte Plexiglasbox geworfen habe, um dem Film meine Stimme für den Publikumspreis zu geben. Allerdings bin ich mir nicht sicher, ob ich den Film als Film so beeindruckend fand oder eben nur das, was er zum Inhalt hat. Doch selbst wenn „nur“ letzteres der Fall sein sollte – eine großartige Leistung stellt der Film trotzdem dar. Schließlich muss erst einmal jemand das Thema entdecken, Recherchen betreiben und mit der Kamera dran bleiben. Und das hat sich in diesem Fall definitiv gelohnt.

Brenda Myers-Powell

Copyright: DOK.fest München / Dreamcatcher

Aber worum geht es überhaupt in „Dreamcatcher“? Der Film begleitet die Chigagoer Sozialarbeiterin Brenda Myers-Powell bei der Arbeit. Sie arbeitet – teilweise ehrenamtlich – in Schulen, Gefängnissen und auf der Straße, wo sie Mädchen und junge Frauen berät und ihnen dabei hilft, den Kreislauf aus Prostitution und Drogensucht zu durchbrechen bzw. gar nicht erst in ihn hinein zu geraten. Brenda ist mit Leidenschaft, Energie und Glaubwürdigkeit bei der Sache. Sie weiß, wovon sie spricht, denn sie war selbst 25 Jahre in diesem Kreislauf gefangen, bevor ihr der Ausstieg gelang.

„Dreamcatcher“ – der Name kommt von der „Dreamcatcher Foundation“, für die Brenda arbeitet – lebt als Film voll und ganz von der beeindruckenden Persönlichkeit seiner Hauptfigur. Brenda ist in fast jeder Szene zu sehen und es hat den Anschein, als arbeite sie rund um die Uhr, um anderen Mädchen das zu ersparen, was sie 25 Jahre lang durch machen musste. Gerade aufgrund ihrer eigenen Vergangenheit ist sie in ihrer Arbeit so glaubwürdig. Brendas Persönlichkeit und damit auch der ganze Film verbreiten einen Optimismus, wie man es bei den teils schrecklichen Schicksalen, um die es hier geht, gar nicht erwarten würde. Doch Brenda gibt niemals auf, nimmt sich für jede einzelne Frau Zeit und bleibt hartnäckig bei der Sache, ganz egal wie aussichtslos die Lage auch hin und wieder zu sein scheint. Ihr Optimismus ist ansteckend und nach dem Film verlässt man das Kino mit dem Gefühl, dass alles möglich ist. Genau deshalb ist „Dreamcatcher“ ein so hervorragender Film: weil hier einerseits anhand von mehreren Einzelschicksalen ein Einblick in das harte Leben gegeben wird, dass die in Prostitution, Drogensucht und Kriminalität abgerutschen Frauen haben, der Film aber andererseits darüber hinaus geht und zeigt, was man zur Verbesserung der Lage tun kann. Jeder einzelne Mensch kann einen Unterschied machen. Der Film gibt Hoffnung – und das ist eine der wichtigsten Aufgaben von Filmen überhaupt. Zu zeigen, wie schlecht die Welt ist, ist gar nicht so schwer. Aber etwas dagegen zu tun, wie Brenda, und diese Botschaft zu verbreiten, wie dieser Film, das ist eine viel sinnvollere, noblere Aufgabe. Und genau weil „Dreamcatcher“ darin erfolgreich ist, handelt es sich hier um einen so großartigen Film. (Und genau darin unterscheidet er sich z.B. auch von „Nicht alles schlucken“, wo lediglich darauf aufmerksam gemacht wurde, dass etwas im Argen ist, der aber kein Stück Hoffnung verbreitet.)

Das DOK.fest hat mir wieder einmal bewusst gemacht, wie erfüllend es sein kann, sich ganz auf einen Film einzulassen und für 90 Minuten nichts anderes zu tun, als auf eine beleuchtete Leinwand zu starren. Das mag banal klingen, aber gerade heutzutage ist es ja keineswegs selbstverständlich, sich nur auf eine einzige Sache zu konzentrieren und das auch noch für 90 Minuten. Um so wichtiger ist das Kino: Denn hier gibt es keine Ablenkung, hier darf und muss man sich ganz auf das Geschehen auf der Leinwand konzentrieren. Das erfordert manchmal ein wenig Konzentration und Arbeit; nicht alle Filme, die ich bisher auf dem DOK.fest gesehen habe, hätte ich genauso konzentriert auch zu Hause angeschaut, wo ständig Ablenkungsmöglichkeiten lauern. Das musste ich wieder einmal feststellen, als ich versucht habe, mir einen Film aus dem Programm des DOK.fest zuhause per Presse-Stream anzuschauen.

For The Lost

Copyright: DOK.fest München / For The Lost

Bei „For The Lost“ handelt es sich den Informationen auf der Website zufolge um eine „bildgewaltige Meditation zu Vergessen und Gedächtnis“. Mich hat der Film allerdings eher ratlos zurück gelassen und besonders bildgewaltig fand ich ihn auch nicht. Man sieht Schafe, immer wieder Schafe. Karge Landschaften. Viele Aufnahmen in schwarz-weiß. Keinerlei Erläuterungen dazu, was man hier genau sieht, wo sich das ganze befindet oder um wen es geht. Statt dessen: vorgelesene Schicksale von Insassen einer Irrenanstalt aus dem 19. Jahrhundert. Aber wie hängt das alles zusammen? Warum wird hier nichts erklärt? Der Erkenntnisgewinn, den mir dieser Film bot, war fast nicht vorhanden. Und wenn mir vorher jemand gesagt hätte, es handele sich dabei um einen experimentellen Spielfilm, dann hätte ich das auch geglaubt. Ich muss zugeben, dass ich den Film nicht bis zum Ende angeschaut habe. Hätte ich ihn nicht zuhause, sondern im Kino gesehen, wäre ich wohl sehr, sehr müde geworden. Mich ganz auf den Film ein zu lassen, wäre mir jedenfalls auch dann sehr schwer gefallen, weil der Film es einem eben wirklich schwer macht. Aber auch das gehört zu den Erfahrungen, die man auf Filmfestivals macht: Es gibt immer wieder mal Filme, mit denen man überhaupt nichts anfangen kann. „For The Lost“ war in dieser Hinsicht auf dem DOK.fest für mich zum Glück eine Ausnahme.

„Dreamcatcher“ wird noch einmal am 14.05. um 20 Uhr im Filmmuseum gezeigt.
„For The Lost“ läuft noch zweimal: am 13.05. um 21:30 Uhr im Filmmuseum und am 14.05. um 16:00 Uhr im Gasteig (Vortragssaal der Bibliothek).
Weitere Infos gibt es auf der DOK.fest-Website.

DOK.fest 2015: Tag 2 & 3

Inzwischen hat sich bei mir richtiges Festivalfeeling eingestellt. Eigentlich wollte ich nämlich schon gestern einen neuen Blogpost verfassen, habe dann aber zu lang geschlafen, weil ich am Freitag zu spät ins Bett gekommen bin. So ist das halt auf Filmfestivals – es ist zu wenig Zeit, um wirklich alle tollen Filme zusehen und erst recht, um auch noch andere Dinge zu tun (zum Beipspiel komme ich auch kaum dazu, die Bücher und Zeitungen zu lesen, die ich mit mir von Kino zu Kino  schleppe). Hier ist nun also mein Bericht über die Filme, die ich gestern und vorgestern gesehen habe.

„El Hogar Al Revés“ erzählt von einer Clique Jugedlicher im mexikanischen Tijuana. Wobei der Film genau genommen gar nicht wirklich „erzählt“; was mir nämlich an „Man On Wire“ noch sehr stark aufgefallen ist – dass dort eine in ihrem dramaturgischen Aufbau fast schon fiktional wirkende Geschichte erzählt wird (was sich in diesem Fall auch anbietet) – das ist hier überhaupt nicht der Fall. Itzel Martínez del Cañizo begleitete die Jugendlichen für ihren Film über ein Jahr mit der Kamera und lässt den Zuschauer an deren Alltag teilhaben. Dabei vermittelt sie aber gerade, dass es hier nichts Außergewöhnliches zu erzählen gibt. Die Teenager tanzen auf der Straße, unterhalten sich über Videospiele und Popkultur, sprühen Graffiti auf eine Mauer und haben Sorgen in Liebesdingen. Ganz normale Jugendliche eben.

El Hogar Al Revés

Copyright: DOK.fest München / El Hogar Al Revés

Es fällt allerdings auf, dass den ganzen Film über kaum Erwachsene zu sehen sind. Bei der Siedlung, in der die Teenager leben, handelt es sich um eine am Reißbrett geplante Reihenhaussiedlung, die mich an die Vorstadthäuser aus Tim Burton-Filmen wie „Edward Scissorhands“ erinnert hat. Dutzende gleich aussehender Häuser reihen sich hier aneinander, und die Abwesenheit der Erwachsenen hat den einfachen Grund, dass diese die meiste Zeit über arbeiten, um die Kredite für die teuren Häuser abzubezahlen. So wachsen die Kinder fast nur unter sich auf und im Film wird dabei nicht der Eindruck erweckt, es ginge ihnen deswegen in irgendeiner Weise schlecht. Natürlich haben sie Sorgen und Probleme. Einer von ihnen, der in den USA geboren wurde, möchte dorthin zurück kehren. Ein anderer hat seine Freundin geschwängert. Weil die Eltern nie da sind, müssen die Teenager für einander da sein, um über all diese Dinge zu sprechen. Die Clique wird zur Ersatzfamilie. Einer der Jungen bringt es auf den Punkt als er sagt, seinen Freunden könne er alles erzählen, aber wenn er seiner Mutter berichte, was er den Tag über gemacht habe, dann höre die gar nicht richtig zu.

Ce Qu'il Reste De La Folie

Copyright: DOK.fest München / Ce Qu’il Reste De La Folie

Ähnlich beobachtend und ohne eine Wertung abzugeben ging es bei „Ce Qu’il Reste De La Folie“ weiter. Der Film von Joris Lachaise bringt dem Zuschauer den Alltag einer psychiatrischen Klinik im Senegal näher. Die Kamera blickt auf das Geschehen – Patienten, die die Pfleger anflehen, weil sie nicht in eine Einzelzelle gesperrt werden wollen oder auch solche, die die Welt um sich herum gar nicht richtig wahr zu nehmen scheinen. Dazwischen immer wieder die Schriftstellerin Khady Sylla, die selbst eine lange Geschichte psychischer Leiden hinter sich hat und nun von den Ärzten Antworten verlangt. Der Film zeigt aber nicht nur die westlich-moderne Herangehensweise an psyichische Krankheiten, wie sie in der Klinik praktiziert wird, sondern auch traditionelle und religiöse Heilungsmethoden. So wird man Zeuge von Ritualen, in die lebende Tiere eingebunden sind (hier habe ich mich an ähnliche Schilderungen aus Andrew Solomons großartiger Depressions-Studie „The Noonday Demon“ erinnert gefühlt, die auf deutsch als „Saturns Schatten“ erschienen ist). All das wird aber nicht kommentiert. „Ce Qu’il Reste De La Folie“ ist kein Film, der Antworten liefern will, sondern einer, der den Zuschauer zum Nachdenken anregt. Und das ist beim Thema „psychische Krankheiten“, über das noch immer viel zu viel geschwiegen wird, auf jeden Fall gut.

Gestern Nachmittag ließ ich mich in meinem ersten Film des Tages in die weiten Wüsten der USA entführen. Für jemanden wie mich, der von den Vereinigten Staaten bislang relativ wenig gesehen hat, sind die Größe und Vielfalt dieses Landes immer wieder faszinierend. Bei den USA denke ich als erstes an New York, Kalifornien und große Metropolen. Doch mitten in diesem Land gibt es weite Landstriche, in denen kaum ein Mensch lebt. „Desert Haze“ bringt dem Zuschauer einige davon nahe. Der Regisseurin Sofie Benoot gelingen dabei wunderschöne, fast schon meditative Bilder. In langen Einstellungen nimmt sie die wunderbaren, teils bizarren Landschaften in den Blick.

Desert Haze

Copyright: DOK.fest München / Desert Haze

Mit Leben gefüllt wird der Film durch die Menschen, die Benoot zusätzlich zu den Landschaften portraitiert. Da ist zum Beispiel der japanische Countrymusik-Liebhaber, der seit Jahrzehnten dort wohnt und vor der Kamera ein Ständchen gibt. Oder die Wissenschaftlerin, die in der Wüste den Aufenthalt auf dem Mars zu simulieren versucht. (Nur ganz nebenbei: Sie erzählt dabei unter anderem von den Vorteilen japanischer Steingärten, die sich schließlich auch dort anlegen lassen, wo die unwirtlichen Bedingungen kaum Vegetation zulassen. Solche Gärten könnten ihrer Meinung nach den ersten Menschen auf dem Mars als Orte der Entspannung und Beruhigung dienen. Dies zeigt mir einmal mehr, wie sehr die Zukunftsvision, die J. Michael Straczynski für „Babylon 5“ entworfen hat, in sich schlüssig und gut durchdacht ist – dort gibt es nämlich aus demselben Grund ebenfalls einen japanischen Steingarten auf der Raumstation.)

Mit seinen imposanten Bildern, den teils skurrilen Gestalten und den Geschichten, die sie zu erzählen haben, ist „Desert Haze“ ein zwar äußerst ruhiger und langsamer Film, der mich zumindest aber nie gelangweilt, sondern beruhigend auf mich gewirkt und Ehrfurcht vor der Natur in mir geweckt hat (auffallend viele andere Zuschauer haben allerdings während der Vorführung das Kino verlassen). Zusätzlich habe ich noch den einen oder anderen interessanten Fakt gelernt, zum Beispiel über die Atomwaffentests in der Wüste von Nevada (über die ich bislang nur aus „Indiana Jones“ bescheid wusste).

Drone

Copyright: DOK.fest München / Drone

Ganz und gar nicht ruhig und meditativ ging es anschließend mit „Drone“ weiter. Der Film nimmt die Praxis der USA unter die Lupe, mit Hilfe von unbemannten Drohnen vermeintliche Terroristen auszuschalten. Es kommen unter anderem ehemalige Drohnenpiloten zu Wort, die die Fluggeräte sicher vom Boden aus gesteuert und dabei zahlreiche Menschenleben ausgelöscht haben. Der Film klagt an, wirft Fragen auf und weist auf diejenigen Menschen hin, die unschuldig unter den Drohnenangriffen zu leiden haben: die überlebenden Angehörigen der Opfer, aber auch diejenigen, die den Angriffen als Unschuldige zum Opfer fallen. Wie kann so etwas überhaupt passieren? Und sind nicht alle Opfer der Drohnenangriffe zivile Opfer, da die USA ja niemals Beweise für deren terroristische Aktivitäten vorgelegt haben? Ganz besonders verstörend ist die am Schluss des Films aufgeworfene Frage, was eigentlich geschehen würde, wenn viel mehr Länder so verfahren würden wie die USA. Und kurios, aber nicht überraschend ist der Fakt, dass die Drohnentechnologie ursprünglich zur Beobachtung von Tunfischschwärmen entwickelt worden war. Kein einziges Exemplar sei an Fischer verkauft worden, erklärt einer der Entwickler im Film. Aber mit dem Krieg lässt sich ein Milliardengeschäft machen.

Nicht weniger verstörend, aber mit einem ganz anderen Thema beschäftigte sich mein letzter Film des Tages. „Nicht alles schlucken“ ist eine weitere Dokumentation, die sich mit einem der Schwerpunktthemen des diesjährigen DOK.fest beschäftig: Psyche und psychische Krankheiten. Wie der Titel schon andeutet, geht es hier vor allem um Psychopharmaka. Die Regisseure Jana Kalms, Piet Stolz und Sebastian Winkels haben dabei eine ebenso simple wie effektive Herangehensweise gewählt: Eine Reihe von Menschen, die zu dem Thema etwas zu sagen haben, sitzen im Stuhlkreis und berichten von ihren Erfahrungen. Unter ihnen sind Betroffene, Angehörige und einige Pfleger und Ärzte. Der Film vermittelt dem Zuschauer erfolgreich das Gefühl, mittendrin zu sein. Von der Mitte des Kreises aus gefilmt, fängt er die Sprechenden stets auf Augenhöhe ein, sodass man nie das Gefühl hat, zu ihnen herauf oder hinab schauen zu müssen. Kein Voice Over, keine Einblendungen und keine Musik lenken vom Geschehen ab. So konfrontiert der Film einen direkt mit den teils sehr harten Schicksalen, die in den Erlebnisberichten zum Ausdruck kommen.

Nicht alles schlucken

Copyright: DOK.fest München / Nicht alles schlucken

Dabei konzentriert sich „Nicht alles schlucken“ von Anfang an ganz auf die Praxis, psychisch kranke Patienten in Kliniken mit Medikamenten ruhig zu stellen und sie damit zwar vielleicht von ihren Symptomen zu befreien, ihnen aber auch einen Großteil ihrer Lebensqualität zu nehmen. Abhängigkeit und Nebenwirkungen bestimmen fortan das Leben vieler Betroffener, doch das Absetzen der Medikamente stellt häufig die schlimmere Alternative dar. Der Film ist wie gesagt in seiner Machart äußerst effektiv, inhaltlich war er mir allerdings viel zu einseitig. Dass Psychopharmaka durchaus vielen Menschen helfen, ohne ihr Leben zur Hölle zu machen, kommt hier nicht zur Sprache; ebenso fehlen Ausblicke auf mögliche Lösungsmöglichkeiten für das geschilderte Problem, was ich besonders schade finde. Gerade ein Film über dieses ernste, so viele Menschen betreffende Thema sollte meiner Meinung nach auch ein wenig Mut machen und Hoffnung verbreiten. Statt dessen könnte „Nicht alles schlucken“ im schlimmsten Fall sogar Zuschauer davon überzeugen, sich nie in eine psychiatrische Klinik zu begeben oder auf keinen Fall zu Psychopharmaka zu greifen, obwohl beides durchaus sinnvoll sein kann und längst nicht immer solch schwerwiegende Konsequenzen haben muss, wie sie hier geschildert werden.

Alle Filme werden im Lauf der nächsten Tage noch mehrmals auf dem DOK.fest München gezeigt. Weitere Infos und Trailer gibt es auf der Website des DOK.fest.