Die Erde nach Prinzessin Diana („Diana“ & „After Earth“)

In den letzten Monaten habe ich nicht viele Filme gesehen, aber vorletzte Woche habe ich endlich mal wieder zwei Filme nachgeholt, die ich im Kino verpasst hatte. Naja, verpasst hatte ich sie eigentlich nicht wirklich, schließlich wollte ich sie gar nicht unbedingt sehen und frage mich nun im Nachhinein auch, warum ich sie angeschaut habe. Immerhin kann ich nun hier ein paar warnende Worte über sie verlieren. Die Rede ist von Oliver Hirschbiegels „Diana“ und M. Night Shyamalans „After Earth“.

„Diana“ erzählt aus den letzten zwei Jahren des Lebens von Prinzessin Diana (Naomi Watts), vor allem von ihrer Liebesaffäre mit dem pakistanischen Herzchirurgen Hasnat Khan (Naveen Andrews, den man vor allem als Sayid aus „Lost“ kennt). Die ersten Szenen des Films zeigen Diana wenige Stunden vor ihrem Tod. Einsam steht sie in einem Hotelzimmer in Paris herum. Schließlich verlässt sie das Zimmer und steigt in einen Aufzug – in diesem Moment zeigt Hirschbiegel das Geschehen aus der im Aufzug installierten Kamera und stellt damit ein Bild nach, das nach Dianas Tod in allen Medien zu sehen war. Was das soll, erschließt sich nicht wirklich. Der Film wirkt dadurch jedenfalls nicht mehr oder weniger „echt“. Und dass das reale Vorbild der Hauptfigur tragisch ums Leben gekommen ist, dürfte den meisten Zuschauern noch in Erinnerung sein, die Bilder am Anfang sind also unnötig.

Das trifft auf den Rest des Films jedoch genauso zu. Nach der Aufzugszene springt der Film zwei Jahre zurück. Wir sehen Diana allein zuhause. Sie regt sich über ein Fernsehinterview ihres Noch-Ehemannes Prinz Charles auf. Dann wird sie beim Schminken vor dem Spiegel gezeigt. Schließlich blickt ihr die Kamera tatsächlich dabei über die Schulter, wie sie eine Ausgabe des Anatomie-Atlas „Gray’s Anatomy“ durchblättert und ausgerechnet die Seite mit dem Herzen offen liegen lässt – es soll längst nicht die letzte platte Metapher in diesem misslungenen Film bleiben. Später erzählt Diana von einem wiederkehrenden Traum, in dem sie ins Bodenlose fällt. „Will anyone catch me?“, fragt sie. Von ihrer Therapeutin bekommt sie den Rat „You’re so good at giving love. So you keep on giving. The hard part is receiving love.“ Aha. Nichts von alldem dient dazu, hinter die Oberfläche der öffentlichen Figur von Prinzessin Diana vorzudringen und ihre Motivationen, Gefühle und Sehnsüchte näher zu beleuchten. Dass sie sich einsam fühlte und viel Liebe zu geben hatte, weiß man bereits aus der Gala. Von einem Kinofilm darf man da schon ein bisschen mehr erwarten.

Statt dessen geht es im gleichen Stil weiter. Nachdem Diana den Arzt kennen gelernt hat, führt dieser sie auf ihren Wunsch durch sein Krankenhaus. Wie es denn möglich sei, bei einer acht oder neun Stunden dauernden Herzoperation durchweg hochkonzentriert zu bleiben, will Diana von ihm wissen. „You don’t perform the operation. The operation performs you.“, ist seine Antwort. Wer schreibt denn bitte solche Dialoge fürs Kino und meint das dann auch noch ernst? Darüber kann man doch einfach nur lachen! Der Film lässt wirklich kein Klischee aus. Natürlich kann Diana nicht kochen, wie sich herausstellt, als sie Hasnat erstmals zu sich nach Hause einlädt. Dann belehrt sie ihn nicht nur über die Gefahren des Rauchens, sondern fragt ihn ganz ernst „So hearts can’t actually be broken?“. Und natürlich guckt er gerne Fußball im Fernsehen, während sie davon keine Ahnung hat. Wirklich interessant ist von alledem nichts, dafür sind die Dialoge wie erwähnt mitunter unfreiwillig komisch.

Nicht nur mit dem Herz kennt Hasnat sich aus, sondern auch mit Jazz, für den er eine Vorliebe hat. Auch in Dianas streng geregeltem Leben sei doch Raum für Improvisationen, erklärt er ihr. „If you can improvise, you’re like jazz.“ Hatte ich die platten Metaphern schon erwähnt…? Hasnat nimmt Diana jedenfalls mit in einen Jazzclub. Um unerkannt dorthin gehen zu können, setzt sich Diana eine Perücke auf – und wird mit langen, glatten, braunen Haaren auf den Straßen Londons tatsächlich von niemandem erkannt. Das war für mich die einzige interessante Szene des Films, ganz einfach weil ich mir wünsche, dass diese Schilderung der Wahrheit entspricht.

Die beiden Hauptdarsteller können gegen die schrecklich platten und klischeehaften Dialoge und die ungeschickte Charakterzeichnung auch nichts ausrichten; sie trifft wohl die geringste Schuld am erschreckenden Gesamteindruck, den der Film macht. Naomi Watts wirkt immer wieder bemüht, die richtige Kopfhaltung und den richtigen Augenaufschlag zu treffen, um dem realen Vorbild möglichst nahe zu kommen. Interessantere Dinge bekommt sie ja leider nicht zu tun oder zu sagen! Warum genau diese Episode aus Prinzessin Dianas Leben erzählt werden musste, ist mir auch nach dem Filmende noch ein Rätsel. Weder habe ich nun das Gefühl, die Person Diana ein Stück weit kennen gelernt zu haben, noch hat mir der Film irgendwelche anderen wichtigen Informationen mitgeteilt, die ich vorher noch nicht hatte. Da wirkte ihr Leben in der Bunten oder Gala doch viel aufregender und unterhaltsamer – aber vielleicht ist genau das das Problem: Prinzessin Diana war eine der meist fotografierten Personen auf diesem Planeten und Woche für Woche ließen sich in den entsprechenden Blättern neue Fotos und Details aus ihrem Privatleben finden. Was soll ein Film da noch Neues erzählen? Solch ein schlechtes Drehbuch hat sie auf jeden Fall nicht verdient.

Wo ich gerade bei schlechten Drehbüchern bin: Ich hatta ja viel Schlimmes über „After Earth“ gelesen, aber dass der Film dann so unterirdisch sein würde, hätte ich nicht für möglich gehalten. Dass der Film von Gary Whitta (zusammen mit M. Night Shyamalan) geschrieben wurde, macht mir etwas Sorgen, schließlich schreibt Whitta auch das Drehbuch für das erste „Star Wars“-Spin-off, das im Dezember 2016 ins Kino kommen soll. Andererseits hat er imdb zufolge auch das „The Walking Dead“-Videospiel geschrieben, das besser sein soll als die Serie selbst. Aber das viel größere Sorgenkind ist hier ja sowieso Regisseur Shyamalan. Was haben wir uns von diesem Mann doch für eine Karriere erwartet! Der neue Hitchcock hieß es, könne er werden, oder der neue Spielberg. Angeblich hat er sogar mal an einem Drehbuch für den vierten „Indiana Jones“-Film gearbeitet, auf das dann aber doch nicht zurückgegriffen wurde. Wochenlang war das überraschende Ende von „The Sixth Sense“ Anfang 2000 Gesprächsthema (ich bin meiner Nachbarin noch heute dankbar, dass sie mir zwar erzählt hat, wie toll sie den Film fand, das Ende aber verschwiegen und mich so nicht gespoilert hat). Der Nachfolger „Unbreakable“ ist ein fantastischer, weil vollkommen untypischer Superheldenfilm. Mit „Signs“ war Shyamalan 2002 dann erneut recht erfolgreich, auch wenn die schon obligatorisch wirkende Plotwendung am Ende vielen zu gezwungen wirkte. Danach folgte „The Village“ – mein Lieblings-Shyamalan, aber für die meisten der Beginn des Abstiegs des Regisseurs. Es lohnt sich, diesen Film (wieder) zu entdecken! Die schauspielerischen Leistungen sind großartig, James Newton Howards Musik ist einer der besten Filmscores, den ich kenne und Shyamalans hatte zumindest damals noch ein untrügliches Gespür für Spannung und Atmosphäre. Eine, nein sogar zwei überraschende Wendungen hat der Film zwar auch, doch man sollte ihn als Ganzes betrachten und Kritik nicht vor allem daran festmachen.

Spätestens bei „Lady in the Water“ hatte Shyamalan dann fast alle Kritiker gegen sich (dass er im Film einen Filmkritiker sterben ließ, war da auch nicht gerade hilfreich). Die handwerklichen Stärken des Regisseurs waren aber trotz aller Schwächen des Drehbuchs nach wie vor offensichtlich, auch beim nachfolgenden „The Happening“. Bis dahin habe ich Shyamalan auch stets gegen Kritik verteidigt. Als dann aber der wirklich in jeder Hinsicht abgrundtief schlechte „Avatar: The Last Airbender“ folgte, war auch ich ratlos. Der Film hatte nicht nur platte Dialoge, sondern – für einen Shyamaln-Film vollkommen ungewohnt – auch unmotiviert wirkende Darsteller. Auch schien das Inszenieren von Action ganz und gar nicht zu Shyamalans Stärken zu gehören. Von da an konnte es doch nur besser werden, oder?

Denkste. Nun muss ich also doch noch etwas über den Film schreiben, um den ich mich nun zwei Absätze lang erfolgreich herum gedrückt habe: „After Earth“. Die Handlung basiert auf einer Idee von Will Smith, die Hauptrolle spielt sein Sohn Jaden (und außer den beiden Smiths tauchen kaum andere Schauspieler auf). Ich habe versucht, mich diesem Film unvoreingenommen zu nähern, aber meine Probleme mit ihm begannen schon in den ersten Sekunden: Da erklärt Jaden Smiths Figur in einem Voice Over die Ausgangssituation der Geschichte, doch ich konnte ihn gar nicht richtig verstehen! Sollte das ein seltsamer Akkzent sein? Hat Smith Junior noch nicht genügend Sprechtraining gehabt?? Nach zweieinhalb Minuten startete ich den Film noch einmal neu, dieses Mal mit Untertiteln. Und siehe da: Ich kapierte immer noch nichts! Irgendetwas mit Monstern und einer seit langem für Menschen unbewohnbaren Erde…

Von Anfang an waren mir die Charaktere unsympathisch, die Dialoge wirkten unglaubwürdig und enthielten seltsame, fremdartige Wörter, deren Bedeutung sich mir nicht erschloss. Architektur, Design und Kostüme des Films wirken gewollt fremd und futuristisch, aber leider auch meist hässlich, langweilig oder unglaubwürdig. Jede Szene bleibt vollkommen statisch, das Schauspiel wirkt gestelzt und künstlich. Man muss sich ernsthaft fragen, ob Smith & Sohn gezwungen worden sind, hier mitzuspielen, so monoton sagen beide ihre Zeilen auf! Der Film macht leider durchgehend den Eindruck, als habe Shyamalan sich gar nicht für ihn interessiert. Obwohl es in der Geschichte um Leben und Tod geht, wird zu keinem Zeitpunkt eine echte emotionale Beziehung zum Zuschauer aufgebaut – und die Beziehung zwischen Vater und Sohn im Film wirkt so distanziert und kühl, dass man gar nicht versteht, warum sich der Vater überhaupt um den Sohn sorgt. Jaden Smith schaut immer wieder  gequält (weil er es noch nicht anders kann?), sodass ich ihn einfach nur in den Arm nehmen und vor dem schlechten Drehbuch beschützen wollte. „After Earth“ wirkt wie ein Videospiel (Jugendlicher kämpft sich durch den Dschungel) mit schlechten Zwischensequenzen (das sind die Szenen, in denen der Junge mit seinem Vater kommuniziert und neue Informationen erhält).

Herr Shyamalan, ich verstehe ja, dass Sie nach all der Kritik, die Sie über die Jahre hinweg einstecken mussten, mal etwas ganz anderes machen wollten. Aber dass nur Schrott dabei herauskommt, weil offensichtlich nicht Ihr Herzblut drinsteckt und Ihre letzten beiden Filme auch nicht Ihre eigenen Stärken bedient haben, zeigt doch, was für eine Fehlentscheidung das war. Also bitte: Machen Sie nicht die Filme, von denen Sie denken, dass das Publikum, Hollywood oder sonst wer sie von Ihnen erwartet. Machen Sie weiterhin Filme über Geschichten, die Ihnen am Herzen liegen, egal was andere sagen! Und falls Sie dafür kaum Geld zusammen bekommen, dann drehen Sie diese Filme eben als Low-Budget-Produktionen und werden zu einem kommerziell unbedeutenden Underground-Filmemacher. Ihre Fans und Liebhaber werden diese Filme schon finden. Aber bitte, bitte verschonen Sie uns mit Schrott wie „After Earth“ und „The Last Airbender“.

„Nothing’s over yet“: Downton Abbey – Series 4

Eigentlich sollte ich zurzeit die dritte Staffel von „Buffy“ anschauen, aber ich kann nicht anders, als immer wieder fremd zu gehen. Neben der achten Staffel von „Dexter“ habe ich in den letzten Wochen auch die vierte Staffel von „Downton Abbey“ zwischen ein paar „Buffy“-Folgen geschoben. Ich habe erst gegen Ende der Staffel angefangen, mir Notizen zu machen, aber da es mir hier sowieso nicht um eine inhaltliche Nacherzählung der Handlung geht, ist das nicht weiter schlimm.

Die Handlung der vierten Staffel beginnt sechs Monate nach dem Ende von Staffel drei (bzw. des 2012er Christmas Specials). Lady Mary (Michelle Dockery) ist immer noch in Trauer über den plötzlichen Tod ihres Ehemannes Matthew. Ein ähnliches Schicksal bleibt der Kammerzofe von Marys Mutter, Sarah O’Brien, zum Glück erspart. Deren Darstellerin Siobhan Finneran wollte die Serie nämlich ebenso verlassen wie Matthew-Darsteller Dan Stevens, weswegen beide aus der Handlung geschrieben werden mussten. Nachdem bereits Lady Sybil aus demselben Grund in der dritten Staffel der Serientod ereilte und man Matthew am Schluss des 2012er Christmas Specials sterben ließ, wäre ein weiterer Todesfall nach so kurzer Zeit dann vielleicht doch etwas zu viel gewesen. O’Brien musste also nicht sterben; stattdessen beginnt die vierte Staffel damit, dass die übrige Dienerschaft in Downton Abbey feststellen muss, dass O’Brien ganz plötzlich abgehauen ist, um Lady Flintshire nach Indien zu begleiten (wer Lady Flintshire ist, weiß ich zwar nicht mehr, aber darum geht es ja nicht).

Zumindest in den ersten Episoden fand ich die vierte Staffel weniger spannend und unterhaltsam als die ersten drei. Allerspätestens jetzt wird nämlich klar, dass „Downton Abbey“ „nur“ eine Soap Opera ist, in der kein noch so unwahrscheinlich erscheinendes Ereignis ausgelassen wird, um Probleme zu erzeugen und die Handlung fortbestehen zu lassen. In der vierten Staffel gehören dazu unter anderem eine Vergewaltigung, die anschließend geheim gehalten werden muss, eine ebenfalls zu verheimlichende Schwangerschaft oder des Diebstahls verdächtigte Bedienstete. Der Vorteil des Soap-Schemas ist allerdings, dass Figuren meist ohne negative Folgen aus der Handlung geschrieben werden können, wie ja in „Downton Abbey“ bereits mehrfach geschehen. Was die Serie aber trotzdem noch sehenswert macht, sind die fast ausnahmslos fantastischen Schauspieler. Zusammen mit den hohen Produktionskosten, den aufwändig ausgestatteten Sets und Kostümen und der Tatsache, dass hier eben nicht wie am Fließband produziert wird, sondern nur etwa neun Stunden pro Jahr, heben die Schauspielerleistungen die Serie über den Status einer bloßen Soap hinaus.

In den ersten drei Staffeln waren für mich meistens die herrlichen One-Liner von Maggie Smith die Höhepunkte. Leider fallen diese in der vierten Staffel nicht mehr so gelungen aus. Lachen musste ich aber, als Smiths Figur, die Dowager Countess of Grantham, einen der Verehrer Lady Marys, Lord Gillingham, als „the most unconvincing fiancé I’ve ever met“ bezeichnete (weil dieser nämlich immer wieder hinter Mary her ist, obwohl er mit einer anderen Frau verlobt ist). Schmunzeln musste ich zudem bei ihrer Bemerkung „I feel as if I spent the whole evening trapped in a whodunnit“ im 2013er Christmas Special, weil ich dies als Anspielung auf „Gosford Park“ (2001) verstanden habe, also jenen Film, der wie „Downton Abbey“ von Julian Fellowes geschrieben wurde. Man könnte ihn als inoffiziellen Pilotfilm zu „Downton Abbey“ betrachten, weil er ebenfalls auf einem aristokratischen Anwesen spielt, wo sich Adelige und ihre Diener im Jahr 1932 zu einem Jagdwochenende einfinden. Maggie Smith spielt darin quasi die gleiche Rolle wie in „Downton Abbey“, nämlich die einer alternden Gräfin, die die gesellschaftlichen Veränderungen um sie herum äußerst kritisch betrachtet. Vordergründig handelt es sich bei „Gosford Park“ um einen Whodunnit, weil etwa in der Mitte des Films der Hausherr ermordet wird und der Mord anschließend aufgeklärt werden muss. Tatsächlich geht es in dem Film aber kaum um diesen Mord, sondern um die Verwicklungen zwischen den zahlreichen Anwesenden auf Gosford Park – above stairs und below stairs. Die Idee zu „Downton Abbey“ ging aus dem Konzept zu „Gosford Park“ hervor und die Serie war ursprünglich sogar als Spin-off des Films gedacht.

Eine weitere Gemeinsamkeit zwischen Film und Serie liegt im Auftauchen realer Personen: In „Gosford Park“ zählte der Schauspieler und Sänger Ivor Novello (gespielt von Jeremy Northam) zu den Gästen, während in einer Folge von „Downton Abbey“ die australische Opernsängerin Nellie Melba (dargestellt von der Sopranistin Kiri Te Kanawa) zu Gast ist. Aber um noch einmal zu Maggie Smiths Figur zurück zu kommen: Ihr bester Moment der vierten Staffel war wohl ihre fassungslose Äußerung, als ihr Sohn nach seiner Rücker aus den USA erklärt, wie sehr er sich freue, endlich wieder Alkohol trinken zu dürfen: „You can’t mean you never had a drink all the time you were there!“

„I’m not unhappy. I’m just not quite ready to be happy.“

Mit diesen Worten beschreibt Lady Mary in der sechsten Folge ihren Gemütszustand. Nach dem unerwarteten Tod ihres Mannes hat sie viele Monate in Trauer verbracht. Diese Zeit ist nun zwar vorbei, doch wie sie sagt ist sie eben immer noch nicht ganz bereit dafür, wieder glücklich zu sein. Damit bringt sie das Soap-Prinzip auf den Punkt, wonach eigentlich keine Figur jemals langfristig glücklich sein darf. Insofern war der Ausstieg von Matthew-Darsteller Dan Stevens überhaupt nicht die Katastrophe für die Serie, die er zunächst zu sein schien. In einer „Making of“-Doku auf der Blu-ray erzählt Gareth Neame, ausführender Produzent der Serie, dass der Ausstieg erst eine sehr schlechte Nachricht zu sein schien („the worst thing that could happen“), doch dann wurde den Serienmachern folgendes klar: „The moment you look at it a different way and you spin it around and you say ‚Okay, so Mary can’t be with Matthew anymore‘. If you look at it another way, suddenly you have the best piece of sort of storytelling rocket fuel that you could have.“ Hier hat jemand offensichtlich seine Soap-Lektion gelernt, denn Soaps leben eben von Problemen, Krisen, Drama – und was könnte es da besseres geben, als hin und wieder einene Todesfall?

Aus solchen Ereignissen ergibt sich erst die Handlung, wobei es nie um die Ereignisse selbst geht, sondern stets um deren Konsequenzen und um die Reaktionen der Figuren. Daraus, wie Lady Mary mit dem Tod ihres Mannes umgeht, ergibt sich die Handlung (zum Beispiel wie sie Folge für Folge alle Männer, die um sie werben, abweist, weil sie noch in Trauer ist). Nachdem Mr. Bates von der Vergewaltigung seiner Frau Anna erfahren hat, ist Mrs. Hughes erleichtert, dass das Problem zwischen ihm und Anna nun ausgesprochen und damit aus der Welt geschafft ist. Aber: „Nothing’s over yet“, erwidert Mr. Bates. Es kann auch noch gar nichts vorbei oder das Problem beseitigt sein, denn das widerspräche dem Soap-Prinzip, Ereignisse möglichst lange nachhallen zu lassen. So schlimm eine reale Vergewaltigung auch ist, aus Soap-Sicht ist sie genau wie ein plötzlicher Todesfall ein freudiges Ereignis, da sie Erzähsoff für viele Episoden bietet. Auch in diesem Fall geht es wieder weniger um die Vergewaltigung an sich, sondern darum, wie die Figuren damit umgehen. Anna beschließt, ihre Vergewaltigung vor ihrem Mann geheim zu halten, aus Angst, er könnte sonst ihren Peiniger umbringen. Ihr Mann, Mr. Bates, wiederum fragt sich, warum seine Frau auf einmal so kalt und abweisend zu ihm ist und versucht heraus zu finden, was geschehen ist. Und Mrs. Hughes versucht so gut sie kann, zwischen den beiden zu vermitteln, ohne Annas Geheimnis zu verraten. Dass Anna vergewaltigt wurde ist – aus erzählerischer Sicht, wohlgemerkt – zu diesem Zeitpunkt schon fast irrelevant. Die Vergewaltigung dient bloß als ein eine Krise auslösendes Ereignis, das die Figuren dann für möglichst viele Episoden leiden, Geheimnisse haben, intrigieren, spionieren und trösten lässt.

Immer wieder sind es auch die Blicke der Figuren, die uns zeigen, dass eine Sache noch längst nicht vorbei ist. Misstrauische, verdächtigende, sehnsuchtsvolle, verspottende oder verachtende Blicke sind es, die sich die Figuren zu werfen oder mit denen sie sich heimlich umschauen. Einer der Bediensteten, der unsympathise Thomas Barrow (Robert James-Collier) hat sich das Sammeln von Geheimnissen und deren Benutzen für eigene Zwecke geradezu zum Geschäft gemacht. In der vierten Staffel instruiert er Mrs. Baxter, in seiner Abwesenheit auf die Geschehnisse im Haus zu achten und ihm bei seiner Rückkehr genau Bericht zu erstatten. Manchmal habe ich den Eindruck, Thomas weiß als einzige Figur in „Downton Abbey“, dass er sich in Wahrheit nur in einer Soap Opera befindet, so offensichtlich versucht er stets, andere auszuspionieren und gegen sie zu intrigieren.

„How curious these phrases are!“

Ich habe schon geschrieben, dass ich die vierte Staffel nicht mehr ganz so interessant fand, wie die vorhergehenden. Mit zunehmender Dauer wird leider immer klarer, dass hier eben immer nach demselben Prinzip erzählt wird. Wo die Staffel aber doch interessant wurde und wirklichen Witz entwickelt hat, war immer dann, wenn Grenzen überschritten oder sonstwie relevant wurden – Grenzen zwischen geselschafftlichen Schichten oder unterschiedlichen Kulturen. Die Einteilung in Adlige above stairs und deren Bedienstete below stairs ist ja offensichtlich; manchmal aber wird deutlich, dass auch innerhalb dieser beiden Schichten Abgrenzungen vorgenommen werden, zum Beispiel als ein schwarzer Sänger in den Dienstbotenquartieren zu Gast ist und von Mr. Carson doch tatsächlich gefragt wird, ob er je daran gedacht habe, nach Afrika zu gehen!

Mehrmals in der Staffel wird auch die Differenz zwischen Adeligen und Dienern zum Thema der Handlung, und zwar indem es zu Verwechslungen oder Täuschungen kommt. Rose gibt sich etwa auf einem Tanz in York als Bedienstete aus, während einige Folgen später Anna und ihr Mann in einem Restaurant aufgrund eines Missverständisses als Adelige behandelt werden. Eine Figur, für die diese Differenz ständig für Anspannung sorgt, ist der ehemalige Chaffeur Tom, der in die Familie Crawley eingheiratet hat. Formell gehört er nun zwar zur Familie, doch immer wieder wird ihm bewusst, dass er keineswegs einer von ihnen ist. Als eine Party auf dem Anwesen stattfindet, hat ihn Violet (ich nenne Maggie Smiths Figur der Einfachheit halber nun beim Vornamen, möge sie mir verzeiehen) darüber aufzuklären, mit welchen Titeln er die verschiedenen Gäste anzusprechen hat. Als er bemerkt, dass diese Regelungen unlogisch seien, entgegnet Violet: „If I were to search for logic, I should not look for it among the English upper class.“ 😀 Auch seinen ehemaligen Kollegen Thomas hat er nun, da er als Herr zum Diener spricht, mit dem Nachnamen anzureden, während er selbst nun als Teil der Familie von den anderen Familienmitgliedern nicht mehr mit seinem Nachnamen, sondern lediglich als „Tom“ anzusprechen ist, was wiederum bei Violet für Irritation sorgt.

Molesley (Kevin Doyle), der frühere Butler von Lady Isobel und ihrem Sohn Matthew, kehrt in der vierten Staffel als einfacher Hausdiener (footman) nach Downton Abbey zurück. Er nimmt die Stellung nur nach langem Zögern an, da sie einen Rückschritt für ihn bedeutet. Als er in seiner neuen Stellung das Essen serviert, spricht ihn Violet weiter mit seinem Nachnamen an, obwohl einfache Hausdiener im Gegensatz zum Butler eigentlich beim Vornamen genannt werden. Dem Butler Mr. Carson (Jim Carter) passt das gar nicht, doch er drückt seinen Ärger lediglich mit einem bösen Blick aus.

Im an die vierte Staffel anschließenden Christmas Special „Downton Abbey: The London Season“ kommt einmal mehr Besuch aus Amerika. Martha Levinson (Shirley MacLaine), die Mutter von Cora sowie Coras Bruder Harold (Paul Giamatti) sind aus New York angereist; auch sie haben natürlich ihre Bediensteten dabei. Das Aufeinandertreffen von Briten und Amerikanern sorgt für den Großteil der Lacher in dieser 90-minütigen Episode. So ist es etwa die britische Dienerschaft gewohnt, auswärtige Diener, die sich auf Downton Abbey aufhalten, der Einfachheit halber mit dem Namen ihrer jeweiligen Vorgesetzten anzureden (in „Gosford Park“ sorgt diese Praxis beim Zuschauer für reichlich Verwirrung). Als Ethan, Harold Levinsons Kammerdiener, von Mr. Carson als „Mr. Levinson“ angesprochen wird, ist er irritiert und weist Mr. Carson zurecht: „My employer is called Levinson, not me.“, woraufhin Mr. Carson entgegnet: „In this house, you both are.“

Als Ethan später auf Wunsch von Mr. Carson für einige Zeit die Aufgabe eines Hausdieners übernimmt und bei einem Empfang die Häppchen auf seinem Tablett den Gästen gegenüber aktiv anpreist („Would you care for one of these? I think they’re quite nice.“), muss ihn Mr. Carson erneut scharf zurecht weisen: „You’re a footman, not a travelling salesman. Please keep your opinions on the catering to yourself.“ 😀 Selten war ein culture clash unterhaltsamer. Einige Zeit später erfahren wir, dass die Dienerschaft Probleme hat, all das Eis aufzutreiben, das der Amerikaner Harold Levinson offenbar „in everything he drinks“ haben möchte…

Aber nicht nur unter der Dienerschaft sorgt die Anwesenheit der Gäste für Irritationen, auch die von Maggie Smith und Shirley MacLaine gespielten Figuren geraten erneut aneinander. Als Martha (MacLaine) und Harold das Zimmer betreten, in dem sich Violet (Smith) und der Rest der Familie gerade aufhalten, begrüßt Martha die Anwesenden mit einem „Oh, well, the gang’s all here, I see.“, was Violet trocken mit „Is that American for ‚Hello‘?“ kommentiert, nur um kurze Zeit später die Bemerkung „How curious these phrases are!“ nach zu schieben.

In all diesen Fällen gilt: die Irritation ergibt sich stets aus einer Differenz zwischen Angehörigen verschiedener Schichten oder unterschiedlicher Kulturen. Solche Unterschiede werden immer dann relevant, wenn sie in irgendeiner Form stören. Denn „da“ sind sie ja immer, sorgen im Normalfall aber nicht für Störungen, sondern tragen im Gegenteil dazu bei, eine bestimmte gesellschaftliche Ordnung aufrecht zu erhalten, so kompliziert und umständlich sie zum Teil auch erscheinen mögen. Nur wenn sich jemand nicht in Übereinstimmung mit den ungeschriebenen Gesetzen des gesellschaftlichen Zusammenlebens verhält, gerät die Kommunikation ins Stocken und es kommt zum Beispiel zu peinlichen Situationen wie der, in der der ehemalige Chauffeur die Damen der feinen Gesellschaft mit den falschen Titeln anspricht. (In diesem Fall ist ihm das zwar selbst nicht peinlich, weil er seinen Fehler gar nicht bemerkt, doch seine Gesprächspartnerinnen werden sich schon ihren Teil dabei denken.)

Meine Lieblingsszene aus dem 2013er Christmas Special ist in dieser Hinsicht das Aufeinandertreffen des Amerikaners Harold Levinson und des Prince of Wales, Eward VIII. (Oliver Dimsdale) auf einem Empfang im Buckingham Palace. Harold, der schon im Vorfeld seine Begeisterung über ein mögliches Treffen mit dem Prinzen zum Ausdruck gebracht hat, nutzt die Gelegenheit, als er diesen gerade ohne Gesprächspartner stehen sieht und geht entschlossen auf ihn zu. „How do you do? Harold Levinson.“, stellt er sich vor und streckt dem Briten seine Hand entgegen. Dies sorgt jedoch leider bereits für eine Störung und schließlich den kompletten Abbruch der Kommunikation, da die Sitte, sich jemandem vorzustellen, indem man einfach den eigenen Namen sagt, dem britischen Prinzen vollkommen unbekannt zu sein scheint. „You are mistaken, sir. I am not Harold Levinson, whoever he may be.“, erwidert der Prinz. Der Amerikaner Harold hat wahrscheintlich in dieser Situation gleich mehrere Regelen gebrochen, da er weder Ahnung von den britischen Gepflogenheiten im Allgemeinen zu haben scheint, noch davon, wie man sich einem Mitglied des Königshauses zu nähern hat. Es bleibt der herrliche, zunächst irritierte und schließlich belustigte Ausdruck auf Harolds Gesicht, nachdem ihn der ebenfalls irritierte Prinz einfach hat stehen lassen.

Aber nicht nur die Unterschiede zwischen Briten und Amerikanern, zwischen Adeligen und ihren Dienern spielen in „Downton Abbey“ eine Rolle. Je weiter die Handlung fortschreitet, um so öfter ist auch die Rede von einem gesellschaftlichen Wandel, in dem sich das starre  Klassensystem zumindest ein wenig aufzulösen beginnt. Martha Levinson sieht sich als eine der Vorreiterinnen dieser Entwicklung (was zugegeben wohl mit ihrer Identität als Amerikanerin zu tun hat). Sie bezeichnet sich als modern und legt keinen Wert darauf, einen Mann nur seines Titels wegen zu heiraten. Dass ihre eigene Tochter einen höheren gesellschaftlichen Rang innehat als sie selbst, stört sie nicht. Ganz am Ende der Staffel erklärt sie in einem Aufeinandertreffen mit Violet, der wohl stärksten Verfechterin der alten Ordnung: „I have no wish to be a great lady.“ Kurz darauf fügt sie hinzu: „I don’t mind looking in the mirror, because what I see is a woman who’s not afraid of the future. My world is coming nearer, and your world? It’s slipping further and further away.“

Hoffentlich werden diese gesellschaftlichen Umbrüche in der kommenden fünften Staffel der Serie noch näher beleuchtet. Sie bieten definitiv eine Menge an neuem, interessantem Erzählstoff.

„Star Wars Oxygen“ – Ein Podcast nur über John Williams‘ großartige Musik

In letzter Zeit höre ich immer mehr Podcasts, vor allem über „Star Wars“ und „Babylon 5“. Vor kurzem habe ich einen Podcast entdeckt, der sich allein der großartigen Filmmusik widmet, die John Williams für die „Star Wars“-Filme geschrieben hat. Bei „Star Wars Oxygen“ handelt es sich um ein Spin-off des „Rebel Force Radio“-Podcasts. Etwa alle vier Wochen erscheint eine neue Folge, in der David Collins und Jimmy Mac die Musik von John Williams analysieren.

Dabei machen sie auf viele Dinge aufmerksam, die man bisher nicht wusste oder nur unterbewusst wahrgenommen hat – zum Beispiel, dass in der berühmten „Binary Sunset“-Szene in „Star Wars“ (Episode IV) gar nicht Lukes Thema gespielt wird, sondern Ben Kenobis. Und nach Kenobis Tod ist nicht sein, sondern Leias Thema zu hören, was mir bislang tatsächlich nie bewusst aufgefallen ist. Auch die Gründe für diese Entscheidungen von George Lucas und John Williams werden im Podcast erläutert. Bislang sind neun Folgen von „Star Wars Oxygen“ erschienen, die gerade mal die Musik von zwei Filmen (Episode IV & V) abgedecken. Aber auch alle übrigen „Star Wars“-Filme sollen in künftigen Podcast-Folgen besprochen werden (und zusätzlich sogar der Soundtrack zu „Shadows of the Empire“).

Die beiden Hosts des Podcasts sprechen sämtliche Themen bzw. Leitmotive durch, die Williams komponiert hat. Dabei kommt so manche interessante Erkenntnis zustande; ich habe bislang zum Beispiel nicht bewusst wahrgenommen, dass C-3PO und R2-D2 in Episode V ein eigenes Thema haben und sogar Boba Fett ein kurzes musikalisches Motiv. Auch macht der Podcast immer wieder auf Filmszenen aufmerksam, die keine Musik enthalten, für die aber Musik geschrieben und sogar aufgenommen wurde. Die Soundtrack-CDs, die 1997 zu den Special Editions der Filme veröffentlicht wurden, enthalten überraschend viel solcher Musikstücke, die letztendlich doch nicht in den Filmen verwendet wurden. Bei der Besprechung von „Das Imperium schlägt zurück“ nimmt sich David Collins einige dieser Szenen vor und mischt die Musik wieder hinein, um zu verdeutlichen, wie sie sich angehört hätten, wenn die Filmemacher sich nicht gegen den Einsatz von Musik entschieden hätten.

In einer der ersten Episoden des Podcasts kommen Collins und sein Co-Host zudem auf die musikalischen Vorbilder zu sprechen, an denen John Williams sich auf Lucas‘ Wunsch hin orientierte. Dabei vergleichen sie ausgewählte Musikstücke aus dem Film mit den entsprechenden Vorlagen von Stravinski, Dvořák, Holst und anderen Komponisten – und das Ergebnis ist verblüffend. Auch das Darth Vader-Thema aus Episode IV – als der berühmte imperiale Marsch noch nicht existierte – nehmen sie unter die Lupe.

Da ich mich sehr für Musik interessiere, aber nicht über genug Fachwissen oder ein gut genug geschultes Gehör verfüge, um die „Star Wars“-Soundtracks selbst so ausführlich zu durchleuchten, finde ich den Podcast sehr interessant und kann nun, nachdem ich alle bereits veröffentlichten Folgen angehört habe, die Veröffentlichung weiterer Episoden kaum erwarten.

House of Cards – Season 1

„After all, we are nothing, more or less, than what we choose to reveal.“ (Frank Underwood)

Nachdem ich sie schon mehrere Monate lang bei mir zuhause herumliegen hatte, habe ich die 1. Staffel von Beau Willimons „House of Cards“ diesen Sommer endlich in meinen Blu-ray-Player befördert. Und was soll ich sagen? Es hat sich gelohnt, auch wenn ich bestimmt kein Riesenfan der Serie werde. Dazu interessieren mich Intrigen und Politik im fiktiven Fernsehen dann zu wenig – es sei denn, sie sind zum Beispiel mit Fantasy vermengt, wie das in „Game of Thrones“ der Fall ist. Die Parallelen zwischen diesen beiden Serien sind wirklich frappierend. Beide Serien zeigen, wie man sich in der Politik durch Lügen, Betrügen, Täuschen und Morden nach oben durchschlagen kann. Dass letzters in „House of Cards“ wesentlich weniger vorkommt als in „Game of Thrones“, bedeutet jedoch nicht unbedingt, dass der von Kevin Spacey gespielte Frank Underwood wesentlich zivilisierter handelt als die Menschen im mittelalterlich angelegten Westeros.

Frank Underwood ist ein so abgrundtief schlechter Mann, dass es schon wieder Spaß macht, ihn zu hassen. Antihelden im Fernsehen sind in, das wissen wir unter anderem aus „Dexter“ und „Breaking Bad“. Aber während Walter White zumindest anfangs wenigstens noch noble Motive für seine schlechten Taten zu haben scheint und Dexter beim Ausleben seiner Mordgelüste nach einem strengen Kodex handelt, der ihm vorschreibt, nur solche Menschen zu töten, die selbst schwere Verbrechen begangen haben, scheint Frank Underwood andere Menschen – egal ob Freund oder Feind, Kollege, langjähriger Weggefährte oder was auch immmer – stets nur als Mittel zum Zweck anzusehen, die man nach allen Regeln der politischen Kunst (aus)nutzen darf und muss. Wäre Underwood Teil der „Game of Thrones“-Welt Westeros, er würde in derselben Liga spielen wie Lord Varys und Littlefinger, was die Kunst des politischen Intrigierens betrifft. Zu Beginn der ersten Folge tötet er auf der Straße einen angefahrenen Hund und erklärt in einem ans Publikum gerichteten, direkt in die Kamera gesprochenen Kommentar, manchmal müsse man eben Dinge tun, die zwar unangenehm, aber notwendig sind. 13 Folgen später kann ich  dazu nur sagen: Bullshit, Frank! Ich nehme es dir nicht ab, dass du dir über die Auswirkungen deiner Handlungen auf andere Lebewesen überhaupt Gedanken machst. Dass es unter erfolgreichen Politikern und den CEOs großer Firmen eine überdurchschnittlich hohe Quote an Psychopathen geben soll, liest man ja immer wieder und Underwood scheint tatsächlich so ein Fall zu sein. Frank wird im Lauf der Staffel jedenfalls noch weitere Tote in Kauf nehmen, um seine Ziele zu erreichen.

Das Traurige in „House of Cards“ ist, dass es Leute wie Frank in der Serie ganz nach oben schaffen. Je disziplinierter und rücksichtsloser jemand betrügt und lügt, umso mehr wächst seine Macht. Das beginnt auch Zoey Barnes (Kate Mara) zu lernen, eine junge Reporterin, die zu Beginn der Serie für den (fiktiven) Washington Herald schreibt. Sie geht einen Pakt mit Frank ein und verkauft auf diese Weise vielleicht nicht unbedingt ihre Seele, opfert aber auf jeden Fall ihre journalistische Integrität und wirft nach und nach immer mehr ihrer Moralvorstellungen über Bord. Auf diese Weise wird sie zwar bald zu einer landesweit bekannten Politikjournalistin, aber zu welchem Preis? Ich habe den Verdacht, dass es in Staffel zwei für Zoey erst einmal nur noch bergab gehen kann… (Ganz nebenbei: Ich wusste ja gar nicht, dass Rooney Mara („The Girl with the Dragon Tattoo“) eine Schwester hat, die mindestens genau so hübsch ist wie sie und eine ebenso talentierte Schauspielerin!)
Zoey ist jedenfalls noch nicht komplett verdorben, sondern vielleicht ja nur vorrübergehend geblendet von den Aussichten, die ihr das Bündnis mit Frank verspricht. Von Underwoods Ehefrau Claire (Robin Wright) kann man das nicht behaupten. Viel mehr als die Tatsache, dass sie ohne mit der Wimper zu zucken etwa die Hälfte ihrer Angestellten feuert, zeigt folgender kurzer Dialog zwischen ihr und Frank, dass Claire ihrem Mann in Sachen Skrupellosigkeit und utilitaristischem Denken in nichts nachsteht:

Frank, der mit Zoey geschlafen hat, kommt spät abends nach Hause.
Seine Frau Claire fragt nur: „The reporter?“
Frank: „Yes.“
Darauf Claire: „What does she offer us?“

Wow. Was für eine tolle Ehe muss das sein, in der selbst der Seitensprung des Partners nur im Hinblick seiner potentiellen Nützlichkeit für die gemeinsamen Ziele gesehen wird. Zugegeben, als Claire einige Folgen später ihre Beziehung mit einem Fotografen wieder aufleben lässt und dafür sogar für ein paar Tage nach New York verschwindet, scheint Frank tatsächlich eifersüchtig zu sein. Aber dass er und Claire sich wirklich lieben oder jemals geliebt haben, dafür gibt es hier dennoch keine Anzeichen. Aber Liebe ist eben eine Währung, die in Washington nicht angenommen wird.

Frank Underwood wird als eine so skrupellose, nur um den eigenen Vorteil bedachte Figur gezeichnet, dass ich mich immer wieder gefragt habe, ob diese Schlechtigkeit denn keine Spuren in ihm hinterlässt. In seinen direkt zum Fernsehzuschauer gesprochenen Kommentaren zum Geschehen offenbart Frank immer wieder, was er wirklich von den Menschen hält, mit denen er im Washingtoner Politikbetrieb täglich zu tun hat. Er hält sie für Idioten, für gefährlich oder für nützlich, aber er sieht sie nie als ganze Menschen an, sondern stets nur als Figuren im Schachspiel der Politik. Ins Gesicht sagt er einem Kollegen vielleicht, wie sehr er sich doch über dessen nützliche Vorschläge freut; insgeheim freut er sich aber darüber, dass der andere ohne es zu wissen nach seiner Pfeife tanzt und plant schon die nächsten Schritte, um ihn weiter zu manipulieren. Nimmt es einen nicht mit, wenn man sich tagein, tagaus auf diese Weise verstellt? Wenn man so gut wie nie einem Menschen die Wahrheit ins Gesicht sagt (außer wenn es mal den eigenen Zwecken dienlich ist)? Löst das keinen Stress aus, keine Gewissensbisse? Kopfschmerzen? Einen Herzinfarkt? Franks in die Kamera gesprochene Kommentare sind zum Teil so bitterböse, sein Charakter so abgrundtief schlecht, dass man sich fragt, wie ein Mensch mit dieser Sicht auf das Leben, die Welt und die Menschen mit sich selbst leben kann. Wie kann Frank Underwood mit sich selbst im Reinen sein? Er muss wohl wirklich zumindest psychopathische Züge aufweisen, anders kann ich mir sein Handeln nicht erklären. So vollkommen ohne Rücksicht auf die Bedürfnisse anderer handelt doch nur jemand, für den Emotionen und Empathie nur theoretische Konzepte sind. Frank Underwood hat keine Gewissensbisse, weil er kein Gewissen hat.

Vielleicht ist die Erklärung dafür, warum Frank bislang von Stresssymptomen verschont geblieben ist, aber auch eine ganz einfache: Er spielt zu Hause regelmäßig Ego-Shooter. An ihnen reagiert er sich ab, hier lässt er all den Frust und Ärger heraus, der sich im Lauf eines Tages in ihm angestaut hat (was für die karthatische Wirkung von Gewaltinhalten in Videospielen spricht).

Alias – Season 3

— Der folgende Text enthält Spoiler für die gesamte dritte Staffel von „Alias“!! —

Gesundheitliche Probleme, ein dank defekter Lüftung überhitzter Laptop und schließlich meine alljährliche, achttägige Filmfest-Auszeit sind die Gründe dafür, dass ich mich in den letzten Wochen kaum um mein(en) Blog kümmern konnte (ich kann mir einfach nicht merken, ob es der oder das Blog heißt). Inzwischen bin ich wieder gesund, mein Laptop hat eine neue Lüftung eingebaut bekommen und das Filmfest München ist leider auch schon wieder vorbei. Während meiner Blog-Auszeit haben sich einige Blog-Themen angesammelt, die ich in den nächsten Tagen und Wochen hoffentlich alle abarbeiten werde.

Dieses Mal geht es also um die dritte Staffel von „Alias“, eine Serie über die ich bereits mehrmals gebloggt habe und die ich so toll eigentlich gar nicht finde. Trotzdem will ich immer wissen, wie die Handlung weitergeht. Es ist nun schon eine Weile her, dass ich die Staffel angeschaut habe und meine Erinnerung an die Ereignisse darin ist zum Teil etwas verschwommen, aber ich hoffe mal, dass ich mit Hilfe meiner Notizen einen halbwegs sinnvollen Post hinkriege. 😉 Die erste Folge der Staffel beginnt direkt nach dem Cliffhanger-Ende von Season 2: Sydney Bristow (Jennifer Garner) wacht auf und muss feststellen, dass sie sich an die letzten zwei Jahre nicht erinnern kann. Während in ihrem Gedächtnis nur ein großes Loch klafft und sie absolut keine Ahnung hat, was sie in diesen zwei Jahren so getrieben hat, haben die anderen Charaktere ihr Leben weiter gelebt. Michael Vauhn (Michael Vartan) zum Beispiel ist plötzlich verheiratet (und zwar nicht mit Sydney). Noch in der zweiten Staffel musste außerdem Sydneys beste Freundin Francie ihr Leben lassen, da sie durch einen „bösen Klon“ ersetzt wurde; zudem ist Sydneys ehemaliger Vorgesetzter Arvin Sloane (Ron Rifkin) nun offiziell einer der Bösen (das war jedenfalls der Stand am Ende der zweiten Staffel). Nun, am Beginn von Season 3, erfahren wir, dass Sydney für tot gehalten wurde. Irgendjemand muss ihren Tod vorgetäuscht haben, Wohnungsbrand und menschliche Überreste inklusive. Sydneys CIA-Partner Marcus Dixon (Carl Lumbly) leitet jetzt die Abteilung, während Syds Vater Jack (Victor Garber) im Gefängnis sitzt, weil er mit ihrer terroristischen Mutter zusammen gearbeitet hat, um Sydney aufzuspüren (er kommt aber zu Beginn der dritten Staffel schnell wieder frei).

Beim Anschauen der ersten Minuten der Staffel habe ich gemerkt, dass ich mich zwar nur schlecht an die Handlung der ersten beiden Staffeln erinnern konnte, dafür aber umso besser an die Charaktere. Außerdem hat sich die Serie sofort wieder vertraut angefühlt, weil sie nach wie vor nach demselben Schema verfährt: Es geht von einer Mission und einer neu gewonnenen Erkenntnis zur nächsten, jede Frage führt zwar früher oder später zu einer Antwort, in die aber die nächste Frage gleich eingebaut ist. Auch das, was Sydney und die Zuschauer als Wahrheit kennen und akzeptieren müssen, stellt sich meist nur als ein Teil der Wahrheit heraus, dem Stück für Stück neue Teile hinzugefügt werden, durch die rückblickend auch manchmal frühere Erkenntnisse in einem ganz neuen Licht erscheinen, Wahrheit also sozusagen umdefiniert wird. (Im Rahmen meiner Diplomarbeit habe ich „Desperate Housewives“ mit Hilfe der sogenannten „Grounded Theory“, also einer auf der Grundlage der Daten – in diesem Fall Transkripe einiger Serienfolgen – gewonnenen Theorie analysiert. Dabei kristallisierten sich verschiedene Konzepte bzw. Kategorien heraus, die in der Serie eine wichtige Rolle spielen, z.B. „Fremdheit“ oder „Geheimnis“. Im Fall von „Alias“ wäre wohl „Wahrheit“ ein solches die gesamte Serie durchziehendes Konzept. Auch „Geheimnis“ könnte hier eine Kategorie darstellen, da Geheimnisse, die die Figuren voreinander haben oder die die Serie vor dem Zuschauer hat, immer wieder eine wichtige Rolle spielen.)

Nicht nur das, was als Wahrheit gilt, wird im Lauf der Serie immer wieder neu definiert, sondern auch wer gut und wer böse ist. Vor allem Arvin Sloane ist hier zu nennen: Am Anfang der Serie ist er Sydneys Mentor und eine Art Vaterfigur für sie, dann wird er zu ihrem schlimmsten Feind, nun ist er ihr zweckmäßiger, aber nach wie vor verhasster Verbündeter. Und noch dazu soll er jetzt eine Wandlung zum großzügigen Wohltäter durchgemacht haben? Weder Syd noch die Zuschauer können das so recht glauben. Seine „Wandlung“ erinnert jedenfalls stark an das Schema, nach dem in Staffel zwei mit Sydneys Mutter verfahren wurde, die war ja auch mal gut, mal böse und nie wusste man so recht, ob man ihr trauen sollte oder nicht.

Von der ersten Folge am besten im Gedächtnis geblieben ist mir jedenfalls dieser Wortwechsel zwischen Sydney und einem anderen Agenten:

Er: „Forgive me if I look shocking to you, but I was believing that you were dead.
Sie: „I was. But now I’m not.
Er: „This is why I love our business.“

Die ganze erste Folge wird aus Sydneys Sicht erzählt, die Zuschauer erfahren nur das, was auch sie erfährt. Dazu gehört ganz zum Schluss auch die Erkenntnis, dass sie in den letzten zwei Jahren keineswegs nur Däumchen gedreht hat, sondern anscheinen einen kaltblütigen Mord begangen hat. Aber warum und unter welchen Umständen? Dies Herauszufinden ist nun Sydneys Hauptaufgabe.

Die zweite Folge bringt dann auch mehr Antworten darüber, was Syd in den letzten zwei Jahren so getrieben hat. Aber ganz in Übereinstimmung mit den ungeschriebenen Gesetzen der Serie führen diese Antworten nur zu noch mehr Fragen und unter anderem auch zu der unbequemen Konstellation, dass es nun ausgerechnet Michael Vaughns Frau Lauren (Melissa George) den Mord untersuchen soll, den Sydney begangen hat, was einmal mehr das Konzept „Geheimnis“ in die Serie einbringt (schließlich will Sydney um jeden Preis verhindern, dass sie als die Täterin enttarnt wird, jedenfalls solange ihr selbst die genauen Umstände der Tat nicht bekannt sind). Sydney und ihr Vater müssen Lauren von nun an immer einen Schritt voraus bleiben, woraus sich eine ähnliche Konstellation wie in den ersten beiden Staffeln ergibt, als die beiden als Doppelagenten innerhalb von SD6 tätig waren. Leider ist Victor Garbers Schauspiel für mich immer noch einer der größten Schwachpunkte der Serie. Seine Sprechweise wirkt stets monoton, sein Gesichtsausdruck immer gleich – gar nicht auszudenken, was ein anderer, besserer Darsteller aus dieser Rolle gemacht hätte!

Die Szenarien sind jedenfalls nach wie vor spannend und kreativ; teilweise wirkt die Handlung aber auch arg konstruiert und vor allem nervt es, wenn sich die Charaktere Folge für Folge fast wortgleich die gleichen Fakten ins Gesicht sprechen, bloß um den Zuschauer auf dem Laufenden zu halten. Auch Sydneys Unentschlossenheit in den ersten Folgen der Staffel hat mich wahnsinnig genervt („Soll ich meinen CIA-Kollegen nun verraten, dass ich diesen Mord begangen habe, aber selbst nicht weiß, wie es dazu kam oder soll ich lieber alleine weitere Nachforschungen anstellen?“). Schließlich verrät Jack Sydneys Geheimnis an Dixon und erlöst seine Tochter zumindest von diesem Dilemma.

Dass es in „Alias“ nicht wirklich um den Inhalt der Missionen geht, die Sydney und ihr Team in jeder Episode absolvieren müssen, habe ich ja schon in meinen früheren Posts geschrieben. Das ist natürlich auch in der dritten Staffel noch so. Stattdessen geht es darum, wie diese Missionen und die sich aus ihnen ergebenden Veränderungen und gewonnenen Erkenntnisse sich auf die Figuren und ihre Beziehungen auswirken. Als Vaughn zum Beispiel davon erfährt, dass Sydney den Mord begangen hat, wird er dazu gezwungen, diese Erkenntnis vor seiner Frau, die ja genau diesen Mord untersucht, geheim zu halten. Der Ehe der beiden kommt das nicht gerade zugute.

Am Ende der siebten Folge wird Sydney schließlich in Rom von der CIA überwätligt und festgenommen; Lauren hat inzwischen herausgefunden, dass Sydney den Mord begangen hat (wer dabei eigentlich ermordet wurde, lasse ich hier mal weg, es ist ja so schon kompliziert genug). In Folge acht wird sie von Vaughn und ihrem Vater befreit – und von Lauren, die sich in letzter Sekunde doch dazu entschlossen hat, ihnen dabei zu helfen. Auch Sloane arbeitet mit ihnen zusammen und kurzzeitig bilden sie nun so eine Art Rebellengruppe, die gegen die CIA kämpft. Es gelingt ihnen sogar erfolgreich, es so erscheinen zu lassen, als sei The Covenant für Sydneys Befreiung verantwortlich – jene Terrorgruppe, die den Hauptantagonisten der Staffel darstellt. Wohl oder übel müssen Sydney & Co. nun also mit Sloane zusammen arbeiten, der eine Idee hat, wie man Sydneys Gedächtnis wieder herstellen kann: Er kennt da so einen Hippie-Professor, der eine Prozedur entwickelt hat, die vielleicht helfen könnte… Jener von David Cronenberg gespielte Professor wirkt wie ein Vorläufer von Walter Bishop aus J.J. Abrams späterer Serie „Fringe“, sowohl was sein Verhalten als auch was seine Methoden betrifft. Er versetzt Sydney in einen Traumzustand, während dessen sie sich der Tatsache, dass sie träumt bewusst ist. Und in dieser Traumsequenz hören wir Auszüge aus den Cellosuiten von Bach, was ich deshalb erwähnenswert finde, weil mir in den letzten Jahren immer wieder auffällt, wie oft diese (und andere Stücke von Bach) in Filmen und TV-Serien eingesetzt werden. Diese Episode ist jedenfalls ein gutes Beispiel dafür, dass die Serie immer wieder – und auch durchaus oft erfolgreich – versucht, ihr eigenes Erzählschema (Fragestellung-Mission-neue Erkenntnisse-neue Fragen-nächste Mission…) zu durchbrechen. Das bringt Abwechslung. Am Ende dieser Episode steht jedenfalls mal wieder eine alles verändernde neue Erkenntnis, durch die das, was bisher als „Wahrheit“ galt, umdefiniert wird: Sydney hat den Mord gar nicht begangen, denn der scheinbar Ermordete lebt noch…

Weil Episode 3.09 eben ganz anders war als die vorherigen Episoden und zudem mit diesem Cliffhanger am Ende aufwartete, musste ich danach ausnahmsweise sofort die nächste Folge gucken. (Sonst bin ich von der dann doch oft gleichen Erzählstruktur der „Alias“-Episoden eher gelangweilt – von den erwähnten kreativen Ausnahmen abgesehen laufen die Folgen nämlich meist alle gleich ab. Da scheinen die Konsequenzen der Plotentwicklungen für die Figuren im ersten Moment zwar riesig zu sein, aber weil sich in bester „24“-Manier ja sowieso ständig alles wieder ändert, sind sie letztlich doch wieder egal.)

In 3.11 fasst Sydney selbst eines der Prinzipien der Serie zusammen, als sie bemerkt, jedes Mal, wenn sie den Antworten über die ihr fehlenden zwei Jahre nahekommt, schließe sich vor ihr eine Tür. Sie kann ja noch nicht wissen, dass sie genau in dieser Folge endlich tatsächlich Antworten erhalten wird – und zwar von Terry „John Locke“ O’Quinn, der hier einmal mehr als Special Agent (oder was auch immer) Kendall auftaucht. Die Episode kaut einem zunächst all die bisherigen Ereignisse der Staffel noch einmal vor und eignet sich damit perfekt zum Einstieg, falls man die erste Staffelhälfte verpasst haben sollte. Aber sie gibt wie gesagt auch zahlreiche neue Antworten und es ist fast überflüssig zu erwähnen, dass dabei einmal mehr Konzepte wie „Wahrheit“, „Geheimnis“ und „Vertrauen“ (das könnte nämlich auch so eine Kategorie sein) über den Haufen geworfen, gut durchgeschüttelt und neu definiert werden. Den größten Schock hält in diesem Zusammenhang mal wieder die letzte Szene der Episode bereit: Gerade als Sydney den Mann gerettet hat, von dem sie bis vor kurzem noch dachte, sie selbst habe ihn ermordet, wird dieser tatsächlich erschossen – von Lauren! Natürlich wissen Sydney & Co. noch nicht, dass es Lauren war, die den Schuss abgefeuert hat, aber der Zuschauer weiß nun, dass Lauren ein falsches Spiel treibt. Sie ist eine Doppelagentin und gibt nur vor, für die CIA zu arbeiten. Dass sie zudem mit einem CIA-Agenten verheiratet ist, macht die Sache nur noch tragischer (und damit erzählerisch ergiebiger). Von da an achtet man als Zuschauer in den kommenden Folgen ganz besonders auf jede Regung und Äußerung Laurens, zum Beispiel wenn sie mit ihren Kollegen bei einer Einsatzbesprechung zusammen sitzt. Schließlich wissen wir nun etwas über sie, das ihre Kollegen in der Serie nicht wissen.

Bei all den Verwicklungen und Verwirrungen des Agentenlebens, die in der Serie eine Rolle spielen (jeder muss mal gegen jeden spionieren, jeder vor jedem etwas verbergen), hilft den Betroffenen früher oder später anscheinend nur noch Psychotherapie. Jack schlägt Sloane in Episode 3.13 vor, es mal mit einer Therapie zu versuchen und auch Sydney sehen wir hier mal wieder bei ihrer Therapeutin. Über „people who work in intelligence“ sagt diese:

„[They have] to grapple with some serious issues. Living duplicitous lives, compartmentalizing the personal and the professional. It’s a difficult challenge.“

Das Agentenleben ist in der Tat nicht leicht… Aber auch Arvin Sloane legt sich wie erwähnt auf die Couch und schüttet der CIA-Therapeutin sein Herz aus – naja, nicht wirklich, ganz in Übereinstimmung mit den Gesetzen der Serie erzählt er ihr zwar von einem großen Geheimnis, das er mit sich herum trägt, aber um was für ein Geheimnis es sich dabei handelt, das verrät er zumindest in dieser Folge noch nicht:

 „I manipulate people. I’m good at that, and I know it. I lie, I keep secrets. I divulge only what I must in order to elicit the reaction I need. […] One of those secrets affects the only two people I care about in the world, Sydney and Jack Bristow. There are many secrets I enjoy keeping. There is power in secrets that you keep. But this one, oh, this one wears on me. It has for many years. It’s central to my very existence. It’s who I am.”

Erst am Ende der nächsten Folge erfahren wir dann mehr Details: Sloane hatte einst eine Affäre mit Irina Derevko, Sydneys Mutter, und glaubt nun, Sydney sei seine Tochter. Da ist sie wieder, unsere Lieblings-Agenten-Soap… Aber es wird noch besser, als Michael Vaughn herausfindet, dass seine eigene Frau eine Doppelagentin ist, ihr gegenüber aber vorerst weiterhin so tun muss, als ahne er nichts davon. Denn die Serie erzählt nun quasi auf zwei Ebenen; zum einen geht es um ganz normale Verdächtigungen in einer Ehe, wo sich die beiden Partner nicht mehr vertrauen und zum anderen wird diese Krise eines Ehepaares als deren berufliche Krise, auf der „Geheimdienst-Ebene“ erzählt (was ein wenig an „Mr & Mrs Smith“ erinnert). Dieses Handlungselement hat mir jedenfalls richtig viel Spaß gemacht, ganz besonders als es später Michael ist, der quasi vor Laurens Nase von ihr unbemerkt wichtige Daten stehlen soll und dies dann haarscharf in letzter Sekunde schafft, gerade noch ohne von ihr entdeckt zu werden. Laurens und Michaels Rollen werden in dieser Szene vertauscht, denn bis dahin war es ja stets sie, die Geheimnisse vor ihrem Mann hatte und von ihm unbemerkt irgendwelche Akten entwenden musste.

Wie eingangs erwähnt finde ich „Alias“ eigentlich gar nicht so toll. Inhaltlich kaut einem die Serie immer wieder dasselbe vor und hält die Zuschauer nur dank der teilweise wirklich kreativen, abwechslungsreichen Szenarien und der interessanten Figuren bei der Stange. Doch genau genommen handelt es sich hier nur um eine Soap Opera im Action-Format, ähnlich wie bei „24“. Es ist egal, was passiert, solange immer wieder irgendetwas möglichst Dramatisches passiert und die Kette von Problemen nie abreißt. In Episode 3.19 erfahren wir schließlich, dass Sydney eine Schwester hat, von der sie bislang nichts wusste – genau das ist doch eines der Instrumente, mit denen Soaps neue Konflikte in ihre Handlung bringen, wenn diese langweilig zu werden droht: man schreibt bisher noch nie erwähnte Familienmitglieder in die Story hinein (kamen nicht auch in „24“ irgendwann Jack Bauers Vater und Bruder dazu?). Leider interessiert mich dieser Teil der Story kaum, ebenso wie all die mysteriösen Rambaldi-Artefakte und Prophezeihungen. Trotzdem fand ich die vorletzte Folge der Staffel hochspannend. Zahlreiche wichtige Plotelemente wurden weiter entwickelt oder zum Abschluss gebracht, alle Hauptfiguren tauchten auf und ein paar lange nicht gesehene Nebenfiguren hatten auch eine Rolle. In diesem Fall führten tatsächlich einmal einige Handlungsstränge der Staffel auf ein Ziel zu. Insgesamt stand in der dritten Staffel Sydney Bristow weniger im Mittelpunkt als in den ersten beiden Staffeln und der Fokus wurde zum Teil auf andere Figuren verschoben. Jacks Gefühle für Irina Derevko, Sloanes Motive und Gefühle (die sich entweder ständig ändern oder über die er vielmehr ständig alle anderen täuscht), das Liebesdreieck aus Vaughn, Lauren und Sydney und der am Ende der Staffel auf Rache sinnende Vaughn – all dies sind Beispiele dafür, dass es der Serie schon lange gelungen ist, auch die Figuren um Sydney herum zu interessanten Charakteren mit eigenen Geschichten auszubauen. Irgendwann werde ich mir wohl auch noch die vierte und fünfte Staffel anschauen, in nächster Zeit brauche ich aber erst einmal wieder Pause von „Alias“.

 

Was gab es sonst noch Interessantes, Erwähnenswertes, Amüsantes in der dritten Staffel? Ich liste mal ein paar Dinge, die ich noch nicht erwähnt habe, auf:

  • In der zweiten Folge geht es unter anderem in meine Heimatstadt München, genauer gesagt in ein „adult theatre“ (also Pornokino) im „red light district“ der Stadt (wo immer der auch genau liegen soll). Von München selbst sieht man dann aber nicht viel mehr als einen establishing shot, der ganz bestimmt nicht München zeigt und eben einen Kinosaal, in dem gerade ein Pornofilm in deutscher Sprache läuft.
  • In der Serie gibt es tatsächlich eine Selbsthilfegruppe für „CIA operatives who habe experienced lost time“! Wofür die CIA wohl sonst noch Selbsthilfegruppen gegründet hat? Für Agenten, die von Aliens missbraucht wurden? Oder für solche, die nicht mehr in ihr altes Leben zurück können, weil es sich ein Klon unter den Nagel gerissen hat? 😉 Der Fantasie sind hier wohl keine Grenzen gesetzt.
  • Die zweite Folge hat auch eine wunderbar überzeichnete Szene, die ich garantiert klauen werde, falls ich jemals einen Actionfilm drehen sollte: Zwei Personen, die sich gerade in einer Aufzugkabine befinden, werden entführt, indem die Kabel des Aufzugs weggesprengt werden und der Aufzug mithilfe eines zuvor am Dach der Kabine befestigten weiteren Kabels, dessen anderes Ende an einem Hubschrauber hängt, einfach durch das Dach des Gebäudes nach draußen gerissen wird. Am Hubschrauber baumelnd wird so die ganze Aufzugkabine mitsamt ihrer Insassen weggeflogen. Das nenne ich mal effizient.
  • Dass ich die ersten Takte von Damien Rices „Delicate“ einmal zu den Bildern eines in Zeitlupe aus einem Maschinengewehr feuernden Michael Vaughn hören würde, hätte ich auch nicht gedacht…
  • Und hier noch ein Dialog zwischen Vaughn und Weiss (Greg Grunberg):
    Vaugn: „Do you think you can be in love with two people at the same time?“
    Weiss: „No, I don’t. However, I did have the same intense feelings for both Sporty and Posh Spice.“
    Vaughn: „Yeah, who didn’t.“
    (Kann ich übrigens nicht ganz nachvollziehen. Ich hatte nur für Posh Spice derartige Gefühle.)

 

 

Vorfreude auf das Filmfest München 2014

Ab dem kommenden Samstag ist es wieder einmal soweit: Das Filmfest München beginnt und für ganze acht Tage werde ích die Sonne nur sehen, während ich von zuhause zur U-/S-Bahn und dann von dort in einen kühlen Kinosaal hetze. Als akkreditierter Journalist darf ich fast alle Vorstellungen des Festivals gratis besuchen (lediglich der größte Teil der Abendvorführungen zwischen 19 Uhr und 21:30 Uhr bleibt mir verwehrt – aber man kann auch nicht rund um die Uhr im Kino sitzen). Außerdem gibt es zahreiche, bereits ab 9:30 Uhr stattfindende Pressevorführungen, für die ich jedenfalls noch an den ersten Festivaltagen ausgeschlafen genug sein sollte. Erfahrungsgemäß nimmt einen so eine Filmfest-Woche, bei der man zum Teil bis spät in die Nach drei bis sechs Filme am Tag sieht, aber ganz schön mit, so dass es Tag für Tag schwerer wird, sich früh genug aus dem Bett zu quälen.

Zwar habe ich mir vorgenommen, mein perönliches Filmprogramm in diesem Jahr nicht ganz so voll zu stopfen, weil ich eben aus jahrelanger Erfahrung weiß, dass es gar nicht machbar ist, jeden Tag eine Spätvorstellung zu besuchen und am nächsten Morgen wieder topfit zu sein; trotzdem ist mein Programm wieder erstaunlich dicht gepackt – durchschnittlich 4,25 Filme am Tag habe ich mir vorgenommen und zusätzlich noch den Besuch dreier „Filmmakers Live“-Veranstaltungen mit Publikumsgesprächen mit einigen der Ehrengäste des Festivals sowie einen Besuch des TV-Serien-Panels am 30.06. eingeplant. Dass ich diesen Plan nicht werde durchhalten können, versteht sich von selbst; irgendwann im Verlauf der Woche macht man einfach schlapp, braucht eine Pause, muss ausschlafen. Oder man hat einfach irgendwann gar keine Lust mehr, nur wenige Minuten nach dem Verlassen eines Kinos schon in den nächsten Film zu rennen, sondern setzt sich sich stattdessen lieber in die Sonne, gönnt sich einen Kaffee und fachsimpelt mit anderen Festivalbesuchern über schon oder noch nicht gesehene Filme.

Früh aufstehen muss man als Journalist nicht nur, wenn man möglichst viele Pressevorführungen besuchen will, sondern auch, wenn man Tickets für die regulären Vorführungen ergattern will. Die kriegen wir Akkreditierten nämlich erst zwei Tage im Vorraus, was besonders bei begehrten Filmen wie Jonathan Glazers „Under The Skin“ mit Scarlett Johansson, dem der Senator Filmveleih in Deutschland einen regulären Kinostart verwehrt, dazu führt, dass man zwei Tage vor der gewünschten Vorstellung möglichst gleich morgens um 9 Uhr am Ticketschalter stehen sollte, um eine Chance auf die gewünschte Eintrittskarte zu haben. Klappt das mal nicht, weil man verschlafen hat oder andere einfach früher dran waren und das Kontingent an Karten ausgeschöpft ist, muss man sein geplantes Programm über den Haufen werfen und auf einen anderen, weniger begehrten Film ausweichen. Was manchmal gar nicht schlecht sein muss, schließlich entdeckt man auf diese Weise möglicherweise Filmperlen, die man sich sonst nie angeschaut hätte. Und „Under The Skin“ wird man zumindest auf Blu-ray und DVD auch hierzulande noch sehen können (trotzdem habe ich den Film in mein Festival-Programm eingeplant, während ich manche andere Filme, die garantiert regulär ins Kino kommen und/oder auf DVD erscheinen werden, bewusst ignoriert habe, obwohl ich sie definitiv sehen will).

Bei der Auswahl meiner Filme bin ich wie jedes Jahr nach meinen ganz persönlichen Interessen vorgegangen. Meine Programmplanung stellt eine Mischung aus großen Festivalhighlights, einigen obskuren, schwer im Vorfeld einschätzbaren Filmen sowie zwei oder drei pflichtschuldig eingestreuten deutschen Filmen dar (die ich meistens ignoriere, weil sie mich immer noch kaum interessieren; aber zwei deutsche Kino- und sogar einen Fernsehfilm habe ich zumindest eingeplant), Wie in jedem Jahr weiß ich auch jetzt schon, dass es mehrere Filme gibt, die ich sehr gerne sehen würde, aber einfach nicht mehr unterbringen konnte; das macht aber nichts, schließlich wird man manche davon auch noch später im Kino oder auf DVD sehen können und außerdem ist die Qualität vieler Werke im Vorfeld sowieso schwer eizuschätzen. So mancher Film mit großen Namen kann enttäuschen, während ein völlig unbekannter Streifen vom anderen Ende der Welt, auf den man eigentlich gar nicht so richtig Lust hatte, zum persönlichen Festival-Liebling werden kann. Genau diese Unvorhersehbarkeit ist ja das Spannende.

158 Filme aus 51 Ländern zeigt das Filmfest München in diesem Jahr. Den größten Teil meines persönlichen Programms machen Filme der „Spotlight“-Reihe aus, in der sich Werke von weltweit bekannten Regisseuren und Darstellern finden lassen. „Amélie“-Regisseur Jean-Pierre Jeunet steuert hier dieses Jahr mit „The Young and Prodigious T.S. Spivet“ („Die Karte meiner Träume“) den Eröffnugsfilm bei, welcher ebenso auf meinem Plan steht wie „Days and Nights“ mit Katie Holmes und William Hurt oder der dreistündige Science-Fiction-Film „Hard To Be A God“ von Aleksey German. Gerade in der Spotlight-Reihe, wo sich wie gesagt viele bekannte Namen finden lassen, gibt es einige Werke, die mir durch die Lappen gehen werden; aber gerade diese Filme sind es ja meist auch, die man später noch anderswo wird sehen können.

Den zweitgrößten Anteil meines Programms nehmen Filme aus der „Cinemasters“-Reihe ein, in der in diesem Jahr 13 Filme um den mit 50.000 Euro datierten Arri/Osram-Award konkurrieren. Darunter befindet sich unter anderem Jean-Luc Godards in Cannes uraufgeführter „Adieu Au Langage“, den ich leider nicht werde sehen können. Dafür stehe aber sieben andere der 13 Filme auf meinem Programm, unter anderem der schon erwähnte „Under The Skin“, „Leviathan“, „I’m Not Him“ oder „Joe“ mit Nicolas Cage.

Die „International Independents“-Reihe ist dieses Jahr mit nur fünf Filmen bei mir vertreten, obwohl sich ja gerade dort viele Werke finden, die man nur auf Festivals zu sehen bekommt. Das hat sich irgendwie so ergeben. Weitere vier Filme stammen aus der „Cinevision“-Reihe, in der Werke von Nachwuchsregisseuren prämiert werden („Run“, „Beneath The Harvest Sky“ oder „Young Ones“ mit dem immer phänomenal spielenden Michael Shannon). Dazu gesellen sich wie erwähnt voraussichtlich drei deutsche Filme sowie die erste Folge von Damon Lindelofs neuer TV-Serie „The Leftovers“, die im Rahmen des Serien-Specials gezeigt wird.

Die Star-/Ehrengäste finde ich in diesem Jahr leider nicht besonders spannend. Udo Kier, Arthur Cohn, Klaus Lemke, Willy Bogner – sie alle sprechen mich nicht besonders an, wenn auch Kier sicher eine interessante Persönlichkeit ist und in zahlreichen, extrem unterschiedlichen Filmen mitgespielt hat. Das Publikumsgespräch mit ihm werde ich mir jedenfalls nicht entgehen lassen, einfach um mal einen Blick auf ihn zu werfen und ihn ein bisschen kennen zu lernen. Auch zu Walter Hill werde ich gehen, obwohl ich über ihn bislang eigentlich nichts wusste, als dass er einer der Drehbuchautoren von „Alien“ sowie Produzent aller weiteren Filme der Reihe ist. Seine anderen Werke kenne ich jedenfalls bislang fast alle nicht und werde sie mir auch auf dem Filmfest nicht anschauen, schließlich kann man das auch auf DVD tun. In den vergangenen Jahren waren unter anderem Charlotte Rampling, John Malkovich oder Richard Linklater auf dem Filmfest zu Gast, auf die ich mich wesentlich mehr gefreut habe als auf die diesjährigen Gäste. Auch Kim Ki-Duk oder Abbas Kiarostami, mit deren Filmen ich zuvor kaum vertraut gewesen war, habe ich auf dem Filmfest erlebt und beide haben mich mit ihren Filmen tief beeindruckt, so dass ich mir auch nach den jeweiligen Festivals noch mehrere ihrer Werke zuhause angeschaut habe. Wer weiß, vielleicht kommt es ja auch in diesem Jahr zu solchen neuen, inspirierenden Begegnungen. Immer wieder sind bei einzelnen Vorstellungen ja die entsprechenden Regisseure, Produzenten oder Darsteller anwesend, um nach dem Film Publikumsfragen zu beantworten.

Wie jedes Jahr gilt: All meine Angaben zu meinen geplanten Filmbesuchen sind ohne Gewähr! 😉 Es ist gut möglich, dass ich mir in der Mitte der Woche eine Auszeit nehme und mal einen ganzen Tag pausiere, um mich zu erholen. Eine Menge Filme werde ich in diesen acht Tagen aber auf jeden Fall sehen. 🙂
Mein ausführlicher Bericht über das Filmfest wird übrigens ein paar Tage nach Festivalende auf Filmszene.de zu lesen sein. Vielleicht – wenn es mein Terminplan zulässt – werde ich sogar während des Filmfests hier schon ein paar Eindrücke posten. (Ich glaube aber nicht, dass ich wirklich dazu komme. 😉 )

…und noch ein kleiner Nachtrag: schon gibt es den ersten Terminkonflikt in meinem persönlichen Programm. Ich habe nämlich gerade gesehen, dass nun auch ein Publikumsgespräch mit Jean-Pierre Jeunet angekündigt ist, zu dem ich schon allein deswegen gerne gehen würde, um zu hören, was der Regisseur rückblickend über seinen völlig verkorksten „Alien: Resurrection“ zu sagen hat. Leider überschneidet sich der Termin aber mit einem meiner geplanten Filmbesuche…da werde ich diesen dreistündigen Science-Fiction-Film wohl sausen lassen und stattdessen zu Jeunet sowie dem unmittelbar davor stattfindenden Gespräch mit Wim Wenders gehen…

In eigener Sache…

Eigentlich wollte ich schon längst wieder über mehrere Themen bloggen. Erst kamen mir gesundheitliche Probleme dazwischen, nun sind es Computerprobleme. Meinen Laptop hat es erwischt und er muss zur Reparatur. 😦

Ich weiß nicht genau, wann ich ihn zurückbekomme und es ist auch noch unklar, ob ich in der Zwischenzeit ein Ersatzgerät bzw. regelmäßigen Computer- und Internetzugang haben werde. Deswegen poste ich es hier mal vorsorglich: Neue Blogposts werden möglicherweise noch einige Wochen auf sich warten lassen. Neben der Fortführung meiner Posts zu „Babylon 5“ hatte ich unter anderem vor, etwas über meine Vorfreude aufs diesjährige Filmfest München (27.6-5.7.) zu schreiben. Das wird nun vor Beginn des Filmfestes wahrscheinlich nichts mehr, aber hoffentlich wird mein ausführlicher Bericht über das Filmfest dann im Juli zeitnah auf Filmszene.de erscheinen. Auch einen Post über die dritte Staffel von „Alias“ habe ich in Planung. Das und mehr gibt es dann wie gesagt, sobald ich computertechnisch wieder entsprechend ausgestattet bin. Hoffentlich dauert es nicht allzu lange…

Michael Jackson: Xscape

Mit „Xscape“ ist vor einer guten Woche ein neues Album von Michael Jackson erschienen. Wobei man bei einem seit knapp fünf Jahren toten Künstler natürlich nicht wirklich von einem „neuen“ Album sprechen kann; vielmehr handelt es sich hier um acht unter der Aufsicht von L.A. Reid, Musikproduzent und Vorsitzender von Epic Records, zusammen gestellte und nachträglich von verschiedenen Produzenten „vollendete“ Lieder, an denen Michael Jackson zwischen 1980 und 2002 gerabeitet hat. Für einen Fan wie mich sind solche posthumen Veröffentlichungen stets ein zweischneidiges Schwert: einerseits weiß man, dass hier von Jackson angefangene Werke von anderen in einer Weise fertig gestellt worden sind, die der Künstler so wohl nicht für gut (genug) befunden hätte, andererseits ist man aber natürlich gierig nach jedem Songschnipsel, den man in die Finger kriegen kann (und wenn man eine offizielle CD mit acht Liedern kaufen kann, ist es gleich noch einmal schöner, als nur einen geleakten Song im Internet downzuloaden). Es ist bekannt, was für ein Perfektionist Michael Jackson war; er arbeitete teilweise über Jahre oder sogar Jahrzehnte hinweg immer wieder an einem Lied, bis es endlich seinen Vorstellungen entsprach und seiner Meinung nach reif für eine Veröffentlichung war (Joseph Vogel hat diesen Prozess sehr ausführlich und gut recherchiert exemplarisch an Jacksons „Earth Song“ beschrieben). Viele Songs, die andere Künstler wohl sofort veröffentlicht hätten, hielt Jackson unter Verschluss, weil sie noch nicht vollkommen seiner Vision entsprachen – so eben auch die acht Titel, die nun auf „Xscape“ erschienen sind.

Immerhin versucht der Michael Jackson Estate bei der Veröffentlichung dieses neuen Albums einige Fehler zu vermeiden, die beim ersten posthumen Album „Michael“ 2010 passiert sind. Zum einen gibt es dieses Mal keine Zweifel, dass auf allen acht Stücken auch wirklich Michael Jackson selbst singt (wie viele andere Fans bin auch ich inzwischen überzeugt davon, dass auf den drei berüchtigten „Cascio Tracks“ auf „Michael“ nicht Jackson selbst, sondern ein Imitator zu hören ist). Zum anderen gibt es neben der normalen Ausgabe des Albums mit den nachträglich „fertig produzierten“ Versionen auch eine Deluxe Edition zu kaufen, die zusätzlich die Originalfassungen aller acht Stücke enthält, also (Demo-)Versionen der Songs, so wie Jackson sie hinterlassen hat. Das finde ich eine sehr lobenswerte Entscheidung, denn auf diese Weise kann man sich nicht nur ein Bild davon machen, auf welche Weise genau die Songs verändert worden sind, sondern kann auch die neuen Fassungen links liegen lassen und sich immer wieder nur die Originale anhören, falls man das möchte.

Von den acht Liedern auf dem Album sind für langjährige Jackson-Fans freilich nur zwei wirklich neu. Außer „Chicago“ und „Loving You“ kursieren alle Titel bereits seit Jahren zum Teil in verschiedenen Fassungen im Internet; der Titelsong „Xscape“ ist sogar bereits 2002 im Internet geleakt. Die kreative Aufsicht über die Fertigstellung der neuen Fassungen hatte Star-Produzent Timbaland, der auch bei fünf Titeln selbst Hand anlegte. Unter den weiteren beteiligten Produzenten befinden sich John McClain (der auch bereits am „Michael“-Album beteiligt gewesen war) und das norwegische Duo Stargate (bekannt durch die Arbeit mit Rihanna oder an Beyoncés Hitsingle „Irreplaceable“), auf das Jackson selbst noch zu Lebzeiten wegen einer Zusammenarbeitet zugegangen war, zu der es aber nie kam. Rodney „Darkchild“ Jerkins ist der einzige unter den beteiligten Produzenten, der tatsächlich selbst mit Michael Jackson gearbeitet hat (er produzierte sechs Titel auf Jacksons letztem Studioalbum „Invincible“). Der langjährige Jackson-Produzent Teddy Riley, der noch an einige der auf „Michael“ veröffentlichten Stücke nachträglich Hand angelegt hatte, war dieses Mal nicht mehr mit von der Partie.

Nun werden also bislang unveröffentlichte Lieder der Öffentlichkeit zugänglich gemacht. Aber warum musste man diese Stücke eigentlich eigentlich nachträglich abändern und damit quasi remixen? Hier zitiere ich mal aus dem Booklet des Albums: „[T]he goal was bold, but straightforward: take some of Jackson’s best and most complete unreleased music and make it feel as new, as current, as fresh as if the artist was still with us.“  Im weiteren Verlauf des Textes wird argumentiert, Jackson habe oft über Jahre hinweg an seinen Liedern gearbeitet, sie sich immer wieder vorgenommen und zu verbessern versucht und sie manchmal erst viele Jahre später auf einem Album veröffentlicht. „With this process in mind, Jackson’s Estate began combing through the artist’s vault in late 2012, looking for some of the strongest material the artist left behind.“ Ungefähr 24 Stücke wurden dabei ausgewählt. L.A. Reid nahm nur solche Titel in die engere Auswahl mit auf, die Jackson mehrmals komplett eingesungen hatte und bei denen keine Lead- und Background Vocals fehlten. (Dass man aus diesen 24 Stücken nun nur acht aufs Album gepackt hat, bedeutet wohl, dass noch mindestens zwei weitere Alben mit unveröffentlichten Songs auf uns zu kommen.)

„The primary vision for XSCAPE […] was to ‚make it new‘ (to adopt a modernist credo) to accentuate the music’s relevance to the here and now.“, heißt es weiter. Was allerdings besonders neu oder aktuell an den hier nun mit aus Hunderten anderen Songs bekannten Elektro-Sounds und Timbaland-Basslines versehenen Neufassungen sein soll, erschließt sich mir ganz und gar nicht. Michael Jackson hat in Interviews immer wieder betont, dass er stets auf der Suche nach neuen Sounds war, nach Klängen, die man so in der Popmusik noch nie gehört hatte. Auf dieser Suche war er im Lauf seiner Karriere immer wieder  erfolgreich und hat damit einen für ihn eigenen, typischen Jackson-Sound geschaffen. „Remember The Time“ vom 1991er Album „Dangerous“ ist ein schönes Beispiel für diesen neuen Sound, nach dem Jackson stets strebte – der Song hört sich vollkommen anders an als die Jackson-Lieder der 80er Jahre, klingt aber trotzdem zeitlos und eben typisch nach Jackson. Wenn nun aber ein paar Musikproduzenten daher kommen und alte Jackson-Stücke zu modernisieren versuchen, damit diese dem aktuellen Musikgeschmack und den momentanen Trends entsprechen, darf man sich davon wohl nicht zu viel versprechen. Ich wage jedenfalls die Vorhersage, dass sich die neuen Fassungen der acht Titel auf „Xscape“ in ein paar Jahren ziemlich alt anhören werden, während die Orginalversionen überwiegend frisch bleiben.

Die neu produzierten Fassungen hören sich für mich jedenfalls überhaupt nicht nach „on the cutting-edge“ an, wie es im CD-Booklet weiter heißt; beim ersten Durchhören der CD und Vergleichen der alten mit den neuen Versionen habe ich fast jedes Mal den Kopf geschüttelt, als ich gehört habe, was Timbaland & Co. aus Jacksons Vorlagen gemacht haben. Klar, das klingt wie vieles andere, das in den letzten Jahren im Radio lief und wird vielleicht gerade deswegen Erfolg haben. Wirklich „neu“ ist daran aber nichts. Hätten wir nur diese neuen Fassungen zur Verfügung, würde ich mich darüber wahnsinnig aufregen. Wie gesagt gibt es aber auf der Deluxe Version von „Xscape“ auch die Originale, die ich mir viel lieber anhöre. So habe ich mich also doch noch mit diesem Album versöhnen können.

In einem der nächsten Sätze im Booklet ist dann interessanterweise auch nicht mehr von „cutting-edge“ die Rede, also davon, mit diesen Songs über den Sound der Zeit hinaus zu gehen und womöglich etwas ganz Neues, so noch nie zuvor Gehörtes zu schaffen, sondern lediglich von „contemporizing Jackson’s songs“, also davon, sie dem momentanen Geschmack anzupassen. Zumindest in dieser Hinsicht haben die Produzenten hier wohl Erfolg gehabt (und mehr konnte man auch nicht erwarten) – sowohl meine Mutter als auch meine Schwester fanden die neu produzierten Versionen jedenfalls ziemlich gut.

Noch ein paar Worte zu den einzelnen Songs:

„Love Never Felt So Good“ – Meiner Meinung nach der gelungenste unter den „modernisierten“ Songs und eine passende erste Singleauskopplung. Die Originaldemo des von Jackson und Paul Anka geschriebenen Stücks ist schon lange einer meiner Favoriten, für die neue Fassung haben sich John McClain und Giorgio Tuinfort ganz klar den „Off The Wall“-Sound zum Vorbild genommen. Statt auf Gimmicks setzen sie auf Altbewährtes – mit Erfolg. Trotzdem möchte ich auch die nur mit Klavierbegleitung unterlegte Demo von 1980 nicht missen. Auf der Deluxe Edition gibt es noch eine dritte Fassung, als Duett mit Justin Timberlake und produziert von Timbaland. Die ist auch ganz okay. 🙂
„Chicago“ – Der Songtitel ist etwas irreführend, zum einen weil es noch ein weiteres (bislang nicht veröffentlichtes) Jackson-Lied gibt, das auf den Namen „Chicago 1945“ hört und zum anderen weil das Wort „Chicago“ hier eben nur einmal am Anfang des Liedes vorkommt und im Refrain immer wieder die Worte „She was lovin‘ me“ wiederholt werden. Warum man das Stück dann trotzdem „Chicago“ genannt hat, weiß nicht. Damien Shields hat Anfang April in seinem Blog diesem Song einen eigenen Post gewidmet, um die Fans darüber aufzuklären, dass das bis dahin als „She Was Lovin‘ Me“ bekannte (aber noch von niemandem gehörte) Stück und „Chicago“ ein und derselbe Song sind. Zum Lied selbst: Es wurde vom Musikproduzenten Cory Rooney geschrieben, Jackson liebte den Song und nahm ihn auf. Die Originalfassung hört sich noch nicht richtig fertig an, aber ich liebe Jacksons abwechselns sanften und agressiven Gesang. Wenn ich den Beginn der neuen Fassung höre, schüttelt es mich einfach nur…
„Loving You“ – Vielleicht ist die Verwechslungsgefahr mit diesem Titel der Grund dafür, warum „Chicago“ eben nicht „She Was Lovin‘ Me“ heißt. „Loving You“ wurde von Jackson ganz allein geschrieben und ist einer dieser wunderschönen Lovesongs, die man sich an einem grauen Regentag anhören und bei denen man träumen kann. Auch hier hat Timbaland meiner Meinung nach mehr verschandelt als verbessert, deswegen werde ich überwiegend die Originalfassung anhören.
„A Place With No Name“ – Eine von Jackson neu getextete Fassung des America-Hits „A Horse With No Name“. Ich finde es sehr interessant, dass er sich auch für so etwas nicht zu schade war (andererseits hat er sich ja dazu entschieden, das Lied nicht zu veröffentlichen). Die Originalfassung hat einen Groove, der einen sofort mitschwingen lässt und ich muss zugeben, dass ich die von Stargate neu erstellte Version nach anfänglicher Skepsis gar nicht mehr so übel finde. Die eingesetzten Elektrosounds sind gar nicht so unpassend, aber auch hier bin ich froh, die Wahl zwischen beiden Fassungen zu haben.
„Slave To The Rhythm“ – Von diesem Song ist vor ein paar Jahren eine von Tricky Stewart gemixte Fassung im Internet aufgetaucht, deren Elektrosound ich sehr cool finde und die mir seitdem ins Ohr gegangen ist. Auch als Duett mit Justin Bieber gibt es den Song… Der auf der Deluxe Edition von „Xscape“ veröffentlichten Originalfassung hört man ihren Ursprung deutlich an – sie wurde während der Sessions für das „Dangerous“-Album aufgenommen. Damals geschrieben und produziert von L.A. Reid und Babyface, wurde das Stück nun unter anderem von Timbaland auf den neuesten Stand gebracht. Von allen Timbaland-Produktionen auf dem Album finde ich diese hier am gelungensten, ziehe aber die Tricky Stewart-Fassung immer noch vor, auch wenn sie bislang nicht in bester CD-Qualität vorliegt und offiziell unveröffentlicht ist. Letzte Nacht ist Michael Jackson übrigens bei den Billboard Music Awards mit diesem Song (in der neuen Timbaland-Fassung) aufgetreten – ja, richtig gelesen! Ein Jackson-Hologramm, das wohl zumindest teilweise auf einem Jackson-Imitator basierte (wie man am Gesicht erkennen konnte) tanzte zusammen mit anderen Tänzern, die anscheinend auch zumindest teilweise nur Hologramme waren und bewegte mehr schlecht als recht die Lippen zum Text. Gut gemeint, aber irgendwie gruselig, auch wenn das Outfit des Holo-Michaels cool aussah.
„Do You Know Where Your Children Are“ – Genau wie bei „Slave To The Rhythm“ ist auch hier seit einigen Jahren eine Fassung des Songs im Umlauf, die sich von der auf der Deluxe Version enthaltenen Originalfassung unterscheidet – und auch in diesem Fall ist diese „dritte“ Fassung mein Favorit. Sie ist deutlich rockiger als offizielle Originalfassung. Vom Text her ist dieser Song einer der interessanteren Titel auf „Xscape“; Jackson singt darin von einem Mädchen, das sexuell missbraucht wird, von zuhause fortläuft und schließlich in die Fänge der Kinderprostitution gerät. Den Songtitel hat Jackson einer Reihe von US-Fernsehwerbespots entliehen, in denen Eltern in den 80er Jahren die Frage gestellt wurde „Do You Know Where Your Children Are?“ Damien Shields beschreibt die neue, unter anderem von Timbaland verbrochene Fassung als „video game-ish“, womit eigentlich schon alles gesagt ist, denn sie klingt tatsächlich zumindest phasenweise mehr nach GameBoy als nach Jackson…
„Blue Gangsta“ – Diesen Song liebe ich schon lange, weil er sich anhört wie kein zweiter Jackson-Song. Er hat ein wenig dieses „Smooth Criminal“-Feeling, ist aber deutlich langsamer und geht trotzdem sehr in die Beine. Geschrieben und produziert wurde das Lied genau wie das auf „Invincible“ veröffentlichte „Break Of Dawn“ von Dr. Freeze. Die geleakte Fassung, die ich kenne, entspricht der Originalfassung auf der Deluxe Version, ist aber noch ein wenig länger. Die neue Fassung ist im Intro noch in Ordnung, aber dann machen Timbaland & Co. wieder alles kaputt…
„Xscape“ – Diesen Song kennen viele Jackson-Fans wie gesagt schon seit 2002, als er plötzlich im Internet auftauchte, und zwar nicht in einer unfertigen Demofassung, wie das bei vielen anderen Leaks der Fall war, sondern in einer Version, die sich vollkommen fertig produziert anhörte und die man so auch sofort hätte veröffentlichen können. Gerüchten zufolge wollte Jackson das damals auch tun (auf sein 2001er Album „Invincible“ schaffte es der Song trotzdem nicht), entschied sich aber dagegen, nachdem der Song ins Netz durchgesickert war. Oder die damaligen Streiteren mit Sony Music machten ihm einen Strich durch die Rechnung, wer weiß. Ich bin jedenfalls nach wie vor überzeugt, dass das Lied ein Riesenhit hätte werden können. Auf der Deluxe Version des Albums hören wir nun genau jene seit 2002 bekannte Originalfassung, die Jackson-Funk in Perfektion darstellt. Mit fast sechs Minuten mag der Titel vielen zu lang sein, aber ich liebe es, wenn Jackson in seinen Songs immer noch einen draufsetzt. Auch der abwechselnd fauchende und dann wieder kraftvoll herausgeschrieene Gesang fasziniert mich. Von allen Stücken auf dem Album ist die Originalfassung von „Xscape“ bei weitem mein Favorit! Warum bloß hat man auch diese nun verändert, der Titel war doch längst fertig? Rodney Jerkins, mit dem Jackson das Stück damals geschrieben und produziert hatte, hat sich den Song noch einmal vorgenommen und das Ergebnis finde ich einfach nur befremdlich. Das Lied hat einen Großteil seiner Power verloren! Ich höre weiter das Original. Übrigens ist auch hier der Text höchst interessant; Jackson singt davon, wie er auf Schritt und Tritt von „elektrischen Augen“ beobachtet wird, von denen er fliehen will. „When I go, this problem world won’t bother me no more“, heißt es in der Überleitung. Hoffen wir mal, dass es ihn nun wirklich nicht mehr stört, wie sich andere Leute an seinem musikalischen Nachlass vergreifen.

Zum Schluss möchte ich noch auf interessante Artikel zweier Jackson-Experten verweisen: Joseph Vogel hat für Slate die Entstehung des Titelsongs des Albums beschrieben, von der ursprünglichen Zusammenarbeit zwischen Jackson und Rodney Jerkins bis hin zur posthumen „Weiterentwicklung“ des Songs. Damien Shields hat in seinem Blog eine ausführliche Rezension zum neuen Album gepostet, in der er auch noch mehr auf die Entstehungsgeschichten der einzelnen Titel eingeht (ich habe mich in meinem Post hier mehrmals auf diesen Artikel gestützt).

Und zu allerletzt noch ein weiteres Zitat aus dem Album-Booklet, über das sich nachzudenken lohnt (ich wollte es eigentlich im Text unterbringen und kommentieren, aber die Zeit reicht nicht mehr und der Post ist auch schon lang genug – vielleicht also ein anderes Mal):
„Throughout his career, Jackson frequently used the term ‚escape‘ or ‚escapism‘ to describe his art. It was a term critics often misunderstood as meaning superficial entertainment detached from real-world problems. Yet for Jackson, as the songs on this album (and the rest of his catalog) indicate, it was not an aesthetic of evasion. Very few popular artists have tackled the range of subject matter of Michael Jackson. Escape, for Jackson, was about transporting his audience (and himself) into different stories, different spaces, different sounds and emotions; it was about drawing contrasts between the way things are and the way things could be, between our realities, fears and desires.“

 

Attack The Block

Seit die Besetzung nächsten „Star Wars“-Films bekannt gegeben worden ist, bin ich nicht nur wieder einmal voll im „Star Wars“-Fieber, sondern auch sehr gespannt darauf, die neuen Darsteller kennen zu lernen. Dass Harrison Ford, Mark Hamill, Carrie Fisher und andere alte Bekannte wieder mitspielen werden, ist ja wunderbar und auch richtig so; aber es sind doch gerade die neuen, überwiegend noch recht unbekannten Schauspieler, auf die man ganz besonders gespannt sein kann. „Star Wars“-Regisseur J.J. Abrams hat ja schon mehrmals bewiesen, was für ein glückliches Händchen er fürs Casting hat und kann auch wunderbar mit Schauspielern umgehen (vor allem in seinen „Star Trek“-Filmen finde ich die Auswahl der Darsteller sowas von perfekt – man vergisst beim Anschauen geradezu, dass Kirk, Pille usw. früher mal von anderen Personen gespielt worden sind).
Ich bin also überzeugt davon, dass Abrams für Episode VII einen hervorragenden Cast zusammengestellt hat, in dem sich die neuen, jungen Helden (und Schurken) erfolgreich an der Seite von Han, Luke und Leia werden behaupten können, bevor sie sie im Laufe der neuen „Star Wars“-Trilogie schließlich ganz ablösen werden. Weil ich die neuen Gesichter aber fast noch gar nicht aus anderen Filmen kenne, habe ich mir vorgenommen, mir einige ihrer bisherigen Werke anzuschauen. Newcomerin Daisy Ridley, die Gerüchten zufolge die Tochter von Han und Leia spielen wird, kann soweit ich weiß noch keinen einzigen Spielfilm vorweisen und hat bislang lediglich Kurzfilme und fürs britische Fernsehen gedreht. In diesem Fall wird mein Vorhaben also schwierig werden. Ein paar andere der neuen Darsteller habe ich aber in den letzten Tagen schon ausgecheckt, zum Beispiel habe ich mir Oscaar Isaac in „Die zwei Gesichter des Januars“ angesehen, der am 29. Mai in den deutschen Kinos startet. Ich glaube das war mein erster Film mit Isaac überhaupt, „Inside Llewyn Davis“ muss ich nämlich auch noch nachholen. Isaacs Schauspiel hat mich jedenfalls – im Gegensatz zum Film an sich – überzeugt und ich versuche schon seit Tagen, mir auszumalen, wie denn seine Rolle in „Star Wars“ aussehen wird.

Auch die Zeitreise-Beziehungskomödie „Alles eine Frage der Zeit“ („About Time“) mit Domhnall Gleeson (dem künftigen Sohn von Luke Skywalker?) habe ich mir angeschaut. Der Film hat eine wirklich fantastisch gute erste Hälfe und fällt dann leider etwas ab, aber Gleesons natürliche und charismatische Darstellung war definitiv die größte Stärke des Films. Auch auf Gleesons Rolle in der weit, weit entfernten Galaxis bin ich schon sehr gespannt, habe nach seiner Performance in „Alles eine Frage der Zeit“ aber keine Zweifel, dass Abrams hier mal wieder einen sehr fähigen Jungdarsteller gecastet hat.

Nun aber endlich zum Hauptthema dieses Posts: „Attack The Block“ von Joe Cornish, in dem mit John Boyega ein weiterer der neuen „Star Wars“-Darsteller mitspielt. Es handelt sich dabei um einen relativ kleinen britischen Science-Fiction-Film, der vor ein paar Jahren in Deutschland auf dem Fantasy Filmfest lief und später auch einen regulären Kinostart spendiert bekam. Ein Riesenerfolg war ihm zwar nicht gegönnt, dafür ist „Attack The Block“ aber innerhalb kürzester Zeit unter Science-Fiction-/Fantasy-Fans zum Kultfilm geworden – zu Recht, wie ich finde.
Die Handlung von „Attack The Block“ ist simpel: Eine schwarze Jugendgang muss ihr Viertel – also ihren „Block“ – gegen Aliens verteidigen. Zunächst treffen sie nur auf eine einzige der merkwürdigen, aber äußerst aggressiven Kreaturen, die aussieht „als hätte ein Affe einen Fisch gefickt“. Später fallen jedoch immer mehr dieser Biester vom Himmel und machen den Bewohnern des Hochhausviertels das Leben schwer. Gemeinsam mit der Krankenschwester Sam (Jodie Whittaker) machen sich also Moses (Boyega) und seine Gang daran, den Aliens den Garaus zu machen.
Das hört sich erst einmal ziemlich albern an und ist es eigentlich auch; der Film bietet ohne Zweifel jede Menge zu lachen, nimmt aber zum Glück seine Ausgangssituation, seine Figuren sowie deren Motivationen von Beginn an vollkommen ernst. Bei Moses und seinen Freunden handelt es sich um absolut authentische und glaubwürdige Charaktere, weil hier eben ohne Rücksicht auf den Massengeschmack konsequent deren Welt gezeigt wird. Das schlägt sich vor allem in der Sprache dieser schwarzen, britischen Jugendlichen nieder, in die ich mich als ans amerikanische Englisch vieler Hollywood-Produktionen gewöhnter Filmzuschauer erst hinein finden musste. Der Soundtrack mit seinen treibenden Hiphop- und Elektrobeats unterstützt noch weiter den Eindruck, das Geschehen hier ganz aus der Welt von Moses und seinen Kumpels zu sehen. Und auch der Ernst der Lage ist hier von Beginn an klar: Der Block wird angegriffen, also muss er verteidigt werden. Schließlich handelt es sich dabei um das Revier und um die Lebenswelt von Moses‘ Gang, deren Existenz damit auf dem Spiel steht.
Von Beginn an rasant inszeniert hangelt sich der Film von einer Actionszene zur nächsten. Es entspinnt sich ein Kampf auf Leben und Tod, in dessen Verlauf es Schwerverletzte und Tote gibt. Die Lage ist und bleibt also äußerst ernst, der Film wird aber durch witzige Dialoge und zahlreiche popkulturelle Anspielungen aufgelockert („Es regnet Gollums!“, „Wir sollten besser die Ghostbusters rufen.“). Dass man die Monster – abgesehen von dem ersten, getöteten Exemplar – dabei nur als schwarze Silhouetten mit blitzend weißen Zähnen zu sehen bekommt, tut dem Spaß und der Spannung keinen Abbruch. Ganz im Gegenteil wirken sie dadurch wohl nur noch furchteinfößender.
Der Film lässt sich ein wenig als „‚Super 8′ auf Speed“ beschreiben, denn wo sich J.J. Abrams‘ „E.T.“-Hommage noch ausreichend Zeit nahm, die Gefühlswelt ihrer jugendlichen Protagonisten im Kampf gegen ein Alien auszuloten, geht es hier einfach Schlag auf Schlag weiter, von einem Kampf zum nächsten. Für groß angelegte Charakterzeichnung ist dabei nicht viel Platz, aber immerhin verfügt John Boyega in der zentralen Rolle als Moses über eine ausreichende Portion an Charisma, um seiner Figur die entsprechende, ja: Würde zu geben. (Übrigens kann er auch sehr gut fest entschlossen schauen, während er ein Schwert in der Hand hält – das könnte sich bei „Star Wars“ ebenfalls als nützlich erweisen.)
„Attack The Block“ macht also riesigen Spaß, gerade weil er sein Thema und seine Charaktere ernst nimmt. Zudem geht der Film zumindest ein wenig über die reine „wir killen Aliens“-Story hinaus und mischt noch eine kleine Portion Sozialkritik hinein. Als die Krankenschwester Sam, die die Jungs zunächst ausrauben, mit der sie sich später aber im Kampf verbünden müssen, ihnen erklärt, sie habe vor, wieder aus dem Hochhaus wegzuziehen, weil ihre die Gegend nicht gefalle, wird sie ganz entsetzt gefragt: „What do you mean, you don’t like the area? What’s wrong with the area?“ Dass sie als schwarze Ghetto-Kids nicht unbedingt zum bestangesehendsten Teil der britischen Gesellschaft gehören, ist den Jugendlichen durchaus bewusst. In einer zentralen Szene sinniert Moses über die Herkunft der Aliens:

“I reckon the feds sent them, anyway. Government probably bred those ceatures to kill black boys. First they sent drugs to the ends, then they sent guns. Now they sent monsters to get us. They don’t care, man. We ain’t killin’ each other fast enough, so they decided to speed up the process.”

Hier wird ein Bezug zu real existierenden Problemen hergestellt, zu Rassismus und zum Selbstverständnis dieser Jugendlichen, die sich nicht voll in die sie umgebende Gesellschaft inkludiert fühlen. Deswegen ist ihnen auch ihr Block so wichtig und deswegen nehmen sie, ohne die Angelegenheit groß zu hinterfragen, ziemlich schnell die Aufgabe auf sich, ihn zu verteidigen. („What kind of alien, out of all places in the whole wide world, would attack some shitty council estate in South London?“ fragt ein Mädchen an einer Stelle des Films und bekommt von einem anderen Bandenmitglied zur Antwort: „One that’s looking for a fight.”) Da sich der Angriff anscheinend tatsächlich allein auf diesen einen Block zu begrenzen scheint, stellt sich natürlich irgendwann die Frage, warum das so ist. Moses wird schließlich von den anderen beschuldigt, die Invasion über sie gebracht zu haben, weil er das erste vom Himmel gefallene Viech getötet hat (sein Kommentar: „Wish I’d just gone home and played FIFA.“) Aber wodurch die Biester genau angelockt werden, finden Moses und seine Freunde noch heraus – und entwickeln schließlich einen Plan, um die Invasion zurück zu schlagen.

Fazit: „Attack The Block“ ist ein kleiner, äußerst erfrischender Science-Fiction-Film, der durch seinen konsequenten Umgang mit dem Thema überzeugen kann. Den meisten seiner Figuren mangelt es zwar an Tiefe, dafür können die Darsteller alle rundum überzeugen und wirken vollkommen authentisch in ihren Rollen. Kein Wunder, dass sich J.J. Abrams für „Star Wars“ hier den stärksten der Jungschauspieler herausgesucht hat. Auch auf John Boyegas Rolle in Episode VII bin ich schon sehr gespannt. Und um mir die Wartezeit auf „Star Wars“ weiter zu verkürzen, werde ich mir demnächst wohl noch ein paar andere Filme mit den neuen „Star Wars“-Darstellern anschauen.

 

Babylon 5 – Episode 1.05 „The Parliament of Dreams“

Meine kommentierte Liste mit den mir bekannten B5-Podcasts habe ich aufgrund ihrer Länge in einen eigenen Blogpost ausgelagert, deswegen komme ich ohne weitere Einleitung gleich zur heutigen Episode:

Episode 1.05 “The Parliament of Dreams” (“Angriff auf G’Kar”)

Drehbuch: J. Michael Straczynski, Regie: Jim Johnston
Erstausstrahlung: 23.02.1994 (USA), 03.09.1995 (Deutschland)

„The Parliament of Dreams“ ist eine von vielen B5-Episoden, in denen der erklärte Atheist J. Michael Straczynski (JMS) sich dem Thema Religion widmet. Im Teaser der Episode erfahren wir über die Exposition, die er Garibaldi in den Mund gelegt hat, dass auf Babylon 5 ein einwöchiges Festival stattfindet, in dessem Rahmen jede auf der Station vertretene Spezies ihre dominante Glaubensrichtung demonstrieren soll. Dies soll dem interplanetaren Frieden und der besseren Verständigung der verschiedenen Völker dienen, steht also ganz im Zeichen der Aufgabe von Babylon 5.
Von den Veranstaltungen, die die zahlreichen fremden Völker anbieten, bekommen wir in der Episode zwei zu sehen: Eine ausschweifende Feier des Lebens bei den Centauri und eine bedächtige Wiedergeburtszeremonie der Minbari. Beide könnten unterschiedlicher nicht sein. Nicht nur die besonnene Delenn hat auf der ausgelassenen Centauri-Zeremonie Mühe, sich ganz dem Genuss hinzugeben, wie Londo es dort von seinen Gästen verlangt. Interessant an dieser Feier des Lebens ist vor allem, dass sie ihren Ursprung in der Ausrottung einer ganzen Spezies hat. Die Xon haben sich einst parallel zu den Centauri auf deren Heimatwelt entwickelt, wurden jedoch von den Centauri komplett vernichtet, was diese seitdem zum Anlass für eine alljährliche Feier des (Über-)Lebens nehmen. Der Ablauf der Zeremonie erinnert dabei ebenso an antike römische Gelage wie das große Pantheon der Centauri-Götter, von denen Londo einige vorstellt (man beachte die tentakelartigen „Attribute“ von Li, der Göttin der Leidenschaft). In Bezug auf die früheren, harten Zeiten, in denen die Centauri und die Xon um die Vorherrschaft auf dem Planeten kämpfen, sagt er: „In a world, where every day is a struggle for survival, you need all the gods you can get.“ Peter Jurasik ist großartig in dieser Szene!
Ganz anders geht es auf der Zeremonie der Minbari zu. Hier wird nicht gegessen, getrunken und ausgelassen gefeiert, sondern in bedächtiger Konzentration ein Ritual vollführt, welches die Wiedergeburt symbolisiert. Lediglich eine kleine, rote Frucht nehmen die Teilnehmer dabei zu sich und Delenn blickt Sinclair dabei auffällig tief und intensiv in die Augen. „Taste of it.“, fordert sie ihn und die anderen Anwesenden auf, während sie ihren Blick nicht von ihm lässt und sich selbst eine der Früchte in den Mund schiebt. Sie schließt mit den Worten „And so it begins“, die wir im weiteren Verlauf der Serienhandlung noch öfter hören werden. Als Sinclair am Ende der Folge darauf hingewiesen wird, dass die Wiedergeburtszeremonie auch als Hochzeit gedeutet werden kann, öffnet dies Spielraum für ganz neue Interpretationen. Wurden Delenn und Sinclair im Verlauf dieser Zeremonie miteinander verheiratet, ohne dass Sinclair es wusste?
Nachdem wir diesen beiden fremden Zeremonien beiwohnen durften, werden wir am Ende der Episode Zeuge der Glaubensdemonstration, die Sinclair sich repräsentativ für die Erde überlegt hat. Doch was ist die dominante Glaubensrichtung der Erde? Statt sich hier auf eine einzige Religion zu stützen, wählt er (und damit JMS) einen ganz anderen Ansatz: Er stellt die Vielfalt der auf der Erde vorhandenen Glaubenssysteme dar und zeigt damit, dass es dort keinen Glauben gibt, der wichtiger oder besser ist als alle anderen, sondern dass gerade diese Vielfalt und unsere Toleranz gegenüber Andersgläubigen die Stärken der Menschheit sind. Ein kleinen Schocker konnte sich JMS dann allerdings doch nicht verkneifen und platzierte den Atheisten an erster Stelle in der Reihe. Erst nachdem Sinclair ihn vorgestellt hat, zoomt die Kamera heraus und wir sehen die lange Schlange mit Angehörigen verschiedener Religionen.

Die eigentliche Haupthandlung der Episode dreht sich um einen Attentatsversuch auf G’Kar, der zu Beginn eine Drohung seines alten Feindes Du’Rog erhält. Er habe einen Attentäter auf ihn angesetzt, teilt dieser G’Kar mit. Innerhalb von 48 Stunden werde G’Kar tot sein, ohne vorher zu erfahren, wer es ist, der ihn umbringen soll. Als kurz darauf G’Kars neue Assistentin Na’Toth (Julie Caitlin Brown) eintrifft, ist G’Kar verständlicherweise misstrauisch. Schließlich war seine vorherige Assistentin Ko’Dath („Born To The Purple“) überraschend durch einen „Luftschleusenunfall“ ums Leben gekommen (mehr dazu bei den „Hinter den Kulissen“-Fakten).
Zwar soll bei den Zuschauern wohl der Eindruck erweckt werden, Na’Toth sei tatsächlich die Attentäterin, doch der Handlungsstrang verläuft leider ziemlich vorhersehbar und wirklich misstrauisch gegenüber Na’Toth wird man zu keinem Zeitpunkt. Es ist aber auf jeden Fall schön, G’Kar als Hauptcharakter einer Episode zu sehen und so mehr über ihn zu erfahren – zum Beispiel, dass er auf menschliche Frauen steht oder gerne kocht und singt.

In einem dritten Handlungsstrang lernen wir Catherine Sakai (Julia Nickson) kennen, eine Exfreundin Sinclairs. Die beiden laufen sich alle paar Jahre wieder über den Weg, nur um ihre Liebesbeziehung jedes Mal wieder zu reaktivieren und es dann zu bereuen. Sinclair erfährt von seinem Freund Michael Garibaldi, dass sich Catherine auf Babylon 5 befindet und möchte ihr zunächst aus dem Weg gehen, sucht sie dann aber doch auf. Catherine, die mit ihrem Raumschiff unbekannte Planeten nach Rohstoffen absucht, ist geschäftlich auf der Station und wusste vor ihrem Eintreffen gar nicht, dass Sinclair deren Commander ist. Im Gespräch fragt sie ihn nach Carolyn (Sinclairs Freundin im Pilotfilm) und Sinclair erzählt, er sei seit etwa einem Jahr nicht mehr mit ihr zusammen (das widerspricht allerdings den zeitlichen Angaben, die ich im Post zur letzten Episode gemacht habe – aber nehmen wir es mal nicht so genau).
Sinclair lädt Catherine zum Essen ein, was zu einer Szene mit teilweise sehr kitschigen, sich teilweise aber auch sehr echt anfühlenden Dialogen führt. Catherine und Sinclair sind sich der Tatsache bewusst, dass sie nicht dauerhaft zusammen passen und dass sie wohl auch dieses Mal nach ein paar Tagen wieder getrennte Wege gehen werden. Doch später ändert Catherine ihre Meinung: „Don’t send me away. Don’t make me feel like a fool.“, bittet sie Sinclair. Sie hat erkannt, dass sie einfach nicht länger allein bleiben will, sondern Sinclair gerne an ihrer Seite haben würde. So abgestanden und klischeehaft die Dialoge in diesen Szenen auf dem Papier auch wirken mögen, finde ich jedoch, dass Julia Nickson wirklich etwas aus ihnen macht und echte, glaubhafte Gefühle vermittelt. Ich mag ihr Schauspiel jedenfalls. (Wobei die Zeile „Don’t touch me unless you mean it“ dann vielleicht doch etwas zu weit geht…) Am Ende der Episode muss Catherine schließlich weiterreisen. Doch sie verspricht, zurück zu kommen; sie und Sinclair haben beschlossen, doch noch einmal zu versuchen, eine richtige Beziehung zu führen, auch wenn sie dieses Mal natürlich immer noch nicht wissen, ob es funktionieren wird.

Nicht unerwähnt lassen will ich, dass nach Londo und G’Kar in dieser Episode auch Delenn einen eigenen Assistenten zur Seite gestellt bekommt. Lennier (Bill Mumy, der bereits als Kind eine Hauptrolle in der Science Fiction Serie „Lost In Space“ hatte) hat eine lange religiöse Ausbildung auf Minbar hinter sich und muss nun für seine neue Aufgabe erstmals für längere Zeit seine Heimat verlassen. Voller Ehrfurcht steht er Delenn gegenüber und traut sich nicht einmal, den Blick zu heben und ihr in die Augen zu schauen. Da die Assistenten der Botschafter nur zur zweiten Reihe an Charakteren gehören und in der ersten Staffel noch nicht besonders oft vorkommen, dauert es etwas länger, bis man mit ihnen vertraut ist. Doch Lennier und ganz besonders Vir werden im Verlauf der Serie als Figuren noch weiter ausgebaut werden.

„The Parliament of Dreams“ ist eine der besseren Episoden der ersten Staffel. Wie erwähnt finde ich die Handlung um das Attentat auf G’Kar zwar nicht besonders spannend, dafür wird die Charakterentwicklung mehrerer Figuren (G’Kar, Sinclair) hier aber vorangetrieben, es werden neue (Neben-)Figuren eingeführt (Lennier, Na’Toth, Catherine Sakai), wir erfahren mehr über die Kulturen und Religionen der Centauri, Narn und Minbari und ich finde, dass die oben beschriebene Botschaft/Moral der Episode eine wirklich wichtige und optimistische ist.

Highlight der Episode: Londo während der Centauri-Zeremonie. Nur Londo-Darsteller Peter Jurasik, Regisseur Jim Johnston und der Kameramann wussten vor dem Dreh der Szene darüber bescheid, dass Jurasik auf den Tisch steigen und auf diesem vor den anderen Darstellern entlang kriechen würde. Dementsprechend sind die Reaktionen von Mira Furlan und den anderen Schauspielern wohl auch nur teilweise gespielt. (Mehr unter „Zitate“)

Londo/G’Kar-Moment: Eine gemeinsame Szene, in der die beiden zusammen großartig sind, gibt es in dieser Episode zwar nicht, dafür aber das schon erwähnte Londo-Highlight und die Szene am Beginn der Episode, in der wir G’Kar kochend und singend in seinem Quartier sehen („So many fishes, left in the sea / So many fishes, but no one for me“). Das Lied wurde extra von Serien-Komponist Christopher Franke auf JMS‘ Wunsch für diese Szene geschrieben.

Folgende (weitere) wichtige Informationen, die für den weiteren Verlauf der Serie wichtig sind, erhalten wir in dieser Episode: Die meisten Punkte habe ich schon erwähnt: Es werden neue Figuren eingefüht, wir hören erstmals den Satz „And so it begins“ und erfahren mehr über die verschiedenen Völker. Weiterhin ist die Tatsache interessant, dass Delenn anscheinend ihre Mitgliedschaft im „Grauen Rat“ geheimhalten will. Sie verbietet Lennier, sie mit ihrem Titel „Satai“ anzusprechen oder auch nur in Anwesenheit anderer Personen zu erwähnen, dass sie Mitglied des Rates ist, der das oberste Regierungsorgan der Minbari darstellt. Bereits in „Soul Hunter“ hat der Seelenjäger Delenn als Satai erkannt und sich gefragt, warum ein so hochrangiges Mitglied der Minbari-Gesellschaft sich dazu herablässt, auf Babylon 5 die Botschafterin zu spielen…
Der folgende Absatz ist voller Spoiler und sollte nur von Personen gelesen werden, die „Babylon 5“ schon in seiner Gänze gesehen haben: Die Wiedergeburtszeremonie, die Delenn durchführt, hat zwar keine direkten Auswirkungen auf die weitere Handlung. Man kann sie aber als in Verbindung mit Delenns späterer Transformation stehend sehen. Vielleicht dient sie als Vorbereitung auf ihre Verwandlung. Auch die Tatsache, dass Delenn sich im Verlauf der Zeremonie quasi mit Sinclair verheiratet, ist interessant. Hätte JMS nämlich seinen ursprünglichen Plan umsetzen können, dann wären wir Sheridan nie begegnet, sondern Sinclair wäre die ganzen fünf Jahre über die Hauptfigur geblieben und hätte dementsprechend Delenn später wirklich geheiratet. Insofern handelt es sich bei der leicht erotisch aufgeladenen Szene, in der Delenn sich die rote Frucht in den Mund steckt, während sie Sinclair intensiv in die Augen blickt, um eine Andeutung dessen, was später hätte kommen sollen, aber dann aufgrund des Herausschreibens von Sinclair aus der Handlung doch nicht umgesetzt werden konnte.

Sonstige Fragen:

  • Wie ist es Sinclair eigentlich gelungen, all die Vertreter unterschiedlicher Erdreligionen so schnell aufzutreiben?

Weitere interessante Punkte: 

  • Garibaldi findet eine Unterhose in G’Kars Quartier und fragt G’Kar, ob sie ihm gehöre… 😀
  • G’Kar erwähnt, dass die Botschafterquartiere auf Babylon 5 als fremdes Territorium betrachtet werden (so steht es in den Verträgen, die die Station mit den Botschaftern bzw. deren Regierungen geschlossen hat) und dass er deswegen unter diplomatischer Immunität steht.
  • Sinclair hat eine Vorliebe für die Werke des britischen Dichters Alfred Tennyson.
  • Mein Lieblingsdetail in dieser Folge: Nachdem die Teilnehmer der Minbari-Zeremonie alle ihre roten Früchte erhalten haben, ist in einer Einstellung im Hintergrund zu sehen, wie G’Kar seine Frucht mit der von Ivanova neben ihm vertauscht! Er hat anscheinend Angst, der Attentäter könne ihn vergiften wollen, doch dass stattdessen Ivanova sterben könnte, scheint ihn nicht zu kümmern.

Interessante “Hinter den Kulissen”-Fakten: 

  • Nachdem Mary Woronov, die in „Born To The Purple“ als G’Kars Assistentin Ko’Dath eingeführt wurde, bereits nach einer Folge wieder aus der Serie ausstieg, weil sie mit der Maske und den Kontaktlinsen nicht zurecht kam, stellte JMS G’Kar mit Na’Toth eine neue Assistentin zur Seite und ließ Ko’Dath sterben. Hoffentlich wird Na’Toth uns etwas länger erhalten bleiben… Während übrigens auf den DVDs Na’Toth bereits seit der ersten Folge in den Credits aufgeführt ist, scheint dies bei der Erstausstrahlung der Serie noch nicht so gewesen zu sein. Damals muss in den ersten Episoden noch Ko’Dath aufgeführt gewesen zu sein und wurde wohl erst in dieser Folge durch Na’Toth ersetzt.
  • In der Szene, in der G’Kar die schwarze Rose neben sich im Bett findet, sehen wir das eigens an Andreas Katsulas angepasse Narn-Brustteil, das für die (seltenen) Szenen angefertigt wurde, in denen seine Figur mit offenem Hemd zu sehen sein würde.
  • Über die Wahl des ungewöhnlichen Episdoentitels „The Parliament of Dreams“ schreibt JMS: „A parliament is a gathering of officials, of representatives, which matches the story in terms of representatives of different places, and beliefs. The dreams are the belief systems.“ (zitiert aus „Asked & Answered Part 4“, S. 1518)

Zitate:
Tu’Pari: „Are you ambassador G’Kar?“
G’Kar:
„This is ambassador G’Kar’s quarters, this is ambassador G’Kar’s table, this is ambassador G’Kar’s dinner. Which part of this progression escapes you?“

Londo: „Do you know what the last of the Xon said, just before he died? ‚AAAHHHHH!!'“

Garibaldi zu G’Kar, nachdem er in dessen Quartier eine Uterhose gefunden hat: „Just let me say, from the bottom of my heart, hot pink is definetely your colour.“

Delenn während der Minbari-Wiedergeburtszeremonie: „From birth, through death and renewal. You must put aside old things, old fears, old lives. This is your death. The death of flesh, the death of pain. The death of yesterday.“

Londo während der Centauri-Zeremonie auf dem Tisch zu Delenn: „Have I ever told you that you are very cute for a Minbari? [zu Garibaldi] Oh, and you are cute, too, in an annoying sort of way. Everybody’s cute. Everybody’s cute. Even me. But in purple, I’m stunning.“
Er bricht auf dem Tisch zusammen, daraufhin Vir: „Ah, he has become one with his inner self!“
Garibaldi: „He’s passed out.“
Vir: „That too.“

 

Die nächste Folge in meinem „Babylon 5“ Rewatch:
1.06 „Mind War“