DOK.fest 2015: The Circus Dynasty

Gestern Abend wurde das 30. DOK.fest in München offiziell eröffnet. Die Eröffnung fand zum Jubuliäum erstmals im Deutschen Theater statt, wo sich die Anhänger des Dokumentarfilms in Scharen einfanden. Im Laufe der Eröffnungszeremonie war mal von 1.400, dann 1.800 und später 1.500 Gästen im fast ganz gefüllten Saal die Rede, der Regisseur des Eröffnungsfilms „The Circus Dynasty“, Anders Riis-Hansen, schaffte schließlich mit der Angabe „fast 2000 Gäste“ Klarheit.

Dass das Festival mit einem Besucherandrang dieser Größenordnung noch seine Probleme hatte, konnte jeder Gast beim Einlass erleben. Der Beginn der Veranstaltung war mit 20:00 Uhr angegeben, aber als ich um 19:45 Uhr eintraf, verstopfte eine große Menschentraube den Durchgang zum Innenhof des Theaters. Um Zugang zu erhalten, musste sich jeder Gast bei den DOK.fest-Mitarbeitern ein Armband abholen, doch die (kaum als solche erkennbaren) Warteschlangen vor den Schaltern wurden lange Zeit kaum kürzer. Als sich die Reihen endlich lichteten und ich fast am Schalter angelangt war, wurden aufgrund der inzwischen großen Verspätung alle noch wartenden Gäste einfach ohne Armband ins Theater durch gewunken. Das Ganze war definitiv sehr schlecht organisiert, aber Maya Reichert, die Moderatorin des Abends entschuldigte sich mehrfach und gelobte Besserung fürs nächste Jahr.

Nachdem alle Reden geschwungen waren, wurde das Theater für 90 Minuten zum Kino. Festivalleiter Daniel Sponsel hatte zuvor noch darüber sinniert, was man in einem Film über Liebe denn eigentlich genau zeigen und wie man das Thema dem Publikum vermitteln kann. Ich hatte allerdings den Eindruck, dass es in „The Circus Dynasty“ gar nicht so sehr oder jedenfalls nicht hauptsächlich um Liebe geht. Die dänische Dokumentation erzählt aus dem Alltag zweier europäischer Zirkusfamilien – den Cassellys und den Berdinos – und versucht dabei, die jungen verliebten Artisten Merrylu Casselly und Patrick Berdino als Zirkus-Traumpaar ins Zentrum zu rücken. Die Verbindung der beiden stellt für deren Familien natürlich einen Glücksfall dar, lässt sich das hoch talentierte Paar doch hervorragend vermarkten und wird womöglich eines Tages für ebenso talentierten Nachwuchs sorgen.

Merrylu Casselly und Patrick Berdino

Foto Credit: DOK.fest München / The Circus Dynasty

Der Film stellt zwar zu Beginn die beiden Familien kurz jeweils in einem Standfoto vor. Darüber hinaus werden aber keine Erläuterungen zur Herkunft der Familien geliefert. Genauso wenig erfährt man, wo die Zirkusse ihre Zelte aufgeschlagen haben und die einzelnen Szenen gefilmt wurden. Zusätzlich verwirrt hat mich die Tatsache, dass Patrick Berdino anscheinend zu Beginn des Films bereits bei den Cassellys lebt. Wann genau es dazu kam (und ob seine Familie ihn widerspruchslos hat fort gehen lassen), erfährt man nicht. Für einige Zeit ist deshalb manchmal unklar, bei welcher Familie man sich gerade befindet. Es dauert eine Weile, bis man alle Personen und deren Beziehungen zueinander kennen gelernt hat. Da hätte Regisseur Riis-Hansen dem Zuschauer durch eine klarere und ausführlichere Einführung der Familienmitglieder zu Beginn des Films etwas Verwirrung ersparen können.

Wie erwähnt geht es zwar immer wieder um die Höhen und Tiefen der Beziehung zwischen Merrylu und Patrick, doch es sind eigentlich die anderen Aspekte des Films, die die viel interessanteren sind. Weil Riis-Hansen versucht, die Liebesgeschichte ins Zentrum zu rücken, werden viele davon leider nur angerissen. Da ist zum Beispiel der schwerreiche amerikanische Entertainment-Konzern, der extra einen Vertreter zu den Cassellys schickt, um sie zu einem mehrjährigen Engagement in den USA zu überreden. Oder das harte Zirkusleben im Allgemeinen: das jahrelange und tägliche Trainieren, die ständigen Ortswechsel usw. – zumindest mich hätte all das sehr interessiert, aber man erhält leider nur relativ kurze Einblicke in den harten Alltag eines Geschäfts, dessen Darbietungen in der Manege so leicht und mühelos wirken.

Der Film ist mir generell etwas zu oberflächlich geblieben. Riis-Hansen hat sich zwar entschieden, die Liebesgeschichte zum Zentrum seiner Geschichte zu machen, doch auch dabei hätte er ein wenig mehr nachbohren können. Er hätte zum Beispiel zumindest die Frage stellen sollen, ob die Beziehung zwischen Merrylu und Patrick nicht auch durch Druck ihrer Eltern zustande kam. Oder ob man als Zirkuskind jemals daran denkt, einen anderen Beruf zu ergreifen als die Eltern und ob nicht auch hier deren Erwartungen eine Rolle gespielt haben. Von Zweifeln und Konflikten ist im Film allerdings lange Zeit kaum etwas zu sehen. (Und es stellt keinen großen Spoiler dar, wenn ich verrate dass der einzige nennenswerte Konflikt die Liebesbeziehung betrifft. Schließlich braucht jede Liebesgeschichte einen dramaturgischen Spannungsbogen.)

„The Circus Dynasty“ ist also ein nur bedingt gelungener Film, der einem aber nicht das Gefühl vermittelt, umfassend über das Thema informiert zu werden. Riis-Hansens Versuch, eine Liebesgeschichte ins Zentrum zu stellen, macht den Film zwar recht kurzweilig und emotional, aber bei mir blieb vor allem der Eindruck zurück, dass hier weitaus interessantere Geschichten hätten erzählt werden können.

„The Circus Dynasty“ wird noch dreimal auf dem DOK.fest gezeigt. Infos über die genauen Zeiten und Spielorte sowie zu den Tickets gibt es hier.

DOK.fest 2015: Man On Wire

Heute Abend beginnt das DOK.fest (Dokumentarfilmfestival) in München. Ich bin dieses Jahr zum ersten Mal akkreditiert und habe das Festival schon einen Tag früher begonnen, indem ich gestern zuhause „Man On Wire“ angeschaut habe. Die oscarprämierte Dokumentation über Philippe Petits Drahtseilakt zwischen den Türmen des World Trade Centers läuft dieses Jahr im Rahmen einer Sonderreihe auf dem DOK.fest.

Normalerweise schaue ich nicht besonders viele Dokumentationen an – von den Special Features auf diversen DVDs mal abgesehen. Ich freue mich aber auf eine gute Wocher voller Dokus aus den verschiedensten Ländern und Themengebiente und will gleich mal ein paar Worte über „Man On Wire“ verlieren.

An diesem Film ist mir von Anfang an aufgefallen, wie sehr auch eine Dokumentation eine Geschichte und einen Spannungsbogen entwickeln muss, wenn sie interessant sein und ihr Publikum unterhalten will. Durch die Musik, den Schnitt und die Vorwegnahme von Aussagen zu Ereignissen, die man zu diesem Zeitpunkt noch gar nicht einordnen kann, wird bereits in den ersten Minuten des Films eine Atmosphäre der Spannung erzeugt. Weiterhin fand ich es interessant, wie viel an dieser Dokumentation zumindest im strengen Sinn nicht „dokumentiert“ ist, sondern für die Kamera neu erzählt werden musste, meistens in einer Kombination aus lebhaften Erzählungen und nachgestellten Szenen.

Ich wusste zuvor nichts über Philippe Petit oder seinen Drahtseilakt zwischen den Türmen. Umso mehr hat mich die Geschichte und auch die Persönlichkeit Petits beeindruckt. Seinen leidenschaftlichen und bildreichen Schilderungen der Vorbereitungen merkt man deutlich an, dass seine Hochseilkunst für ihn wirklich eine Passion im wahrsten Sinne des Wortes ist: er kann einfach gar nicht anders, muss es einfach tun. Dementsprechend lässt er sich auch von nichts und niemandem aufhalten, am allerwenigsten von der Ansicht, dass sein Vorhaben unmöglich sei. „It’s impossible, that’s sure. So let’s start working“, ist alles was er dazu zu sagen hat.

„Man On Wire“ ist also ein sehr unterhaltsamer, dramaturgisch geschickt aufgebauter Film, der einem verdeutlicht, dass hinter jedem bahnbrechenden, verrückten Vorhaben vor allem eine ausführliche, teils jahrelange Vorbereitung steckt. Das gefährlichste an der ganzen Unternehmung, sagt Petit am Ende des Films, sei es gewesen, nach dem erfolgreichen Drahtseilakt von den Polizisten nach der Festnahme die Treppe hinunter gestoßen worden zu sein. Na dann…

Im Oktober kommt die Geschichte übrigens als Spielfilm in die Kinos. Joseph Gordon-Levitt spielt Philippe Petit, Regie führt Robert Zemeckis („Flight“, „Forrest Gump“). Hier sind die Trailer bzw. Teaser zu beiden Filmen:


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Update:
Auf Filmszene.de findet ihr nun meine Filmkritik zu „The Walk“ von Robert Zemeckis.

Babylon 5 – Episode 1.10 “Believers”

Eigentlich ist heute Star Wars Day („May the 4th“), aber einen „Star Wars“-Post gab es hier erst vor kurzem. Dafür habe ich es endlich mal wieder geschafft, eine „Babylon 5“-Folge zu besprechen. Das würde ich gerne öfter machen, aber es kostet jedes Mal ziemlich viel Zeit. Ich werde mit meinem „Babylon 5“-Rewatch aber nicht aufhören, selbst wenn ich nur eine Folge im Monat schaffe…
Ich warte immer noch gespannt auf „Sense8“, die neue Serie von J. Michael Strazynski, die er zusammen mit den Wachowski-Geschwistern geschrieben und produziert hat. Ab dem 5. Juni wird die erste Staffel auf Netflix zu sehen sein. Aus dem „Babylon 5“-Universum selbst gibt es nichts Neues. Es würde mich allerdings sehr interessieren, ob Straczynski zurzeit tatsächlich ein Drehbuch für einen B5-Kinofilm schreibt – so hatte er es ja letztes Jahr angekündigt. Vor kurzem habe ich diese Seite entdeckt, auf der es ein paar schöne Video-Reviews zu einigen B5-Folgen gibt. Die sind aber voller Spoiler; wer die Serie noch nicht komplett gesehen hat, sollte also lieber die Finger davon lassen und stattdessen einen der „Babylon 5“-Podcasts anhören, die ich in einem Blogpost zusammen getragen habe (nicht alle davon sind spoilerfrei, aber das habe ich jeweils dazu geschrieben – und für weitere Fragen stehe ich gerne zur Verfügung 🙂 ). Nun aber zu einer weiteren Folge von „Babylon 5″…

Episode 1.10 “Believers” (“Die Gläubigen”)

Drehbuch: David Gerrold, Regie: Richard Compton
Erstausstrahlung: 27.04.1994 (USA), 08.10.1995 (Deutschland)

„Am I going to die?“ lauten die ersten Worte, die in dieser Folge gesprochen werden. Die Frage kommt aus dem Mund von Shon (Jonathan Charles Kaplan), einem Jungen, der einer außerirdischen Spezies angehört, die wir noch nie zuvor gesehen haben (im Lurker’s Guide wird der Name der Spezies als „The Children of Time“ angegeben). Bei der Beantwortung dieser Frage durch den Stationsarzt Dr. Franklin und durch Shons Eltern prallen sofort zwei gegensätzliche Ansichten aufeinander: Franklin ist ein Mann der Wissenschaft, der nicht nur optimistisch ist, für jedes medizinische Problem auch eine medizinische, wissenschaftliche Lösung finden zu können, sondern dessen ganzes Weltbild um diese Überzeugung herum aufgebaut ist. Für Shons Eltern allerdings stellt die zur Rettung ihres Sohnes nötige Operation einen unzulässigen Eingriff dar, den ihnen ihre religiösen Überzeugungen nicht erlauben. Obwohl Shon durch eine relativ einfache Operation das Leben gerettet werden könnte, gestatten seine Eltern Dr. Franklin nicht, diese durchzuführen. „Food animals are cut open. They don’t have a soul, so it’s all right. But the chosen of God may not be punctured.“, erklärt Shons Mutter (Tricia O’Neil).

Als Franklin klar wird, dass die Eltern Shon lieber sterben lassen, als ihn einer Operation zu unterziehen, versucht er auf Zeit zu spielen. Er behauptet, es gebe noch einen anderen, schwierigeren und unsichereren Weg, Shon zu heilen und hofft, dass die Eltern ihre Meinung doch noch ändern werden, wenn sie ihren Sohn nur lange genug leiden sehen und ihre Verzweiflung noch weiter wächst. Seiner Kollegin Dr. Hernandez legt Franklin seine Sicht der Dinge dar: „Sometimes you have to heal the family before you can heal the patient.“ Seiner Meinung nach ist also die Einstellung der Eltern falsch und bedarf der Korrektur. Dass es möglicherweise seine Sicht auf die Dinge es, die falsch ist oder dass zumindest daneben noch andere, gleichberechtigte Sichtweisen existieren, kommt ihm gar nicht in den Sinn.

Auch ich kann die Einstellung von Shons Eltern nicht nachvollziehen. Aber genau darum geht es in dieser Episode – um unversöhnbar einander gegenüberstehende Standpunkte, von denen keiner falsch ist bzw. die beide jeweils aus der Sicht des anderen falsch sind. Als Franklin dem Jungen ein leuchtendes Plastikei in die Hand gibt und ihn bittet, gut auf dieses „Gloppitei“ aufzupassen, weil darin ein Lebewesen heran wachse, kritisiert ihn Hernandez. Die Überzeugungen anderer tue er als Aberglaube ab, sagt sie, doch seine eigenen Überzeugungen seien stets die richtigen. Shons Eltern beten das „große Ei“ an, Franklin den „Gott Medizin“. Wo liegt der Unterschied?
Franklin gibt jedoch keinen Millimeter nach und bekräftigt noch einmal, dass er den Eltern mit seiner Hinhaltetaktik nur die Zeit geben will, um zur richtigen Einsicht zu gelangen. Er hat längst den Entschluss gefasst, Shon auf jeden Fall zu operieren, wie er Hernandez erklärt. Franklin ist so sehr von sich und von der Wissenschaft überzeugt, dass er sich gar nicht vorstellen kann, dass sein Plan – warum auch immer – nicht funktioniert. Ebenso wenig passen in diesem Fall Personen in sein Weltbild, die die Lage anderes sehen als er und die seinen „Glauben“ an die Wissenschaft ablehnen.

Als Franklin sich an Sinclair wendet, zögert dieser, ihm den Befehl zu erteilen, sich über den Wunsch der Eltern hinweg zu setzen. Sinclair möchte keinen Präzedenzfall schaffen, doch Franklin argumentiert, das habe er schon längst getan, als er Franklins Vorgänger Dr. Kyle gegen die Anweisung der Vorlonenregierung die Untersuchung von Botschafter Kosh erlaubte. Sinclair beharrt jedoch darauf, gerade als Commander von Babylon 5 neutral bleiben zu müssen. Auch Franklin lässt sich aber nicht beirren und ist weiterhin überzeugt, dass er etwas tun muss.
Bei Shons Eltern wächst inzwischen die Verzweiflung. Ihrem Sohn geht es immer schlechter, so dass sie sich fragen, ob es richtig war, ihn in Franlkins Obhut zu lassen statt sich auf die Suche nach anderen Möglichkeiten der Heilung zu machen. „Because we trusted you our son will die“, wirft die Mutter Franklin vor, doch der erwidert „No. He will die because you won’t trust me.“ Weil sich Shons Eltern aus Franklins Sicht so stur und uneinsichtig verhalten, will er sie durch Sinclair entmündigen lassen, um sich über ihre Wünsche hinweg setzen zu können. Sinclair verspricht, innerhalb von 24 Stunden eine endgültige Entscheidung zu treffen. Shons Vater, der bis dahin relativ ruhig und gefasst gewirkt hat, spricht plötzlich einen Satz aus, den der Zuschauer und auch Sinclair als Drohung interpretieren: „If he [Franklin] harms my child, if he touches Shon, I will kill him.“ Erst wenn man die Episode zum zweiten Mal sieht, fällt einem auf, dass sich das „him“ am Ende des Satzes wahrscheinlich gar nicht auf Franklin bezieht.

Da Sinclair ihnen nicht helfen will und sie keinen eigenen Botschafter auf der Station haben, wenden sich die Eltern in ihrer Verzweiflung an die anderen Botschafter. G’Kar und Londo weisen ihr Gesuch aus ähnlichen Gründen zurück: Die Eltern sind zu arm und ihre Heimatwelt zu unbedeutend; sie können sich keine Gerechtigkeit leisten. Immerhin schaffen sie es aber, ein paar Worte mit Kosh wechseln, was ja an sich schon keine leichte Aufgabe ist. Nicht ahnend, dass sie genau ins Schwarze trifft, appelliert die Mutter an Kosh: „If it were your child or even yourself, how would you feel if the doctor of Babylon 5 wanted to perform an unwelcome procedure on you?“ Vielleicht sind es ja gerade diese Worte, die Kosh dazu bewegen nicht einzuschreiten. Schließlich wurde er durch einen solchen nicht erwünschten medizinischen Eingriff auf Babylon 5 gerettet. Wahrscheinlich hätte er sich aber sowieso aus der Sache heraus gehalten – wie die Vorlonen das eben meistens tun (die Geschehnisse der letzten Folge stellen eine der wenigen Ausnahmen dar). Kosh redet sich jedenfalls mit einigen mal wieder ziemlich kryptischen Sätzen heraus (s. Zitate).
Delenn zeigt zwar mehr Mitgefühl und Verständnis als die anderen Botschafter, doch der Glaube und die Überzeugungen der Minbari verbieten es ihr, hier ein zu greifen. Darauf bezug nehmend, dass sowohl die Eltern als auch Dr. Franklin Shons Leben retten wollen, sagt sie: „Whose belief is correct? And how do we prove it?“

Um zu einer Entscheidung zu kommen (oder damit ihm die Entscheidung abgenommen wird), fragt Sinclair die Erdregierung um Rat. Doch auch die will sich aus der Sache heraus halten und schiebt die Verantwortung zu Sinclair zurück. Also beschließt er, endlich einmal das zu tun, was bisher noch niemand getan hat: Shon selbst zu fragen. Der Junge erklärt, er wolle auf jeden Fall weiter leben, allerdings glaubt er genau wie seine Eltern, dass er durch eine Operation seine Seele verlieren würde. Sinclair nimmt sich die Zeit, sich von Shon von dessen Sicht und seinen Überzeugungen, seiner Weltanschauung und seiner Religion berichten zu lassen.
Als Sinclair anschließend wieder mit Franklin spricht, kann dieser es nicht fassen, dass Sinclair immer noch auf die Wünsche der Eltern Rücksicht nehmen will. „What makes a religion false?“, fragt Sinclair Franklin, als dieser ihn zu überzeugen versucht, dass Shons Eltern vollkommen irrational und unverantwortlich handeln. Als Sinclair schließlich zu einer Entscheidung kommt und es Franklin verbietet, gegen den Wunsch der Eltern zu operieren, ist Franklin fassungslos. Doch Sinclair kann sich nicht einfach über den Glauben und die Überzeugungen anderer hinweg setzen, nur weil sie seinen eigenen widersprechen.

Aber Franklin bleibt stur, seine Entscheidung ist längst gefällt. Er will sich von niemandem stoppen lassen – auch nicht von „those poor, deluted parents“, wie er Shons Eltern bezeichnet. Er operiert Shon also und rettet ihm so das Leben. In den meisten anderen Fernsehserien wäre die Episode damit wohl zu einem Happy End gekommen. Shons Eltern hätten sich über die Genesung ihres Sohnes gefreut, Franklin verziehen und sich für ihre Sturheit entschuldigt. Auch Sinclair hätte gesagt, „Schwamm drüber“ und damit wäre die Sache zur Zufriedenheit aller Beteiligten beendet gewesen. Nicht so in dieser „Babylon 5“-Episode. Als ein gesunder und fröhlicher Shon seine Eltern begrüßt, reagieren die ganz und gar nicht so, wie Franklin sich das vorgestellt hat. Shon ist für sie nun nur noch eine seelenlose Hülle, mit der sie nichts mehr zu tun haben wollen. Auch Sinclair ist wütend, dass Franklin sich seinem Befehl widersetzt hat.
Anschließend geschieht etwas, das mich selbst wütend macht: Erst jetzt, nachdem er seinen eigenen Willen durchgesetzt hat, setzt sich Franklin näher mit der Kultur der Children of Time auseinander. Hätte ein guter Arzt das nicht schon längst getan? Statt unbeirrbar auf dem eigenen Standpunkt zu verharren, müsste ein Arzt – und noch dazu ein Xenobiologe wie Franklin, der sich täglich mit fremden Kulturen auseinander setzen muss – doch versuchen, den Standpunkt seiner Patienten (und in diesem Fall auch von deren Angehörigen) ein zu beziehen. Man sollte meinen, dass es in einem schwierigen Fall wie hier zu seinen ersten Handlungen gehört, sich zumindest ein wenig in die Kultur der fremden Spezies einzulesen. Aber daran scheint Franklin nicht einmal gedacht zu haben. Es war Dr. Hernandez, die auf den Gedanken kam, dies zu tun. Leider bekommt Franklin die Daten aber erst zu sehen, als er Shon schon operiert hat. Doch da ist es längst zu spät und Franklins Fehler nicht mehr rückgängig zu machen. Die Eltern haben die aus ihrer Sicht einzige mögliche Konsequenz gezogen und ihren Sohn getötet.

Franklin sieht am Ende ein, dass er falsch gehandelt hat. Er war arrogant, hat stur auf seinem Standpunkt beharrt und damit jenes verantwortungsvolle Handeln vermissen lassen, dass ein Mediziner doch an den Tag legen sollte. Sinclair behauptet, Franklin habe unmöglich wissen können, dass die Eltern ihren Sohn umbringen würden. Doch das stimmt nicht! Wäre Franklin nicht von Anfang an so stur gewesen und hätte nicht sofort seine Sicht auf die Dinge zur einzig richtigen erklärt, dann wäre er vielleicht einmal auf den Gedanken gekommen, sich mit der „Gegenseite“ zu beschäftigen. Zwar stand die Datei mit den Daten über Shons Volk erst nach der Operation zur Einsicht bereit, doch Franklin hätte mit der Entscheidung ganz einfach noch ein paar Stunden warten können.

„Believers“ ist jedenfalls eine höchst interessante Folge, die sich mit einem brisanten Thema beschäftigt und sich nicht damit begnügt, einfache Antworten zu geben. Die kann es hier auch gar nicht geben, weswegen man als Zuschauer gezwungen ist, sich selbst mit der Thematik auseinander zu setzen. Unter „Babylon 5“-Fans ist die Episode trotzdem umstritten und hat bei vielen Fans keinen guten Ruf. Ich finde sie jedoch sehr gut. Klar, so richitg zu Hochform ist die Serie in ihrer zehnten Folge noch nicht aufgelaufen und „Believers“ erzählt eben – wie die meisten Folgen der ersten Staffel – eine in sich abgeschlossene Geschichte. Aber diese funktioniert als solche sehr gut, und dass in der B5-Saga die Geschichte Folge für Folge weiter erzählt wird (statt jedes Mal danach den Reset-Knopf zu drücken, wie das in den Neunzigern noch meist der Fall war), merkt man hier daran, dass mehrmals auf Ereignisse aus dem Pilotfilm Bezug genommen wird.

Da war doch noch was? Ach richtig, die Folge hat ja auch noch einen B-Plot! Wenn „Believers“ einen großen Schwachpunkt hat, dann ist es dieser äußerst knappe Handlungsstrang um Susan Ivanova, die mit einem Geschwader Starfurys der Asimov zu Hilfe kommt. Dass sie dabei von Raider-Schiffen angegriffen werden, bekommen wir nicht einmal zu sehen (statt dessen erfahren wir es bloß aus dem Gespräch zwischen Ivanova und Garibaldi am Ende der Episode). Mehr dazu bei den „Hinter den Kulissen-Fakten“.

Highlight der Episode: Das Ende. Mit der Entscheidung, die Folge mit dem Tod des Jungen enden zu lassen, verstieß die Serie 1994 gegen die gängigen Konventionen und unterlief die Erwartungen des Publikums. Nicht nur in den „Star Trek“-Serien, sondern ganz allgemein ging es in Fernsehserien damals meist darum, den Zuschauern zu Beginn einer Episode ein Problem zu präsentieren, das am Ende dann gelöst wurde. Nicht so in dieser Folge von „Babylon 5“. „Believers“ versetzt dem Zuschauer hier nicht nur einen Schlag in die Magengrube, sondern zwingt ihn auch zum Nachdenken. Ich kann mich noch erinnern, wie sehr mich diese Folge mit dem Ausgang der Geschichte damals beeindruckt hat und dass ich noch lange darüber nachgedacht habe.

Weitere interessante Punkte: 

  • Die Spezies, der Shon und seine Eltern angehören, leben anscheinend in einer matriarchisch organisierten Gesellschaft. Dies lässt sich zum einen aus der Tatsache schließen, dass es hier meistens die Mutter ist, die die Argumente vorträgt und einmal im Gespräch mit Franklin auch explizit sagt, ihr Mann (der neben ihr steht) habe sie gebeten, ihm etwas auszurichten. Zum anderen erwidert sie auf Sinclairs Anmerkung, dass ihr Volk leider keinen Botschafter auf der Station hat ganz selbstverständlich „She would tell you the same thing“.
  • Steaks gehören zu den Lebensmitteln, die nur mit großem Aufwand nach Babylon 5 importiert werden können. Das erfahren wir aus einem Gespräch zwischen Franklin und seiner Kollegin, Dr. Hernandez. (Kurz darauf fragt Sinclair Franklin, warum er ein Steak importieren wolle. Franklins Antwort: zu Forschungszwecken. Tatsächlich hat er mit Hernandez um ein Steak gewettet.)
  • Franklin hat als Arzt offenbar eine Karte, mit der er sich Zutritt zu allen Quartieren verschaffen kann.

Interessante “Hinter den Kulissen”-Fakten: 

  • Das Drehbuch für diese Folge war einer der Gründe, warum Richard Biggs die Rolle des Dr. Franklin angenommen hat. Es war bereits geschrieben, bevor die Serie in Produktion ging und gefiel Biggs so gut, dass er die Rolle unbedingt übernehmen wollte. (Quelle: „Babylon 5: Signs and Portents“ von Jane Killick, S. 96)
  • Drehbuchautor David Gerrold hat unter anderem auch die berühmte Episode „The Trouble with Tribbles“ aus der Original-„Star Trek“-Serie geschrieben. Er wurde von Straczynski ausgesucht, das Drehbuch zu „Believers“ nach einer Idee von Straczynski zu schreiben, weil Gerrold damals kurz zuvor einen Sohn adoptiert hatte und sich so sehr gut in das Dilemma der Episode hinein versetzen konnte. Den Namen Shon wählte Gerrold in Anlehnung an den Namen seines eigenen Sohnes, Sean.
  • Die B-Handlung um Susan Ivanova und die Raiders wurde dem Drehbuch nachträglich von J. Michael Straczynski hinzugefügt, weil die Geschichte sonst zu kurz gewesen wäre. Ich persönlich finde ja, man hätte lieber die Haupthandlung an einigen Stellen noch etwas ausführlicher gestalten sollen, statt einen verstümmelten B-Plot hinzu zu fügen, der so inhaltsleer ist, dass ich jedes Mal aufs Neue von ihm überrascht bin, wenn ich die Episode anschaue.
  • Eine von Straczynskis Regeln beim Schreiben von Geschichten für „Babylon 5“, die er von Beginn an immer wieder in Online-Diskussionen mit den Fans wiederholte, war „no kids or cute robots“. Dementsprechend kommen Roboter in „Babylon 5“ überhaupt nicht und Kinder nur höchst selten vor. Nur wenn es für die Handlung auch wirklich Sinn machte – so wie hier – machte JMS eine Ausnahme von dieser Regel.

Zitate:

Sinclair: „Why do you wanna import a steak?“
Franklin:
„Research.“

Kosh: „The avalanche has already started. It is too late for the pebbles to vote.“

Sinclair: „[W]hat makes us human is that we care. And because we care, we never stop trying.“
Franklin: „No. What makes us human is that we have so many different ways to hurt.“

 

Die nächste Folge in meinem „Babylon 5“ Rewatch:
1.11 „Survivors“

Better Call Saul – Season 1

Dieser Text enthält kleinere Spoiler zur 1. Staffel von „Better Call Saul“ und verrät außerdem, welches Schicksal Saul Goodman am Ende von „Breaking Bad“ erwartet!

Wer hätte das gedacht? Dass „Breaking Bad“-Schöpfer Vince Gilligan und Peter Gould – einer der Drehbuchautoren von „Breaking Bad“, der die Figur des Saul Goodman erfunden hat – großartige Geschichten und Charaktere schreiben können, war nach fünf Staffeln „Breaking Bad“ zwar klar. Aber mal ehrlich, die Vorstellung einer Prequel-Serie um die „Breaking Bad“-Nebenfigur Saul Goodman hat nicht gerade Euphorie ausgelöst. Die ersten Beschreibungen der Serie und auch die ersten Ausschnitte, die man zu sehen bekamen, sorgten eher für Irritation. Was sollte das werden? Eine Anwaltssitcom?
Aber schon mit der Ausstrahlung der ersten Folge wurden die meisten Bedenken zerstreut. Inzwischen sind alle zehn Episoden der ersten Staffel in den USA gesendet worden und in Deutschland bei Netflix zu sehen. Und eines steht fest: „Better Call Saul“ ist Fernsehen, wie man es besser zurzeit kaum findet. Ob es sogar besser wird als „Breaking Bad“, wird die Zeit (und die Veröffentlichung zukünftiger Staffeln) zeigen, aber die Chancen dafür stehen bislang tatsächlich nicht schlecht.

„Better Call Saul“ beginnt mit zwei Szenen, die nach dem „Breaking Bad“-Finale spielen: Saul Goodman (Bob Odenkirk) hat eine neue Identität angenommen und arbeitet als Verkäufer in einer Cinnabon-Filiale. Mit Brille und Schnauzbart getarnt, lebt er dennoch in ständiger Angst davor, dass ihn die Vergangenheit einholt. Nach Dienstschluss sehen wir ihn in seiner Wohnung. Einsam schenkt er sich einen Drink ein und kramt eine alte VHS-Kassette hervor, die er in den Videorekorder schiebt. Die Bilder, die anschließend über seinen Fernseher flimmern, sind die alten Werbespots seiner Anwaltskanzlei, wie man sie ähnlich auch schon aus „Breaking Bad“ kennt und die alle mit dem Slogan „Better Call Saul“ werben.

Anschließend springt die Serie in die Vergangenheit, aber nicht in die Zeit von „Breaking Bad“, sondern noch einige Jahre weiter zurück. Saul Goodman hieß damals noch James „Jimmy“ McGill und die Geschichte, die die erste Staffel nun zu erzählen beginnt, handelt davon, wie er zu Saul Goodman und damit der Person wird, die wir aus „Breaking Bad“ kennen. Sie muss uns also erzählen, was schief gelaufen ist in Sauls bzw. Jimmys Leben. Insofern ist „Better Call Saul“ eine Tragödie. Allerdings ist die Serie immer wieder auch wahnsinnig komisch, es handelt sich also um eine Tragikomödie.
So ganz rund läuft es auch zu Beginn der Serie nicht für Jimmy, aber er hat zumindest den festen Willen, sich nach oben zu arbeiten. Ein eigenes Büro fehlt ihm bislang, weswegen er sich mit Klienten meistens im Café trifft. Das Hinterzimmer eines Schönheitssalons dient ihm als Schlafplatz („Wohnung“ wäre eine zu großzügige Bezeichnung); Telefonate führt er unterwegs oder abends aus dem Salon, wenn dieser geschlossen hat. Bei dem ersten Fall, den die Serie uns zeigt, verteidigt Jimmy drei 19-jährige Jungs, die Sex mit dem abgetrennten Kopf einer Leiche hatten. Jimmy hält sich gerade so über Wasser. Beim Verlassen des Parkplatzes vor dem Gerichtsgebäude versucht er jedes Mal mit dem Parkplatzwächter Mike (Jonathan Banks) zu feilschen. Doch der bleibt hart und öffnet die Schranke für Jimmy immer erst, sobald dieser ein gültiges Parkticket vorweisen kann.

In der ersten Folge lernen wir auch Jimmys älteren Bruder Chales (Michael McKean), genannt Chuck, kennen. Der ist eigentlich einer der Partner der erfolgreichen Anwaltskanzlei Hamlin Hamlin & McGill (HHM), hat inzwischen aber seit etwa einem Jahr sein eigenes Haus nicht mehr verlassen. Er ist überzeugt davon, an einer Überempfindlichkeit gegen elektromagnetische Strahlung zu leiden, weswegen er nicht nur sämtliche elektronischen Geräte aus dem Haus verbannt hat, sondern auch jeder Besucher sein Handy, seine Armbanduhr und ähnliches draußen lassen muss. Tag für Tag bekommt Chuck Besuch von Jimmy, der ihn mit Lebensmitteln und der Tageszeitung versorgt. Im Lauf der ersten Episoden wird klar, dass Chucks wahres Problem psychischer Natur ist. Tatsächlich ist er depressiv und bildet sich seine körperliche Erkrankung nur ein.
Die Beziehung zwischen Jimmy und Chuck ist einer der Haupthandlungsstränge der ersten Staffel. Wie alle anderen wird auch dieser äußerst behutsam und unüberstürzt erzählt. Nach und nach enthüllt sich so, dass Jimmy sein Leben lang versucht hat, sich den Respekt seines großen Bruders zu erwerben. Als er schließlich erfährt, dass der ihn nicht mal für einen richtigen Anwalt und auch sonst nicht besonders viel von ihm hält, ist dies einer der Gründe für die Entscheidung, die Jimmy am Ende der Staffel trifft – eine Entscheidung, mit der er seiner Saul-Werdung einen großen Schritt näher gekommen ist.

Prequels jeder Art haben meistens das Problem, dass der Zuschauer schon weiß, wohin sich die Geschichte und die Figuren entwickeln werden. „Better Call Saul“ schafft es – zumindest in dieser ersten Season – aber tatsächlich, so starke Charaktere aufzubauen und sich so weit von „Breaking Bad“ zu emanzipieren, dass dieses Problem fast nicht existent ist. Die Serie verlässt sich zum Glück nicht auf Verbindungen zu und Anspielungen auf „Breaking Bad“. Zwar ist Jimmys/Sauls aus „Breaking Bad“ bekannter Handlanger Mike die zweite Hauptfigur der Serie, doch auch seine Geschichte entfaltet sich mit einer bemerkenswerten Langsamkeit. In den ersten beiden Episoden beschränkt sich sein Auftauchen auf kurze Interaktionen zwischen ihm und Jimmy an der Parkplatzausfahrt; erst in Folge drei erfahren wir ein wenig mehr über ihn. Die sechste Folge widmet sich dann fast ganz seiner Figur und erzählt in Rückblenden, wie es dazu kam, dass er vom Cop in Philadelphia zum Parkplatzwächter in Albuquerque wurde. Wie es dazu kommt, dass er für Jimmy/Saul und für Gus Fring arbeitet, werden wir wahrscheinlich in den kommenden Staffeln sehen.
Auch einige (wenige) Nebenfiguren aus „Breaking Bad“ tauchen auf, doch auch ihr Erscheinen wirkt nicht forciert oder  allein wegen der Anspielung auf die andere Serie hinein geschrieben. Überhaupt verlässt sich „Better Call Saul“ glücklicherweise so gut wie gar nicht darauf, dass der Zuschauer „Breaking Bad“ gesehen hat. Die Serie funktioniert also auch ohne Kenntnis des Vorgängers (bzw. Nachfolgers).
Zudem sind die Drehbücher und die Schauspielleistungen der Serie so stark, dass hier von der ersten Folge an eigene, komplexe Figuren entstehen, bei denen nur ganz selten die Frage im Raum steht, wie sie denn zu den Personen werden, die wir aus „Breaking Bad“ kennen. Viel zu interessant sind die Verwicklungen und Probleme, in denen sie sich jetzt gerade befinden. Das einzige Problem, dass in Bezug auf das bekannte Schicksal der Hauptfiguren in Zukunft auftauchen könnte, ist ein zu schnelles Schließen der erzählerischen Lücke zwischen den Serien. Einen Teil der Entwicklung hin zu ihren späteren Persönlichkeiten haben Jimmy/Saul und Mike in der ersten Staffel durchgemacht. Es gibt dem durchaus noch etwas hinzu zu fügen, doch es stellt sich die Frage, auf wie viele Staffeln sich diese Entwicklung noch strecken lässt. Mal sehen, wie es in der zweiten Staffel weiter geht. Vielleicht warten ja unerwartete Rückschläge und Umwege auf die Figuren.

Ich könnte noch weiter die Handlung der Staffel nach erzählen, doch das interessiert wahrscheinlich kaum jemanden (steht außerdem alles bei Wikipedia). Statt dessen möchte ich noch einmal hervorheben, wie herrlich komisch diese Serie in einigen Momenten ist. Ich kann mich nicht erinnern, wann ich das letzte Mal bei einer Fernsehserie so sehr lachen musste, wie hier bei der zweiten Folge. Wie Jimmy in der Wüste mit Tuco über das Schicksal zweier Jungs verhandelt, die es ihm zu verdanken haben, dass sie sich nun in Gewalt eines Gangsters befinden, der sie umnieten möchte – das ist in Schauspiel und Drehbuchkunst eine komödiantische Meisterleistung. („We could sprain their ankles.“ – „I’m cutting their legs off!“) Auch die völlig absurden Gespräche, die Jimmy nach seiner erfolgreichen Selbstvermarktung mit möglichen Klienten zu Beginn der fünften Folge führt, sind herrlich komisch – aber gleichzeitig erfüllen sie auch eine wichtige erzählerische Funktion und helfen dabei, Jimmy als tragische Figur zu zeichnen.
Meine Lieblingsszene der Staffel aber ist eine Szene mit Mike aus der vorletzten Episode, die fast wie aus einem Tarantino-Film wirkt (dann wäre sie aber wohl etwas dialoglastiger). Wie Mike hier gemeinsam mit zwei anderen Anwärtern auf den Auftraggeber eines Security-Jobs wartet, das ist genau wie viele andere Szenen eben nicht nur wahnsinnig unterhaltsam und fantastisch gespielt, sondern baut dabei auch noch Mikes Figur weiter aus.

Viele der komischen Szenen von „Better Call Saul“ sind vielleicht gerade deshalb so komisch, weil ihnen eine große Portion Tragik innewohnt. Man lacht, weil man ganz genau weiß, dass man nicht in Jimmys Schuhen stecken möchte. So auch in der letzten Folge, als Jimmy als Bingo-Conferencier im Altenheim einen Monolog hält (Stichwort „Chicago sunroof“), der inhaltlich wieder eine lachthaft absurde Situation schildert, mit dem Jimmy aber tatsächlich seine ganze Frustration über den Lauf seines Lebens in den letzten Jahren zum Ausdruck bringt.
Spätestens hier fragt man sich dann auch, warum Bob Odenkirk eigentlich nicht längst ein Star ist. Sein komödiantisches Timing ist hervorragend, aber auch alle anderen Facetten des Schauspiels sitzen bei ihm so perfekt, dass eine Emmy-Nominierung da nur noch Formsache sein sollte. Selten hat es so großen Spaß gemacht, einer Figur beim Scheitern zu zu sehen, wie bei „Better Call Saul.“

Star Wars: The Force Awakens – Der zweite Teaser

Was für ein Tag! Pünktlich um 19 Uhr habe ich mich heute vor den Fernseher gesetzt, um mir den Live-Stream von der Star Wars Celebration in Anaheim anzuschauen. Die Convention wurde dort vormittags mit einem Panel eröffnet, für das Regisseur/Co-Autor/Produzent J.J. Abrams und Produzentin Kathleen Kennedy als Gäste angekündigt waren. Hunderte Fans übernachteten extra vor der Halle, um auch ja eines der begehrten Armbänder zu erhalten, die einem Einlass gewährten. Zusätzlich wurde das Panel live in Kinos auf der ganzen Welt übertragen. In Deutschland war leider nur ein Kino in Berlin dabei, aber glücklicherweise wurde vor ein paar Tagen auch ein Internet-Live-Stream angekündigt. So konnte jeder das Panel live zuhause mit verfolgen. (Auch weiterhin überträgt der offizielle Star Wars-YouTube-Kanal live von der Celebration, darunter zum Beispiel am Freitagabend um 22:30 Uhr deutscher Zeit das Panel mit Carrie Fisher. Eine Übersicht der wichtigsten Panels findet sich z.B. hier; wenn ein Live-Stream angekündigt ist, ist das dort beim jeweiligen Panel vermerkt. Auch auf der offiziellen Star Wars-Seite sind die Termine aufgeführt.)

Der Moderator des Panels begrüßte zunächst Abrams und Kennedy zu einem Interview auf der Bühne. Die erste größere Neuigkeit, die dabei zutage trat: Bei dem im ersten Teaser zu Episode VII gesehenen Wüstenplaneten handelt es sich nicht um Tatooine, sondern um einen Planeten namens Jakku. Später gesellten sich zwei Mitglieder des R2-D2 Builders Club dazu, die Kathleen Kennedy auf der Celebration Europe vor zwei Jahren mit ihren selbst gebauten Droiden so sehr beeindruckt hatten, dass sie sie als „offzizielle Droidenbauer“ zum Film holte. Die beiden brachten den echten R2 aus dem Film mit – ein erster Gänsehautmoment, der aber sogleich getoppt wurde, als tatsächlich auch BB-8 auf die Bühne gerollt kam, der aus dem Teaser bekannte „Kugel-Droide“. Abrams hatte zuvor wieder einmal betont, wie wichtig es ihm gewesen sei, für den Film so viel wie möglich wirklich zu bauen, statt es nachträglich per Computer einzufügen. BB-8 auf der Bühne herum rollen zu sehen, war ein fast schon magischer Moment, schließlich hatte ich mich wie viele andere Fans gefragt, ob es überhaupt möglich sei, einen solchen Droiden zu bauen und ob er im Film nicht doch nur eine CGI-Figur sei. Aber nein, es gibt ihn wirklich! Und obwohl wir ihn noch kaum kennen, gehört er schon fest ins Star Wars-Universum.

Anschließend kamen die drei Hauptdarsteller des Films auf die Bühne: Daisy Ridley, John Boyega und Oscar Isaac. Alle drei waren bereits im ersten Teaser zu sehen und durften nun ein paar weitere Infos über ihre Figuren Rey, Finn bzw. Poe Dameron verraten. Auf diese Weise erfuhr man ein klein wenig über die Handlung des Films, aber nichts wirklich Handfestes. Unbeantwortet blieb auch die Frage, ob der von Boyega gespielte Sturmtruppler nun einer von den Guten oder von den Bösen ist.

Bereits zu Beginn des Panels hatte Kathleen Kennedy angekündigt, Harrison Ford würde nicht auf der Celebration zu Gast sein. Wirklich gerechnet hatte wohl auch niemand mit ihm, schließlich war er – im Gegensatz zu Mark Hamill und Carrie Fisher – nicht als Gast angekündigt, hat noch nie eine Star Wars-Convention besucht und wurde zudem vor wenigen Wochen bei einem Flugzeugabsturz verletzt. Anscheinend war aber tatsächlich geplant gewesen, ihn auf der Celebration auftreten zu lassen. Kennedy versprach jedenfalls, Ford werde bei den zukünftigen Promotion-Events um den Film eine aktive Rolle spielen.

Ford kam also nicht, dafür aber Anthony Daniels (C-3PO), Peter Mayhew (Chewbacca), Mark Hamill (Luke Skywalker), und Carrie Fisher (Leia). Leider versagte zu diesem Zeitpunkt meine Internetverbindung, so dass ich nicht sehen und hören konnte, was die Star Wars-Veteranen erzählten. Dank Twitter wurde ich aber trotzdem auf dem Laufenden gehalten und erfuhr so unter anderem, dass Carrie Fisher verriet, Leia werde im neuen Film weder ihre berühmte Schneckenfrisur tragen noch im Metallbikini zu sehen sein. Auch die „Erstaustrahlung“ des neuen Trailers (eigentlich ist es ja nur ein weiterer Teaser) bekam ich nicht live mit, aber zum Glück wurde er sofort nach seiner Premiere auf der Celebration offiziell ins Internet gestellt.

Meine Reaktionen beim ersten Anschauen des Teaser habe ich nicht in einem Video festgehalten, wie man das heute zu machen pflegt. Gleich nach dem ersten Anschauen habe ich den Teaser noch einmal gestartet, dann noch einmal und dann noch einmal. Jedes Mal bin ich näher an den Fernseher heran gerückt und jedes Mal wurde das Grinsen auf meinem Gesicht breiter. Die Macht erwacht tatsächlich wieder! Was für ein unbeschreibliches Gefühl, Luke Skywalkers Stimme zu hören und am Ende Han Solo zu sehen!

Da ich mich von Spoilern aller Art fern halte, weiß ich über die Handlung des Films nur das, was offiziell bekannt gegeben worden ist. Umso mehr Spaß macht es aber, beim Anschauen des Teaser zu spekulieren, wer die Figuren sind und was in den gezeigten Szenenausschnitten vorgeht. Der Teaser beginnt mit einem Kameraschwenk über die Wüste (wie wir ihn ähnlich übrigens auch im ersten Trailer zu Episode I gesehen haben). In der Ferne rast ein Speeder über den Sand, im Vordergrund ist ein abgestürzter X-Wing zu sehen. Gerade als man sich fragt, wie es denn wohl zu diesem Absturz gekommen ist, schwenkt das Bild noch weiter nach rechts und wir sehen im Hintergrund einen abgestürzten Sternenzerstörer, der sich scheinbar halb in den Sand gebohrt hat!

01Jakku ist die Heimat von Daisy Ridleys Figur Rey. Ridley beschrieb sie als auf einem Raumschifffriedhof lebende „scavenger“, man kann also davon ausgehen, dass sie Schrott sammelt. Sind die abgestürzten Raumschiffe Überbleibsel einer Raumschlacht? Wohnt Rey vielleicht in dem Sternenzerstörer? Und ist sie mit den Javas verwandt, jenen Schrott sammelnden Wüstenbewohnern von Tatooine? 😉 Zu dieser ersten Einstellung ertönt John Williams‘ „Force Theme“ (eine weitere Gemeinsamkeit mit dem Episode I-Trailer). Anschließend wird das Bild schwarz und wir hören Luke Skywalkers Stimme, die ein paar aus Episode VI bekannte Worte wiederholt: „The Force is strong in my family…“ Das darauf folgende Bild zeigt uns den verbrannten, halb geschmolzenen Helm von Darth Vader.

02Der Helm scheint auf einer Art Sockel zu liegen, wie ein Ausstellungsstück. Befindet er sich in einem Museum? (Ich höre Indiana Jones rufen: „It belongs in a museum!“) Oder ist er Teil einer privaten Sammlung? In wessen Besitz befindet er sich? (Der Collector aus dem Marvel-Universum wird es ja wohl nicht sein…) Der Anblick des Helms löst in jedem Star Wars-Fan starke Gefühle aus und stellt eine Verbindung zu den alten Filmen her. Ich war in erster Linie überrascht davon, denn ich hatte nicht damit gerechnet, dass wir ihn im Film sehen würden. Zwar bin ich wie gesagt fast komplett spoilerfrei, aber könnte es sein, dass der Bösewicht des Films gewisse Reliquien sammelt…?
In dieser Szene wird übrigens auch deutlich, dass John Williams auch für diesen Teaser wieder neue Musik komponiert und mit einem Orchester aufgenommen hat. Während das „Force Theme“ aus der ersten Einstellung noch bekannt ist, ist die Musik die nun folgt gänzlich neu.

Dann die nächste Einstellung. Luke Skywalkers Voice-Over geht weiter: „I have it.“ Dazu sehen wir R2-D2 in scheinbar feuriger Umgebung und eine in einen Umhang gehüllte Gestalt, die eine Hand auf den Droiden legt.

STAR WARS: DAS ERWACHEN DER MACHTDie von links ins Bild sprühenden Funken lassen sofort Erinnerungen an Mustarfar wach werden, jenen Planeten auf dem das Duell zwischen Anakin Skywalker/Darth Vader und Obi-Wan Kenobi stattfand. Die Person neben R2 scheint Luke zu sein, schließlich erscheint die Szene, als man von ihm gerade „I have it“ hört. Bei der Hand handelt es sich um eine künstliche, wie Luke ja eine hat, seit Darth Vader ihm im Duell seine echte abgetrennt hat. Nur ist die Hand im Teaser nicht von künstlicher Haut oder einem Handschuh bedeckt.

Lukes Voice-Over geht weiter mit den Worten „My sister has it“. Dazu sehen wir, wie ein Lichtschwert von einer Person an eine andere weiter gegeben wird.

Star Wars: The Force AwakensPh: Film Frame©Lucasfilm 2015Es scheint sich dabei um Anakin Skywalkers Lichtschwert zu handeln, das Obi-Wan Kenobi auf Mustarfar an sich genommen und später in Episode IV an Luke weitergegeben hat. Da Luke es in der Hand hielt, als diese ihm von Darth Vader abgeschlagen wurde, schien es danach auf Bespin verloren zu sein. Nun macht es den Anschein, als sei es gefunden worden. Aber von wem? Und an wen wird es hier weiter gegeben? Das Voice-Over deutet an, dass Leia die Empfängerin des Lichtschwerts ist. Werden wir also Leia als Jedi – und mit einem Lichtschwert kämpfen – sehen?

Nun werden die Worte Luke Skywalker so richtig interessant. „You have that power, too“, sagt er. Aber zu wem? Der Kontext legt nahe, dass es sich um eine weitere Person aus der Skywalker-Familie handelt. Hat Luke einen Sohn oder eine Tochter? Haben Han und Leia Kinder? Spricht er zu Rey (Daisy Ridley)? Oder doch zu der von Domhnall Gleeson gespielten Figur, die man bislang noch nirgends gesehen hat? Aufgrund seines Aussehens wurde ja gemutmaßt, er spiele Luke Skywalkers Sohn. Leider folgt auf Lukes Worte keine Einstellung, die diesbüglich Schlüsse weitere zulässt. Statt dessen werden die Worte „This Christmas“ eingeblendet. Danach sehen wir eine Staffel X-Wings über das Wasser rasen, ähnlich der aus dem ersten Teaser bekannten Szene. Wie im ersten Teaser folgt darauf eine Einstellung von Poe Dameron im Cockpit seines X-Wings. Dieses Mal darf Oscar Isaac einen Freudenschrei loswerden.

Anschließend folgt eine kurze Einstellung des vermeintlichen Hauptbösewichts des Films, der mit seinem roten Lichtschwert zuschlägt. Um ihn herum scheint es zu brennen, außerdem sind Sturmtruppler hinter ihm zu erkennen. Gehören die Sturmtruppen weiterhin zu den Bösen und dienen sie dem Träger des roten Lichtschwerts? Ist das Imperium immer noch der Gegner der Hauptfiguren? Die nächste Einstellung zeigt Rey, Finn und BB-8, die vor einer Explosion oder einem Angriff davon rennen. Dann gibt es wieder ein ganz besonders interessantes Bild, das erneut den Bösewicht zeigt.

STAR WARS: DAS ERWACHEN DER MACHTDie Einstellung scheint aus derselben Szene zu stammen wie die ein paar Sekunden vorher. Bekannt ist inzwischen der Name der Figur: Kylo Ren. Wahrscheinlich wird er von Adam Driver gespielt. Aber um wen genau handelt es sich hier? Um einen Sith? Einen abtrünnigen Jedi? Ist Kylo womöglich Lukes oder Leias Sohn, der der dunklen Seite der Macht verfallen ist? Ist er derjenige, der Artefakte wie Vaders Maske sammelt? Und warum trägt er selbst eine Maske? Bei genauerer Betrachtung der Einzelbilder dieser Szene fällt zudem auf, dass die Sturmtruppen im Hintergrund eine Gruppe von Personen gefangen zu halten scheinen.

Weiter geht es mit einer Einstellung, die all diejenigen eines Besseren belehrt, die gedacht haben, das Imperium spiele im neuen Film keine große Rolle mehr. Hier sehen wir einen großen Truppenaufmarsch vor einem schneebedeckten Gebirge.06Wie im ersten Teaser sind wieder die neuen TIE-Fighter mit den hellen bzw. halbtransparenten Seitenflächen zu sehen. Auch das neue Design der Sturmtruppen erkennt man hier gut. Mir gefallen diese Änderungen. Sie zeigen, dass es sich immer noch um dieselbe weit, weit entfernte Galaxis handelt, in der allerdings einige Jahrzehnte vergangen sind, seit dem wir sie zum letzten Mal gesehen haben. Im Hintergrund sehen wir ein großes rotes Banner mit einem Emblem, das dem Zeichen des Imperiums nur entfernt ähnlich sieht. Ob es also für das Imperium steht, wird sich zeigen müssen. Interessant ist auf jeden Fall auch die schwarz-weiß-rote Farbgebung der Einstellung, die zusammen mit dem Truppenaufmarsch Assoziationen zum Dritten Reich weckt. Ein Detail, das man beim ersten Anschauen leicht übersieht, findet sich zudem in der Mitte des Bildes: Auf der Plattform scheint eine Person zu stehen, die zu den Sturmtruppen spricht. Um wen handelt es sich dabei? Um den neuen Anführer des Imperiums? Ist es Kylo Ren? Auf welchem Planeten spielt sich die Szene ab? Handelt es sich dabei um das neue Zentrum des Imperiums?

Es folgt eine kurze Einstellung von Rey, in der Daisy Ridley wieder einmal große Ähnlichkeit zu Natalie Portman aufweist. Dann sehen wir zwei TIE-Fighter durch den Himmel (nicht durch den Weltraum) rasen. Die nächste Einstellung zeigt einen Kampf in einem Hangar, womöglich auf einem Sternenzerstörer.

07Diese Szene erinnert mich ein wenig an den Beginn von Episode III, wo man in einigen Einstellungen ähnliche Bilder sieht. Gegen wen kämpfen die Sturmtruppen hier wohl? Als nächstes sieht man Finn in seiner Sturmtrupplerrüstung, wie er den Helm abnimmt. Dann folgt eine wirklich coole Einstellung, in der einige Raumschiffe auf einen Sternenzerstörer zu fliegen.

09Ich finde das deshalb so cool, weil das Gezeigte auch hier sofort wieder Erinnerungen an die alten Filme weckt, man aber gleichzeitig merkt, das irgendetwas anders aussieht. Auch die Raumschiffe des Imperiums haben sich weiter entwickelt. Aber wenn das hier schon cool ist, was ist dann erst die nächste Szene?

STAR WARS: DAS ERWACHEN DER MACHTWie geil ist das denn? Ein Chrom-Stormtrooper! Handelt es sich um einen Anführer á la General Grievous? Irgendwie kann ich mir nicht vorstellen, dass diese Chromrüstung beim Imperium zur Standardausrüstung gehört. Vielleicht ist dieser Chromtruppler ein Kopfgeldjäger. Soweit ich aus den sehr wenigen Gerüchten, die ich mitbekommen habe, weiß, ist der Name dieser Figur Captain Phasma. Ist das die von Gwendoline Christie gespielte Figur, steckt also eine Frau unter der Rüstung? Der Charakter sieht wirklich verdammt cool aus, nicht zuletzt auch dank des Capes.

Es folgt BB-8, der anscheinend an Bord des Millennium Falcom vorsichtig um eine Ecke lugt. Warum wohl?

STAR WARS: DAS ERWACHEN DER MACHTDann sehen wir noch einmal Rey und anschließend Finn, der (wahrscheinlich von Rey) eine Hand gereicht bekommt. Weiter geht es mit Szenen aus der Verfolgungsjagd zwischen dem Falken und einigen TIE-Fightern, auf die wir schon im ersten Teaser einen Blick erhaschen konnten. Dieses Mal sehen wir aber noch mehr davon – und auch das ist wieder verdammt cool (auch auf die Gefahr hin, diesen so uncool veralteten Ausdruck hier zu überstrapazieren).

STAR WARS: DAS ERWACHEN DER MACHTDer Falke und die TIE-Fighter rasen nämlich tatsächlich durch die Triebwerke eines abgestürzten Supersternenzerstörers und in das Innere des riesigen Raumschiffs hinein. In der nächsten Einstellung sehen wir kurz einen der TIE-Piloten, bevor wir noch einmal einmal einen Blick auf die durch das Raumschiff rasenden Schiffe werfen dürfen. Die Szene erinnert an die Verfolgungsjagd, die sich der Falke in Episode VI im Inneren des Todessterns mit einigen TIE-Fightern geliefert hat. Das alles spielt sich wohl auf demselben Schrottplatzplaneten namens Jakku ab, auf dem auch Rey zu Beginn des Films lebt.
Dann wird das Bild wieder schwarz…und wir hören eine weitere altbekannte Stimme. Es ist Han Solo! „Chewie…“, sagt er, bevor die Szene eingeblendet wird und wir tatsächlich Han Solo und Chewbacce zu sehen bekommen!

12„…we’re home“, beendet Han Solo seinen Satz und ganz genauso fühlt man sich auch beim Betrachten dieser Szene. Han Solo ist um dreißig Jahre älter, aber es ist unverkennbar Han Solo. Chewie neben ihm hat die Armbrust schussbereit; die Pose erinnert an bekannte Promo-Fotos des allerersten Star Wars-Films. Im Gegensatz zu Han Solo finden sich bei Chewbacca kaum graue Haare, aber hey, er ist ja schließlich auch ein Wookiee und war bereits in Episode IV etwa 200 Jahre alt. Da machen 30 Jahre keinen so großen Unterschied. Hans „We’re home“ bezieht sich anscheinend darauf, dass sich die beiden wieder an Bord des Millennium Falcon befinden, was die interessante Frage aufweist, ob Han Solo seine alte Mühle lange Zeit nicht zu Gesicht bekommen hat. Hat er den Falken etwa bei einem Sabacc-Spiel wieder verloren? Ist das Schiff gestohlen worden? Kam es durch noch unbekannte Umstände nach Jakku zu Rey? Oder interpretiere ich hier zu viel in Han Solos Worte hinein? Allerdings scheinen ja sowohl Chewie als auch Han ihre Waffen schussbereit zu haben? Sind sie also gerade dabei, sich ihr Raumschiff zurück zu erobern?

Ich kann es kaum erwarten, Antworten auf all diese Fragen zu bekommen. Die möchte ich aber auch erst bekommen, wenn ich im Dezember den Film sehe. Ich werde mich also weiter möglichst weit fern von Spoilern halten und nur die offiziell veröffentlichten Bilder, Texte und Trailer anschauen. Ich vertraue J.J. Abrams, dass er nicht zu viel verrät und entscheidene Handlungselemente, Figuren und Szenen noch bis zum Filmstart geheim hält. Der Teaser hat mir jedenfalls wahnsinnig gut gefallen. Er fühlt sich einfach vollkommen nach dem alten Star Wars an und fügt behutsam neue Elemente dazu.

Hier ist übrigens noch die deutsche Version des Teasers, die überraschenderweise noch einmal eine ganz andere Wirkung auf mich hatte. Obwohl ich seit Jahren Filme nur noch in der Originalfassung anschaue, kriege ich die deutschen Synchronfassungen der alten Star Wars-Filme nämlich nicht mehr aus dem Kopf, weil ich die als Teenager so oft gesehen habe. Deswegen fühle ich mich sofort an diese Zeit erinnert, wenn ich Luke Skywalkers deutsche Stimme höre: „Die Macht ist stark in meiner Familie…“

Noch 244 Tage….

 

Bilder: Copyright Lucasfilm / Disney 2015

Star Trek: Enterprise – Season 1

Wie an einigen meiner früheren Blogposts unschwer zu erkennen ist, hängt mein Herz an „Star Wars“ und „Babylon 5“. Doch ich mag auch das „Star Trek“-Universum sehr gerne, wenn ich mich auch nicht als großen Fan bezeichnen würde. Aber ich kenne den Großteil der Episoden aller TV-Serien (die Original-Serie hole ich zurzeit nach) sowie alle Kinofilme. In den Neunzigern habe ich als Teenager jeden Freitagabend auf Sat 1 „Star Trek: Voyager“ geguckt und auch die jüngste Serie „Enterprise“ (2001-2005) habe ich von der ersten bis zur letzten Folge gespannt mitverfolgt.
Vielleicht lag es daran, dass es nun schon seit zehn Jahren keine neuen „Star Trek“-Abenteur mehr im Fernsehen gab, dass ich in den letzten Monaten verstärkt Lust auf „Star Trek“ bekommen habe. Jedenfalls habe ich mir die erste Staffel von „Enterprise“ zugelegt, denn das ist ja die neueste, modernste, interessanteste der „Star Trek“-Serien – so jedenfalls muss ich sie in Erinnerung gehabt haben, als ich mich dazu entschied meinen großen „Star Trek“-Rewatch aller Serien gerade mit „Enterprise“ zu beginnen. Tja, was soll ich sagen, die Erinnerung spielt einem manchmal böse Streiche. Ich habe in den letzten zwei oder drei Monaten zwar die gesamte erste Staffel noch einmal angesehen, doch es war über weite Strecken eine ziemliche Qual.

„Star Trek: Enterprise“ hieß beim Serienstart 2001 einfach nur „Enterprise“, weil die Macher wohl der Meinung waren, das Wort Enterprise sei selbsterklärend und der „Star Trek“-Zusatz würde höchstens abschreckend wirken. Diese Titeländerung (die ab der dritten Staffel wieder rückgängig gemacht wurde) und der umstrittene Titelsong (den ich sehr gerne mag!) sind allerdings auch schon die zwei mutigsten Entscheidungen bei der Konzeption dieser Serie, die über 100 Jahre vor den Abenteuern der Originalserie um Captain Kirk spielt. Wenn man sich das Bonusmaterial auf den „Enterprise“-Blu-rays anschaut, dann bekommt man einen recht guten Eindruck davon, dass diese Serie so wie sie letztlich zu sehen war, eigentlich von niemandem gewollt war. Nachdem in den Neunzigern „The Next Generation“, „Deep Space Nine“ und „Voyager“ teilweise gleichzeitig und größtenteils auch äußerst erfolgreich im Fernsehen liefen, wollte Paramount, das hinter dem „Star Trek“-Universum stehende Studio, nach dem Ende von „Voyager“ 2001 unbedingt eine weitere Serie. Brannon Braga, einer der kreativen Köpfe und Produzenten hinter „The Next Generation“ und „Voyager“, schlug eine Prequel-Serie vor, die die ersten Schritte der Menschheit bei der Erforschung des Alls zeigen sollte. Die Serie sollte die Lücke schließen zwischen dem im Film „First Contact“ gezeigten ersten Kontakt der Menschen mit den Vulkaniern im Jahr 2063 und der im 23. Jahrhundert spielenden Original-Serie, in der bereits die Vereinte Föderation der Planeten existiert und die Menscheit die Tiefen des Weltraums erforscht. Bragas Konzept beinhaltete unter anderem, die erste Staffel der Serie noch ganz auf der Erde spielen zu lassen und den Bau des ersten Raumschiffs Enterprise sowie die Konflikte und Kontroversen, aber auch die Aufbruchstimmung im Vorfeld der geplanten Mission zu zeigen. Das Studio jedoch hatte eine andere Serie im Sinn und wollte nicht in der Zeit zurück gehen, sondern noch weiter in die Zukunft. Weil Braga unabhängig von seinen Plänen für „Star Trek“ die Idee zu einer Zeitreise-Geschichte hatte, wurden diese schließlich in das Prequel-Konzept eingebaut, um so zu einem Kompromiss zu kommen. Es entstand also eine Prequel-Serie, die aber von Anfang an auf einem Raumschiff spielte und in einem Nebenhandlungsstrang einen „temporalen kalten Krieg“ behandelte, in dem mehrere aus der fernen Zukunft agierende Akteure den Lauf der Geschichte zu ändern versuchen.
Wie das bei Kompromissen häufig der Fall ist, wurde letztlich keine dieser beiden Ideen wirklich konsequent umgesetzt. Der temporale kalte Krieg spielt nur in wenigen Episoden der ersten Staffel eine Rolle und wird – wenn ich mich richtig erinnere – im späteren Verlauf der Serie einfach fallen gelassen, ohne dass seine Hintergründe ausreichend erklärt werden. Auch die Idee einer Serie, die zu einer Zeit spielt als die Erforschung des tiefen Weltraums und die aus den anderen „Star Trek“-Serien bekannte Technik zum Teil noch nicht alltäglich sind, wurde reichlich verwässert. So wurde zum Beispiel die ursprüngliche Idee, eine Zeit zu zeigen, in der die Transporter-Technologie noch nicht erfunden ist, auf Drängen des Studios fallen gelassen (bei Paramount hatte man Angst, eine „Star Trek“-Serie, in der nicht „gebeamt“ wird, sei eben kein richtiges „Star Trek“). Also kommt das Beamen doch vor, wird jedoch wie einige andere Technologien – wie z.B. die Phaser –  als noch nicht ausgereifte Neuerung präsentiert, vor der die Figuren noch Respekt haben. Das Problem dabei (und die Macher waren sich dessen bewusst, wie aus den Interviews auf den Blu-rays hervorgeht): Sobald jeweils der erste Einsatz einer dieser Technologien erfolgte – was schon ab dem Pilotfilm geschah – stellte deren Verwendung keine Neuerung mehr dar und der Gag, dass eben das Beamen den Charakteren nicht ganz geheuer ist, geht somit verloren. Kurzzeitg wurde auch in Erwägung gezogen, ein vollkommen anderes Raumschiff zu designen, bevor man dann doch wieder auf die aus den anderen Serien bekannte Untertasse mit den zwei Warpgondeln zurückgriff.
Obwohl ich „Enterprise“ damals sehr genossen habe, finde ich es aus heutiger Sicht geradezu erschreckend, wie wenig Mut die Macher hier bewiesen haben und wie sehr sie es sich auf bereits ausgetretenen Pfaden bequem gemacht haben, statt dem „Star Trek“-Motto treu zu bleiben: to boldly go where no man has gone before. Braga gibt in einem der Interviews auf den Blu-rays zu, dass er und die anderen Autoren schnell in die Falle getappt sind, einfach Geschichten zu erzählen, die man auch im Rahmen jeder anderen „Star Trek“-Serie hätte erzählen können. Er macht dafür zum einen den Zeitdruck verantwortlich (es mussten 26 Folgen pro Staffel geschrieben werden), zum anderen die Tatsache, dass die meisten der von ihm für die Serie ausgesuchten Drehbuchautoren Neulinge im „Star Trek“-Universum waren. Das hätte wohl für frischen Wind sorgen sollen, führte schließlich aber vor allem dazu, dass Braga deren unausgereifte Drehbücher fast alle stark überarbeiten musste. Immerhin gibt Braga die mangelhafte Qualität vieler Drehbücher zu und nimmt die Verantwortung dafür auf sich. Er gibt auch ganz offen zu, dass er zahlreiche Episoden der ersten Staffel für alles andere als gelungen hält („fucking terrible“, „I hated it“ oder „a fucking bore“ sind einige der Beschreibungen, die er für einzelne Folgen benutzt).
Viel zu oft hat man dann auch sehr früh in der Serie auf bereits bekannte Elemente zurück gegriffen, sich also narrativ rückwärts orientiert, statt vorwärts zu gehen und Neues zu wagen. Das beginnt schon bei der alles andere als kreativen Idee, dass es nun schon wieder eine Serie über ein Raumschiff geben muss. Ganz besonders dreist aber waren die Erfinder der Serie mit ihrer „Idee“, die legendäre Dynamik des Trios aus Kirk, Spock und McCoy in „Enterprise“ wieder aufleben zu lassen, indem sie versuchten, die Figuren schlicht zu kopieren. Captain Archer (Scott Bakula) als Kirk, die Vulkanierin T’Pol (Jolene Blalock) als Spock und der Ingenieur Charles „Trip“ Tucker (Connor Trinneer) als McCoy. Letzterer hat sogar einen Spitznamen, genau wie sein „Vorbild“ und spricht genau wie dieser gerne in Metaphern. Dass die Beziehung zwischen den Dreien nie die Tiefe und den Witz des Vorbildes erreicht, liegt zum einen an der miserablen Qualität vieler Drehbücher, denen keine komplexe Charakterisierung der Figuren gelingt. Zum anderen finde ich aber rückblickend auch Blalocks Schauspielentscheidungen höchst seltsam. Sie scheint sich so sehr anzustrengen, die rationale und emotionslose Seite der Vulkanier darzustellen, dass sie meistens vollkommen vergisst, dass zum Vulkanierdasein von Leonard Nimoys Spock ja durchaus eine humorvolle, verschmitzte Seite gehörte. Manchmal hat man bei ihm geradezu den Eindruck, er spiele mit den Erwartungen, die seine menschlichen Kollegen an ihn haben, um sie dann gezielt zu unterlaufen. Bei T’Pol dagegen kommen derartige menschliche Regungen extrem selten vor. (Das könnte man nun „in universe“ damit erklären, dass Spock schließlich nur Halbvulkanier ist. Trotzdem will der Zuschauer das Innenleben der Figuren nachvollziehen können und das geht nicht, wenn sich ein Schauspieler fast vollkommen auf die Darstellung einer einzigen Charaktereigenschaft konzentriert.) Das Resultat ist, dass T’Pol oft nicht vulkanisch-rational wirkt, sondern ganz einfach nur kühl und schlecht gelaunt. Es gibt wie gesagt einige wenige Ausnahmen, beispielsweise ihr Interesse für eine Gruppe höchst untypischer Vulkanier, auf die die Enterprise in der gelungenen Episode „Fusion“ (1.17) trifft. Diese wollen T’Pol dazu ermutigen, ihre Emotionen zuzulassen und zu zeigen, doch nach der für sie erschreckenden Erfahrung einer vulanischen Gedankenverschmelzung entscheidet sich T’Pol gegen diesen Weg.

Bei all der Kritik, die ich hier an der Serie übe, frage ich mich allmählich selbst, warum ich die gesamte erste Staffel noch einmal angeschaut habe. Trotzdem bin ich mit dem Kritisieren noch nicht fertig. Noch gar nicht erwähnt habe ich die berüchtigte „Dekontaminierungskammer“ (oder wie immer man das Ding auch nennt), einer der wenigen wirklich neuen Einfälle, die die Macher hier hatten, aber auch einer der schlimmsten. Im Pilotfilm sitzen Trip und T’Pol nach einer Außenmission gemeinsam in Unterwäsche in dieser Kammer und müssen sich (zum Teil gegenseitig) mit Desinfektionsgel einschmieren. Nicht nur macht dieser Vorgang wenig Sinn (warum müssen z.B. die noch von Kleidung bedeckten Hautpartien anscheinend nicht eingeschmiert werden?), er stellt auch eines von mehreren Beispielen für die unnötig sexualisierte Darstellung von Frauen in der Serie dar, die ganz und gar nicht so fortschrittlich wirkt, wie das „Star Trek“-Universum sich ja gerne gibt.
Ein weiteres besonders großes Ärgernis findet sich in Episode 1.09 („Civilization“). Dabei handelt es sich um eine jener „Star Trek“-Folgen, in der die Crew des Schiffs „undercover“ auf einem Planten forscht, der von einer weniger fortschrittlichen Zivilisation bewohnt wird. Ich persönlich finde ja bereits diese Ausgangssituation zum Gähnen; gefühlte hundertmal hat man so etwas in „Star Trek“ bereits gesehen. Dass die Außerirdischen auf diesem Planeten fast genau wie Menschen aussehen, stört mich nicht einmal. Schließlich werden sie von Menschen gespielt und selbst bei „Star Trek“ reichen Zeit und Geld wohl nicht aus, um für jede Folge aufwändige, den ganzen Kopf bedeckende Masken zu kreieren. Aber dass sich diese Zivilisation dann auch in ihren Gebräuchen und ihrem Umgang untereinander gar nicht von uns Menschen unterscheidet, empfinde ich als extrem unglaubwürdig. Warum tragen auch hier die Frauen lange Haare und Kleider? Warum finden sich Archer und seine Crew sofort auf dem Planeten zurecht und fallen (dank ihrer Verkleidung) nicht auf? Sie müssen sich zwar physisch verkleiden, doch da sie mit den Sitten und Umgangsformen auf diesem Planeten noch überhaupt nicht vertraut sind, müssten sie doch trotz des Simultanübersetzers – noch so eine Technik, auf die man in der Serie anfangs anscheinend verzichten wollte, auf die man sich dann aber doch recht schnell verließ – sofort als Fremde auffallen. Als Archer seine Idee vorträgt, getarnt auf dem Planeten zu ermitteln, weist T’Pol ihn darauf hin, er würde sofort erkannt werden. Seine Antwort: „Not if we look like them.“ Schade, dass die Serie hier den Zuschauer für dumm verkauft. Natürlich lässt sich ein fremdes Volk, das bis auf sein Aussehen den Menschen gleicht, in einer 45-minütigen Episode einfacher darstellen als eine auch sozial völlig andere Zivilisation. Dafür bräuchte es schon mehrere Episoden, aber das wäre auch eine Chance gewesen: einmal nicht in jeder Folge einen neuen Planeten, ein neues fremdes Volk oder Ähnliches einbauen, sondern für mehrere Episoden auf ein und demselben Planeten verharren und dafür der Geschichte sowie den Haupt- und Nebenfiguren Zeit geben, sich zu entwickeln. Statt dessen liefert die erste Staffel hauptsächlich in sich abgeschlossene Episoden und wirkt damit zumindest in ihrer Erzählweise bereits heute veraltet. Erst in der dritten Staffel, mit der die Serie einen deutlichen Qualitätssprung macht, wagen die Autoren endlich etwas Neues und gehen auch den Weg hin zu einer durchgehend episodenübergreifenden Erzählweise.

Bevor ich zu den wenigen Dingen komme, die mir an der ersten Staffel gefallen haben, bleibe ich noch einen Moment bei den (besonders) schlechten Episoden. In „Unexpected“ (1.05) kommt es zu einer männlichen Schwangerschaft: Nach einer kurzen, eigentlich ganz unschuldigen Beziehung zu einer außerirdischen Frau wird Trip plötzlich zum Träger eines Embryos. Eine Ausgangssituation, die Stoff für eine interessante Geschichte bietet, sollte man meinen. Leider ignoriert die Folge diese Möglichkeiten jedoch und der Embryo wird schließlich einfach auf einen anderen Wirt übertragen – ohne die damit verbundenen ethischen Fragen auch nur ansatzweise zu thematisieren. Besonders langweilige Episoden sind auch „Fortunate Son“ (1.10), wo nicht zum letzten Mal der Versuch, dem Steuermann Travis Mayweather (Anthony Montgomery) charakterliche Tiefe zu verleihen, fehlschlägt und „Rogue Planet“ (1.18), eine jeder Episoden, die wirkt wie aus der Schublade für „jederzeit einsatzbereite Trek-Folgen“ gezogen worden zu sein. Wirklich alles darin hätte auch in jeder anderen „Star Trek“-Serie mit irgendwelchen anderen Figuren passieren können; dementsprechend gleichgültig ist einem das Geschehen auch. Noch dazu findet sich hier eines jener ärgerlichen Beispiele für die allzu positive Zukunft, in der die Menschen im „Star Trek“-Universum leben. Ich habe wirklich nichts gegen Optimismus, Idealismus und Aufbruchsstimmung. Aber dass die Menschheit ihre größten Probleme innerhalb weniger Jahrhunderte komplett bewältigt, erscheint mir einfach unrealistisch. Im Pilotfilm wird klar gestellt „War, disease, hunger, [we] pretty much wiped them out in less than two generations.“. In „Rogue Planet“ trifft die Crew der Enterprise auf einem fremden Planeten auf eine Gruppe von Jägern – und was ist das erste, das Archer zu ihnen sagt, als er erfährt, dass sie das Jagen als Sport verstehen? „Hunting went out of style on Earth more than a hundred years ago.“ Aus dem Mund eines Captains, der Kontakt zu fremdem Zivilisationen herstellen soll, klingt das nicht nur wie eine höchst unerfahrene und undiplomatische Aussage, sondern zeugt auch von einer menschlichen Arroganz, die sich die Menschen zu diesem Zeitpunkt noch gar nicht leisten können.

Nun aber mal zu ein paar positiven Aspekten. Wirklich gefallen hat mir die Beziehung zwischen den Menschen und den Vulkaniern, die schon im Pilotfilm sehr schön etabliert wurde. Während die Menschen endlich auch ohne Aufsicht und fremde Hilfe die Weiten des Alls erforschen wollen, halten die Vulkanier uns dafür immer noch nicht für reif genug. Daraus ergeben sich immer wieder Reibungen zwischen dem vulkanischen Botschafter auf der Erde, Soval (Gary Graham) und T’Pol auf der einen Seite, sowie Captain Archer und Admiral Forrest (Vaughn Armstrong) auf der anderen. Davon hätte ich gerne mehr gesehen und wahrscheinlich handelt es sich bei diesem Element der Geschichte um eines der Überbleibsel der ursprünglichen Idee Brannon Bragas für die Serie. Recht faszinierend finde ich an sich auch die Idee des temporalen kalten Krieges, der von einer mysteriösen Figur aus der fernen Zukunft gesteuert wird. Leider wussten die Autoren aber anscheinend nicht genau, was sie mit dieser Idee anfangen sollten. Sie wird jedenfalls nur in wenigen Folgen aufgegriffen und weiter gesponnen. Ganz besonders gut gefällt mir der Look der Serie – die Effekte, die Sets und das allgemeine Design. Beim Design der Innenräume des Schiffs hat man sich von U-Booten inspirieren lassen und lässt alles etwas enger und metallischer wirken als in den früheren Serien. Darüber, dass vieles keinen Sinn macht, kann ich hinwegsehen. Zum Beispiel wirken die „Klapp-Kommunikatoren“ heute vollkommen veraltet, aber weil sie eben in der Originalserie etabliert worden sind, kann man in „Enterprise“ keine moderner wirkende Technik zeigen.
Es ist ja generell ein Problem von Prequels, dass man nichts zeigen darf, was den bekannten, späteren Ereignissen und Elementen widerspricht. So dürfen etwa auch die Taten und Entdeckungen Archers und seiner Crew nicht größer oder bedeutender sein als die von Kirk, Spock und Co, weil diese sonst nachträglich entwertet würden. Auch diesem Problem ließe sich aus dem Weg gehen, indem man ganz einfach völlig andere Geschichten erzählt, so wie es dann in der dritten Staffel geschieht.
Zu den Episoden, die mir gut gefallen haben, gehört „The Andorian Incident“ (1.07), wo wir auf die aus der Originalserie bekannten Andorianer treffen. Deren Anführer wird von „Star Trek“-Veteran Jeffrey Combs gespielt, dem es vielleicht als einzigem Schauspieler in dieser Staffel gelingt, seine Figur mit der richtigen Mischung aus Ernst und Ironie anzulegen. Auch „Shadows of P’Jem“ (1.15), das diesen Handlungsstrang fortführt, weiß gut zu unterhalten. „Shuttlepod One“ (1.16) fand ich damals beim ersten Anschauen wahnsinnig faszinierend. Dieses Mal hat mich die Folge, in der Trip und Lieutenant Reed (Dominic Keating) in einem einsam im Weltraum treibenden Shuttle dem Tod ins Auge sehen, zwar nicht mehr so sehr fasziniert, aber schauspielerisch fand ich sie dennoch beeindruckend. „Fusion“ habe ich schon erwähnt, in „Detained“ (1.21) geraten Archer und Mayweather in ein kafkaesk anmutendes Gefangenenlager der Tendaraner; gleichzeitig erweitert die Episode den Handlungsstrang um die in den temporalen kalten Krieg verwickelten Suliban sinnvoll. Auch „Fallen Hero“ (1.23) weiß zu gefallen. Die Enterprise nimmt darin eine vulkanische Botschafterin vorübergehend als Gast auf, die sich als ganz und gar nicht typische Vertreterin ihrer Spezies entpuppt. Das Finale „Shockwave (Part 1)“ wartet schließlich mit einem nicht ganz taufrischen Cliffhanger auf, aber immerhin ist man gespannt, wie die Geschichte weiter geht.

Die erste Staffel von „Enterprise“ hat also durchaus ihre Lichtblicke. Das soll jedoch nicht darüber hinweg täuschen, dass die Autoren hier oft schlicht und einfach faul waren oder nicht wussten, was sie taten. Wer verzweifelt nach neuen „Star Trek“-Abenteuern sucht, der wird auch damit gut bedient, aber den eigenen Horizont erweitert man mit diesen Variationen altbekannter Geschichten nicht (wer nach Gründen sucht, sich „Enterprise“ mal wieder anzusehen, findet sie hier). Zuschauer, die bislang noch kaum mit dem „Star Trek“-Universum in Berührung gekommen sind, werden vielleicht weniger Schwierigkeiten mit dieser ersten Staffel haben und tatsächlich stellt sie mit ihrem modernen Look und den immer noch gut aussehnden Effekten einen guten Einstiegspunkt ins „Star Trek“-Universum dar. Aber ob man dabei auch vielschichtige Figuren kennen lernt, die einem mit der Zeit ans Herz wachsen, wage ich zu bezweifeln.
Ich kann jedenfalls inzwischen auch nicht mehr nachvollziehen, warum ich ausgerechnet die erste Staffel von „Enterprise“ noch einmal angeschaut habe. Wahrscheintlich, weil ich stets auf Korrektheit und Komplettheit bedacht bin; dementsprechend werde ich in ein paar Monaten wohl auch die zweite Staffel wieder einmal anschauen, bevor ich dann zu den richtig guten Seasons 3 & 4 komme. Momentan schaue ich mich wie oben erwähnt erstmals durch die zweite Staffel der Originalserie, die trotz der lächerlich wirkenden Sets und Kostüme unglaublich unterhaltsam ist. Mehr dazu irgendwann hier im Blog.

Buffy the Vampire Slayer – Season 4 (& Angel – Season 1)

Nachdem ich im letzten Jahr begonnen habe, eine große popkulturelle Bildungslücke zu schließen und mir die erste, zweite und dritte Staffel von Joss Whedons „Buffy the Vampire Slayer“ angeschaut habe, bin ich in den letzten Wochen nach Sunnydale zurückgekehrt und habe mir die vierte Staffel angesehen. Dafür habe ich etwas länger gebraucht als für die früheren Staffeln, denn wenn man die volle Buffyverse-Erfahrung haben will, muss man nun ja zwei Serien gleichzeitig gucken: Nachdem Buffy (Sarah Michelle Gellar) und Angel (David Boreanaz) am Ende der dritten Staffel eingesehen haben, dass sie sich zwar immer lieben, aber auch immer unglücklich machen werden, hat Angel Sunnydale verlassen und lebt nun in Los Angeles. Dorthin hat es nach der High School auch Cordelia (Charisma Carpenter) verschlagen, die von der großen Schauspielkarriere träumt, aber tatsächlich in Angels Detektivbüro arbeitet. Aber damit bin ich ja schon bei der Spinoff-Serie „Angel“, obwohl ich zunächst eigentlich über „Buffy“ schreiben wollte. Da ich das volle Buffyverse-Erlebnis haben wollte, konnte ich „Angel“ natürlich nicht unter den Tisch fallen lassen und habe mich an die hier vorgeschlagene Reihenfolge gehalten, um vor allem bei den jeweiligen Crossover-Episoden der beiden Serien keine bösen Überraschungen zu erleben (z.B. dass in einer Serie wichtige Ereignisse erwähnt werden, die einen Spoiler für die andere Serie darstellen, weil man die entsprechende Folge noch nicht gesehen hat).

Ich beginne also mit „Buffy“. Die größte Herausforderung unserer Titelheldin scheint in der ersten Episode der Staffel nicht ein Dämon zu sein (das „Slayen“ ist ja mittlerweile Routine für sie), sondern das Erstellen ihres Stundenplans fürs College. Ich kann zwar auch nach 22 Folgen immer noch nicht sagen, was genau Buffy eigentlich studiert, aber mit dem Übergang von der High School zur Uni verändert sich für sie so einiges. Anders als in ihrem letzten Schuljahr muss sie ihre Identität als Slayer am College wieder geheim halten und erlebt gleich am ersten Tag auf dem Campus, wie chaotisch das Unileben sein kann. Doch sie und ihre beste Freundin Willow (Alyson Hannigan) machen auch neue Bekanntschaften. Da wäre zum einen Riley (Marc Blucas), der im Lauf der Staffel mit Buffy zusammen kommt (auch wenn ihre erste Begegnung nicht besonders glücklich verläuft und er Buffy zunächst nur als „Willow’s friend“ im Gedächtnis behält). Dann wäre da Kathy (Dagney Kerr), die mit Buffy ein Zimmer im Wohnheim teilt. Es stellt sich allerdings sehr schnell heraus, dass die beiden überhaupt nicht zueinander passen: Als Kathy mit den Worten „I just know that this whole year is gonna be super fun!“ ein Céline Dion-Poster neben ihr Bett hängt, charakterisiert das nicht nur ohne viele Worte ihre Figur, sondern sorgt auch noch für einen der besten Gags der ganzen Serie. In der zweiten Folge treibt Kathy Buffy mit ihren Marotten fast in den Wahnsinn. Nachdem sie sich schließlich als Dämon entpuppt hat und nach etwas Arbeit von Giles und Buffy wieder aus dieser Welt verschwunden ist, zieht Willow zu Buffy ins Zimmer – warum eigentlich nicht gleich? Und dann ist da noch Professor Walsh (Lindsay Crouse) oder „the evil bitch monster of death“, wie die Psychologie-Professorin eigener Aussage zufolge unter ihren Studenten bekannt ist. Mehr zu ihr später.

Als Willow und Buffy gemeinsam das College-Gelände erkunden, ist Willow von der riesigen Universitätsbibliothek begeistert, merkt aber auch an, wie schade es ist, dass Giles (Anthony Stewart Head) nicht dort arbeitet. Tatsächlich ist Buffys ehemaliger Watcher kein so wichtiger Teil ihres Lebens mehr wie früher. Er ist zwar im Lauf der Staffel immer wieder tief in die Aktionen der Scoobies zur Bekämpfung des Bösen mit eingebunden, aber Buffy ist eben inzwischen erwachsen und hat es nicht mehr nötig, ständig von einer Vaterfigur geführt zu werden. Fühlt sie sich in der ersten Episode noch von Giles allein gelassen, so ist es im späteren Verlauf der Staffel vor allem Giles, der sich allein und nicht mehr gebraucht fühlt. Er durchlebt in der vierten Staffel eine midlife crisis. Er fängt an zu joggen, abonniert plötzlich Auto-Magazine, schaut in Buffys Stammclub, dem Bronze, vorbei und hat ein Geheimnis, das Buffy, Willow und Xander schließlich lüften: Er tritt als Sänger in einer Bar auf – und ist dabei ziemlich gut, wie Buffy feststellen muss. Giles bleibt zwar auch die ganze vierte Staffel über Teil der Serie und kommt in allen 22 Folgen vor, doch ich hatte das Gefühl, dass er eigentlich nicht mehr viel in der Serie zu suchen hat. Soweit ich weiß, wird er irgendwann in den noch verbleibenden drei Staffeln vom Haupt- zum Nebencharakter herabgestuft, persönlich bin ich allerdings der Meinung, dass man ihn  hätte sterben lassen sollen. Giles nimmt in der Serie die klassische Mentor-Position ein und müsste als solcher – nach den u.a. von Joseph Campbell dargelegten Regeln der mythologischen Heldenreise – früher oder später sterben. Vielleicht habe ich ja unrecht und er stirbt tatsächlich noch. (Glaube ich aber nicht, denn ich bin leider schon ein wenig gespoilert und weiß, dass eine andere für Buffy sehr wichtige Person in der fünften Staffel sterben wird.)

Bevor Buffy im Lauf der Staffel mit Riley zusammen kommt, verliebt sie sich erst einmal in Parker (Adam Kaufman), einen anderen Kommilitonen. Die beiden schlafen zusammen und Buffy fühlt sich für ein paar Tage wie im siebten Himmel, bis sie feststellen muss, dass Parker sie nur als spaßiges Abenteuer gesehen hat und sich nun nicht mehr für sie interessiert. „Does this always happen? Sleep with a guy and he goes all evil?“, fragt Buffy Willow, auf ihre Erfahrungen mit Angel anspielend. Etwas andere Beziehungsprobleme hat dagegen Xander (Nicholas Brendon). In der dritten Folge taucht Anya (Emma Caulfield), die menschlich gewordene Rachedämonin aus der dritten Staffel wieder auf und erklärt Xander, sie könne nicht mehr auffhören, an ihn zu denken und müsse nun unbedingt mit ihm schlafen, um ihn hinter sich lassen zu können. Xander lässt sich nicht lange bitten und hinterher kündigt Anya an „So, Im over you now.“ Dem ist natürlich doch nicht so; Xander und Anya werden ein Paar, auch wenn man als Zuschauer lange nicht so genau weiß, warum die beiden eigentlich zusammen sind. Liebe kann jedenfalls nicht der Grund sein. Anya ist aus irgendeinem Grund verrückt nach Xander, während der nicht wirklich verliebt scheint, sondern Anyas Verrücktheit nach ihm lediglich ausnutzt. Genau das – dass Xander sie nur ausnutzt – wirft Anya ihm in der Mitte der Staffel vor (mein Gedanke dazu: selbst schuld, so wie sie sich an ihn geschmissen hat). Dass es zwischen den beiden nichts zu geben scheint als Sex, wird jedenfalls immer mehr zum Problem, bis sie sich schließlich wieder trennen. Es hat eine Weile gedauert, bis ich mich mit Anya und ihrer Rolle in der Serie anfreunden konnte. Am Anfang der Staffel fand ich die Art, in der sie als Ex-Dämonin, die das Menschsein erst wieder lernen muss, ständig unüberlegte Kommentare von sich gab, noch irritierend. Im Lauf der Staffel habe ich ihren Meta-Humor jedoch schätzen gelernt und mich bisweilen an Seven of Nine aus „Star Trek: Voyager“ erinnert gefühlt, die ja auch vom Mensch zum Nichtmensch und dann wieder zum Mensch wurde und ebenso mit menschlichen Umgangsformen fremdelte wie Anya.

Aber ob mit oder ohne Anya, Xander hat in dieser Staffel auch noch andere Probleme. Als einziger der Scoobies hat er es nämlich nicht aufs College geschafft. Schule und Lernen waren noch nie seine Stärken. Und so schlägt er sich die ganze Staffel über mit verschiedenen Jobs herum (u.a. verkauft er Fitnessriegel und Eis), aber der richtige scheint noch nicht dabei gewesen zu sein. Er wohnt zuhause bei seinen Eltern (die man nie zu Gesicht bekommt) im Keller. Als Anya in der vierten Folge zu ihm sagt, er habe doch mit Buffy, Willow und Oz, die nun alle aufs College gehen, nicht mehr viel gemeinsam, will er das zwar nicht hören, doch Anya hat einen wunden Punkt getroffen. Denn Xander versucht im Lauf der Staffel immer wieder zu beweisen, dass er eben doch noch dazu gehört, auch wenn er vom Leben auf dem Campus und von Psychologievorlesungen keine Ahnung hat. Am Ende der Staffel (Folge 4.21) fühlt er sich antriebslos und hinsichtlich seines Status in der Gruppe unsicher. Zum Glück spielt er anschließend aber doch eine wichtige Rolle beim Kampf gegen das Böse.

Auch die Beziehung des – nach der Trennung von Buffy und Angel – verbliebenen Traumpaares der Serie steht unter keinem guten Stern. Willow und Oz (Seth Green) schienen beide bemerkenswert gut damit zurecht zu kommen, dass Oz ein Werwolf ist. Jeden Monat wir Oz einfach bei Vollmond nachts eingesperrt und bewacht, damit er nach seiner Verwandlung niemanden verletzen kann. Nun zeigt sich jedoch, dass die Sache nicht so einfach ist. Oz lernt Veruca (Paige Moss) kennen, eine Kommilitonin und Sängerin, die ebenfalls eine Werwölfin ist. Sie kann nicht verstehen, dass Oz sich bei Vollmond wegsperren lässt und seine animalische Seite nicht akzeptieren will. „You’re the wolf all the time, and this human face is just your disguise.“, versucht sie ihn in der sechsten Episode („Wild at Heart“) zu überzeugen. Oz fühlt sich eindeutig zu Veruca hingezogen und ist von ihr und ihrer Lebenseinstellung fasziniert, liebt aber weiterhin Willow und will sie nicht verletzen. Als Willow aber entdeckt, dass Oz und Veruca (in Werwolfform) die Nacht zusammen in Oz‘ Käfig verbracht haben, ist sie am Boden zerstört. Schließlich kommt es zum Kampf der beiden Werwölfe. Dabei tötet Oz Veruca und beschließt daraufhin, aus Sunnydale fort zu gehen. „Veruca was right. The wold is inside me all the time. And I don’t know where that line is anymore, between me and it.“, erklärt er Willow und verlässt die Stadt, um sich auf die Suche nach sich selbst zu machen.

In Episode 4.19 („New Moon Rising“) kehrt er, um viele Erfahrungen reicher zurück. Mit seiner animalischen Seite hat er inzwischen seinen Frieden gemacht und sie sogar so weit unter Kontrolle, dass er sich bei Vollmond nicht mehr verwandelt, was er Willow in einer schauspielstarken Szene stolz demonstriert. Natürlich will er wieder mit ihr zusammen sein – doch es gibt ein Problem. Willow hat sich im Lauf der Staffel nämlich langsam, aber sicher neu verliebt – in ihre Kommilitonin Tara (Amber Benson). Die beiden lernen sich in Episode 4.10 („Hush“) kennen, als sie an einer Sitzung der „Wicca group“ des Colleges teilnehmen. Außer Willow und Tara scheinen die übrigen Teilnehmer die Hexerei jedoch nicht besonders ernst zu nehmen und so verlieren beide schnell wieder das Interesse an der Gruppe, entdecken dafür aber ihr Interesse aneinander. Die Annäherung zwischen den beiden geschieht den Rest der Staffel über ganz allmählich. Willow verschweigt Buffy und den anderen jedoch lange ihre Freundschaft (anfangs ist es ja nichts weiter) zu Tara, weil sie sich selbst nicht sicher ist, was für eine Beziehung sie beide verbindet. In Episode 4.13 („The I in Team“) verbringt Willow erstmals die Nacht bei Tara. Willow und Tara waren eines der ersten offen lesbischen Paare im Fernsehen, um so angenehmer ist es, dass die Serie daraus überhaupt keine große Sache macht. Die beiden sind irgendwann eben einfach zusammen. Kompliziert wird die Sache erst, als Oz zurück kehrt und sich Willow mit ihren Gefühlen auseinander setzen muss. Sie will ihn nicht verletzen und hegt noch tiefe Gefühle für ihn, liebt inzwischen aber ganz klar Tara, für die sie sich dann auch entscheidet. Oz verlässt Sunnydale erneut, Willow und Tara sind nun ganz offen ein Paar.

Die Charaktere haben sich also in dieser Staffel alle ein ganzes Stück weiter entwickelt. Sie sind – in den meisten Fällen – erwachsen geworden und haben sich neuen Herausforderungen stellen müssen. Einige sind jedoch auch frustriert und deprimiert darüber, dass das Leben nicht so spielt, wie sie es sich vorstellen. Giles muss sich damit abfinden, dass er nicht mehr so sehr gebraucht wird wie früher. Xander ist noch auf der Suche nach einer sinnvollen Beschäftigung, mit der er Geld verdienen kann und die ihm Spaß macht. Und Spike, der die dritte Staffel über größtenteils mit Abwesenheit glänzte, bekommt es mit einem ganz besonderen Problem zu tun: Ihm wird ein Chip ins Gehirn eingesetzt (dazu gleich mehr), der es ihm unmöglich macht, Menschen zu verletzen. Es hat sich für ihn also erst einmal ausgesaugt! Nachdem er eine Weile verzweifelt durch Sunnydale gelaufen ist, sucht er in seiner Not Giles‘ Wohnung auf, wo er von Buffy und Co. erst mal an einen Stuhl gefesselt wird, weil sie ihm nicht glauben, dass er keine Gefahr mehr darstellt (4.08, „Pangs“). Für eine kurze Zeit hat Giles anschließend Spike als Mitbewohner, bevor dieser dann an Xander weiter gereicht wird und bei ihm einzieht (4.10). Kurz darauf ist er von so verzweifelt, dass er Selbsmord begehen und sich selber pfählen will, findet aber heraus, dass er zwar weiterhin keine Menschen, dafür aber andere Dämonen und Vampire verletzen kann. Das gibt ihm nicht nur die Gelegenheit, all die angestauten Aggressionen heraus zu lassen, sondern lässt ihn plötzlich auch ganz wild darauf werden, an der Seite der Scoobies das Böse zu bekämpfen (4.11, „Doomed“). Und so wird Spike wohl allmählich zum Ersatz für Angel (ein Vampir, der keine Menschen verletzt und auf der Seite der Guten kämpft). Spike überlegt es sich zwar in der zweiten Staffelhälfte wieder anders, schlägt sich wieder auf die Seite des Bösen und versucht die Scooby Gang unter anderem mit psychologischer Kriegsführung auseinander zu bringen und so verletztlich zu machen (4.20, „The Yoko Factor“). Doch ich gehe davon aus, dass er und Buffy sich schon noch zusammen raufen werden…

Noch einmal zurück zu dem Chip in Spikes Kopf: Dieser wurde ihm von einer Organisation implantiert, die sich die „Initiative“ nennt. Dabei handelt es sich, wie sich in der ersten Hälfte der Staffel allmählich heraus stellt, um eine geheime Regierungsoperation, die mit militärischen und wissenschaftlichen Mitteln das Böse erforschen und bekämpfen soll. Leider handelt es sich dabei auch um den größten Schwachpunkt der vierten Staffel, die insgesamt nicht so gut ist wie die beiden vorhergehenden. Dass ein 16-jähriges Mädchen unter der Aufsicht eines Schulbibliothekars ganz allein Dämonen bekämpft, macht zwar wenn man genau darüber nachdenkt, nicht besonders viel Sinn. Doch da es sich dabei um eine Variation der klassischen mythologischen Heldenreise handelt, die mit dem für „Buffy“ tpyischen Humor und Wortwitz angereichert ist, kann man sich trotzdem mit Buffy identifizieren und von ihren Abenteuern unterhalten lassen. Der Handlungsstrang um die Initiative wirkt dagegen einfach nur absurd und unglaubwürdig. Eine „Verwissenschaftlichung“ des Übernatürlichen passt nicht ins „Buffy“-Universum. Zudem ist es schon etwas seltsam, dass die Initiative angeblich schon seit Jahren existiert hat, sich ihre und die Wege von Buffy und Giles aber noch nie zuvor gekreuzt haben. Dass die Ziele der Initiative am Ende der Staffel von der Regierung für gescheitert erklärt werden und ihr unterirdisches Hauptquartiert mit Beton ausgegossen wird (4.21, „Primeval“), kann ich jedenfalls nur begrüßen. Hoffentlich wartet die fünfte Staffel mit einer interessanteren Rahmenhandlung und vielschichtigeren Gegenspielern für Buffy auf. Dass sowohl Riley als auch Professor Walsh Mitglieder der Initiative sind, habe ich noch gar nicht erwähnt. Am Ende der Staffel ist das aber sowieso nicht mehr relevant; mit der Initiative hat es sich erledigt, die Professorin ist tot und Riley und Buffy führen nach einem turbulenten Jahr endlich eine harmonische Beziehung.

Beim Staffelende bin ich nun bei einer der besten „Buffy“-Folgen angelangt, vielleicht der besten bisher überhaupt: „Restless“ (4.22). Ich hatte mich schon gewundert, dass bereits in der vorletzten Folge der Staffel die Initiative endgültig besiegt und alle wichtigen Handlungsstränge zu einem (vorläufigen) Abschluss gebracht worden waren. Was sollte also in der letzten Episode noch kommen? Würde ein ganz neuer Handlungsstrang bereits die fünfte Staffel einleiten und den Zuschauer mit einem mörderischen Cliffhanger entlassen? Nein, denn Joss Whedon hat sich für diese Episode etwas ganz Besonderes ausgedacht. „Restless“ spielt größtenteils in den Träumen von Willlow, Xander, Giles  und Buffy und bricht mit vielen der über die letzten vier Jahre etablierten Erzählkonventionen der Serie. Inhaltlich und formal erzeugt die Episode beim Zuschauer das Gefühl, sich tatsächlich in einem Traum wieder zu finden. Am Anfang verursacht das erst einmal nur ratloses Kopfkratzen, weil das, was hier geschieht überhaupt keinen Sinn zu machen scheint. Doch wenn sich im Lauf der Handlung herausstellt, dass es zwischen den vier Träumen eine Gemeinsamkeit gibt (und damit meine ich nicht den stets auftretenden „Käsemann“), dann beginnt die Folge allmählich Sinn zu machen. Dass Whedon die Staffel statt mit einem Paukenschlag mit dieser Coda abschließt, zeigt wie selbstbewusst er als Showrunner der Serie inzwischen geworden war und das Ergebnis ist eine der bislang besten Episoden von „Buffy“, vielleicht sogar die beste überhaupt (und die bislang einizige, die ich mir direkt nach dem Ende sofort ein zweites Mal angeschaut habe).

Die zweite wirklich herausragende Episode der Staffel ist „Hush“ (4.10) – wie „Restless“ ebenfalls von Whedon selbst geschrieben und inszeniert. Auch hier steht eine auf den ersten Blick vollkommen absurde Idee im Mittelpunkt: Wie wäre es mit einer „Buffy“-Folge, die zum Großteil ohne Dialoge auskommt? Das klingt verrückt und kaum durchführbar, doch was Whedon daraus macht ist eine Sternstunde des Fernsehens – und beschert der Serie wie nebenbei auch noch die bislang unheimlichsten Bösewichter. Dabei handelt es sich um schwebende, mit einem dämonischen Dauergrinsen versehende Gestalten namens „The Gentlemen“, die allen Bewohnern von Sunnydale die Stimme rauben. (Einer von ihnen wird von Doug Jones gespielt, der vor allem durch seine mehrfache Zusammenarbeit mit Guillermo del Toro bekannt ist; u.a. spielt er in „Pans Labyrinth“ sowohl den Faun als auch den „pale man“, der seine Augen in den Handflächen trägt.) „Hush“ beinhaltet einige herrlich komische Szenen, die sich aus der wortlosen Kommunikation der Figuren ergeben, ist aber auch eine der ganz wenigen „Buffy“-Folgen, die einen wirklich ängstigen. Die Gentlemen sind gerade in ihrer Reduziertheit (sie bewegen sich fort, ohne sich zu bewegen; sie sprechen nicht) erschreckender und furchteinflößender als alles andere, was man bis dahin in „Buffy“ gesehen hat.

Weitere sehr gute Episoden der vierten Staffel sind das bereits erwähnte „Wild at Heart“ und „Who Are You“ (4.16), in dem die aus dem Koma erwachte Faith (Eliza Dushku) einen Körpertausch mit Buffy vollzogen hat. Sarah Michelle Gellar und Eliza Dushku dabei zuzusehen, wie sie jeweils die andere spielen, macht großen Spaß. Doch wo Licht ist, ist auch Schatten und so hat die vierte Staffel von „Buffy“ nicht nur ein paar der bislang besten Episoden zu bieten, sondern auch mit „Beer Bad“ (4.05) eine einfach nur peinliche Folge, nach der ich mich gefragt habe, wie Joss Whedon ein solch bodenlos schlechtes Drehbuch zur Produktion freigeben konnte. Es gab noch ein paar weitere bestenfalls durchschnittliche Folgen; gerade die Episoden, in denen die Handlung um die Initiative im Mittelpunkt stand, waren oft die weniger kreativen und mitreißenden. Wie schon erwähnt fand ich die Staffel insgesamt weniger gut als die vorhergehenden Seasons, aber eine schlechte „Buffy“-Staffel ist natürlich trotzdem noch verdammt gutes Fernsehen.

Jetzt habe ich schon so viel geschrieben und noch kaum ein Wort über „Angel“ verloren. Wie eingangs erwähnt habe ich mich vor dem Anschauen der beiden Staffeln darüber schlau gemacht, in welcher Reihenfolge man die Episoden anschauen muss, um vor allem bei den Crossover-Folgen das bestmögliche Buffyverse-Erlebnis zu haben. Insgesamnt hat mich „Angel“ bis jetzt noch nicht überzeugt und ich habe mir die Serie eigentlich nur dewegen angeschaut, weil sie eben zum Buffyverse gehört. Soweit ich weiß, wird sie sich qualitativ noch enorm steigern, in dieser ersten Staffel fand ich viele Episoden jedoch zum Gähnen. Die Crossover-Folgen zwischen „Buffy“ und „Angel“ wurden bewusst eingebaut, um möglichst viele „Buffy“-Zuschauer auch für „Angel“ gewinnen zu können. Und so darf Buffy im Lauf dieser Staffel ein paar mal bei Angel und Cordelia in Los Angeles vorbeischauen und Angel ein paar Mal nach Sunnydale zurückkehren. Am Ende von Episode 1.19 sagt Angel zu Buffy „Go home“ und signalisiert damit wohl, dass es nun mit Buffys Besuchen bei ihm vorbei ist. Das ist auch gut so, denn schließlich beginnt „Angel“ zwar als Spinoff von „Buffy“, muss letztendlich aber eigene Wege gehen, um eine wirklich gute und interessante Serie zu werden. Die Weichen dafür sind am Ende der Staffel jedenfalls gestellt, so dass ich tatsächlich gespannt bin, wie die Geschichte weiter geht.

Ein Höhepunkt waren die Episoden 1.18 und 1.19 („Five by Five“, „Sanctuary“), die den in der vierten Staffel von Buffy wieder aufgenommenen Handlungsstrang um Faith beenden. Faith war nicht gerade meine Lieblingsfigur in „Buffy“, umso überraschter war ich dann aber, als sich gerade die „Angel“-Episode „Sanctuary“ als die beste Faith-Folge im Buffyverse entpuppte und die Figur überzeugend weiter entwickelte. Glaubwürdig und detaillliert wird hier (und in den drei voraus gegangenen Folgen aus „Buffy“ und „Angel“, in denen dieser Handlungsstrang thematisiert wird) geschildert, dass Faith ihre in der dritten Staffel von „Buffy“ begangenen Taten inzwischen bereut. Bis sie an den Punkt kommt, an dem sie sich Angel öffnen kann, ist es ein schmerzhafter Weg. Er führt zu einer wunderbar geschriebenen und gespielten Szene zwischen David Boreanaz und Eliza Dushku, in der es darum geht, wie Faith sich jemals für all ihre Taten wird entschuldigen können. Diese beiden Crossover-Episoden waren für mich die beiden besten der Staffel. Ich hoffe, dass „Angel“ in der zweiten Staffel auf eigenen Beinen stehen und eine spannende, durchgehende Handlung entwickeln wird. Die Hauptcharaktere, ihre Gegenspieler und das allgemeinse Szenario sind in der ersten Staffel etabliert worden; jetzt geht es darum, daraus etwas zu machen. Wenn die Serie in Zukunft einen deutlichen Qualitätssprung nach oben macht, dann widme ich ihr vielleicht einen eigenen Blogpost. 🙂

Babylon 5 – Episode 1.09 „Deathwalker“

Bevor es zur Besprechung der nächsten „Babylon 5“-Episode geht, will ich noch schnell eine Neuigkeit loswerden, über die ich mich sehr freue: Die neue Serie von B5-Schöpfer J. Michael Straczynski (JMS), „Sense8“, wird ab dem 5. Juni bei Netflix zu sehen sein. „Sense8“ wurde von JMS gemeinsam mit den Wachowski-Geschwistern („The Matrix“, „Cloud Atlas“) entwickelt und geschrieben und mit einem internationalen Cast an über den ganzen Globus verteilten Drehorten gedreht. Die erste Staffel besteht aus zehn Folgen; momentan weiß ich aber leider noch nicht, ob am 5. Juni schon alle zehn Episoden abrufbar sein werden oder ob im wöchentlichen Rhythmus eine Folge hinzugefügt wird. Ich tippe aber mal auf ersteres, bin schon sehr gespannt und werde auf jeden Fall über „Sense8“ bloggen. Nun aber zur nächsten B5-Episode…

Episode 1.09 “Deathwalker” (“Die Todesbringerin”)

Drehbuch: Larry DiTillio, Regie: Bruce Seth Green
Erstausstrahlung: 20.04.1994 (USA), 01.10.1995 (Deutschland)

Die Folge beginnt damit, dass Na’Toth zufällig Zeugin der Ankunft einer außerirdischen Frau (Sarah Douglas) auf der Station wird – und daraufhin scheinbar vollkommen durchdreht. Sie stürmt auf die Frau zu, schreit „Deathwalker“ und beginnt auf sie ein zu prügeln. Wie wir kurz darauf erfahren, glaubt Na’Toth in der Frau die Kriegsverbrecherin Jha’dur erkannt zu haben, die dem Volk der Dilgar angehört und für den Tod von Millionen von Lebewesen verantwortlich ist, unter ihnen Na’Toths Großvater. Na’Toth hat deshalb einen Chon’Kar – einen Blutschwur – geschworen, der erst dann erfüllt ist, wenn sie Jha’dur umgebracht hat. Doch G’Kar überzeugt seine Assistentin, sich zunächst zurück zu halten. Er eröffnet ihr, dass Jha’dur eine wichtige Entdeckung gemacht hat und zu Verhandlungen mit den Narn nach Babylon 5 gekommen ist.
Commander Sinclair, Doktor Franklin und Sicherheitschef Garibaldi sind allerdings skeptisch: Bei der Frau kann es sich ihrer Meinung nach unmöglich um Jha’dur handeln, die doch inzwischen tot oder eine sehr alte Frau sein müsste. Doch alle Indizien sowie die von Franklin durchgeführten Tests bestätigen ihre Identität – es handelt sich tatsächlich um die als Deathwalker (Todesbringerin) bekannte Verbrecherin. Wie sich herausstellt, hat sie seit dem Ende des Dilgar-Kriegs die meiste Zeit über unter dem Namen Gyla Lobos bei den Minbari gelebt, wo ihr von den wind swords (Schwertern des Windes), einer extremistischen und gewalttätigen Abspaltung der Kriegerkaste, Unterschlupf gewährt wurde.

Die Anwesenheit Jha’durs, die sich inzwischen in Gefangenschaft befindet, spricht sich schnell auf der Station herum. Kurz nachdem Sinclair den Befehl erhält, sie unverzüglich zu Erde zu schicken, wird der Grund für das große Interesse an ihrer Person klar: Jha’dur hat ein Unsterblichkeitsserum entwickelt, das sie nun auf der Erde weiter entwickeln soll. Damit sehen sich alle Beteiligten einem moralischen Dilemma gegenüber, das Ivanova treffend mit den Worten „Justice or immortality“ zusammenfasst: Soll Jha’dur wegen ihrer Verbrechen der Prozess gemacht und sie einer gerechten Strafe unterzogen werden oder soll man über ihre immensen Verbrechen hinweg sehen, weil sie der Galaxis mit ihrem Serum nun einen großen Dienst erweisen könnte? Wiegen die Wohltaten, die in der Entwicklung des Serums liegen, die von Jha’dur in der Vergangenheit begangenen Gräueltaten auf? Larry DiTillios Drehbuch reißt diese Fragen kurz an und lässt unterschiedliche Meinungen zu Wort kommen, doch ein Fazit muss der Zuschauer (zunächst) selbst ziehen.
Während Garibaldi fassungslos darüber ist, dass Jha’dur auf der Erde mit offenen Armen empfangen werden soll, gelangt Sinclair schließlich zu dem Entschluss, seinen Befehlen zu gehorchen. „She can save more lives than she took“, rechtfertigt er seine Entscheidung. „And she can make the deaths she caused have meaning.“

Jha’dur selbst zeigt keinerlei Anzeichen von Reue. Die Galaxis soll ihr ausgelöschtes Volk nicht als Kriegstreiber in Erinnerung behalten, sondern allein für die Wohltat, die ihr Serum bringen wird: „Those who cursed us will have to thank us for the rest of time.“ Doch als Sinclair sie zum Shuttle begleiten will, das sie zur Erde fliegen soll, stellen sich ihnen Botschafterin Kalika (Robin Curtis) und die anderen Botschafter der Liga der blockfreien Welten in den Weg. Sie verlangen die Durchführung einer Anhörung auf Babylon 5, in der darüber abgestimmt wird, ob Jha’dur der Prozess gemacht werden soll. Sinclair, der mit seiner Entscheidung, Jha’dur sofort zur Erde zu schicken, sowieso gehadert hat, stimmt zu.
Unerwartet fällt das Ergebnis der Abstimmung jedoch gegen einen Prozess aus. Wenig später erscheinen Schiffe mehrer Mitgliedervölker der Liga vor der Station und verlangen die Auslieferung Jha’durs. Sinclair schlägt daraufhin einen Kompromiss vor: Jha’dur soll auf der Erde einem Team aus von der Liga ausgesuchten Wissenschaftlern dabei helfen, ihr Serum weiter zu entwickeln, um anschließend der Liga für einen Prozess übergeben zu werden. Botschafterin Kalika und die anderen Mitglieder der Liga willigen ein und die Schiffe ziehen wieder ab.

Bevor Jha’dur zur Erde geschickt wird, sucht Sinclair sie noch ein letztes Mal auf und wird von ihr über die schreckliche Wahrheit aufgeklärt: Ihr Serum setzt sich unter anderem aus Komponenten zusammen, die lebenden Körpern entstammen, die derselben Spezies angehören müssen wie der jeweilige Empfänger des Serums. Um einer Person Unsterblichkeit zu verleihen, muss eine andere sterben. Obwohl die anderen Völker mit Verachtung auf die Gräueltaten der Dilgar herab blicken, werden sie ohne zu zögern ebensolche Taten begehen. „You will become us. That’s my monument, Commander.“, zischt sie Sinclair hasserfüllt entgegen.
Das von Drehbuchautor DiTillio entworfene Szenario ist in der Tat ein schreckliches, aber auch ein höchst interessantes. Sehr gerne würde ich einen Science-Fiction-Film sehen oder einen Roman lesen, der sich genau jenes Szenario zum Ausgangspunkt nimmt – eine Galaxis voll unsterblich gewordener Lebewesen, die sich ihre Unsterblichkeit aber nur dadurch erkaufen können, dass sie Teile ihrer eigenen Völker umbringen und damit Genozid begehen. Vielleicht ist es genau die Ahnung, dass genau dies geschehen wird, die die Vorlonen am Ende der Episode dazu bringt, das Schiff mit Jha’dur und dem Serum an Bord zu zerstören. „You are not ready for immortality.“, antwortet Kosh auf Sinclairs Frage nach dem Grund dafür. Sehenswert ist die Episode auch wegen Sarah Douglas‘ Schauspiel.

Weniger dramatisch, aber auch weniger sinnvoll geht es im zweiten Handlungsstrang der Episode zu: Talia Winters wird von Botschafter Kosh darum gebeten, bei einer Reihe von Gesprächen zugegen zu sein, die er mit einem Mann namens Abbut (Cosie Costa) führt. Als sie Abbut einem telepathischen Scan zu unterziehen versucht, erkennt sie jedoch – nichts. Abbut scheint keinerlei Gedanken und einen völlig leeren Geist zu haben. Noch dazu reden er und Kosh in ihren Gesprächen nur unverständlichen Kauderwelsch. Als bei Talia schließlich während dieser Gespräche höchst schmerzhafte Erinnerungen an einen früheren Auftrag wieder hoch kommen, beschließt sie, den Auftrag abzubrechen.
Von Garibaldi erfährt sie schließlich, dass diese Erinnerungen wahrscheinlich bewusst proviziert wurden. Bei Abbut handelt es sich um einen sogenannten Vicker, einen Cyborg, der unter anderem Gedanken aufzeichnen kann. Kosh befindet sich nun im Besitz wichtiger Daten aus Talias Kopf, doch was genau befindet sich in diesen Aufzeichnungen? Und warum hat Kosh sie anfertigen lassen? Die Antworten auf diese Fragen würden hier zu sehr spoilern, aber zu gegebener Zeit werde ich im Blog noch einmal darauf zurück kommen. Bis dahin müssen wir uns mit Koshs Antwort auf Talias Frage nach dem Inhalt des Datenkristalls, den Kosh von Abbut erhält, begnügen: „Reflection, surprise, terror. For the future.“

Highlight der Episode: Na’Toths Angriff auf Jha’dur am Anfang der Episode und ihr heraus geschrieenes „Deathwalkeeeeer!!“ (Okay, das finde ich wohl nur deswegen so kultig, weil ich treuer Zuhörer des „Babble On Project“ bin. Ansonsten mag ich Koshs Art, einen Termin auszumachen – the hour of scampering?? (s. Zitate)

Londo/G’Kar-Moment: Da die beiden in dieser Folge keine gemeinsame Szene haben (abgesehen von der Ratsversammlung) und auch sonst nicht im Zentrum dieser Geschichte stehen, lasse ich diese Rubrik wieder einmal leer.

Folgende (weitere) wichtige Informationen, die für den weiteren Verlauf der Serie wichtig sind, erhalten wir in dieser Episode: Es ist zwar keine wirklich neue Information und liefert auch keine Antwort, aber Jha’dur erinnert uns noch einmal daran, dass Sinclair eine Lücke in seinem Gedächtnis hat, als sie von ihrer Zeit bei den wind swords erzählt: „They speak of you often, Sinclair. They say you have a hole in your mind.“

Sonstige Fragen:

  • Um was für Zeitangaben handelt es sich bei „the hour of scampering“ und „the hour of longing“?
  • Wo ist Delenn? Sie ist die ganze Folge über nicht auf Babylon 5, weswegen sie Lennier bei der Abstimmung vertreten muss.
  • Wurden das von Jha’dur entwickelte Serum und alle Aufzeichnungen darüber tatsächlich restlos zerstört?

Weitere interessante Punkte: 

  • Erstmals wird hier der Chon’kar erwähnt, der Blurschwur der Narn.
  • Auch der Dilgar-Krieg wird zum ersten Mal erwähnt. Wie wir erfahren, starteten die Dilgar im Jahr 2230 unter der Führung Jha’durs eine Invasion in mehrere andere Raumsektoren. Die Erdstreitkräfte kamen den betroffenen Völkern damals zu Hilfe; so konnte die Invasion gestoppt werden. Garibaldi erwähnt in der Episode, dass die Narn und die Centauri auf der Seite der Dilgar gekämpft haben. Auch Sinclairs Vater kämpfte in diesem Krieg, der die Dilgar nahezu ausrottete. Irgendwann nach dem Krieg explodierte die Sonne des Dilgar-Systems (wie wir von Franklin erfahren) und venichtete damit auch deren Heimatplaneten.
  • Erstmals spielt die Liga der blockfreien Welten (League of Non-Aligned Worlds) eine größere Rolle. Die Sprecherin der Liga auf Babylon 5, Botschafterin Kalika, gehört der Rasse der Abbai an.
  • Als Abbut sagt „I’m a 23 myself“, nachdem Talia ihre Psi-Einstufung (P5) nennt, macht er nur einen Scherz, wie JMS versichert hat.
  • Der Minbari-Attentäter aus dem Pilotfilm gehörte den wind swords an, jener extremistischen Gruppierung, die Jha’dur Zuflucht gewährt hat.

Interessante “Hinter den Kulissen”-Fakten: 

  • Jha’dur wurde von Sarah Douglas gespielt, die vor allem als Ursa in „Superman“ und „Superman II“ bekannt ist. Unter der Maske von Botschafterin Kalika verbirgt sich die Schauspielerin Robin Curtis, die man vor allem als Vulkanierin Saavik aus dem dritten und vierten „Star Trek“-Film kennt (in „Star Trek II“ wurde die Rolle noch von Kirstie Alley gespielt).
  • Die Rolle des Abbut war von Larry DiTillio ursprünglich für Gilbert Gottfried geschrieben worden, der sie aber aus Termingründen nicht übernehmen konnte.
  • In einer früheren Version des Drehbuchs wurde Na’Toth nicht von G’Kar daran gehindert, ihren Chon’Kar zu erfüllen: Als G’Kar erkennt, dass die Narn keine Chance mehr haben, an das Unsterblichkeitsserum zu gelangen, lässt er Na’Toth auf Jha’dur los. Es kommt zum Kampf zwischen den beiden, doch Na’Toth ist klar unterlegen. Gerade als Jha’dur sie töten will, erscheint Sinclair und rettet Na’Toth das Leben. Die entsprechenden Szenen wurden jedoch aus Zeitgründen gestrichen. (Quelle: Jane Killick: Babylon 5. Season by Season – Signs and Portents. S. 90)
  • JMS war mit dem Handlungsstrang um Talia in dieser Episode unzufrieden. Das Konzept des „Vickers“, der unter anderem Gedankenmuster und Persönlichkeitsstrukturen aufzeichnen kann, gefiel ihm nicht, weswegen es auch nach dieser Folge nie wieder im „Babylon 5“-Universum auftauchte. (Quelle: Jane Killick: Babylon 5. Season by Season – Signs and Portents. S. 91f)
  • Die Bezeichnung „Vicker“ kommt – wie Garibaldi erläutert – von der Abkürzung VCR, die für video cassette recorder steht.

Zitate:

Kosh zu Talia: „We will meet in Red 3 at the hour of scampering“

Kosh: „Understanding is a three-edged sword.“

Kosh: „You seek meaning?“
Talia: „Yes.“
Kosh: „Then listen to the music, not the song.“

Talia: „I think I may be having a problem with ambassador Kosh.“
Garibaldi: „Join the club.“

Sinclair: „They say God works in mysterious ways.“
Garibaldi: „Maybe so. But he’s a con man compared to the Vorlon.

 

Die nächste Folge in meinem „Babylon 5“ Rewatch:
1.10 „Believers“

Susan Fast: Dangerous (Buchrezension)

Ich habe bereits mehrmals über Michael Jackson geschrieben (z.B. hier und hier) und nun ist es mal wieder an der Zeit. Im letzten Jahr ist ein fantastisches neues Buch erschienen, das ich hier besprechen will. Jackson musste anscheinend leider wirklich erst sterben, bevor sich die akademische Welt ernsthaft mit ihm zu beschäftigen begann. Inzwischen gibt es tatsächlich so etwas wie die „Michael Jackson Studies“ und es erscheinen immer mehr wissenschaftliche Aufsätze und Sachbücher über Jackson, seine Kunst, sein Leben und den Einfluss, den er auf die Welt hatte und hat. Weil Mainstream-Künstler ihre Kunst meistens nun mal kaum zu erklären pflegen und weil es sich eben um Mainstream-/Popkultur handelt, wird ihnen oft jegliche künstlerische Tiefe abgesprochen und in ihrem Werk nur oberflächliches Entertainment gesehen. Dass es George Lucas dabei ähnlich geht wie Michael Jackson, dazu habe ich zumindest schon begonnen zu schreiben; interessanterweise scheint auch die ernste wissenschaftliche Beschäftigung mit George Lucas‘ Werk allmählich Fahrt aufzunehmen, nun da er seine Firma verkauft und sich von „Star Wars“ distanziert hat (diesen wirklich phänomenalen Artikel über die Erzählstruktur der sechs „Star Wars“-Filme kann ich jedem Interessierten wirklich nur empfehlen; ich werde vielleicht auch darüber mal bloggen). Einer der wenigen Künstler, denen es anders zu gehen scheint, ist Joss Whedon – die „Buffy Studies“ haben sich längst als wissenschaftliches Feld innerhalb der Cultural Studies etabliert.

Aber zurück zu Michael Jackson. Eines der ersten Bücher, die sein Werk in den Vordergrund stellten und einer ernsthaften Analyse unterzogen, war vor ein paar Jahren Joseph Vogels „Man in the Music“. Darin wurden Jacksons Alben und Lieder besprochen. Susan Fast, Professorin für Cultural Studies an der kanadischen McMaster Universität, hat nun ein Buch vorgelegt, in dem es nur um ein einziges Album von Michael Jackson geht, noch dazu um sein (wie ich finde) bestes: „Dangerous“. Streng genommen handelt es sich um ein kleinformatiges Büchlein mit nur 150 Seiten; die Länge war leider durch den Rahmen der „33 1/3“-Serie vorgegeben, als deren 100. Band das Buch erschienen ist. Jeder Band dieser Serie bespricht ein Musikalbum und unter 100 Büchern darf natürlich auch eines über den King of Pop nicht fehlen. Doch nicht „Thriller“ oder „Off The Wall“ wurden dafür ausgewählt, sondern eben „Dangerous“, bei dessen Veröffentlichung Jacksons Musik von den Kritikern längst als bedeutungsloser Kommerz abgetan wurde.

Susan Fast sieht das anders und bezeichnet „Dangerous“ als Michael Jacksons „coming of age album“, das weit mehr biete als „shiny, happy pop music“. Inhaltlich handle es sich sehr wohl um ein äußerst komplexes Werk, schreibt sie in der Einleitung: „[Dangerous is] about losing oneself to desire, about the state of the world, systematic racism, loneliness, the search for redemption and community.“ Sie bezeichnet das Album als Konzeptalbum, das aus mehreren Gruppen von jeweils thematisch zusammengehörigen Liedern besteht. Jedes der folgenden Kapitel behandelt eine dieser Gruppen.

Im ersten Kapitel, „Noise“, beschäftigt sie sich unter anderem mit dem Aspekt, dass Jackson beginnend mit „Dangerous“ auf seinen Alben verstärkt nicht-musikalische Geräusche verwendete (tatsächlich beginnt das Album mit einem davon, dem Bersten von Glas). Die ersten beiden Lieder, „Jam“ und „Why You Wanna Trip On Me“ seien politische Songs, wenn ihre politische Botschaft auch nicht so klar und direkt sei, wie beispielsweise im Hip-Hop. Als erstes Lied des Albums stehe „Jam“ programmatisch für eine von dessen wichtigsten Botschaften: Ganz egal wie schlimm der Zustand der Welt auch sein mag, er ist niemals zu schlimm, um kreativ zu sein. Weiter schreibt Fast: „Jamming can be taken as a metaphor in this context for coming together to create anything in a positive way.“ In diesem Kontext ließen sich auch alle folgenden Songs auf dem Album lesen. Nicht zum letzten Mal verweist die Autorin hier auch darauf, dass Jackson sich seiner schwarzen Wurzeln sehr wohl bewusst gewesen sei und keineswegs versucht habe, sie zu leugnen (wie ihm ebenfalls oft vorgeworfen wurde). Der Einsatz seiner Stimme bei „Jam“ sei nur eines von vielen Beispielen dafür auf „Dangerous“ und der Song „a full-on tribute to James Brown“.

Das zweite Kapitel, „Desire“, behandelt die nächsten vier Lieder und beginnt mit Fasts Festsellung, dass Jackson für viele seiner Fans zwar ein Sexsymbol gewesen sei (und immer noch ist), aber die Medien 1991, dem Jahr der Veröffentlichung von „Dangerous“, längst ein anderes Bild von Jackson zeichneten, demzufolge er ein Freak sei, der sein Gesicht zerstört habe und dessen teilweise stark sexualisierte Darstellungen auf der Bühne und in seinen Kurzfilmen unglaubwürdig oder lächerlich seien. Der Grund dafür, wie Fast herausarbeitet, sei der gewesen, dass Jackson zu dieser Zeit selbst als „dangerous“ wahrgenommen wurde, ganz einfach, weil er soziale Normen überschritt und sich außerhalb konventioneller sozialer Kategorien positioniert hatte: „[A] huge part of his politics is not only that he transgressed social norms, but that his transgressions cannot be easily read.“ Während man Avantgarde-Künstler für derartige Grenzüberschreitungen feiern würde, führten sie bei Jackson nur zu Unverständnis und Abwehrreaktionen. Er war ein schwarzer Mann, der irgendwann weiß aussah. Sein Gesicht und sein Körper wiesen 1991 sowohl typisch männliche als auch typisch weibliche äußere Erkennungsmerkmale auf. Zu den Personen, die er als seine Familie und Freunde bezeichnete, gehörten unter anderem Kinder, eine alternde Hollywood-Diva, ja sogar Tiere. Man könnte die Liste noch viel weiter fortsetzen. Ihm seine Sexualität abzusprechen, diente nur dem Ziel, überhaupt irgendwie mit ihm umgehen zu können:

„[D]enying [his sexual energy] and his masculinity […] works to contain his complex gendered and sexualized self and to police the boundaries of what can be considered desirable, sexy, and masculine. It erases the beautiful conundrum. But it also makes him safer.“

Im dritten Kapitel namens „Utopia“ kommt Susan Fast zum formellen wie thematischen Mittelpunkt des Albums, den Liedern „Heal The World“ und „Black Or White“. Gleichzeitig handelt es sich dabei auch um einen Wendepunkt, wie sie schreibt, denn zu den ersten sechs „noisy“ Liedern, die von den Problemen dieser Welt und „desires of the flesh and heart“ handeln, stellt „Heal The World“ einen starken Kontrast dar, klanglich wie inhaltlich. Jackson betonte oft, dass er mit seinen Liedern und Auftritten den Menschen eine Flucht aus dem Alltag bieten wollte und wurde leider genau dafür häufig kritisiert. Tatsächlich ist aber genau dies eine wichtige Funktion von Kunst, wie Fast darlegt:

„[Moments of relief] are not about abdicating responsibility […], but about creating in both body and mind the space to imagine different or possible worlds. Escaping might mean feeling a different way, changing your body chemistry, momentarily stepping into love, euphoria, bliss, empathy, a strong sense of community – or anger, fear, hurt.“

Die Tracks 9 bis 12 des Albums werden in Kapitel vier, „Soul“, besprochen. Fast bezeichnet sie als „the heart and sould of the record“ und versucht unter anderem zu ergründen, warum Jackson dabei gleich drei Lieder über Verzweiflung und Einsamkeit direkt hintereinander platzierte. Auch geht sie erneut darauf ein, wie er sich in „Will You Be There“ und „Keep The Faith“ erneut ganz deutlich schwarzen Traditionen zuwendet.

Es folgt schließlich noch eine „Coda“, die sich mit den letzten beiden Songs auf dem Album beschäftigt. Nach der traurigen Ballade „Gone Too Soon“, die stilistisch erneut vollkommen anders ist als alles vorhergehende, kommt das Album mit seinem Titelsong „Dangerous“ zum Abschluss und kehrt gleichzeitig zu seinem Anfang zurück, nämlich zum von Teddy Riley produzierten „noise“ der ersten Stücke. „Dangerous is a monumental album.“, fasst Fast abschließend zusammen. Damit hat sie recht und es ist erfreulich, dass gerade dieses Album als erstes für eine ausführliche Betrachtung in Buchform ausgewählt worden ist. Neben den hier erwähnten Themen arbeitet Fast noch weitere heraus und bezieht zudem auch einige der Musikvideos und Auftritte Jacksons in ihre Analyse mit ein. Ebenso anaylisiert sie das von Mark Ryden gezeichnete Cover des Albums.

Das Buch ist von der ersten bis zur letzten Seite hoch interessant und dicht mit Informationen und Analyseergebnissen vollgepackt. Leider ist es allerdings, wie eingangs erwähnt, etwas kurz geraten. Einige der Songs fallen bei der Analyse unter den Tisch: „She Drives Me Wild“, „Can’t Let Her Get Away“ und „Gone Too Soon“ wird kaum Aufmerksamkeit geschenkt. Auch die Musikvideos finden leider nicht alle Berücksichtigung (die Kurzfilme zu „Who Is It“ und „Give In To Me“ finde sie nicht besonders interessant, schreibt Fast und analysiert sie deswegen nicht). Von diesen Auslassungen abgesehen ist das Buch aber hervorragend gelungen; jeder Fan, der sich für eine ernsthafte Analyse von Jacksons Werk interessiert (und der englischen Sprache mächtig ist) wird es in kürzester Zeit verschlungen haben. Ich habe es jedenfalls schon zweimal gelesen und hoffe, dass es nicht die letzte Veröffentlichung der Autorin zum Thema Michael Jackson bleiben wird.

Im sehr lesenswerten Blog „Dancing with the elephant“ gibt es ein Gespräch mit Susan Fast über ihr Buch zum Nachlesen. Eine deutsche Übersetzung dieses Gesprächs gibt es im Blog „all4Michael“, wo offenbar auch die Kapitel des Buches nach und nach ins Deutsche übersetzt werden. Zuletzt noch der Hinweis auf einen neuen Podcast: „The MJCast“ wird sich regelmäßig mit Themen rund um den King of Pop beschäftigen. Bislang habe ich nur die einleitende „Episode 000“ gehört, hoffe aber auf einen unterhaltsamen, lehrreichen und spannenden Podcast.

Meine Oscar-Tipps 2015

In der Nacht von Samsag auf Sonntag ist es wieder so weit: Die Academy Awards, besser bekannt als Oscars, werden in Los Angeles verliehen. Wie in den letzten Jahren gebe ich also auch dieses Mal wieder meine Tipps ab. (Anmerkung: An diesem Blogpost habe ich inzwischen tagelang herum gebastelt und mich in mehreren Kategorien immer wieder anders entschieden. Damit ich damit nicht noch mehr Zeit vergeude, zwinge ich mich jetzt zur Veröffentlichung und lege mich dafür ein für alle Mal fest.) Dieses Mal bin ich in vielen Kategorien ziemlich ratlos. Beim besten Film und beim besten Hauptdarsteller gibt es jeweils keinen eindeutigen Favoriten und auch der überraschende Kassenerfolg von „American Sniper“ macht die Sache nicht leichter (ich habe mich mal dazu verführen lassen, in einigen Kategorien auf den Film zu setzen, obwohl ich es ursprünglich nicht vor hatte). Es wird also einerseits eine spannende Preisverleihung, andererseits sind bei den Nominierungen leider eine ganze Reihe von Filmen nicht bzw. nicht in ausreichendem Maße berücksichtigt worden. Warum hat „Gone Girl“ keine Nominierung für das Drehbuch, Regisseur David Fincher oder als bester Film erhalten? Wieso ist Interstellar zwar fünf Mal in technischen Kategorien nominiert, aber die Leistung von Christopher Nolan erneut ignoriert worden? Warum ist „Selma“ nur als bester Film und für das beste Lied nominiert, aber Hauptdarsteller David Oyelowo ging leer aus? Und was ist eigentlich mit „Under The Skin“? Die Oscars sind nun einmal nicht gerecht und meckern kann man jedes Jahr. Nun aber zu meinen Sieger-Tipps (Hier gibt es die Nominierungen zum Nachlesen).

Bester Film
So spannend wie in diesem Jahr war es schon lange nicht mehr. „The Grand Budapest Hotel“ schwimmt seit seiner Premiere auf der Berlinale vor einem Jahr auf einer Erfolgswelle und wurde mit dem Golden Globe als beste Komödie ausgezeichnet. „Birdman“ steht ebenfalls hoch im Kurs und wurde den Hauptpreisen der US-Produzenten-, Regisseurs- und Schauspielgilden bedacht, was durchaus für eine Oscarauszeichnung spricht. Und „Boyhood“ – der auch bereits vor einem Jahr seine Uraufführung erlebte – hat den BAFTA und den Drama-Golden Globe gewonnen. Dann ist da allerdings noch „American Sniper“, der in den letzten Wochen zum Überraschungserfolg in den USA geworden ist und sich dort inzwischen u.a. mit dem Titel „erfolgreichster Kriegsfilm“ schmücken darf. Vom Einspielergebnis her liegt er jedenfalls weit vor all den anderen Kandidaten. Das muss zwar an sich nichts heißen, zeigt aber die enorme Popularität des Films, der noch dazu das Glück hat, dass sein US-Kinostart erst Ende Dezember erfolgte, so dass der Höhepunkt seines Erfolges genau in die Zeit fiel, in der die Academy nun über die Vergabe der Oscars abgestimmt hat (wobei der Höhepunkt auch erst noch kommen könnte, falls der Film wirklich diesen oder zumindest ein paar andere Oscars gewinnt). Ich gehe aber mal auf Nummer sicher und tippe auf „Boyhood“ (produziert von Richard Linklater & Cathleen Sutherland). Da die Abstimmung nach einem Rangfolgesystem erfolgt, dürfte der Film selbst auf den Stimmzetteln, die „American Sniper“ oder „Birdman“ auf Platz eins setzen, auf einem der anderen vorderen Plätze vertreten sein und so wahrscheinlich insgesamt die meisten Punkte für sich verbuchen. (Fast hätte ich mich im letzten Moment hier doch noch für Birdman entschieden. Letztlich kann ich das aber einfach nicht tun, weil ich will, dass Boyhood gewinnt.)

Bester Hauptdarsteller
Hier handelt es sich wie erwähnt um eine der spannendsten Kategorien in diesem Jahr. Eddie Redmaynes Leistung in „The Theory of Everything“ ist hoch gelobt und bereits mehrfach ausgezeichnet worden (BAFTA, Screen Actors Guild Award, Golden Globe). Leider habe ich den Film noch nicht gesehen. Auch Michael Keaton fand in „Birdman“ viel Beachtung und wurde ebenfalls mit einem Golden Globe (wo die Schauspielpreise ja auf verschiedene Filmgenres aufgeteilt sind) und einem Critics Choice Award belohnt. Beide Preise werden allerdings von Kritikern und Pressevertretern vergeben, sagen also nicht unbedingt etwas darüber aus, wie die Academy abstimmen wird. Auch Bendedict Cumberatch ist natürlich nicht zu unterschätzen, schon allein deshalb, weil sein Name in letzter Zeit in aller Munde ist und er dank seiner Rollen in „Sherlock“, „Star Trek Into Darkness“ und „The Hobbit“ zu einem der angesagtesten Filmstars der letzten Zeit geworden ist. Seine Leistung in „The Imitation Game“ fand ich persönlich allerdings nicht besonders beeindruckend, weil seine Rolle dort ganz einfach zu dicht an den aus „Sherlock“ und „Star Trek“ bekannten Charakteren lag. Die Nominierung von Bradley Cooper für „American Sniper“ kam ziemlich überraschend, doch der enorme Erfolg des Films in den USA könnte auch ihm zahlreiche Stimmen verschaffen. Kaum Chance ausrechnen darf sich wohl lediglich Steve Carell für „Foxcatcher“.
Ich tippe darauf, dass Eddie Redmayne das Rennen macht, schließe aber eine Auszeichnung Keatons nicht aus und könnte mir auch einen überraschenden Sieg von Cooper (der ja immerhin zum dritten Mal in Folge nominiert ist) zumindest vorstellen.

Beste Hauptdarstellerin
Hier sieht die Sache wesentlich einfacher aus – alle Anzeichen deuten auf eine Auszeichnung von Julianne Moore hin. Sie hat für ihre Rolle in „Still Alice“ bereits den Golden Globe, BAFTA, Screen Actors Guild Awards und Critic’s Choice Award gewonnen. Zudem ist sie zum fünften Mal nominiert und eine Auszeichnung längst fällig. Die überraschend nominierte Marion Cotillard sowie Felicity Jones, Rosamund Pike und Reese Witherspoon werden wohl das Nachsehen haben. Ich tippe also auf Julianne Moore.

Bester Nebendarsteller
Auch hier scheint die Sache klar zu sein: J.K. Simmons hat für seine Rolle in „Whiplash“ ebenfalls alle wichtigen Preise der Saison abgeräumt – also tippe ich darauf, dass er auch bei den Oscars gewinnen wird. Pech für Robert Duvall, Ethan Hawke, Edward Norton und Mark Ruffalo.

Beste Nebendarstellerin
Noch ein leichter Tipp: Hier wird wohl Patricia Arquette für ihre Leistung in „Boyhood“ ausgezeichnet. Auch sie hat – wie Julianne Moore und J.K Simmons – die vier anderen wichtigen Preise des Jahres gewonnen. Laura Dern, Keira Knightley und Emma Stone werden ebenso leer ausgehen wie Mery Streep, deren Nominierung ich in diesem Jahr übrigens höchst sonderbar finde. Sie ist in „Into The Woods“ zwar toll, wie in all ihren Rollen. Doch als Oscar-verdächtig würde ich ihre Leistung nicht bezeichnen und es hätte sich doch bestimmt noch eine andere Schauspielerin finden lassen, die nicht bereits 18 Mal nominiert war.

Beste Regie
Hier wird es schon schwieriger. Die beiden Favoriten lauten Richard Linklater und Alejandro González Iñárritu. Linklater wurde mit dem Critic’s Choice Award, dem BAFTA und dem Golden Globe ausgezeichnet, Iñárritu mit dem Preis der US-Regisseursgilde (DGA-Award). Für Linklater spricht zudem, dass er mit seiner über 12-jährigen Arbeit etwas noch nie zuvor Vollbrachtes geleistet hat. Ich tippe mal darauf, dass Richard Linklater („Before Midnight“) das Rennen macht. Eine Auszeichnung Linklaters, der zu meinen Lieblingsregisseuren gehört, würde mich wahnsinnig freuen.

Bester Animationsfilm: „The Lego Movie“ war wohl nichts für die überwiegend aus älteren Herrschaften bestehende Academy. Hey, sogar ich selbst fand den Film wahnsinnig bunt, laut und schnell. Dass er trotzdem nicht einmal nominiert wurde, war eine Überraschung. Also wird es wohl „How To Train Your Dragon 2“ (Drachenzähmen leicht gemacht 2″, von Dean Deblois & Bonnie Arnold)

Meine Tipps in den übrigen Kategorien:

Bester fremdsprachiger Film: Ida“ von Pawel Pawlikowski (Polen)
Bestes adaptiertes Drehbuch: Hmm, schwierig. Auch hier habe ich mich mehrmals anders entschieden; so richtig ausschließen kann man in dieser Kategorie keinen Film. In meiner ersten Version dieses Blogpopsts hatte ich auf „Whiplash“ getippt, nun entscheide ich mich für „The Imitation Game“ (geschrieben von Graham Moore). „American Sniper“ könnte aber auch hier von seiner Popularität profiftieren; auch Paul Thomas Anderson hätte endlich mal einen Oscar verdient (kaum zu glauben dass der Regisseur von „Magnolia“ und „There Will Be Blood“ noch nie ausgezeichnet wurde).
Bestes Originaldrehbuch: „The Grand Budapest Hotel“ (Wes Anderson & Hugo Guinness) – Es könnte aber auch „Birdman“ werden. „Boyhood“ ist natürlich auch nicht chancenlos und „Nightcrawler“ hätte die Auszeichnung schon allein deshalb verdient, weil der Film in allen anderen Kategorien ignoriert worden ist.
Beste Ausstattung (Production Design): „The Grand Budapest Hotel“ (Adam Stockhausen & Anna Pinnock)
Beste Kamera (Cinematography): „Birdman“ – Für Emmanuel Lubezki wäre es nach dem letztjährigen  Oscargewinn für „Gravity“ die zweite Auszeichnung in Folge.
Bester Ton (Sound Mixing): „American Sniper“ (John Reitz, Gregg Rudloff & Walt Martin)
Bester Tonschnitt (Sound Editing): „American Sniper“ (Alan Robert Murray & Bub Asman) – Ich tippe in den beiden Tonkategorien mal auf den wie gesagt in den USA sehr populären „American Sniper“, obwohl ich ursprünglich anders tippen wollte. Hoffentlich bereue ich es nicht.
Beste Musik: „The Grand Budapest Hotel“ (Alexandre Desplat)
Bestes Lied: „Glory“ aus „Selma“ (geschrieben von John Stephens & Lonnie Lynn)
Beste Kostüme: „The Grand Budapest Hotel“ (Milena Canonero)
Beste Dokumentation: Ich würde mir zwar sehr wünschen, dass Wim Wenders, der nach „Buena Vista Social Club“ und „Pina“ nun mit „The Salt of the Earth“ zum dritten Mal in dieser Kategorie nominiert ist, ausgezeichnet wird. Doch ich denke, dass „Citizenfour“ von Laura Poitras, Mathilde Bonnefoy und Dirk Wilutzky das Rennen machen wird.
Beste Kurzdokumentation: „Crisis Hotline: Veterans Press 1“ (Ellen Goosenberg Kent & Dana Perry)
Bester Schnitt: Ich tippe mal auf „American Sniper“ (Joel Cox & Gary D. Roach), auch wenn „Whiplash“ den BAFTA gewonnen hat. Natürlich bin ich mir überhaupt nicht sicher, aber „American Sniper“ steht nun einmal gerade sehr hoch im Kurs.
Beste Maske (Makeup & Hairstyling): „The Grand Budapest Hotel“ (Frances Hannon & Mark Coulier)
Bester animierter Kurzfilm: „Feast“ (Patrick Osborne & Kristina Reed) – Der Film dürfte einem großen Publikum bekannt sein, weil er als Vorfilm von „Big Hero 6“ („Baymax“) im Kino lief. Allerdings könnte es auch der vielfach ausgezeichnete „The Bigger Picture“ werden.
Bester Kurzfilm: „Boogaloo and Graham“ (Michael Lennox & Ronan Blaney)
Beste visuelle Effekte: An dieser Kategorie könnte ich mir in diesem Jahr die Zähne ausbeißen. Vielleicht sollte ich würfeln? Ach was, nachdem ich in den letzten Tagen zuerst auf „Interstellar“ und dann auf „Guardians of the Galaxy“ setzen wollte, kehre ich nun zu meinem ursprünglichen Tipp zurück: „Dawn of the Planet of the Apes“ (Joe Letteri, Dan Lemmon, Daniel Barrett & Erik Winquist).

Update am 24.02.2015:

Das war vielleicht eine langweilige und öde Oscarverleihung! Das jedenfalls war der vorherrschende Eindruck, den ich am Montagmorgen hatte. Für so etwas hätte man sich echt nicht die Nacht um die Ohren schlagen müssen, da hätte es auch gereicht, sich die (wenigen) Höhepunkte im Lauf des Tages auf YouTube anzusehen. Dass Neil Patrick Harris ein begabter und professioneller Host ist, hat er ja eigentlich bei seinen Moderationen der Emmys und Tonys bewiesen. Bei den Oscars dagegen wirkte er stocksteif, im Lauf der Veranstaltung immer nervöser und unsicherer und hatte zudem kaum zündende Gags auf Lager. Das ist sicherlich nicht allein seine Schuld und man sollte ihm durchaus eine zweite Chance geben, allerdings nicht ohne an der über dreistündigen Zeremonie ein paar Änderungen vorzunehmen.
Seine Gesangs- und Tanzeinlage zu Beginn war zwar nett gemacht, hatte aber zu wenig Bezug zum aktuellen Jahrgang der nominierten Filme und fuhr stattdessen auf der sicheren „Wir feiern das Kino“-Schiene. Da hätte ich mir deutlich mehr Seitenhiebe auf die Nominierten und parodierende Elemente gewünscht. Dass man die weiteren Musikeinlagen gänzlich streichen sollte, finde ich nicht und ganz besonders die Idee, jedes Jahr (oder zumindest immer dann, wenn es sich anbietet), das Jubiläum eines Film-Klassikers mit einer besonderen Darbietung zu feiern, finde ich sehr gut. Dafür kamen mir andere Teile der diesjährigen Show ziemlich lieblos vor, vor allem die Einspieler zu den nominierten Filmen wirkten oft, als sollten hier nur die Namen möglichst schnell herunter geleiert werden, ohne viel Zeit zu verlieren. Warum werden bei der Aufzählung der als „best picture“ nominierten Filme nicht einmal mehr die Namen der nominierten Produzenten verlesen? Warum sind im „In Memoriam“-Segment keine Filmausschnitte mehr zu sehen? Warum gibt es bei der Vorstellung der für ihr Drehbuch nominierten Filme keine Dialogausschnitte mehr zu hören? Schneller und kürzer wurde die Show durch diese Änderungen jedenfalls nicht. Statt auf solche letztlich sowieso nicht wirksamen Kürzungen zu setzen, hätte man die Show lieber abwechslungsreicher gestalten sollen, z.B. durch eine weitere, kurze Gesangseinlage von Harris.
Mit den Entscheidungen der Academy bin ich auch nur teilweise zufrieden. Wie ich schon geschrieben habe, hätte ich mir einen Sieg von „Boyhood“ – zumindest in der Regie-Kategorie – sehr gewünscht. Ich werde nie wieder gegen einen Film wetten, in dem es um das Schauspielgeschäft geht; Hollywood schaut sich einfach zu gerne selber zu. Wobei man natürlich zugestehen muss, dass „Birdman“ ein in Idee, Ausführung und Schauspiel brillanter Film ist, den ich ja selbst auch fantastisch fand. All das trifft aber auch auf „Boyhood“ zu, den ich für den wichtigeren Film halte. Aber Richard Linklater wird wohl doch noch einige Zeit auf seinen ersten Oscar warten müssen. Über die Auszeichnung von „Big Hero 6“ („Baymax“) als besten Animationsfilm freue ich mich dagegen sehr, da er einfach um Längen besser ist als „How To Train Your Dragon 2“
Mit meinen Tipps war ich zwar insgesamt nicht schlecht, aber da ich mich dazu habe verleiten lassen, in einigen Kategorien auf „American Sniper“ zu setzen, hat mich das ein paar Punkte gekostet, da der Film nur den Oscar für den besten Tonschnitt bekommen hat. Auch bei meinen Tipps für den besten Film, die Regie und den Animationsfilm lag ich falsch, habe aber insgesamt immer noch in 16 von 24 Kategorien richtig getippt und damit das gleiche Ergebnis wie vor zwei Jahren (die 21 Richtigen vom letzten Jahr waren wohl ein glücklicher Zufall).
Alles in allem bot die diesjährige Oscarverleihung also eine langweilige Show und Ergebnisse mit denen ich nicht ganz zufrieden bin. Trotzdem freue ich mich aufs nächste Mal, weil mir ganz einfach das Recherchieren im Vorfeld viel Spaß macht und nicht zuletzt auch deswegen, weil sich dann vielleicht „Star Wars: The Force Awakens“ Hoffnungen auf den einen oder anderen Oscar machen kann.