Meine Oscar-Tipps

Heute Nacht ist es wieder so weit: in Los Angeles werden die Preise der Academy of Motion Picture Arts and Sciences – besser bekannt als Oscars – verliehen. Wie bereits im letzten Jahr wage ich mich hier wieder an eine Vorhersage der Preisträger (hier kann man die Nominierungen nachlesen). Leider habe ich dieses Jahr relativ wenige der nominierten Filme gesehen, was mich aber natürlich nicht davon abgehalten hat, trotzdem fleißig zu recherchieren, wie sich die Nominierten denn in den vorausgegangenen Preisverleihungen, wie zum Beisiel den Golden Globes, so geschlagen haben. Auf der Grundlage dieser Fakten wage ich es also, folgende Prognosen zu treffen:

Bester Film
Neun Filme sind dieses Jahr für den „besten Film“ nominiert, doch das Feld lässt sich leicht auf drei Kandidaten einschränken, wenn man sich anschaut, welche Filme bei den anderen Preisverleihungen dieser Saison hier gewonnen haben. Bei den Golden Globes, wo jedes Jahr eine „beste Komödie“ und ein „bestes Drama“ ausgezeichnet werden, haben „American Hustle“ und „12 Years a Slave“ gewonnen. Bei den BAFTAs – den „britischen Oscars“ – wurde „12 Years a Slave“ ausgezeichnet (während „Gravity“ zum besten britischen Film gewählt wurde). Und bei den Preisen der amerikanischen Filmproduzentengilde kam es zu einem überraschenden Gleichstand zwischen „Gravity“ und „12 Years a Slave“. Hmmm…
Damit dürfte jedenfalls feststehen, dass die sechs weiteren Nominierten („Dallas Buyers Club“, „Her“, „Nebraska“, „Philomena“, „Captain Phillips“ und „The Wolf of Wall Street“) in der Königskategorie keine Chance haben. Aber welcher Film wird nun das Rennen machen? „American Hustle“ ist klassisches Schauspielerkino mit großartigen Leistungen aller Darsteller. „Gravity“ ist ein Film, der die Grenzen des im Kino Mach- und Zeigbaren ein Stück verschoben hat und allein deswegen preiswürdig wäre; allerdings könnte er der Academy auch zu nah am Mainstream liegen (er hat das höchste Einspielergebnis aller Nominierten). Und obwohl es sich bei „Gravity“ streng genommen nicht um einen Science-Fiction-Film handelt, könnte die Tatsache, dass es eben trotzdem ein Weltraumfilm mit Action-Elementen ist, einige Mitglieder der Academy vielleicht abschrecken. „12 Years a Slave“ wiederum ist ein sehr ernster Film über ein ernstes Thema (und zudem über einen Teil der amerikanischen Geschichte), brilliant gespielt, aber eben auch ziemlich schwere Kost.
Ich tippe mal darauf, dass „Gravity“ in den technischen Kategorien abräumen wird, aber nicht zum besten Film gekürt wird. Auch „American Hustle“ sehe ich nicht vorne, also lautet mein Tipp „12 Years a Slave“. Das wäre meiner Meinung nach auch vollkommen verdient, da es sich dabei um einen der besten Filme handelt, die ich in den letzten Jahren (!) gesehen habe. Und obwohl ich auch ein sehr großer Fan von „Gravity“ bin, bin ich zufrieden, wenn er für Kamera, Effekte usw. ausgezeichnet wird.

Bester Hauptdarsteller
Leonardo DiCaprio ist in diesem Jahr zum vierten Mal als Schauspieler nominiert, insofern wird es langsam mal Zeit für eine Auszeichnung, zumal inzwischen auch wirklich jeder kapiert haben dürfte, dass der frühere Teenie-Schwarm schon seit langem ein großer Schauspieler ist. Übrigens ist er dieses Jahr als einer der Produzenten von „The Wolf of Wall Street“ auch für den besten Film nominiert. Er wird aber wohl in beiden Kategorien leer ausgehen, denn mit Matthew McConaughey ist die Konkurrenz einfach zu stark. Nachdem McConaughey viele Jahre vor allem für Liebeskomödien bekannt war, hat er es in den letzten zwei Jahren geschafft, seiner Karriere eine völlig neue Richtung zu geben und eindrucksvolle Leistungen in tollen Filmen abgeliefert („Magic Mike“, „Killer Joe“, „Mud“). Für „Dallas Buyers Club“ hat er sich fast bis auf die Knochen herunter gehungert, was ihm bei den Oscars Bonuspunkte einbringen dürfte. Ich fand zwar die Leistung von Chiwetel Ejiofor in „12 Years a Slave“ viel beeindruckender (für die er auch einen BAFTA gewonnen hat), aber es wird wohl auf McConaughey hinaus laufen. Den Golden Globe und einen Screen Actors Guild Award hat er für seine Rolle schon bekommen, ab morgen wird er sich wahrscheinlich dann den Oscar auch noch in den Schrank stellen können.

Beste Hauptdarstellerin
Auch Amy Adams hat in diesem Jahr für „American Hustle“ bereits ihre fünfte Oscarnominierung erhalten und so gut, wie sie eigentlich fast immer ist, hätte sie einen Oscar für irgendetwas auf jeden Fall längst verdient. Aber auch hier scheint die Konkurrenz noch stärker zu sein: Cate Blanchett spielt in Woody Allens „Blue Jasmine“ einfach hervorragend und hat auch alle anderen wichtigen Preise bekommen. Ein zweiter Oscar für sie scheint die logische Folge zu sein. „Gravity“ wird sich wie gesagt wohl mit Auszeichnungen in technischen Kategorien begnügen müssen, weswegen Sandra Bullock leer ausgehen wird. Meryl Streep ist zum 18. Mal als Schauspielerin nominiert (Rekord!), hat aber bereits drei Oscars. Genau wie Streep ist auch Judi Dench in eigentlich allen Rollen phantastisch – gegen Cate Blanchett haben sie in diesem Jahr aber alle keine Chance.

Bester Nebendarsteller
Der 28jährige Barkhad Abdi ist als Pirat in „Captain Phillips“ in seiner allerersten Kinorolle zu sehen – und wurde dafür gleich für den Oscar nominiert. Obwohl er bereits einen BAFTA gewonnen hat, wird er heute Nacht wohl leer ausgehen, denn auch in dieser Kategorie gibt es einen ziemlich eindeutigen Favoriten: Jared Leto, 90er-Jahre-Teenieidol, Frontmann der Rockband Thirty Seconds to Mars und schon lange auch ernstzunehmender Schauspieler („Fight Club“, „Requiem For a Dream“). Für seine Darstellung der HIV-positiven transsexuellen Rayon in „Dallas Buyers Club“ wurde er bereits mit einem Golden Globe und einem Screen Actors Guild Award ausgezeichnet. Mit auch schon 42 Jahren ist Leto übrigens der älteste der fünf in dieser Kategorie Nominierten. Mein Favorit ist allerdings ein anderer: Ich würde gerne Michael Fassbender für seine Rolle als sadistischer Sklavenbesitzer in „12 Years a Slave“ geehrt sehen, zumal eine Auszeichnung für Fassbender für irgendetwas auch allmählich fällig ist.

Beste Nebendarstellerin
Hier ist das Rennen etwas offener. Die 84jährige June Squibb ist für ihre Rolle in Alexander Paynes „Nebraska“ nominiert, Sally Hawkins für ihre Rolle als Cate Blanchetts ungleiche Schwester in „Blue Jasmine“ und Julia Roberts hat sich mit „August Osage County“ nach einiger Zeit Leinwandabstinezn eindrucksvoll zurück gemeldet und wurde ebenfalls mit einer Nominierung bedacht. Die beiden Favoriten aber sind „Jennifer Lawrence“ („The Hunger Games“) für ihre Rolle in „American Hustle“ und Lupita Nyong’o für ihre erste Spielfilmrolle in „12 Years a Slave“. Lawrence hat den Golden Globe und den BAFTA gewonnen, Nyong’o dagegen den Screen Actors Guild Award. Gegen Lawrence spricht vor allem die Tatsache, dass sie erst letztes Jahr für „Silver Linings Playbook“ ausgezeichnet worden und zudem erst 23 Jahre alt ist – für weitere Oscars bleibt da noch genug Zeit. Ihre Performance in „American Hustle“ war zweifellos sehr, sehr gut, wenn man über die Tatsache hinwegsehen konnte, dass sie für ihre Rolle dort mindestens zehn Jahre zu jung ist. Ich kann mir zwar durchaus vorstellen, dass die Academy sie in diesem Jahr erneut auszeichnet, tippe aber mal auf Lupita Nyong’o. Sie wäre auch meine eigene Wahl.

Beste Regie
Hier gibt es einen klaren Favoriten: Alfonso Cuarón hat mit Gravity Bilder auf die Leinwand gezaubert, wie wir sie zuvor noch nicht gesehen haben. Jahrelang musste der mexikanische Regisseur (der mit „Der Gefangene von Askaban“ den einzigen wirklich guten „Harry Potter“-Film gedreht hat) warten, bis die Technik überhaupt so weit war, um die Bilder, die ihm vorschwebten, auch genau so auf die Leinwand bringen zu können. Den Regie-Oscar bekäme er völlig verdient. Zwar wäre auch für David O. Russell („Silver Linings Playbook“, „The Fighter“) langsam mal einer fällig, aber Cuarón hat alle anderen wichtigen Preise abgeräumt – warum sollte es bei den Oscars anders sein? Dass Martin Scorcese für seinen außer Kontrolle geratenen „The Wolf of Wall Street“ nominiert worden ist, darüber kann man sicherlich streiten. Echte Siegchancen dürfte er jedenfalls ebenso wenig haben wie Russell, Steve McQueen („12 Years a Slave“) oder Alexander Payne („Nebraska“). Wenn ich richtig liege, dann gehen die Preise für die beste Regie und den besten Film an unterschiedliche Filme, was nur sehr selten der Fall ist (aber im letzten Jahr ja auch vorkam, wo „Argo“, der als bester Film gewann, nicht einaml für die Regie nominiert war).

Bester Animationsfilm
Es ist wohl Ironie des Schicksals, dass diese Kategorie 2001 gerade dann erst eingeführt wurde, als es mit der Zeit der großen Disney-Trickfilme vorbei war. Allerdings waren seitem fast alle Pixar-Filme in dieser Kategorie nominiert – und Pixar gehört ja auch längst zu Disney. Die einzige Ausnahme war bislang „Cars 2“ – bis in diesem Jahr das aktuelle Pixar-Werk („Die Monster Uni“ / „Monsters University“) ebenfalls ohne Nominierung blieb. Dafür sind nun aber die Disney Animation Studios selbst wieder zum Zug gekommen: Mit „Frozen“ („Die Eiskönigin“) ist ihre Version des Hans Christian Andersen-Märchens nominiert worden und auch klarar Favorit. Die anderen Nominierten – darunter Hayao Miyazaki für „The Wind Rises“ – werden wohl das Nachsehen haben.

Meine Tipps in den übrigen Kategorien:

Bester Fremdsprachiger Film: „La Grande Bellezza“ („Die große Schönheit“) von Paolo Sorrentino (Italien)
Bestes adaptiertes Drehbuch: „12 Years a Slave“ von John Ridley – Ich bin wahrscheinlich nicht der einzige, der hier lieber Richard Linklater, Julie Delpy und Ethan Hawke für „Before Midnight“ ausgezeichnet sehen würde. Die drei „Before…“-Filme sind so wunderbar geschrieben, dass eine Auszeichnung eigentlich mal fällig wäre.
Bestes Originaldrehbuch: „Her“ von Spike Jonze – Es könnte auch „American Hustle“ werden, aber da „Her“ bei den Golden Globes, den Critics Choice Awards und den Writers Guild Awards gewonnen hat, sehe ich den Film auch hier vorne. Außerdem ist die Drehbuchkategorie traditionell die Kategorie, in der Filme ausgezeichnet werden, die eigentlich auch Preise in den ganz großen Kategorien verdient hätten, aber dann doch irgendwie zu speziell dafür sind. Das trifft auf Spike Jonzes Liebesgeschichte zwischen einem Mann (Joaquin Phoenix) und der Computerstimme seines Handys (Scarlett Johansson) definitiv zu.
Beste Ausstattung (Production Design): „12 Years a Slave“ (Adam Stockhausen & Alice Baker) – es könnte aber auch „The Great Gatsby“ werden…
Beste Kamera (Cinematography): Ganz klar Emmanuel Lubezki für „Gravity“
Bester Ton (Sound Mixing): „Gravity“ (Skip Lievsay, Niv Adiri, Christopher Benstead und Chris Munro)
Bester Tonschnitt (Sound Editing): „Gravity“ (Glenn Freemantle)
Beste Musik: „Gravity“ (Steven Price) – natürlich würde ich es als großer John Williams-Fan gerne sehen, wenn der Altmeister für „The Book Thief“ noch einmal ausgezeinet würde, aber seine Chancen stehen leider nicht gut. (Und ich kenne den Film und seine Musik auch noch gar nicht.)
Bestes Lied: „Let It Go“ aus „Frozen“, komponiert und geschrieben von Kristen Anderson-Lopez und Robert Lopez. Da bei den Golden Globes allerdings „Ordinary Love“ aus „Mandela: Long Walk to Freedom“ ausgezeichnet wurde und die Academy ja immer wieder gerade so scheinbar offensichtliche Sieger wie „Let It Go“ nicht ausgezeichnet hat, könnte auch hier „Ordinary Love“ die Nase vorn haben.
Beste Kostüme: „The Great Gatsby“ (Catherine Martin). Oder doch „12 Years a Slave“…?
Beste Dokumentation: „The Square“ von Jehane Noujaim und Karim Amer
Beste Kurzdokumentation: „The Lady in Number 6: Music Saved My Life“ von Malcolm Clarke und Nicholas Reed – Bei den Doku-Kategorien schieße ich übrigens ziemlich ins Blaue hinein. Ich habe leider keinen der nominierten Filme gesehen und die „Experten“ auf die ich mich in solchen Fällen verlasse sind sich auch nicht einig.
Bester Schnitt: Ich tippe auch in dieser technischen Kategorie mal auf „Gravity“ (Alfonso Cuarón und Mark Sanger). Fast immer gewann bisher übrigens der „beste Film“ auch den Preis für den besten Schnitt. Aber kann ja dieses Jahr mal anders sein.
Beste Maske (Makeup & Hairstyling): „Dallas Buyers Club“ (Adruitha Lee und Robin Mathews)
Bester animierter Kurzfilm: „Mr. Hublot“ von Laurent Witz und Alexandre Espigares
Bester Kurzfilm: „The Voorman Problem“ von Mark Gill und Baldwin Li (und mit Martin Freeman und Tom Hollander)
Beste visuelle Effekte: „Gravity“ (Tim Webber, Chris Lawrence, David Shirk und Neil Corbould)

Das war 2013 – Mein persönlicher Film- und Serienrückblick

Weihnachten steht vor der Tür, das Jahr ist so gut wie vorbei, da wird es Zeit für einen Jahresrückblick. Das dachte ich mir jedenfalls vor ein paar Tagen, schließlich habe ich schon lange nichts mehr gepostet und zwar einige neue Blogposts in Arbeit, die aber aus verschiedenen Gründen (welche sich alle unter dem Überbegriff Prokrastination zusammenfassen lassen) alle noch nicht fertig sind. Also beuge auch ich mich dem momentanen Trend und schreibe meinen persönlichen Film- und Serienjahresrückblick 2013.

Die besten Filme des Jahres

Zum ersten Mal habe ich 2013 eine Liste über alle Filme geführt, die ich mir in diesem Jahr angeschaut habe, ganz egal ob im Kino oder zuhause, ganz egal ob brandneuer Blockbuster oder jahrzehnte alter Klassiker. Die Anzahl verrate ich nicht, aber es waren definitiv zu wenige. Noch weniger als in den letzten Jahren habe ich es 2013 geschafft, alle neuen Filme, die ich mir anzuschauen vorgenommen habe, auch zu sehen. Das lag vor allem daran, dass ich in den letzten Wochen kaum Zeit hatte, wie wild in die Videothek und ins Kino zu rennen, um auch wirklich alle wichtigen Filme des Jahres nachzuholen. Am produktivsten war ich in dieser Hinsicht wie in jedem Jahr während des „Filmfest München“ – 23 Filme habe ich dort innerhalb von acht Tagen gesehen (und hier darüber geschrieben). Darunter war mit „Blau ist eine warme Farbe“ („La vie d’Adèle“, seit Donnerstag deutschlandweit im Kino) einer der besten Filme des Jahres. Abdellatif Kechiches Beziehungsdrama mit Adèle Exarchopoulos und Léa Seydoux erzählt so direkt, ungekünstelt und ehrlich von den Höhen und Tiefen einer Liebesbeziehung und wartet mit zwei so guten und faszinierenden Hauptdarstellerinnen auf, dass ich auch nach knapp drei Stunden noch nicht genug davon kriegen konnte. Eine weitere Filmfestentdeckung war die Dokumentation „Jodorowsky’s Dune“, die vom letztendlich gescheiterten Versuch des chilenischen Kultregisseurs Alejandro Jodorowsky erzählt, Frank Herberts SciFi-Saga „Dune“ zu verfilmen. Für Fans des Buches, aber auch für Filminteressierte lohnt sich ein Blick auf diesen Film auf jeden Fall, denn die Version von „Dune“, die Jodorowsky vorschwebte, war eine in jeder Hinsicht große und in mancher Hinsicht vielleicht auch größenwahnsinnige. Hoffentlich findet dieser Film zumindest auf DVD auch seinen Weg nach Deutschland.

Wenn man unter einem perfekten Kinoerlebnis die Erfahrung versteht, für die Dauer eines Filmes die Realität um sich herum vollkommen zu vergessen und in eine andere Welt transportiert zu werden, dann ist Alfonso Cuaróns „Gravity“ für mich das perfekte Filmerlebnis schlechthin. Selten zuvor hat ein Filmemacher die handwerklichen Werkzeuge des Films – in diesem Fall unter anderem den 3D-Effekt – so geschickt und stimmig in den Dienst einer dazu passenden Geschichte gestellt. Die phänomenale Kamera- und Schnittarbeit des Films vermittelt dem auf dem Erdboden verhafteten Zuschauer auf die bestmögliche Weise den Eindruck, mit Sandra Bullock und George Clooney im Weltraum zu schweben. Das Erlebnis, das dieser Film bietet ist wirklich schwer in Worte zu fassen. Als ich aus dem Kino kam, hatte ich noch minutenlang einen federnden, leichten Gang, weil ich tatsächlich zu einem gewissen Grad das Gefühl hatte, aus der Schwerelosigkeit zurück auf die Erde zu kommen. Praktisch den ganzen Film über ging mein Mund vor Staunen gar nicht mehr zu – „Gravity“ ist für mich ganz klar der beste Film des Jahres. Dieses Filmerlebnis hätte nur dann noch besser sein können, wenn Cuarón den Film in HFR, also mit mindestens 48 Bildern pro Sekunde gedreht hätte (so wie Peter Jackson seine beiden „Hobbit“-Filme). Dann wäre bei Kameraschwenks nämlich kein Verwischungs-Effekt aufgetreten und wirklich überhaupt nichts hätte mich noch daran erinnert, dass ich da „nur einen Film“ sehe.

Von ganz anderer Art und vollkommen dem Erdboden verhafet, ja wie mitten aus dem Leben gegriffen, sind die „Before…“-Filme von Richard Linklater, über die ich im April gebloggt habe. „Before Midnight“ war einer meiner meisterwarteten Filme des Jahres und hat mich nicht enttäuscht. Auf gewohnt hohem Niveau führen Linklater, Julie Delpy und Ethan Hawke fort, was sie 1995 begonnen haben. Konsequent wird die Geschichte von Jesse und Céline, die sich einst im Zug kennen gelernt haben, hier weitererzählt. Delpy und Hawke dabei zuzusehen, wie sie in scheinbarer Verschmelzung mit ihren Figuren die grandiosen Dialoge zum Leben erwecken, gehörte zu den Höhepunkten meines Filmjahres. Und dann wieder dieses Ende…!

Ganz klar ein weiterer Höhepunkt für mich war „Star Trek Into Darkness“. In meinem Fall ist J.J. Abrams Plan voll aufgegangen: Je weniger die Zuschauer vor dem Kinobesuch über einen Film wissen, umso mehr kann man sie überraschen. Da ich vollkommen ungespoilert in das neue Trek-Abenteuer ging, konnte mich die zentrale Enthüllung des Films auch tatsächlich überraschen und schockieren! Auch den Rest des Films habe ich ausnahmslos genossen; „Star Trek Into Darkness“ ist für mich ein fast perfektes SciFi-Abenteuer (jetzt werden wieder einige maulen, dass es in „Star Trek“ ja eigentlich um mehr gehen soll, als nur um Abenteuer, aber dazu habe ich ja bereits in meinem Post zum Film etwas geschrieben).

Wo ich gerade bei großen Abenteurn bin: Auch Peter Jacksons zweiter „Hobbit“-Film gehört für mich zu den besten des Jahres, auch wenn ich mir nach der zweiten Sichtung des Films nicht mehr ganz sicher bin, ob ich ihn wirklich in meine Top Ten einordnen würde. Mit der Szene, in der Bilbo und die Zwerge verfolgt von Orks und Elben in Fässern den Fluss hinuntertreiben, liefert er auf jeden Fall eine der kreativsten und unterhaltsamsten Actionszenen seit Jahren ab und wartet zudem mit einem Showdown auf, der mir ein breites Grinsen der Bewunderung und des Staunens ins Gesicht zauberte. Ich gebe ja zu, dass ich eine Schwäche für Jacksons Actionsszenen habe, die oft überlang und „over the top“ sind, aber mit den genannten zwei Sequenzen hat er sich tatsächlich noch einmal selbst übertroffen (was für all diejenigen, die den Film nicht mochten, natürlich als Argument gegen ihn angeführt werden kann). „The Desolation of Smaug“ hat definitiv seine Schwächen, aber zumindest beim ersten Mal hatte ich so viel Spaß im Kino, wie schon lange nicht mehr und habe sogar spontan applaudiert.

Ebenfalls zum Lachen und Staunen gebracht hat mich zu Beginn des Jahres Tim Burtons „Frankenweenie“. Endlich mal wieder ein Tim Burton-Film, bei dem der Regisseur ohne Rücksicht auf den Massengeschmack seine Vision auf die Leinwand bringen konnte! Hier konnte Burton seine Kreativität voll ausleben und hat nach dem von ihm erdachten „Nightmare Before Christmas“ und „Corpse Bride“ erneut einen Stop Motion-Animationsfilm voller herrlich verrückter, aber emotional authentischer Figuren geschaffen. Zusätzlich ist „Frankenweenie“ eine Hommage an alte Horrorstreifen und zitiert zahlreiche Klassiker des Genres, was das Vergnügen für Filmfans noch größer macht. Auch Steven Spielbergs „Lincoln“ kam in Deutschland zu Beginn des Jahres in die Kinos und zählt wahrscheinlich zu den besten Filmen des Regiegroßmeisters. Ich schreibe „wahrscheinlich“, weil ich den Film nur einmal gesehen habe und ihn mir noch einmal anschauen muss, um mir ein klareres Bild zu verschaffen. Das herrvoragende Drehbuch, das detaillierte und überzeugende Set- und Kostümdesign und in erster Linie Daniel Day Lewis‘ wirklich phänomenales Schauspiel machen diesen Film aber auf jeden Fall zu einem der besten des Kinojahres.

Quentin Tarantino nahm sich mit seinem „Django Unchained“ ebenfalls dem Thema Sklaverei in den USA an und gewann für das Drehbuch verdientermaßen einen Oscar. Ob man auch Christoph Waltz nach seiner Auszeichnung für „Inglorious Basterds“ erneut einen Goldjungen überreichen musste, darüber kann man streiten. Fest steht, dass es extrem unterhaltsam war, Waltz und auch dem hervorragend fiesen Leonardo DiCaprio hier zuzusehen. Der Film hatte hier und da ein paar Längen und komischerweise ist mir Jamie Foxx‘ Django viel weniger in Erinnerung geblieben als die Figuren von Waltz, DiCaprio, Samuel L. Jackson oder Don Johnson, aber insgesamt handelt es sich trotzdem um einen der besten Filme des Jahres.

Großartiges Schauspielkino der ganz anderen Art bot der dänische Film „Die Jagd“ von Thomas Vinterberg, der hier erstmals mit Mads Mikkelsen („Casino Royale“) zusammen arbeitete. Mikkelsen spielt einen Kinderpfleger, der eines Tages zu Unrecht verdächtigt wird, sich sexuell an einem kleinen Mädchen vergangen zu haben. Die ruhige Inszenierung, das intelligente Drehbuch und das sehr gute Schauspiel Mikkelsens und der Nebendarsteller (inklusive des kleinen Mädchens) machen diesen Film zu einem sehr sehenswerten Stück Kino, das zum Nachdenken anregt. Ähnliches gilt für „Flight“, Robert Zemeckis‘ lang erwartete Rückkehr zum Realfilm. Nach „Cast Away“ (2000) und „What Lies Beneath“ („Schatten der Wahrheit“, 2001) hatte es sich der Regisseur zur Aufgabe gemacht, die Motion Capture-Technologie zu erforschen. Seine Filme „Der Polarexpress“, „Die Legende von Beowulf“ und seine Version von Dickens‘ „Weihnachtsgeschichte“ waren allerdings weder besonders gut, noch konnten sie eine klare Antwort auf die Frage geben, warum man nun unbedingt Tom Hanks in einem Film fünf verschiedene Rollen spielen lassen muss, bloß weil es technisch möglich ist. (Sinnvoll eingesetzt und weiterentwickelt wurde Motion Capture schließlich von anderen, allen voran Peter Jackson mit Gollum im „Herrn der Ringe“, James Cameron bei „Avatar“ und auch Spielberg und Jackson bei „Tim & Struppi“). In Flight hat sich Zemeckis jedenfalls wieder auf seine alten Stärken zurück besonnen und ein Stück Kino abgeliefert, das zwar technisch und handwerklich brilliant ist, dies jedoch nicht zum Mittelpunkt und Selbstzweck macht. Auch Denzel Washingtons zu recht oscarnominiertes Schauspiel setzt eher auf Zurückhaltung statt Übertreibung und ist gerade deshalb so effektiv.

Was gab es sonst noch so für tolle, erwähnenswerte Filme? Da wäre Paul Thomas Andersons „The Master“, der sicherlich keine leicht zugängliche Kost darstellt, aber schon allein wegen der Schauspielleistungen seiner Hauptdarsteller sehenswert ist. Das gleiche kann man von „Prisoners“ behaupten, einem Film, dessen Düsternis meine Stimmung ganz schon in den Keller gezogen hat, in dem Hugh Jackman und Jake Gyllenhaal aber voll überzeugen konnten. Äußerst begeistert war ich auch nach dem Anschauen von „Die fantastische Welt von Oz“, allerdings habe ich den starken Verdacht, dass sich das ändern würde, sollte ich den Film irgendwann ein zweites Mal sehen. Woody Allens „Blue Jasmine“ ist definitiv einer der stärkeren Filme des Regisseurs, wenn auch wie die meisten seiner Werke von zahlreichen Klischees durchzogen. Doch schon allein Cate Blanchetts Darstellung der titelgebenden Jasmine war den Kauf der Eintrittskarte wert und ich tippe mal darauf, dass sie für diese Rolle ihren zweiten Oscar erhalten wird. Tolles Schauspielkino gab es auch in „Saiten des Lebens“ („A Late Quartet“) zu sehen, in dem Christopher Walken, Philipp Seymour Hoffman, Catherine Keener und Mark Ivanir die Mitglieder eines Streichquartetts spielen, die sich unter anderem damit auseinandersetzen müssen, dass einer von ihnen an Parkinson erkrankt ist. Ach ja, und dann war doch noch „World War Z“, der von allen bisher genannten Filmen zwar der am wenigsten beeindruckende ist, den ich hier aber dennoch aufführen möchte, weil er ganz einfach so viel besser war als man erwartet hatte. Vielleicht steckte ja eine besondere Marketingstrategie des Studios dahinter – erst monatelang Informationshäppchen darüber in die Welt setzen, wie chaotisch die Dreharbeiten verlaufen und wie uneinig sich die Beteiligten über die Richtung sind, die der Film einschlagen soll, um dann am Ende mit einem zwar bei weitem nicht perfekten, aber eben doch ordentlichem und unterhaltsamen Zombie-Actionfilm zu überraschen.

Die bewegendste Schauspiellelistung des Jahres kam dieses Mal von Anne Hathaway in „Les Misérables“. Während ich den Film als ganzen nur mittelmäßig fand, hat mich ihre Darbietung von „I Dreamed A Dream“ selbst dann noch zu Tränen gerührt, wenn ich das Lied nur gehört habe. Ihre gesanglich nicht perfekte, aber gerade deswegen emotional so berührende Darbietung dieser Szene hat ihr vollkommen zu Recht den Oscar für die beste weibliche Nebenrolle eingebracht. Und das schreibe ich nicht nur, weil ich Anne Hathaway neben Rebecca Hall für die schönste Schauspielerin der Welt halte und einen Anne Hathaway-Adventskalender an der Wand hängen habe! 😉

Weitere persönliche Filmhöhepunkte

Schließlich möchte ich noch ein paar Filme nennen, die zwar zum Teil schon älter sind, die ich aber 2013 zum ersten Mal gesehen habe und die ebenfalls zu meinen filmischen Höhepunkten zählten: Da wäre zunächst Hitchcocks „Psycho“, das ich tatsächlich erst dieses Jahr nachgeholt habe (als Vorbereitung auf „Hitchcock“, der von der Entstehung von „Psycho“ erzählt, aber leider eher durchwachsen ausgefallen ist). Auch „Der Zauberer von Oz“ habe ich erst 2013 zum ersten Mal gesehen (und zwar einige Tage nach dem Kinobesuch von „Die fantastische Welt von Oz“) und mich nicht nur sofort in den Film verliebt, sondern beim Anschauen auch endlich die zahlreichen Anspielungen auf den Film, die in vielen anderen Filmen und Liedern vorkommen, verstanden. Nach dem extrem enttäuschenden fünften „Stirb Langsam“-Film (siehe unten) habe ich auch endlich die mir noch fehlenden ersten beiden Teile der Reihe angeschaut und war überrascht davon, dass Teil 1 ja noch gar nicht so ein Actionfeuerwerk ablieferte, wie es vor allem die letzten beiden Filme taten. Die Stärken des Films liegen anderswo und gerade deswegen ist er so verdammt gut (Teil 2 dagegen konnte ich schon sehr viel weniger abgewinnen). Besser spät als nie habe ich 2013 auch endlich erkannt, was für ein erzählerisches Genie Joss Whedon ist. Mit seinem Werk war ich bisher kaum vertraut, nachdem ich aber den von Whedon geschriebenen und wirklich genialen „The Cabin In The Woods“ gesehen habe, verneige ich mich vor seiner Fähigkeit, uns mit der Dekonstruktion eines ganzen Genres zu unterhalten.

Auf dem Fantasy Filmfest habe ich in diesem Jahr drei Filme gesehen, von denen „The Philosophers“ der beste war. James D’Arcy spielt darin als Lehrer mit seiner Philosophieklasse ein Gedankenexperiment duch, das grausam endet. Nebenbei erfahren wir auch noch, auf welche weiterführende Schule Ginny Weasly aus den „Harry Potter“-Filmen nach ihrem Hogwarts-Besuch gegangen ist, deren Darstellerin Bonnie Wright spielt hier nämlich eine Schülerin. Ein Film, über den ich vorher so gut wie nichts wusste und der mich dann sehr beeindruckt hat, war Anton Corbijns Musikbiographie „Control“ (2007) über die Band Joy Divison und das tragisch kurze Leben ihres Leadsängers Ian Curtis. Sehr sehenswert! Auch einige Filme der Vorjahre habe ich 2013 noch nachgeholt: Darunter enttäuschende wie „Das Bourne Vermächtnis“, aber auch sehr gute wie „Ruby Sparks“, „Cloud Atlas“, „Chronicle“  oder Andreas Dresens „Halt auf freier Strecke“ (2011). Letzterer hat mich emotional so sehr mit genommen, wie es nur ganz, ganz wenige Filme schaffen. Auf schonungslos offene Weise und ohne irgendetwas zu verbergen oder zu beschönigen erzählt Dresen darin die Geschichte einer deutschen Mittelstandsfamilie, deren Familienvater an einem Gehirntumor leidet. Von der Diagnose bis zum Tod begleitet Dresen diese Familie, und wenn das hier so klingt als handele es sich um einen Dokumentarfilm, dann deswegen, weil dieser Film fast so wirkt. So nah ist man dabei den Figuren, dass es wirklich fast schon körperlich weh tut. Ganz intimes, aber gleichzeitig ganz großes Kino und von seiner Intensität und emotionalen Wucht her einer der besten Filme, die ich je gesehen habe.

Die schlechtesten und enttäuschendsten Filme des Jahres

Ich habe es oben schon angedeutet: „Stirb langsam – Ein guter Tag zum Sterben“ ist für mich die Filmgurke des Jahres. Ein über weite Strecken einfach nur peinlicher und höchstens unfreiwillig komischer Film. Warum, habe ich ja in meinem Post zum Film schon geschrieben. Auch „Hänsel und Gretel: Hexenjäger“ konnte ich fast nichts Positives abgewinnen. Kaum zündende Gags, eine wirklich schwache Inszenierung und teils lustlos wirkende Darsteller – mehr will ich dazu nicht mehr sagen. Warum ich mir „The Last Stand“ mit Arnold Schwarzenegger angeschaut habe, weiß ich selbst nicht so genau. Ich weiß nur, dass ich drei Abende dafür gebraucht habe, weil ich mir den Film einfach nicht an einem Stück antun konnte. Leider auch ziemlich daneben fand ich Sofia Coppolas „The Bling Ring“, der eigentlich nur aus einer Aneinanderreihung der immer gleichen Szenen und Bilder bestand. Dass diese dann zum Teil recht ästhetisch anzuschauen waren, hat dem Ganzen auch wenig geholfen. Die Hände über dem Kopf zusammenschlagen möche ich wegen „Man of Steel“. Dieses Superman-Reboot hat einen (optisch) wahnsinnig schönen Anfang, versucht aber leider, sich im weiteren Verlauf nur dadurch zu steigern, dass immer größere Häuser kaputt gemacht werden. Kann bitteschön mal irgendjemand Zack Snyder dazu zwingen, eine mit minimalem Budget ausgestattete Verfilmung eines Theaterstücks zu drehen, damit der Mann lernt, dass es auch im Kino auf interessante, emotional authentische Figuren und deren Beziehungen und Konflikte ankommt und nicht nur darauf, alles möglichst bunt und laut zu machen?

Dann waren da noch die beiden Filme über Terroristen, die das weiße Haus angreifen, von denen ich bis jetzt nur einen gesehen habe („Olympus Has Fallen“). Der war so belanglos und uninteressant, dass ich ihn größtenteils schon wieder vergessen habe. Baz Luhrmanns „Der große Gatsby“ dagegen war zwar nicht wirklich schlecht, kam aber auch nicht über die Mittelmäßigkeit hinaus. Und von den großen Comicverfilmungen des Jahres habe ich zwar noch gar nicht alle gesehen, „Iron Man 3“ fand ich aber wesentlich weniger gut als die meisten anderen ihn fanden und „The Wolverine“ hatte zwar interessante Ansätze, scheiterte aber leider daran, diese auch zu einer interessanten und schlüssigen Geschichte zusammen zu packen.


Mein Serienjahr 2013

Alle Filme, die ich in diesem Jahr gesehen habe, habe ich wie erwähnt in einer Liste festgehalten. Bei den Serien habe ich das noch nicht gemacht, deswegen fällt es mir schwer, mich überhaupt noch an alle Serie zu erinnern, die ich in diesem Jahr gesehen habe. In den letzten zwei oder drei Monaten habe ich wenig Serien (und auch Filme) angeschaut, im Frühjahr und Sommer dagegen mehr. Eine Serie, mit der ich in diesem Jahr neu begonnen habe, war J.J. Abrams‘ „Alias“ (ich habe auch mehrmals darüber gebloggt, zuletzt hier). Die größten Pluspunkte der Serie sind ganz klar Jennifer Garners charismatische und energiegeladene Darstellung von Sidney Bristow und das hohe Erzähltempo, das den Zuschauer gar nicht zur Ruhe kommen lässt (und so auch den ein oder anderen Logikfehler verschleiert). Wirklich süchtig gemacht, so wie „Lost“, hat mich „Alias“ allerdins nicht, so dass ich nach der zweiten Staffel erst einmal abgebrochen habe. Ich möchte zwar irgendwann weiter schauen, aber es gibt halt noch viele andere tolle Serien. „True Blood“ gehört dazu nur bedingt. Während die erste Staffel aufgrund ihrer erfrischend ungekünstelten Darstellung des Fantastischen (das ist ein Euphemismus für „die Serie ist ziemlich erwachsen und brutal“ 😉 ) und der sozialkritischen Elemente überzeugen konnte, wanderten in den folgenden Staffeln leider die Soap-Elemente immer mehr in den Vordergrund, bis es irgendwann egal war, was in der Serie passierte, solange irgendetwas passierte. Die fünfte Staffel, die ich mir dieses Jahr angesehen habe, war zwar wieder besser als die vierte, aber ich bin und bleibe skeptisch. Die sechste und finale siebte Season werde ich mir wohl trotzdem noch ansehen.

Auch bei „Dexter“ handelt es sich um eine Serie, die wahnsinnig toll angefangen hat und irgendwann zwar nicht schlecht, aber doch recht belanglos wurde. Für mich kam dieser Punkt zwar später als für viele andere Zuschauer, nachdem ich dieses Jahr die vorletzte siebte Staffel gesehen habe, muss ich aber definitiv sagen, dass es besser gewesen wäre, die Serie schon nach fünf oder sechs Staffeln zu beenden und einige Entwicklungen, die erst in den späteren Staffeln stattfinden, etwas vorzuziehen. Immer noch faszinierend finde ich „Downton Abbey“. Die meisten der vielen hochgelobten Serien der letzten Jahre haben sich ja einige entscheidende Merkmale des Genres der Soap Opera zu eigen gemacht, „Downton Abbey“ dagegen erhebt diese von der Kritik eigentlich verachtete Form zum Hauptprinzip und feiert trotzdem bei Publikum, Preisverleihungen und Kritikern große Erfolge. Das liegt zum einen daran, dass hier anders als in vielen Daily Soaps erstklassige Schauspieler am Werk sind und natürlich auch daran, dass von „Downton Abbey“ nur sieben oder acht Folgen im Jahr produziert werden. Nachdem ich dieses Jahr die dritte Staffel und das daran anschließende Christmas Special gesehen habe, finde ich es schade, dass so viele Charaktere aus der Serie herausgeschrieben werden mussten, weil deren Darsteller aussteigen wollten. Die große Anzahl an tragischen Toden von Hauptfiguren tut der Serie nicht gut, aber schon allein wegen der großen Maggie Smith, die in jeder Folge einen großartigen Onliner bekommt, lohnt es sich, die Serie weiter anzuschauen. Auch der TV-Mehrteiler „Political Animals“ über eine an die Clintons angelehnte US-Politikerfamilie entpuppte sich in seiner schnellen Folge von Ereignisse wie Drogenmissbrauch, Seitensprüngen und Selbstmordversuchen leider als ziemlich Soap-lastig; genau wie bei „Downton Abbey“ fand ich das aber nicht schlimm, weil auch hier die Schauspieler (Cirián Hinds, Sigourney Weaver) großartig sind und das Ganze eben nur sechs Folgen lang dauerte. Aaron Sorkins „The Newsroom“ hat ähnliche Schwächen, wenn sie auch nicht so stark ausgeprägt sind. Erwartungsgemäß punktet die Serie mit ihren bisweilen messerscharfen Dialogen, die die Darsteller immer wieder zu Höchstleistungen antreiben.

Zu Beginn des Jahres habe ich mir eine zeitlang die Science Fiction-Kultserie “V – Die außerirdischen Besucher kommen” angeschaut, aber nach etwa zwei Dritteln abgebrochen. Vom Remake der Serie, das vor vor drei Jahren unter dem Titel „V – Die Besucher Premiere feierte und es nur (oder immerhin, je nach Sichtweise) auf zwei Staffeln brachte, habe ich mir die erste Staffel besorgt und komplett angesehen. Unbedings weiter schauen muss ich hier aber auch nicht. Viel besser gefallen hat mir als großem „Star Wars“-Fan natürlich die vierte Staffel von „Star Wars: The Clone Wars“. Gerade dass die Serie über ein so breites Spektrum an Charakteren verfügt und die unterschiedlichsten Geschichten erzählen kann, macht den Reiz dieser Serie aus, die zwar insgesamt auf ein jüngeres Publikum zugschnitten ist, aber auch sehr erwachsene Elemente beinhaltet. Momentan schaue ich mir die fünfte Staffel an und werde vielleicht auch dazu etwas schreiben.

Eine Serie, die ich von der ersten bis zur letzten Folge gesehen habe, war „Fringe“. Das Konzept der Science Fiction-/Mystery-Serie stammt mal wieder aus der Feder von J.J. Abrams. Mit der fünften Staffel bekamen die Macher der Serie die Gelegenheit, den sich durch alle Folgen ziehenden Handlungsbogen abzuschließen und ihrer Serie ein würdiges Ende zu verpassen. „Fringe“ zählt zwar nicht zu meinen All Time-Favoriten, weist aber definitiv einige erinnerungswürdige Momente und mit dem im Verlauf der Serie eingeführten Paralleluniversum auch ein interessantes Erzählkonzept auf. Nicht zuletzt John Nobles Darstellung des leicht verrückten, aber liebenswerten Professors Walter Bishop wird mir immer in schöner Erinnerung bleiben.

Bestimmt zwei Monate habe ich gebraucht, um mich durch die dritte Staffel von „Boardwalk Empire“ zu quälen. Die Serie ist eigentlich alles andere als schlecht, aber mit ihrem großen Figurenensemble und der nicht immer geradlinigen Erzählweise auch alles andere als übersichtlich und leicht konsumierbar. Steve Buscemi und auch einige andere Darsteller sind natürlich fantastisch, trotzdem ist die Serie nicht so mein Fall, so dass ich mir die vierte Staffel wohl nicht mehr anschauen werde. Definitiv weiter schauen werde ich aber bei „Hannibal“. Ich habe ja in meinem Post im Oktober schon geschrieben, wie begeistert ich von dieser Neuinterpretation der Themen und Figuren aus Thomas Harris‘ Roman „Roter Drache“ bin und ich hoffe, dass die Serie auch weiterhin großen Erfolg haben wird, damit Showrunner Bryan Fuller seinen Plan umsetzten und in den folgenden Staffeln auch noch die anderen Hannibal Lecter-Romane von Thomas Harris ins Fernsehen bringen kann.

Da war doch noch was…? Ach ja, „Breaking Bad“ natürlich! Auch wenn ich nicht über alle der im vergangenen Sommer gesendeten letzten acht Folgen gebloggt habe, waren diese letzten Folgen natürlich das Serienhighlight des Jahres! Und was für ein Finale das war, das ja eigentlich schon mit der Konfrontation zwischen Walter White und seinem Schwager Hank losging und sich dann über acht Wochen erstreckte. Nie zuvor hat eine Fernsehserie meinen Puls so in die Höhe getrieben! Die Macher von „Breaking Bad“ haben über fünf Staffeln in allen Bereichen – Schauspiel, Regie, Kamera, usw. – herausragende Leistungen abgeliefert, die herausragendste Leistung dürfte es aber gewesen sein, diese Qualität die ganze Serie lang durchzuhalten und einen großen Handlungsbogen mit glaubhaften und nachvollziehbaren Charakterentwicklungen abzuliefern, der wirklich keinen Durchhänger hatte und schließlich zu einem zufrieden stellenden Ende kam. Ganz bestimmt werde ich mir „Breaking Bad“ irgendwann noch einmal komplett ansehen.

Mein nächstes großes Serienprojekt wird wahrscheinlich „Buffy – The Vampire Slayer“. Wie erwähnt hat mich „The Cabin In The Woods“ endgültig zum Joss Whedon-Fan gemacht, so dass ich mich nun seinem opus magnum nicht länger verschließen kann. Eigentlich hatte ich geplant, schon 2013 mit „Buffy“ anzufangen und habe deswegen auch die aktuellen Staffeln einiger Serien erst einmal aufgeschoben (z.B. „Mad Men“, „Dexter“, „Game of Thrones“, „Downton Abbey“). Auch meine Lieblingsserie „Babylon 5“ werde ich wieder einmal von der ersten bis zur letzten Folge anschauen und hier darüber bloggen. Trotzdem hoffe ich natürlich, zwischendurch auch noch ein paar andere Serien einschieben zu können. Neben den genannten Serien, die ich weiter anschauen will, möchte ich endlich auch in „House of Cards“ reinschauen, mir die zweite Staffel von „The Newsroom“ gönnen und die erste Staffel von „Bates Motel komplett ansehen (die erste Folge hat mir definitiv Lust auf mehr gemacht).

Weiter geht’s 2014!

Eigentlich hatte ich noch geplant, hier auch noch die musikalischen Höhepunkte meines Jahres aufzulisten, aber der Post ist auch so schon lang genug. [Bowie!!!!!!!!! McCartney!!! Die neuen Alben von Elton John, Sting und Justin Timberlake!! Und Britney war auch wieder da, wenn auch nicht sooo gut. Dafür kam das sehr gute zweite Album von Foy Vance, den ich vor einer Woche auf einem fantastischen Konzert erleben durfte. So, das muss reichen. 😉 ]
Mit welchen TV-Serien ich ins neue Jahr starten will, habe ich ja gerade schon geschrieben. Auf welche Filme ich mich besonders freue, fällt mir spontan gar nicht ein. Das liegt wahrscheinlich daran, dass es noch so viele Filme aus diesem Jahr gibt, die ich noch sehen will. Am meisten freue ich mich zurzeit auf jeden Fall auf die drei neuen Folgen von „Sherlock“, die ich schon vorbestellt habe und wirklich kaum noch erwarten kann, schließlich gehören die ersten beiden Staffeln zum Besten, was das Fernsehen je hervorgebracht hat.

Ich wünsche jedenfalls nicht nur mir, sondern auch euch ein tolles neues Jahr, gespickt mit zahlreichen Kino- und Fernsehhöhepunkten! 🙂

Richard Linklaters „Before…“-Trilogie

Im folgenden Text werde ich auf die Handlung (einschließlich des jeweiligen Schlusses) von „Before Sunrise“ und „Before Sunset“ eingehen und außerdem weite Teile des dritten Films, „Before Midnight“, skizzieren. Wer also die ersten beiden Filme noch nicht kennt, sollte am besten gleich aufhören zu lesen und sich die DVDs ausleihen; wer sich nur in Bezug auf Teil drei nicht spoilern lassen möchte, der sollte nur die nächsten sechs Absätze lesen.

Mit „Before Sunrise“ gelang Richard Linklater 1995 das Kunststück, einen Film über die Liebe und das Leben zweier junger Menschen gedreht zu haben, der sich irgendwie tatsächlich wie das reale Leben anfühlt und kein bisschen wie kitschige Filmromantik. Als sich der 23-jährige Amerikaner Jesse (Ethan Hawke) und die etwa gleichaltrige Französin Céline (Julie Delpy) auf einer Zugfahrt quer durch Europa kennen lernen und spontan beschließen, eine ganze Nacht lang zusammen durch Wien zu spazieren, da hatte das dank fantastisch geschriebener Dialoge und zweier wunderbarer Darsteller einerseits so gar nichts mit den Hollywood-Romanzen zu tun, die man sonst so aus dem Kino gewohnt war und war vielleicht gerade deshalb der romantischste, ehrlichste, gefühlvollste Liebesfilm von allen.

Als ich den Film vor ein paar Tagen nach langer Zeit wieder einmal angeschaut habe, habe ich es schon nach wenigen Minuten aufgegeben, mir die Stellen mit den besten Dialogen und Zitaten heraus zu schreiben. Linklater und seine Ko-Autorin Kim Krizan haben ein so perfektes Drehbuch geschrieben, in dem sich die einzelnen Sätze so gut zusammen fügen, dass man sich am besten gleich das ganze Drehbuch kaufen sollte, um ständig eine Quelle zum immer wieder Nachschlagen von Lebensweisheiten bereit liegen zu haben, die zudem immer wieder für kreative Inspirationsschübe sorgen kann. In Schriftform wären die Dialogie allerdings wohl nur noch halb so gut, wie im grandiosen Schauspiel von Hawke und Delpy. Bestes Beispiel dafür ist die Szene am Flipperautomaten gegen Ende des Films, in der die beiden sich von ihren Ex-Freunden bzw. Freundinnen erzählen, während sie sich mit dem Flippern abwechseln. Es ist einfach wunderbar anzusehen, wie Ethan Hawke die Energie, mit der er den Flipperautomaten bearbeitet, in sein Schauspiel überträgt.

Ein entscheidendes Merkmal des Films ist natürlich auch sein offenes Ende, das es jedem Zuschauer ermöglicht, die Geschichte für sich alleine weiter zu spinnen – werden die beiden sich tatsächlich in sechs Monaten wieder sehen, wie sie es ausgemacht haben? Werden sie sich überhaupt jemals wiedersehen? Trotz dieses offenen Endes war der Film damals nicht auf eine Fortsetzung hin ausgelegt, die dann 2004 auch ziemlich überraschend kam. In „Before Sunset“ treffen sich Céline und Jesse neun Jahre später in Paris wieder und verbringen etwa einen halben Tag zusammen. Wieder besteht der ganze Film eigentlich nur darin, dass sich hier zwei Personen unterhalten, aber wie nur wenige andere Autoren und Regisseure (Quentin Tarantino fällt einem da ein) versteht es Linklater, Szenen, in denen Menschen einfach nur miteinander reden, trotzdem hochspannend zu schreiben und inszenieren.

In zweiten Film sind Céline und Jesse Anfang 30 und haben sich seit der gemeinsam verbrachten Nacht vor neun Jahren nicht gesehen. Scheinbar mühelos gelingt es Linklater, Hawke und Delpy, die für ihr gemeinsam geschriebenes Drehbuch eine Oscarnominierung erhielten, den Zuschauer über die Dialoge über das Leben der beiden Figuren während dieser letzten neun Jahre zu informieren. Heute, im Zeitalter von Smartphones und Social Networks, ist es ja unvorstellbar, dass zwei Personen sich für so lange Zeit nicht nur aus den Augen verlieren können, sondern auch gar keine Möglichkeit haben, einander zu erreichen. Wenn sie damals in Wien doch nur Adressen ausgetauscht oder sich wenigstens ihre Nachnamen verraten hätten…

„Before Sunset“ wirkt ein klein wenig gehetzter und auch weniger unbeschwert als sein Vorgänger, was aber nur die Lebenssituation der beiden Figuren zu diesem Zeitpunkt widerspiegelt. Träume von jugendlicher Romantik haben Jesse und Céline weitgehend hinter sich gelassen, schon so manche Enttäuschung erlebt und vor allem auch in Liebesdingen die Routine des Alltagslebens kennen gelernt. So manchen Traum haben beide inzwischen begraben müssen, doch vor diesem Hintergrund ist die emotionale Öffnung der beiden nun umso intensiver, weil beide anfangs selbst nicht richtig wahrhaben wollen, dass ihre über die Jahre verdrängten und unterdrückten Gefühle immer noch da sind und nun ganz unvermittelt hervorbrechen. Wie sich dies im wunderbaren Schauspiel von Ethan Hawke und Julie Delpy in deren Körpersprache und Blicken zeigt, muss man einfach selbst gesehen haben.

Die dichten, aber nie überladenen und stets noch lebensnahen Dialoge, das fantastische Schauspiel und die mit 77 Minuten sehr kurze Laufzeit geben dem Film einen gut proportionierten Spannungsbogen, so dass die Zeit mit Céline und Jesse für den Zuschauer ebenso zu verfliegen scheint wie für die beiden Figuren im Film. Und dann ist da dieses Ende… Wie schon der erste Film hat auch dieser ein offenes Ende, nach dem sich jeder Zuschauer selbst ausmalen kann (und muss!), wie es weitergeht. Aber dieses Mal kommt das Ende so plötzlich und unerwartet, dass man es im ersten Moment gar nicht fassen kann. So ging es mir jedenfalls beim ersten Anschauen, ich fand es richtig unfair, dass jetzt schon und gerade an dieser Stelle, mitten in der Szene in Célines Wohnung Schluss sein sollte. Man hätte den Film auch noch zwanzig Minuten länger laufen lassen können, aber dann wäre vielleicht zu viel verraten worden und der Zuschauer hätte nicht mehr die Möglichkeit, sich selbst auszumalen wie es weitergehen könnte. „Before Sunset“ ist einer dieser Filme, bei denen man es nicht fassen kann, wenn plötzlich der Abspann beginnt, obwohl die Geschichte doch längst noch nicht vorbei zu sein scheint. Ich finde, es handelt sich hier um eines der besten Enden in der Geschichte des Films (und dass mich das Ende von Teil zwei so viel mehr beschäftig hat als das des ersten Films, liegt wohl vor allem daran, dass ich die beiden Filme vor einigen Jahren beide innerhalb weniger Tage zum ersten Mal gesehen habe und nicht neun Jahre auf die Fortsetzung warten musste).

Nachdem mich dieses fantastische Ende so zum Nachdenken gebracht hatte und ich mir meine eigenen Vorstellungen darüber gemacht hatte, wie die Geschichte von Jesse und Céline weitergehen würde, wollte ich eigentlich gar keine Fortsetzung mehr sehen! Denn wie auch immer ein dritter Teil auch aussehen mag, er deckt sich halt doch nicht mit den eigenen Vorstellungen. Und so ist es nun tatsächlich auch: in „Before Midnight“ geht die Geschichte anders weiter, als ich sie mir ausgemalt hatte. Und trotzdem ist der Film wieder phänomenal geworden, der nun erneut nach neun Jahren Abstand die Geschichte der beiden weiter erzählt.

Als ich zu Beginn des Films realisierte, dass Céline und Jessen seit dem letzten Film ein Paar sind, wollte ich es erst nicht glauben, da ich die Vorstellung hatte, die beiden würden sich nun alle neun Jahre in bester „Harry und Sally“-Manier wieder über den Weg laufen. Doch vom erzählerischen Standpunkt aus betrachtet macht es so natürlich mehr Sinn; ein Wiedersehen nach neun Jahren Pause wurde ja bereits im letzten Film erzählt. Dieses Mal geht es nicht mehr um romantische Jugendträume und Liebe auf den ersten Blick, auch nicht mehr um den möglichen Beginn einer gemeinsamen Zukunft. In „Berfore Midnight“ haben Jesse und Céline einen Teil dieser gemeinsamen Zukunft bereits hinter sich und die große Frage, die über diesem Film schwebt, lautet, ob diese gemeinsame Zukunft denn nun ihrem Ende entgegen geht.

Schauplatz ist diesmal keine europäische Hauptstadt, sondern die Landschaft Südgriechenlands, wo Jesse, Céline, ihre beiden knapp neunjähirgen Zwillingstöchter und Jesses Sohn aus erster Ehe gemeinsam einige Wochen Urlaub gemacht haben. Es ist der letzte Tag vor der Rückreise nach Paris, wo Jesse und Céline nun zusammen leben. Nachdem Jesse seinen Sohn, der zu seiner Mutter nach Amerika zurückkehrt, zum Flughafen gebracht hat, werden wir Zeuge einer Autofahrt. Und was für eine Szene das ist! Während die beiden kleinen Töchter auf dem Rücksitz schlafen, erfährt man aus dem Gespräch zwischen Jesse und Céline alles Wesentliche über ihre Beziehung während der vergangenen neun Jahre. Dabei fühlen sich die Dialoge nie wie bloße Exposition an, sondern fließen ganz natürlich dahin – eine erneute Meisterleistung von Linklater, Hawke und Delpy (das Drehbuch haben die drei wieder gemeinsam verfasst).

Im Anschluss daran folgen ein paar Szenen, in denen einige Nebencharaktere auftauchen, denen hier mehr Raum gegeben wird, als dies in den vorherigen Filmen der Fall war. Das empfand ich zunächst als störend, weil mich andere Figuren hier ganz einfach nicht interessieren. Allerdings nehmen diese Szenen nur einen kleinen Teil der Laufzeit ein und es handelt sich bei „Before Midnight“ sowieso um den längsten der drei Filme, es bleibt also noch genügend Zeit, in der der Zuschauer mit Jesse und Céline alleine ist. Schauspielerisch legen Delpy und Hawke hier noch einmal eins drauf, arbeiten ein noch größeres Spektrum an Gefühlen in noch größerer Intensität ab und verlangen damit auch dem Zuschauer einiges ab. Die lange Szene im Hotelzimmer am Ende des Films lässt einen ziemlich geplättet zurück (und hat bei mir Erinnerungen an Linklaters „Tape“ geweckt, in dem sich ebenfalls Ethawn Hawke in einem Hotelzimmer streitet – allerdings mit Uma Thurman).

Zum Glück folgt auf diese äußerst intensive Szene im Hotel noch eine kurze weitere, die wieder ein bisschen versöhnlich stimmt und die Wogen glättet. Geklärt ist die Zukunft von Céline und Jesse damit aber noch längst nicht, das Ende ist wieder mal ein offenes. So offen wie die Enden der ersten beiden Filme scheint es allerdings nicht zu sein, ganz einfach weil die Lebenssituation der Figuren nun schon wesentlich festgefahrener ist (dafür ist aber dieses Mal der letzte Satz des Films einer der besten letzten Sätze der Filmgeschichte!). Mit 23 ist noch fast alles möglich; mit 41, nach einer langjährigen Beziehung mit zwei gemeinsamen Kindern scheint die weitere Zukunft schon viel mehr vorherbestimmt. Werden Céline und Jesse also zusammenbleiben? Werden sie sich trennen (um womöglich nach einigen Jahren wieder zu einander zu finden)? Die Fortsetzung findet im Kopf eines jeden Zuschauers statt.

Wenn man diese drei Filme – „Before Sunrise“, „Before Sunset“ und „Before Midnight“ – im Abstand einiger Jahre sieht, dann wird einem das eigene Älterwerden und das Vergehen der Jahre bewusst. Als ich die ersten beiden Film vor einigen Jahren zum ersten Mal gesehen habe, habe ich mich noch eindeutig mit Jesse und Céline aus dem ersten Teil identifiziert, als beide Anfang zwanzig waren. Als ich die beiden Filme letzte Woche zur Vorbereitung auf Teil drei noch einmal angesehen habe, kamen mir die 23jährigen Figuren aus „Before Sunrise“ auf einmal so jung vor! Altersmäßig bin ich inzwischen fast bei den Figuren aus Teil zwei angelangt und fühle mich ihnen zumindest in einigen Aspekten näher als ihren jüngeren Alter Egos. Ich bin schon gespannt, inwiefern ich „Before Midnight“ in einigen Jahren mit anderen Augen sehen werde – noch mehr aber darauf, Jesse und Céline 2022 im Kino wieder zu treffen, wenn hoffentlich in einem vierten Film nach weiteren neun Jahren die Geschichte der dann 50jährigen Figuren weiter erzählt wird.

„Before Midnight“ startet am 6. Juni in den deutschen Kinos.